Nackt und tot vor der Geschichtsforschung

Tischlein deck Dich!

Sterben hat einen unverdient schlechten Ruf. Als Historiker weiss man, dass der Vorgang an sich auch viel Ärger erspart: Die wenig charmante Herablassung, die man früher selbst für Fehler und Probleme vergangener Epochen übrig hatte, wird den eigenen Lebensumständen zuteil, und das merkt man als Toter nicht mehr. Und ich meine nicht einmal die grossen Idiotien unserer Epoche von der Ukraine über den Südsudan und Venezuela bis Fracking, Atomkraft und genderneutrale Kinderkleidung, für die man zur Not auch andere verantwortlich machen könnte – nein, Kulturgeschichtler werden schon bei der Betrachtung unseres Alltags erschaudern. Ich zeige Ihnen mal was – das hier ist eine Szene am Business Campus in Garching bei München.

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Da war ich gestern. Und das ist der Business Campus Döner. Natürlich ist erst einmal nichts gegen einen Döner oder Falafel draussen bei schönem Wetter einzuwenden, selbst wenn nicht jeder Kollege ein inniger Freund von Knoblauchgeruch ist. Aber hier, vor den Toren von München, arbeitet die Elite der nächsten Generation. Hier werden die technischen Grundlagen für die nächsten Jahrzehnte und das Deutsche Imperium in Europa gelegt, hier sind die Besten der Besten der Besten, habe ich mir sagen lassen, und die Anlage ist teilweise so neu, dass sie gar nicht mehr an das Platzen der New Economy Blase vor 12 Jahren erinnert. Hier tragen sie Walther-Pistolen in den Hosenbünden, um sich gegen die Sklavenjäger der Technologiefirmen zu wehren, die es wagen, weniger als 200.000 Euro Jahresgehalt zu zahlen, so berichten es mir wohlunterrichtete Kreise. So weit sind wir also gekommen, das ist die neue Führungsschicht, die für Wohlstand, Lebensglück und Wachstum sorgen wird.

Das ist auf den ersten Blick gar nicht schlecht, denn vor 300 Jahren sassen ihre Vorfahren vielleicht noch in Holzhütten neben den Bauernhöfen, hüteten Schweine und stopften, was sie hatten, an einem derben Holztisch in sich hinein. Wenn sie Glück hatten, war es mal Fleisch, wenn sie Pech hatten, war es ein Brei aus Körnern oder als Fleisch getarnte Schlachtabfälle. Auf ihren derben Holztischen wurden keine zuckerhaltigen Getränke beworben, aber Zahnausfall bekamen sie auch so. Und wenn sie da so sassen und vielleicht auch schon so klug waren, wie ihre hochbegabten Nachfahren, dann werden sie sich gesagt haben: Wieso hat der Herr im Schloss eigentlich eine Tischdecke aus Damast, auf der er speist, einen Teppich zu Füssen und Porzellan aus dem fernen Reich der Mandschu? Und wieso habe ich nur einen derben Holztisch, Stroh und einen angeschlagenen Topf? Die einen erfanden dann Märchen vom Tischleindeckdich, die anderen erfanden die Aufklärung, machten eine Revolution, Bildung, Fortschritt, sorgten für ihre Kinder und die stehen jetzt also an diesen Tischen da und essen Fleisch im Stehen, um danach vielleicht gleich wieder die Community zu managen, was mitunter auch etwas an das Hüten der Schweine erinnert, oder nach Bugs suchen, als wären es die altbekannten Wanzen, und andere erzählen, was Wunderbares alles hinter Clouds – den früheren Wolken – kommt. Heute würde ich das so keinesfalls sagen, ich möchte keinem zu nahe treten, aber in hundert Jahren?

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Ganz ehrlich, ich kenne das fiese Gehirn der vergleichenden Geschichtsschreibung, die zwar unzulässig ist – man muss die Schweinehirten im jeweiligen historischen Kontext beurteilen – aber es ist in etwa so unzulässig wie Falschparken oder Rasenbetreten, und deshalb werden zukünftige Generationen der Wissenschaft in ihrer herzlosen Art genau solche Dinge über uns schreiben. Dass die Aufklärung einen Ursprung, einen Höhepunkt und ein Ergebnis hatte. Wir sind dann alle tot, und wenn sie sich über unsere neu erwachte Liebe zu veganer Kost, vergessenen Getreidesorten und rohen Holztischen aus dem Antikhandel lustig machen, deren stolze Bilder sie auf den Festplatten von Pinterest entdecken, bekommen wir das zum Glück nicht mehr mit.

Diese Welt an den Brausetischen ist, wenn man es – hoffentlich – von Ihrer Villa in München/Grünwald aus betrachtet, fast genau auf der anderen Seite vom Tegernsee, wo die Holztische der Bauern recht lang in Gebrauch waren, und man sich auch ohne Aufklärung und unter erdrückenden CSU-Mehrheiten laut Gregorianischem Kalender in die gleiche Moderne gekämpft hat. Man kann ja viel schlechtes über die Region sagen – letzte Woche etwa fing eine S-Klasse einfach so Feuer und ich finde, die Gemeinde hätte im Blumenbeet an der Strasse vor meinem Haus mehr Tulpen pflanzen können – aber hier war es dennoch so, dass man den Kindern, wenn möglich, eine Aussteuer mitgab. Und wie es so ist, gehört deshalb das Tischtuch, in seiner von den Adelszeiten an gefallenen, handgestickten Version, einfach dazu. Man würde nie den Osterzopf mit dem dicken Zuckerguss einfach so auf de Tisch hauen, man tut eine Tischdecke darunter und ein Pfund Silber und es passt.

