Die Wahrheit ist ein Ding, hart und beschwerlich,
und in höchstem Masse feuergefährlich.
Kurt Tucholsky

Während ich das hier schreibe, warte ich auf die Post. Konkret erwarte ich gerade ein frühexpressionistisches Gemälde aus einer Auktion, bei der ich das Glück hatte, wenig Konkurrenz durch Zahnärzte zu erleben. Dentisten sind ein Dauerproblem bei jeder Art von Kulturerwerb und ich bin mir nicht ganz sicher, wo ich Zahnärzte weniger gern sehe: Als Patient in ihrer Praxis oder eben beim Ersteigern alter Gemälde. Vielleicht haben sich die Zahnärzte diesmal selbst eine örtliche Betäubung versetzt? Ich hatte jetzt jedenfalls Glück, es hat gar nicht weh getan. Ausserdem hat mein fieses, kleines Packrattengehirn die Signatur auflösen können und erkannt, dass es sich bei der abgebildeten Dame vermutlich um eine bekannte Person der Wiener Sezession handelt. Sage noch einer, Kulturgeschichtsstudium würde sich nicht lohnen. Wäre es schon da, würde ich darüber schreiben, dass es aus dem schönen Salzburg kommt. Man kann eigentlich gar nicht umhin, da ein leicht flaues Gefühl zu bekommen, denn generell war die österreichische Kunstszene der Zeit um 1900 von jüdischen Sammlern und Mäzenen geprägt, und da kann man schnell den Verdacht auf Raubkunst haben. Das kleine Problem ist, dass die Deutschnationalen und Heimatverbundenen das akademische Material kauften, die heute keiner mehr haben will, und die liberale, fortschrittliche Gesellschaft sich an die Moderne hielt, die heute so beliebt ist. Eine mopplige Walküre mit niedriger Stirn wird eher Räuberkunst sein, nimmt man an, aber so eine nervöse, schulterfreie, hochmütige Dame?

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Aber sie ist noch postalisch unterwegs und ich hoffe, dass der Verkäufer sie diesmal nicht wie ein Konvolut gebrauchter Fahrradketten verpackt hat: Bei Österreichern erlebt man erstaunliche Dinge bei der Verpackung, ich hatte schon eine Dame im Ölofenkarton und eine junges Mädchen im Frauenhygienepaket, und TV-Flatscreen-Karton-Martern aller Arten, die ich ertragen musste. Solange habe ich mich am Sonntag allerdings mit einem – inzwischen kann man das so sagen – mit meinem Bankkonto bestens befreundeten Elsässer getroffen. Frankreich geht es gerade nicht mehr so gut, und daher gehen die Antiquitätenhändler gern nach Deutschland, wo Menschen wie ich zu gern glauben, dass das Geld auf der Bank nur aufgefressen wird, und in die Sachwerte fliehen wollen. Das dort oben jedenfalls ist die Darstellung der Szene “Ceres, Bacchus und Proserpina” von etwa 1660 und sie gefällt mir besser als das Bündel jener Geldscheine, die bei der EZB unter dem ehrenwerten Herrn Draghi gerade so verschwenderisch kreiert werden.

Nun kann man so ein Bild natürlich unterschiedlich sehen: Netzsperrenfreunde werden darauf hinweisen, dass die fast halbnackte Proserpina beinahe schon KiPo ist, was man angesichts der Neigung des 17. Jahrhunderts, schon 14-Jährige zu verheiraten, vielleicht sogar nicht ganz bestreiten kann, also her mit der Vorratsdatenspeicherung bei derartigen Angeboten! Feministinnen sehen da nur das Übergriffige – wie Bacchus gafft! Da braucht man sofort eine Intervention, am besten durch Leipziger Feministinnen! Lustgreise wie ich dagegen loben einfach nur die erotisch aufgeladene Atmosphäre des Bildes, und wüssten noch erheblich schlimmere Päderasten- und Gewaltgeschichten, wenn sie etwa an Caravaggio denken, der diese Art des Chiaroscuro perfektioniert hat. So sind wir halt. Vor allem aber ist es eine interessante Fragestellung zur Raubkunst.

