Ja, also verstehst Du, das waren ganz andere Zeiten. Wir reden später darüber.
Peppone zu seinem Sohn

Ich fahre los.

Meistens wird mir nach ein paar Metern klar, dass ich keinen Helm trage – wenn ich ihn denn einmal vergesse. Dann halte ich an, gehe zurück, hole den Helm, setze ihn auf und mache mich wieder auf den Weg. Der führt im Moment auf breiten Forstwegen durch den menschenleeren Auenwald, hin zur Donau und dann dreimal um einen See, auf einem 10 Meter breiten Weg, der Ähnlichkeit mit der Auffahrt zu einer Villa hat. Wie auch der ganze See und der Auenwald parkartig wirken. Es sind grosse Ausweichflächen da, sollte einmal eine ganze Schule hier entlang marschieren, und schnell fahre ich ohnehin nicht. Und natürlich kenne ich dort jeden Meter, denn das ist die Bestlage der Stadt, gleich daneben bin ich gross geworden und als Kind hierher gefahren, täglich, ohne Helm, das gab es damals nicht. Und auf diesem breiten Weg fahre ich nun, weil die Luft so kalt ist, nicht allzu schnell dahin. Mit meinem Helm auf dem Kopf. Denn sicher ist sicher.

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Nun gibt es gute Gründe, meinen Kopf zu schützen, denn wenn ich den ausschalte, fange ich an, gute, aber nicht zu kluge Beiträge zu schreiben. Nehme ich ihn bewusst aus der Signalkette vom Bauch zur Tastatur, tröpfeln daraus die Indiskretionen ungefiltert dazu und damit sind wir auch schon beim Umstand, dass ich eines schönen Tages, noch nicht ganz volljährig, zu meinen Eltern sagte, dass ich nun nach Frankreich an die Riviera radeln würde. Und meine Eltern hatten nichts dagegen, nur mein Vater ermahnte mich, meine Sachen nicht unbeaufsichtigt zu lassen; ihn hatten sie an der Riviera Anfangs der 50er Jahre nämlich komplett ausgeraubt, so dass er mit seiner Sachs auf kürzestem Wege über die Berge fahren musste, und zwar nur mit kurzer Hose und Hemd, um in die Heimat zu gelangen und dabei auf Schleichwegen die Zöllner zu vermeiden, da er keine Papiere mehr hatte. Eine Sachs ist schneller als ein Fahrrad, deshalb war es, abgesehen von einer Lungenentzündung und einem Sturz in der Schweiz, problemlos gelungen, die Heimat zu erreichen. Aber ich sollte aufpassen, denn selbst, wenn es mir im Schadensfall gelänge, Kontakt herzustellen, würde es doch etwas dauern, bis er an der Riviera wäre. Das war alles, anderthalb Wochen später rief ich aus mal Nizza an und sagte, dass abgesehen von einem zerbrochenen Laufrad alles bestens sei. Nicht so lang reden, das kostet nur Geld, sagte meine Mutter und legte auf. Das war alles.

Da hat sich keiner Sorgen gemacht. Das war halt so, und auch von Ludwig XIV wird berichtet, dass er als Kind im Burggraben des Louvre mit den Kindern der Bediensteten spielte. Es gab niemanden, der meinen Eltern deshalb Vorhaltungen gemacht hätte; der allseits als Arbiter Elegans geachtete Herr W. zum Beispiel, der in seiner Jugend Rennen mit mit einer Norton 500 gefahren war, hätte dazu auch keinen Anlass gehabt, und lobt gar meine Initiative. Es war einfach eine Epoche, in der man sich keine Sorgen machte. Vielleicht hatte das auch etwas mit den überstandenen Gefahren des Weltkriegs zu tun, dass man alle verbleibenden Risiken als vernachlässigbar einstufte.

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Wie zum Beispiel das Skifahren. Das war so, dass der erste Skicrack in der Familie meines Vaters Onkel R. war, der ins Oberland geheiratet und eine Stelle an einem auch heute noch berüchtigten Sportgymnasium erhalten hatte, für die Fächer Englisch, Französisch und Pistensauverhalten, auf jenen Bergen im Bild, dem Zahmen und besonders dem Wilden Kaiser. Onkel R. brachte auch meinem Vater die Kunst bei, auf zwei Brettern mühelos ins Tal zu gleiten, über weissen Firn, denn wenn der Berg nur steil genug ist, dann läuft das wie von selbst bis zur Terrasse vom Cafe. Bis zum Einschlag hat sich mein Vater auch wacker auf den Brettern gehalten und angeblich ist auch nichts ernsthaftes passiert, zumindest aus Sicht dieser Epoche, wo alles unter einer 500 Kilo Fliegerbombe kein Anlass war, über Verletzungen zu klagen, und mein Vater war deutlich leichter und langsamer. Er hat es überlebt und mich dann später ebenfalls der Obhut meines Onkels übergeben. Damals gab es halt noch keine kindgerechten Zwergerlschulen, sondern einen Hang, den Schnee und das Lernziel, dass so ein Balg nicht zurückbleiben und stören sollte. Ich hatte zur Sicherheit einen blauen Helm mit goldenen Sternen und der hat mir auch gute Dienste erwiesen, als ich auf der Seiser Alm eine halbe Liftschlange abräumte. Da war einfach der letzte Sprunghügel zu nah. Aber auch das nahm jeder mit Humor, es is hoid a Rennfahrer Biberl, sagte man bei uns.