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Sollte nun ein Meteorit einschlagen, was ich natürlich nicht hoffe, und uns auslöschen – das wäre ein fantastischer Befund für die Ausgräber. Natürlich würden sie falsche Schlüsse ziehen, aber mit dem Wissen um den Fortschritt des Menschen zum Besseren würden sie zum Ergebnis kommen, dass es bei uns am See tatsächlich gelungen ist, den Reichtum der Epoche in ein Leben umzusetzen, das sich vor 300 Jahren allenfalls die Mächtigsten leisten konnten. Und in Garching wäre all der immense Reichtum der Menschen den Weg zum Brausetisch gegangen, zu einer Art effektiven Scheunenhaltung der Menschen auf vielen Ebenen, und ausserdem wurde – wie bei der Schweine- und Geflügelzucht – reglementiert, was einem jeden in diesen Arbeitsställen zustand. Schreibtisch statt Rosenholztisch aus China, Steingutbecher statt Porzellan, pflegeleichter Fussboden statt Parkett und Perser. Uns erscheint es natürlich völlig logisch, dass die schrulligen Bewohner des Tegernseer Tales ein wenig abgeschnitten von den Zwängen der realen Welt sind, mit Erwerbsleben und öffentlichem Nahverkehr (mit Ausnahme unserer strahlend weissblauen Schiffflotte auf dem See natürlich), und in Garching die Zukunft gemacht wird.

Aber die gesamte Geschichtsforschung besteht leider darin, Quellen anzuzweifeln, ideologiekritisch zu denken und zu erkennen, welche Fehler die Menschen früher gemacht haben. Geschichtsforscher werden in so einem roten Brausetisch die Werbung erkennen und sie mit den explodierenden Kosten des Gesundheitssystems in Verbindung bringen, sie werden den Segen der Rechner sehen und ihren Fluch, und sie werden auch vielleicht die Unterlagen der Banken kennen, die damit ihre Gewinne schöpften. Ausserdem haben Geschichtsforscher selten BWL studiert und gehen wohl lieber zu schöngeistigen Zeitungen denn zu raffgierigen Banken. Sie ahnen es vielleicht: Kaiserschmarrn ist ein Arme-Leute-Essen mit zu viel Zucker, aber auf einer Tischdecke und mit einem Rokokoteller stimmt er als Befund den Historiker weitaus glücklicher, als der Inhalt einer Business Camp Restmülltonne.

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Fragen Sie sich selbst, was Sie lieber in einer Ausstellung sehen wollten. Insofern würde ich raten, noch einmal an unser aller Vorfahren zu denken, die sicher nichts Schlechtes darin sahen, die Schweine zu hüten: Sie wollten mehr und sie haben es bei uns auch geschafft. Wir sind historisch betrachtet ein abnorm reiches Land, an der absoluten Spitze der menschlichen Entwicklung, selbst den Ärmsten hier geht es allein wegen der medizinischen Versorgung, der Solidargemeinschaft und anderen Triumphen der Bürgerlichen über die Adelsgesellschaft weitaus besser als den Reichen des Rokoko. Keiner muss mehr wegen einer kleinen Wunde, Syphilis oder Erfrieren im Winter sterben. Wir sind weit, sehr weit gekommen, und wäre es da nicht schön, wenn wir auch den Damast des Adels, sein Silber und seine Tischmanieren so behalten, wie wir seine anderen Rechte der Freiheit ebenfalls in Anspruch nehmen?

Heute schützt Sie noch das Persönlichkeitsrecht vor allzu scharfer Ablehnung der Stehtisch- und Alupapierkultur von Garching bis zum Münchner Filmfest. In hundert Jahren sind Sie tot und schutzlos gegen die Wissenschaft, und ihrem Hang zu bösartigen Übertreibungen der realen Zustände. An mir liegt es nicht, ich habe Sie vor Meinesgleichen gewarnt.

Für Gerechtigkeit, Lautstärke und Lynchjustiz

Es gibt da ein Institut bzw. einen Verein zum Thema Justiz – Kriminologisches Forschungsinstitut Niedersachsen e.V. – dessen Leiter in der Vergangenheit schon mehrfach mit sehr umstrittenen Erklärungen aufgefallen ist. So war er in einen Fall verwickelt, in dem aus dem Unfalltod eines Kindes in der öffentlichen Darstellung der “Fall Sebnitz“, eine angebliche Ermordung durch Rechtsextreme wurde – eine Fehleinschätzung, die sich danach zum Medienskandal entwickelte. Dieser Leiter nun beabsichtigt eine Studie über die Strafverfolgung von Vergewaltigung zu machen, und veröffentlicht dazu eine, sagen wir mal, reisserisch aufgemachte Pressemitteilung, in der folgender Satz steht:

Vor 20 Jahren erlebten 21,6 Prozent der eine Anzeige erstattenden Frauen die Verurteilung des Täters. 2012 waren es nur noch 8,4 Prozent.