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Nehmen wir einmal an, das Gemälde ist – und kunstgeschichtlich spricht nichts dagegen – tatsächlich in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts in jenem Bereich entstanden, den wir heute als Ostfrankreich oder auch Jagdgrund meiner elsässischen Freunde kennen. Damals jedoch gehörte es noch zum Heiligen Römischen Reich, hatte aber das Pech, dass im Nachbarland gerade ein gewisser Ludwig XIV, seines Zeichens Sonnenkönig, an die Macht gekommen war. In den Folgejahren und -kriegen liess er sein gewaltiges Heer zweimal eben diese Region gewaltsam besetzen und brandschatzen und ausplündern. Später dann war die Region Aufmarschgebiet für den Spanischen Erbfolgekrieg mit gegenseitigen Überfällen auf beiden Seiten des Rheins, und nicht umsonst standen Heere damals im Ruf, zu stehlen, was nicht niet- und nagelfest war. Und wenn die Hausherren gerade vertrieben waren, kamen oft genug die sonstigen kriegszeitlichen Banden herbei und nahmen, was noch geblieben ist – es ging moralisch flexibel zu wie bei der Festsetzung des Libor. Die nächste grössere Epoche der Eigentumsneuverteilung kam dann mit der französischen Revolution, in der Gemäldesammler noch ganz andere Probleme als die Bewahrung der Bilder hatten. Danach fanden hier einige der Kämpfe der Koalitionskriege statt, 1870 kamen die Deutschen mit Armeen hier durch, danach wurde der elsässische Elite erlaubt, doch aus dem neuen deutschen Reichsteil nach Frankreich umzusiedeln, und ihr Gut gern hier zu lassen. 1918 marschierten dann die Franzosen wieder ein und vertrieben in der Folgezeit die Deutschen. 1940 kamen die Nazis und in ihrem Gefolge ihre berüchtigten Kunsthändler, und 1944 das freie Frankreich und die Alliierten. Und all diese Heere und Beihelfer und Marketender sollen also gesagt haben: Oh, da ist ein offenes Chateau, ich habe ein Gewehr, aber was da drin hängt, ist mir egal?

Man wird sich vor Augen halten müssen, dass es neben der Geschichte unserer Kultur mit all den Klimts und Poussins und Botticellis auch eine Kulturgeschichte des Kunstraubes gibt, und im direkten Vergleich sind die Nazis – machen wir es anders, ich erzähle Ihnen eine Geschichte. Englands Adel war im frühen 17. Jahrhundert zu grossen Reichtümern gelangt, hatte damit aber die Puritaner im eigenen Land verärgert, und sah sich dann mit einem Bürgerkrieg konfrontiert. Darin verloren sie mitsamt ihrem König recht vieles, die Gesundheit durch brutale Folter, Köpfe, Leben, Schlösser und auch die durch beste Kontakte zu den Niederländern aufgebauten Kunstsammlungen mit Spitzenwerken des holländischen goldenen Zeitalters. Die Puritaner hatten dafür nichts übrig und machten diese Raubkunst in Auktionen zu Geld. Und in den Niederlanden lebte zu jener Zeit der habsburgische Statthalter und Bischof Leopold Wilhelm von Österreich, den das Leben irgendwelcher protestantischer Adliger in England nicht sonderlich interessierte. Dafür begeisterte er sich für Kunst und kaufte über den bekannten Maler David Teniers d. J. aus dem unfreiwilligen Adelsnachlass seine Sammlung günstigst zusammen – und liess sich darin von Teniers portraitieren. Wer da gleich an das geplante Führermuseum in Linz denken muss, für das der gerade bekannt werdende Kunsthändler Gurlitt senior raffte, hat nicht Unrecht. Aber da möchte ich dann auch fragen: Wie sind, liebe Leser, Ihre Skrupel beim Besuch des Kunsthistorischen Museums in Wien?