Das galt alles nicht als ehrenrührig. Ausserdem lernen Kinder sehr schnell, und entwickeln durchaus auch einen Ehrgeiz, mit den Erwachsenen mitzuhalten. Wenn man sie denn lässt. Und gelassen hat man mich. Raus dem Auto. Am Lavaze zum Beispiel Am Lavaze gab es wunderbare Waldschneisen. Und eine knallschwarze, kanonenrohrartige Piste, da wurde man richtig schnell. Und am Schwarzhorn gab es eine Abbruchkante, das war, als ob einen die Faust Gottes über den Tiefschnee ins Tal schob. Buckelpisten, Sprungschanzen, und wo keine sind, kann man ja über die Huckel der Lifttrassen hüpfen. Sogar mit der Schule sind wir dann mit der Einsergruppe unter Sportlehrer Fifi grundsätzlich, wenn möglich, abseits der Piste und durch den Wald gefahren. Ich weiss, heute würde jeder Lehrer, der so etwas versuchte, sofort um seine Existenz geklagt, aber damals krachte man halt in den Baum, suchte die Ski im Schnee und fuhr weiter, weil die anderen auch nicht warteten. In einem Wald lernst man das mit dem Wedeln, oder man kommt darin um – das war damals die Maxime. Und mir ist auch bewusst, dass ich das heute nicht mehr unbedingt als sinnvolle Pädagogik ansehen würde, obwohl es eine Fetzengaudi war. Fairerweise muss ich anmerken: Der Fifi blieb dann zwei Jahre später unter eine Lawine. Schade um ihn. So hat er nicht mehr erlebt, was nach ihm kam.

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Denn ich erzähle das auch, weil im Moment diese Graphik über die Freiräume von vier Generationen in den letzten 100 Jahren die Runde macht. Sie beginnt mit der fast totalen Freiheit eines Kindes vor dem ersten Weltkrieg und endet mit den krass überbehüteten Exemplaren, die dick eingepackt und abgesichert heute in die Berge gehen oder gegangen werden. Das sind Kinder, die oben auf dem Berg jede Menge Unsinn anstellen könnten, Platz ist genug da – und dann entfernen sie sich wie ferngesteuert nie weiter als 30 Meter von der Sonnenterrasse, sehr zur Belästigung aller anderen. Abgefahren wird grundsätzlich nur im Rodelkonvoi, die Kinder meist auf langsamen Plastikgeräten und die Eltern zum Schutz davor und dahinter, und hinter jeder Kurve wird angehalten und ich krache dann mit Vollgas hinein. Häufig sind das dann gleich mehrere Familien, und meistens derwuzelt er dabei einen Vater, der vor lauter Fernsteuerbemühungen im Gewühl nicht aufpasst, verkantet und sich überschlägt. Ohne Geburtenkontrolle und bei hoher Kindersterblichkeit sah man die Sache vermutlich einfach nicht so eng, und viele Möglichkeiten für Kinder gab es noch nicht. Heute sind es wertvolle Statthalter und Middle Management Thronfolger, für die schon der Aufenthalt in Harvard geplant wird, und für die es keinen Ersatz gibt, wenn sie sich einmal ordentlich hinmerkelten.

Gefahreneinschätzung? Lernen Kinder heute eher bei GTA und Assassin`s Creed, während Eltern, Gesellschaft und Fürsorgeindustrie überlegen, wie man noch mehr Risiken ausschaltet. In Bayern zum Beispiel sind Mobiltelefone an Schulen verboten, aber würde man versuchen, das Verbot durchzusetzen, hätte man es mit einem Aufstand der Eltern zu tun, deren Kinder immer erreichbar sein müssen, wenn etwa ein Erdbeben, eine Tsunami oder eine Freistunde des Weges kommt. Was an Sicherheitstechnologie da ist, wird genutzt: Der SUV. Die teure Funktionskleidung. Die vollgefederten Räder. Der tägliche Verkehrszusammenbruch vor der Schule, weil die Kinder nur im Auto der Eltern wirklich sicher sind. Die Helme. Kindgerechte Möbel ohne Kanten. Es muss nur irgendwie sicherer ein, und es wird gekauft. Sogar ich mache mit. Ich bin nach Südfrankreich ohne Helm und Handy geradelt, und jetzt kehre ich um und bin vermutlich der einzige Mensch am See, der kein Mobiltelefon dabei hat. Die Frage, was ich sagen würde, wenn heute der 17-jährige Sohn vom V. mit einem alten Rennrad, den damaligen Bremsen und ohne jede Verbindung nach Südfrankreich fahren würde, und dazu seinen Segen bekäme – diese Frage ist nicht wirklich angenehm.

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“Unnötiges Risiko” würde ich vermutlich sagen. Dabei hat es mir selbst nicht geschadet, dass ich mein kaputtes Rad mit Gepäck 10 Kilometer nach Belfort schleppte, und nicht daheim anrufen konnte, damit Papa ein neues Rad kauft und nach Frankreich liefert. Man hört ja viel über die Freiheiten und Entwicklungsmöglichkeiten, die Kinder heute haben sollen, und was in meiner Kindheit Usus war – und bitte, das alles spielte sich in den gehobenen Kreisen unter eher stubenhockerischen Buchfreunden mit Fernsehverbot und Konzertabo ab – wäre heute verantwortungslos. Undenkbar. Denn ohne maximale Sicherheit darf nichts geschehen, Sicherheit ist heute ein Kennzeichen des besonderen Verantwortungsgefühls, das die besseren Kreise gefälligst zu empfinden haben.

Vielleicht lasse ich heute mal den Helm weg. Rebellion! Aber andererseits, wenn es früh dunkel wird…

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