Der Satz – wie die Tendenz der gesamten Pressemitteilung – lässt den Verdacht keimen, dass hier eine Gerechtigkeitslücke sei, und die Angezeigten möglicherweise oft, sehr oft trotz einer Tat straflos davon kommen. Es liegt demzufolge also nicht etwa an der möglichen Unschuld der Angezeigten – das wird nicht erwähnt – sondern an der Arbeitsweise der Verfolgungsbehörden, der Art der Anzeigenaufnahme, der Überlastung der Gerichte, und deshalb möchte dieses Institut jetzt dazu eine grössere Untersuchung machen. Es ist erstaunlich, wie viel da in der Pressemitteilung an Ergebnissen und Scheinfakten präsentiert wird, die eigentlich in einer unabhängigen und unvoreingenommenen Untersuchung zu hinterfragen wären. Aber der Leiter ist halt so ein spezieller Fall, gerade wenn es darum geht, in die Medien zu kommen.

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Man kann das natürlich auch noch eine spezielle Runde weiter drehen und die ohnehin schon vorhandene Tendenz überspitzen, und fertig ist die Empörungswelle im Netz. Folgender Tweet kommt von einer Blogautorin des “Stern” (und ehemaligen Gastautorin dieses Blogs), die aus dem Vagen, mit dem die Pressemitteilung spielt, die Gewissheit macht:

In manchen Bundesländern führen nur 4% der Anzeigen zu einem Urteil. 4%. Anders: 96% der angezeigten Vergewaltiger werden nicht verurteilt.

Das wird massenhaft verbreitet, ist aber falsch: Wenn nur 4% verurteilt werden, dann gibt es in den anderen Fällen gibt es kein Urteil nach §177 StGB. Möglicherweise, weil die Täter nicht ermittelt werden konnten, weil die Angezeigten unschuldig waren, weil andere Paragraphen zur Anwendung kamen – die Ursachen könnte eine Untersuchung schon darlegen, und möglichweise gibt es tatsächlich grosse Defizite. Aber 100% der Angezeigten kann man nicht als 100% Vergewaltiger bezeichnen, solange wir nicht Justiz im Sinne stalinistischer Schauprozesse haben. Vom Prinzip der Unschuldsvermutung haben sich aber einige Twitteraktivisten längst verabschiedet: Da geht es nicht um Wahrheit oder juristische Begriffe. Dass spektakuläre Fälle wie der von Strauss-Kahn und Jörg Kachelmann nicht mit der Verurteilung der Beschuldigten endeten, wurde von vielen Aktivistinnen nicht akzeptiert, und ein Auftritt von Julian Assange, gegen den in Schweden bislang nur ermittelt wird, sorgte beim Kongress des Chaos Computer Club für den erwartbaren Aufschrei der üblichen Verdächtigen. Die schnelle Vorverurteilung aufgrund von Indizien, die auch im Fall Edathy zu besichtigen war, ist längst Standard bei der Empörung im Netz.

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Andere aktuelle Beispiele gibt es mehr als genug; in den letzten Tagen ging es um die Anzeige einer jungen Mutter aus Ghana, die behauptet, sie sei mit ihrem schwer kranken Kind in einer Kinderklinik in Hannover mangels Krankenschein abgewiesen worden. Dass die Klinik die Darstellung entschieden zurückweist, spielt auf Twitter keine Rolle. Wenn es der Erregung dient, werden Details und unpassende Fakten gern ignoriert. Vor ein paar Wochen etwa machte ein Fall einer im Internet gemobbten Autorin die Runde, die nach den Übergriffen angeblich aus dem öffentlichen Leben verschwunden war. Dass die Autorin lediglich ein Blog eingestellt und ansonsten einen immens vollen Terminkalender mit öffentlichen Auftritten hat, die man sich auch bei Youtube anschauen kann, wurde in der Darstellung geflissentlich ignoriert – es passte nicht zur Story, an deren Ende – natürlich – die Forderung nach mehr juristischen Möglichkeiten zur Gegenwehr stand.

Social Justice Warrior” nennt man diese Gruppe von Aktivisten, die dank der verkürzten Darstellung von Twitter diesen harschen, argumentfreien Ton in die Debatten bringen, und damit leben manche gar nicht schlecht: Sei es, weil sie öffentliche Aufmerksamkeit bekommen, so wie manche Protagonistin des Aufschrei. Sei es, weil sie aus der Gefährdung ein Geschäftsmodell machen, und Firmen präventive Strategien und Schulungen anbieten. Manche Agenturen werben damit, dass sie die wichtigsten Leute kennen und mit ihnen reden, was ein wenig an Geschäftsleute im sizilianischen Hinterland erinnert (man sehe mir nach, wenn ich solche ehrenwerten Gesellschaften nicht verlinke). Es gibt genug Fälle, die Firmen vor Augen führen, was da mit ein paar unbedachten Bemerkungen ausgelöst werden kann: Eine Petition gegen den Moderator Markus Lanz etwa bekam nach viel Erregung wegen seines Umgangs mit Sarah Wagenknecht über 200.000 Unterschriften. So etwas möchte keine Firma gern erleben, und da ist es praktisch, die zu beauftragen, die angeblich die wichtigen Leute kennen.

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Aber mit etwas Glück ist die Epoche des Shitstorms ohnehin vorbei, wenn man nur die nackten Tatsachen betrachtet: So bringt eine empörte Verlinkung einer netzbekannten Ex-Piratenpolitikerin mit rund 10.000 Followern – ein scheinbar riesige Zahl, und allesamt selbst angeblich “Influencer” – Klicks im äusserst niedrigen dreistelligen Bereich. Die Zeiten, da Twitter, das Lieblingsmedium der Empörten, noch für rauchende Server sorgte, sind schon etwas länger vorbei. Der Nachrichtendienst hat viel von seiner früheren Attraktivität verloren. Dazu kommt, dass viele Folgeverlinkungen innerhalb einer sozialen Gruppe der Empörungsfreudigen zwar für mehr Verlinkungen, aber nicht für mehr Leser sorgen.