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Dort hängt nämlich noch heute die Raubmordkunstsammlung des Leopold Wilhelm von Österreich. Und niemand fühlt sich deshalb erdrückt von der historischen Last, man freut sich an der Qualität der Sammlung, und über die Geköpften von 1650 geht man leichter hinweg als über die Opfer der Nationalsozialisten. Oder, auch das sollte man einmal erwähnen: Über die Opfer der wilden Arisierer. Denn es profitierten nicht nur Herr Gurlitt und Leopold Wilhelm von Österreich von den Rechtslagen – bevor das neue Recht greifen konnte, hatten sich oft genug schon Nachbarn, Freunde und wildfremde Menschen vergriffen. Heute kann man über die Sammlung in Wien sagen: Andere Rechtslage, verjährt, unter Cromwell waren die Todesurteile legal, schon sehr lang her, Teniers hat legal ersteigert, vielleicht ist manches auch gutgläubig ersessen, Ausreden gibt es viele und sie klingen auch nicht besser als das, was man heute über NS-Raubkunst hört. Wahrheiten gibt aber nur eine: In der Zeit vor dem TV-Gerät stahl man eben andere Unterhaltungsgegenstände, und rückte sie ungern wieder heraus.

Das war so üblich, und wenn die Bilder nur alt genug sind, werden auch die Besitzerwechsel zunehmend fragwürdiger. Es gibt Berichte über sterbende Bischöfe, deren Verwandte noch vor dem Tod schnell die Paläste vom Kircheneigentum befreiten. Dürers Stich “Ritter, Tod und Teufel” soll auf einen fränkischen Adligen zurückgehen, der in der Nähe von Nürnberg eine Ladung mit den Werken des Künstlers raubte. Bernward von Hildesheim schrieb nicht umsonst in einen illuminierten Codex “Anathema Domini sit, quisquis mihi dempserit” – geholfen hat das aber oft auch nicht. Die Bronzen von Riace wurden nicht von den Griechen auf dem Meeresgrund versenkt, und keine Mumie hätte je daran gedacht, im Depot des British Museum gelagert zu werden. Oh, und dieses Gemälde von Ceres, Bacchus und Proserpina – es hängt jetzt in einem Haus des Barock, das die Jesuiten bauten, bezahlten, bewohnten und schätzten, bis sie rechtlich per Dekret aufgelöst und enteignet wurden, und das Haus vom Staat an Leute verscherbelt wurde, die genau wussten, dass die Jesuiten nicht freiwillig gegangen waren. Ist das nun mein Stammhaus oder nur eine Räuberhöhle?

Es ist immer leicht, sich in eine moralisch überlegene Position zu setzen. Besonders, wenn man in einem Haus von 2005 wohnt, es selbst und ohne Erbschaftshilfe erarbeitet hat und Videokunst sammelt, und im Glauben lebt, der deutsche Staat würde durch all seine Museen aktiv versuchen, alles Geraubte wieder heimkehren zu lassen – Griechen, die gern aus der Münchner Glyptothek ihren Fries vom Aphaiatempel auf Ägina wieder haben möchten, sind da übrigens anderer Meinung. Je genauer man hinschaut, desto fragwürdiger werden alle moralischen Gewissheiten. Herr Gutlitt hat momentan das Pech, von dieser Gesellschaft der notorisch ungenau Hinschauenden zum übergenau betrachteten Sündenbock gemacht zu werden.

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Also, wurde ein Besitzer des Gemäldes vom Sonnenkönig vertrieben, während der Revolution geköpft, hat es ein dicker Brauer billig ergaunert und musste er es eine Weile deutschen Besatzern überlassen? Oder stand es all die Jahrhunderte einfach vergessen auf einem Speicher? Wir wissen es nicht. Alles, was wir wissen ist, dass ich noch viele Beiträge werde schreiben müssen, um mein Konto wieder zu füllen, und dass Kunst zu uns durch sich selbst spricht, und nicht durch die Besitzer, die wir alle Asche und Staub sein werden, wenn noch immer das Licht Arkadiens die Brüste der Ceres streift, und von den Freuden des Lebens erzählt.

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