Und noch etwas ändert sich: Solche Erregungen sind nur dann wirksam, wenn sie an die Medien gelangen, sei es, weil Journalisten sie aufgreifen, oder es eine unheilige Allianz oder Personengleichheit zwischen Aktivisten und Journalisten gibt. Doch inzwischen wird zumindest in den USA genauer hingeschaut, wer da eigentlich welche Ziele verfolgt: Ein wütender Proteststurm gegen den Komiker Stephen Colbert verpuffte schnell, als die Vorgeschichte der einschlägig bekannten Verursacherin die Runde machten. Die Kampagne gegen den Chef der Mozilla Foundation, der für eine homosexuellenkritische Volksabstimmung gespendet hatte, führte zwar zu seinem Abgang – aber die Verursacher, das Datingportal OK Cupid, sieht sich seitdem selbst Vorwürfen ausgesetzt. Auch deren Gründer hatte für einen rechtskonservativen, schwulenfeindlichen Politiker gespendet.

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Scheinheilige, Krawallschachteln, Berufsquerulanten: Der Verdacht, dass die Absichten solcher Aktionen mitunter alles andere als lauter sind, Partikularinteressen verfolgt werden, oder unter dem Deckmantel der sozialen Gerechtigkeit durchaus schnöde, egoistische Motive verdekt werden, liegt nah. Und nachdem auch grössere Empörungswellen kaum mehr als ein paar tausend Klicks einbringen, werden sich die Medien entscheiden müssen, was ihnen wichtiger ist: Die kreischende Laufkundschaft oder das Stammpublikum, das mehr als unkritisches Nachplappern der Wut aus dem Netz fordert. Mit etwas Glück ist die Wut nicht schlechter als das kritiklose Abschreiben von Pressemitteilungen, mit etwas Pech aber landet man dort, wo man mit dem Fall Sebnitz schon einmal war. Nur dass diesmal kein Gutachten der Auslöser ist, sondern die Lautstärke und die überdrehte Darstellung im Netz.

Natürlich sind, wenn 4% Social Justice Warrior durchgeknallte Psychopathen sind, die 100% der Engagierten nicht ebenfalls verrückt. Aber die Existenz dieser 4% sollte man immer bedenken.

Winseln für die Weltrevolution

Roter Wedding, grüsst Euch, Genossen, haltet die Fäuste bereit
Ernst Busch

Weil es bequemer ist, Dummchen!

Das kann man natürlich nicht sagen, denn “Dummchen” ist einerseits für manche sexistisch und andererseits für andere “ableistisch”, sprich, es macht sich über kognitive Defizite lustig. Aber dennoch ist es immer die richtige Antwort, wenn man mit der Frage konfrontiert wird, wieso man nichts tut, was wichtig wäre, um die Welt zu einem besseren Ort zu machen: In runtergekommenen Städten mit Fördermitteln die Kunst befreundeter Kunststudenten zeigen, zum Beispiel, oder mehr für die Teilhabe anderer zu tun, oder nicht so konservativ zu sein und mehr im Leben zu wagen, in der Beziehung oder im Beruf. Sowas liest man immer wieder mal, stets auf’s Neue fühlen sich Progressive berufen, solche Forderungen zu stellen, als wäre es die spanische Inquisition. Ich persönlich finde das etwas unhöflich, schliesslich verlange ich von denen nicht, dass sie sich an meinen Tisch am Tegernsee setzen und den Umgang mit der bislang unbekannten Gabel erlernen, und nur ganz selten, dass sie endlich einer ordentlichen Beschäftigung nachgehen und nicht mehr ihre Ideologie künstlerisch-interventionistisch vermitteln sollen.

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Nehmen wir nur mal das Dauerthema “Mütter” und “Väter”. Da wird ja allenthalben beklagt, dass, sobald die Kinder kommen, junge Familien wieder in klassische Modelle der Rolleneinteilung zurückfallen: Sie kümmert sich um die Erziehung und er baut das Nest mittels einer gut bezahlten Arbeit. Das stimmt natürlich: Das echte Erwerbsleben hat nur wenig mit Protestmatetrinken am Oranienplatz zu tun, und dem Schreiben von Besinnungsaufsätzen über die strukturelle Benachteiligung in unserer Gesellschaft. Familienleben, das habe ich testweise selbst erleben dürfen, erdet, nimmt einen in Anspruch und öffnet die Augen für andere Notwendigkeiten, die einem ausgewiesenen Hallodri wie mir sonst gar nicht in den Sinn kommen. Zum Beispiel ist ein stets gut gefülltes Konto für die meisten Väter, die ich kenne, schlagartig von höchster Wichtigkeit, weshalb Deadlines eingehalten werden, und Abrechnungen mit einem Mal nichts mehr sind, was man jahrelang vor sich her schiebt. So eine Kontokarte, die der Automat schluckt, wird mit einem unzufriedenen Balg nämlich keine lustige Anekdote, sondern ein enormes Drama. Mit einem vollen Konto, Dummchen, ist das Leben einfach bequemer.

Und natürlich mag es manchen ein Verlust erscheinen, wenn sie sich nicht mehr dem Sieg über das Patriarchat oder der Überwindung von Privateigentum widmen können. Denn dieser Konflikt war angenehm. Niemand erwartet ernsthaft, dass der Sieg morgen gewonnen wird – und so sind all die lustigen Projekte, Aktionen und Gruppierungen nicht dazu verdammt, in Erfolgskriterien zu denken. Es ist ein weiter Weg zur Weltrevolution, da kann man schon mal einen Nachmittag im Görli was zum Rauchen kaufen. Oder man vier Wochen Pilze in der Spüle züchten. Und nebenbei die Internationale Solidarität mit ausländischer Kulinarik vom Drehspiess fördern, und über Polyamorie reden. Wer aber für ein Kind für die Familiengründung Unterstützung von den Eltern will – gemeinhin in Form einer eigenen Immobilie ohne Risiko der Entmietung – dann muss es anständig kochen, aufräumen und die Sache mit den diversen Geschlechtspartnern in den Griff bekommen. Einem Dummchen mag das nicht bequem erscheinen, aber es ist eindeutig bequemer als der Besuch vom Gerichtsvollzieher. Und wie man in so einem Fall vor Frau und Kind dasteht. Das treibt die Väter.

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Übrigens, es ist auch nicht gerade unbequem, in einem offenen Mercedes zu sitzen, mit den Freundinnen zu telefonieren und zu warten, bis das Kind aus der Schule kommt. 23 Liter auf 100 Kilometer sind innerstädtisch zwar nicht wirklich das, was man als “nachhaltig” bezeichnen kann, aber einen besseren Katalysator gibt es nicht und keine von denen, die das unter meinem Haus, gegenüber der Schule tun, ist bislang über diese Ungerechtigkeit in Tränen zerflossen. Technisch gesehen ist es hier auch nicht möglich, ein Kind auf einem alten, grünen Klapprad über das Kopfsteinpflaster zu radeln, so wie das vielleicht noch ganz lustig war, als in Berlin noch halbwegs studiert wurde. Bedenken mag es geben, aber sie sind mit dem Gedanken “Hauptsache das Kind hat es gut und eine entspannte, glückliche Mutter” leicht zu beseitigen. Kind bedingt arbeitenden Mann bedingt Karriere bedingt Konto bedingt eine freiberufliche Alibinebentätigkeit der Mutter und so kann man sich auch 3,5 Liter Hubraum steuerlich leisten.

Gut, vielleicht ist es auch nur der Kombi, den der Mann als Werksangehöriger hier bekommt. Und vielleicht ist es auch nicht immer bequem, sondern einfach nur bequemer als die Alternativen. Eine Bekannte zum Beispiel hat hier vor ein paar Jahren sehr unvorsichtigerweise einmal gesagt, dass ihre Tochter, sollte sie das Abitur nicht schaffen, dann halt auf die Realschule geht. Das würde sie heute sicher nicht wiederholen, das war leichtsinnig, denn natürlich schnappte jeder erst nach Luft und dann setzten auch Liberale und Freunde des sozialen Ausgleichs alles daran, diese lässige Haltung zu ändern. Man kann es sich mit 20 in Berlin nicht leisten, das Refugeecamp und dessen Hygiene zu kritisieren, und mit 35 kann man es nicht hinnehmen, wenn die Kita nicht täglich 5 Liter Desinfektionsmittel verbraucht. Dafür sorgt – die armen Flüchtlinge! die armen Kinder! – schon das Umfeld. Bequemerweise passt man sich halt an.

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Das betrifft auch die Ernährung. Ich kann Ihnen hier viel über meine privaten Standards erzählen, und wer mich besucht, bekommt nur vegetarisches Essen. Ich koche nicht mit Fleisch und ich kaufe keinen Industriemüll. Ausser Negerküsse Schokoküsse, wenn Kinder das wollen. Und Salami aus Bioproduktion von einem Hof, den ich kenne, und vorgepackte Samali, wenn das Kind quengelt, weil die ihm besser schmeckt. Will sagen: Natürlich ist es möglich, meine rigide und von Aufklärung geprägte Haltung durchzusetzen, aber um einen hohen Preis. Es ist schon bei Erwachsenen nicht immer ganz einfach, mit Kindern wird es noch schwieriger. Regenwälder, Bio, Fair Trade, das ist alles wichtig. Aber die Vermittlung ist auch ein Langzeitprojekt, erkläre ich dann immer gerne radikalen Veganern, wenn ich erklären muss, wieso ich für Gäste südtiroler Speck im Kühlschrank habe. Es ist einfach angenehmer, wenn man nicht Extremist ist.

Verfassungsschützer kennen solche Verschiebungen auch von der schwindenden autonomen Szene, aus der sich alte Kämpfer zurückziehen – sofern sie noch leben. Wenn die aus ihrer Jugend von ihren Streichen erzählen, klingt das natürlich lustig, weisst Du noch, damals im Kessel und der Sammelstelle. Ich weiss aus eigenem Erlebnis, dass weder Tränengas noch Einkesselung im Bayern der 80er und 90er Jahre lustig waren, der “Spass” der Anekdoten ist bei den meisten eher Verarbeitung eines Traumas. Es gibt welche, die wirklich diese Extreme wollen und dauerhaft leben – die gehen daran kaputt. Die sind kein schöner Anblick, die führen einem vor die Augen, wo man endet, wenn man solche Ideologien, Interventionen, antibürgerlichen Lebensmodelle wirklich durchzieht. Das geht, solange man nur für sich allein verantwortlich ist und seine Bedürfnisse innerhalb einer bestimmten Gruppe befriedigt. Das geht bis ins hohe Alter, wenn nur der richtige Extremismus mit den richtigen Mitteln zusammenkommt – meine eindeutig antisoziale Peergroup am Tegernsee ist so ein Beispiel einer völlig abgehobenen und den Gemeinschaftssinn ablehnenden Ideologie, die nichts mit der Realität dieses Landes zu tun hat.

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Aber in einer Welt, in der man sich von Projekt zu Projekt, von Abrechnung zur nächsten Billigmiete durchlavieren muss, mit hohem Risiko und ohne Planungshorizont jenseits des nächsten Einkaufs beim Supermarkt, zahlt der Aktivist und nicht die Gesellschaft den Preis. In den letzten Tagen war viel vom Lager der Flüchtlinge auf dem Oranienplatz in Berlin die Rede, das die meisten der Besetzer gegen den Widerstand linker “Unterstützer” jetzt räumten: Diese Flüchtlinge haben nach anderthalb Jahren im Lager, eineinhalb Jahren Lebenszeit als Propagandavehikel der Antifa verstanden, dass es so für sie individuell nicht weiter geht. Die Linken hätten sie gern dort behalten, wegen der Flüchtlingspolitik, wegen der Ausbeutung der Dritten Welt und anderen Anliegen, die vielleicht gar nicht so falsch sind – aber die meisten Flüchtlinge wollten diesen Protest nicht mehr leben.

Die anderthalb Jahre davor hat die Antifa gefordert, wir sollten alle diese Flüchtlinge anschauen und von ihnen lernen, wie es auf der Welt zugeht. Jetzt steht die Antifa alleine da, weigert sich, die neue Lektion der Flüchtlinge zu verstehen und spricht von Verrat. Wie all die Progressiven, denen die Umfelder abhanden kommen. Sie hätten gern dieses angenehme, selbst bestätigende Umfeld wieder zurück, die Progressiven, weil dann alles wieder stimmt und der Feminismus, der Veganismus, die Polyamorie, die Interventionen, die linke Politik und die Randale am 1. Mai weiter gehen können. Und keine Sekunde wird es ihnen so scheinen, als würden sie mit ihren Ideologien auch nur ein extra flauschiges Umfeld für Dummchen fordern, das sie nicht zwingt, einmal die Augen zu öffnen und zu überlegen, warum diese Ideologien für die meisten irgendwann unattraktiv und unbequem werden.

Deschner, de Sade und Mutzenbacher im Lateinunterricht

Wenn ihr feststellt, dass sie nicht gewillt sind, ihr Verhalten zu ändern, so befehlen wir, dass ihr sie mit größtem Eifer verfolgt.
Gregor der Grosse über Heiden wie mich

Die Kirche hat nicht nur einen guten Magen, wie einmal jener kluge Kopf bemerkte, der in des Pudels Kern steckte – sie hat auch gute und dauerhafte Kreide. Denn wenn ich in meiner Heimatstadt zum Bäcker gehe, komme ich an Häusern und Türen vobei, und auf fast allen Türen steht 20 C + M + B 08. Das haben die Sternsinger vor 6 Jahren an die Türen gemalt. Und danach nicht mehr. Aus mir nicht näher bekannten Gründen kommen Caspar, Melchior und Balthasar nämlich nicht mehr, selbst wenn noch vor einer Dekade versucht wurde, die Reihe der Weisen aus dem Morgenland mit Weisinnen zu schliessen. Ich bin – wie jener kluge Kopf in des Pudels Kern – allergisch gegen Weihrauch, und obendrein auch noch Agnostiker, insofern ist das für mich kein Besuch, den ich sonderlich vermissen würde.

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Würde ich den Namen meiner kleinen, dummen, aber manchmal auch sehr robusten Heimatstadt an der Donau nennen, so würde die Leserschaft heute damit einen Hersteller deutscher Automobile verbinden, und vielleicht noch das Reinheitsgebot, das hier 1516 erlassen wurde. Dabei liegt die historisch entscheidende Bedeutung darin, dass hier über Jahrhunderte alle Bräuche des Katholizismus nicht nur eingehalten, sondern von hier aus auch mit allen Mitteln durchgesetzt wurden: Über all die Epochen war diese Stadt das wichtigste Zentrum der Gegenreformation in Deutschland, und das hat sie geprägt. Das Haus, in dem ich schreibe und das sich meine Familie angeeignet hat, war früher ein Jesuitenkolleg, und das Zimmer, in dem ich sitze, beherbergte die Bibliothek mit all den Geisteswaffen, die man zum Niedermachen Andersgläubiger für notwendig erachtete. Ich habe ein paar der Bücher gelesen, die hier noch im 18. Jahrhundert verfasst wurden, und von Aufklärung ist da keine Spur. Schwarz, rabenschwarz war diese Stadt, und auch nach dem Ende des Heiligen Römischen Reiches dominierte hier die Kirche alles.

Aus der Einheit von Thron und Altar wurde die Einigkeit des Konkordats und letztlich dann die formelle Trennung von Staat und Kirche, die einem Schüler hier auch nicht weiterhalf, wenn er zwar Ethik besuchte, aber in Latein der Religionslehrer ohne Rücksicht sein Weltbild diktierte. Grosso Modo gibt es ja zwei Arten von Lateinlehrern: Die Freunde der Antike mit ihren teilweise doch sehr losen Sitten. Und dann jene, die für Theologie das spätantike Kirchenlatein erlernten, und in Latein die Sprache des Glaubens sahen, auch wenn der aramäischsprachige Religionsgründer selbst Latein als Fremdsprache erlernt haben dürfte. So etwas durfte man im Unterricht natürlich nicht erwähnen, und wer dennoch meinte, ein kluger Kopf sein zu müssen, dem wurde derselbe eingedellt, so wie es im Moment die Bauarbeiter mit den Schädeln jener Gläubigen tun, deren sterbliche Überreste bei den Umbauarbeiten am Münster den modernen Notwendigkeiten im Weg liegen.

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Um so begieriger haben wir damals – 80er Jahre, 20. Jahrhundert, unter Strauss und Kohl – den Deschner gelesen. Der Bezug desselben war nicht so einfach, den musste man nämlich im Buchgeschäft bestellen, wo er natürlich nicht vorrätig war – das Buchgeschäft war mit der Lokalzeitung verquickt und die Lokalzeitung wiederum war so gestaltet, dass sie jederzeit das Privileg der hiesigen Jesuiten des 17. Jahrhunderts bekommen hätte. Der Deschner wurde dann heimlich vor dem Beginn des Unterrichts von einem klugen Kopf zum nächsten gegeben, was von da an zuverlässig für allergrösste Nöte in Religion und Latein führte. Zwar war dem armen Mann das Kirchenlatein im Kopf geblieben, aber nicht all die schönen Stellen, die Deschner zusammengetragen hatte: Die spitzen Pfeile trugen die Namen von Ambrosius von Mailand, Johannes Chrysostomus und Augustinus von Hippo, und generell hatte das Christentum in 1900 Jahren viel Zeit, all das Unerbauliche und Aberwitzige anzuordnen, was so ein Religion- und Lateinlehrer seinerzeit sicher auch nicht im Original gelesen hatte, oder vielleicht auch nur vom Hörensagen kannte.

Es ist nun mal nicht leicht, die Botschaft der Liebe in die Gymnasiastenwelt zu tragen, wenn dieselbe gereizt, auf eine gebildete Art pubertär und obendrein verärgert ist, weil Herr Deschner einem die Augen nach all den Jahren der historischen Unkorrektheit, der “frommen Lügen” geöffnet hat. Jede Diktatur erschafft sich ihre gegnerischen Bestien selbst, genauso verschlagen und zynisch wie sie. Es genügte, nur einmal siebengescheit das häretische Wort “Apokatastase” einfliessen zu lassen, und die Stunde war gelaufen. Hochgefährlich war das Spiel, das wir spielten, denn hätte man bei einem von uns in der Schule den Deschner gefunden, es hätte mehr Ärger gegeben als damals, als der heutige Chefarzt H. sein frühes Interesse an der menschlichen Anatomie durch das Vorzeigen des “Puer Ludens”, des Playboy in der Umkleidekabine bewies, als der Sportlehrer F. unvermutet eintrat. Da hätte man uns, wie es bei uns im Wissen um den real existierenden Glauben so schön heisst, katholisch gemacht im Sinne von “Kopf abgerissen”. So hart wurde damals die Freiheit erkämpft, und neben der schlechten mündlichen Noten nahm man die Gewissheit mit, dass man sich von denen nicht mehr für dumm verkaufen lässt – man hat ja seinen Deschner gelesen, und auch, sobald man seiner habhaft wurde, seinen de Sade. Die Josefine Mutzenbacher wurde ja leider schon 1982 auf den staatlichen Index Librorum Prohibitorum gesetzt, da nahm man eben, was man kriegen konnte, wenn man es nicht zufälligerweise irgendwo bekam.

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Weltenfern sind solche Lustbarkeiten von jenen Gerippen, die nun schon erheblich vor dem jüngsten Gericht und der Auferstehung beim Chor des Münsters an das Tageslicht kommen. Billig waren diese Grabstätten damals nicht, das waren mithin die besten Plätze, nahe am Altar, bei den Gebeten und den Reliquien. Man musste den frommen Werken viel geben, um dort begraben zu werden und auf die letzten Tage zu warten. Ich selbst habe übrigens nach dem Abitur Archäologie studiert, dazu dann auch Kirchenväter und Klosterarchivalien im Original gelesen, und monatelang solche Körper aus der Erde befreit – am Ende steht für jene die Inventarisierung im blauen Müllsack. So ist das mit dieser Welt. Am Abend sitzt man am Bauwagen und grillt, und niemand denkt sich etwas dabei, dass hinten in den Holzkisten ein paar Dutzend Gerippe liegen, oder von fern die Kirchenglocken läuten. Es werden nicht die Böcke von den Schafen getrennt, Diakon und Prasser, sie alle bekommen den gleichen blauen Sack. Als Ausgräber ist man nicht respektlos wie gegenüber dem Lateinlehrer, man betrachtet den Befund, der einmal ein Mensch war, durchaus mit fachlichem Interesse. Aber die Erwartung eines besseren Jenseits spielt dabei keine Rolle mehr.

Von meinem Zimmer, der ehemaligen Bibliothek des religösen Wahns, aus der heraus die Schlächtereien des 30-jährigen Krieges gelobt wurden, blicke ich auf den Chor der Kirche, und dazwischen ist die ehemalige Klosterschule für Mädchen. Ein Kloster ist vorne immer noch, aber es stirbt aus, und hinten tragen die Mächen enge Leggins und iPhones, auf denen sie sich die Zuschriften ihrer Freunde zeigen, die oft an der gleichen Schule sind. Früher galt hier noch Zucht, Ordnung und Hausarbeit als einziges Programm, heute ist das eine Schule wie jede andere. Damals war ich im Ethikunterricht ein Exot, heute ist das überall eine ganz normale Einrichtung. Ich mache mir wenig Illusionen über das, was die Kinder im Netz herunterladen; es dürfte wohl das sein, was heute als “jugendgefährdend” gilt. Niemand hat es heute noch nötig, im Krieg gegen einen Lehrer die gemeinsten Stellen von Gregor dem Grossen vorzutragen, um sich der ideologischen Vereinnahmung zu erwehren. Verloren hat die Kirche nicht gegen Deschner, Voltaire und Bismarck – verloren hat sie gegen die Gleichgültigkeit und den Umstand, dass angesichts mancher unschöner Hirten das Sparen der Kirchensteuer moralisch gut erklärbar ist.

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Das ist eben der Gang der Zeit, und es sieht nicht so aus, als würde sich daran im Zeichen eines angeblichen Jugendschutzes und in die Debatte geworfener Pornofilter im Internet noch etwas ändern. Früher hatte die Kirche da wohl noch eine gewisse Strahlkraft, da konnte man den Kindern Ängste und Schuldgefühle einreden, weil die Informationsquellen beschränkt und kontrolliert waren. Der Playboy hat den H. aber nicht zu einem schlechten Menschen werden lassen, und obwohl ich meinen Deschner kenne, hängt links über meinem Sekretär, über zwei lasziven Rokokoamen und neben einem künstlerischen Hallodri auch ein nicht gerade schöner Würzburger Bischof aus der 2. Hälfte des 17. Jahrhunderts. Beinahe hätte ich wegen all der Frechheiten und der mündlichen Einträge das Latinum nicht bekommen, aber rückblickend muss man wohl sagen: Solange man sich streitet und bis aufs Blut quält, hat man sich wenigstens noch etwas zu sagen. Sobald da aber nur noch die Gleichgültigkeit ist, der Kirchenaustritt ein Steuersparmodell wird, und man den Deschner nicht kennen muss, weil der Augustinus mit seiner Erbsünde nicht mehr von dieser Welt ist, muss man sich auch nicht wundern, wen die Kreide an den Türen langsam verbleicht, vergessen und nie mehr erneuert wird.

Der Schwarze Block greift den Rundfunk an

Largo morendo – Andantino con brio – Prrrresto a bene piacito

Vielleicht bin ich der einzige, der es hört, dieses leise Geräusch eines auf den Boden fallenden Blatt Papiers, auf dem zu lesen ist, dass demnächst das Kammerorchester sein Jubiläum feiert, und zu diesem Anlass Ravel und Bizet zur Aufführung bringen wird. Die Ankündigung ist aus der Hand meines Nachbarn gefallen, und aus dem Augenwinkel erkenne ich, dass er tief in sich zusammengesunken ist. Noch tiefer als zu Beginn des Konzerts, und vielleicht, hätte ich denken können, ist es einfach die Ergriffenheit. Manche schätzen ja das Streichquintett g-moll KV516, das Mozart 1787 schrieb, und das so gar nichts von der kraftstrotzenden Leichtigkeit all der Arien hat, die er zu dieser Zeit für Don Giovanni komponierte. Jemand hat etwas bösartig gesagt, das Quintett sei Mozart für Leute, die Mozart nicht mögen. Jedenfalls, es ist nicht gerade eingängig, man muss sich konzentrieren, und während ich mich nach vorne beuge – eine ziemlich sinnlose Geste, denn ich habe mein Gehör wegen meiner Jugend im Parkcafe verloren – schliessen andere die Augen und sinken in sich zusammen.

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Aber wenn ihnen dann die Waschzettel und Programme aus den Händen fallen, wenn sie gar kein Lebenszeichen mehr von sich geben und die Muskeln, oder was davon noch da ist, erschlaffen, dann kann das auch andere Ursachen haben. Ich zum Beispiel möchte, wenn ich mich nicht in Valeggio überfresse, wenigstens in der Pause von Mozarts Don Giovanni beim Betrachten schöner Menschen in Abendgarderobe in der Münchner Staatsoper sterben – seien wir ehrlich, den ganzen moralinsauren zweiten Teil mit dem Gewinsel Don Ottavios (Tenor und Kastrat in einer Rolle) und der neofeministischen, sexuell frustrierten Giftnatter Donna Elvira kann man sich sparen, wenn man gerade selbst zur Hölle fährt. Und wenn Sie einem dann Sterbenden diese letzte Offenheit erlauben, will ich auch nicht mehr meine Zeit mit dem Trottel Masetto und seiner absehbaren Krisenbeziehung Zerlina bei der Absprache ihrer kaputten Zweckehe verschwenden.

KV516 dagegen ist in meiner Heimatstadt im Konzertverein nicht gerade eine übermässig amüsante Angelegenheit, als dass man zu der Gelegenheit an Lebensfreude sterben möchte. Und in solchen Momenten schwindet auch meine Konzentration zugunsten einer unaussprechlichen Panik, denn was würden die Leute sagen, stürbe ein Konzertvereinsmitglied neben mir, und ich würde das gar nicht merken, und keinerlei Massnahme zu seiner Rettung unternehmen. Bei KV516 würde mir auch keiner glauben, dass ich nichts bemerkt hätte, also gebe ich meine vorgeschobene Position auf und lehne mich genau so zurück, dass ich den alten Herrn nicht zu sacht und nicht zu heftig berühre. Daraufhin entsackt er sich ein wenig. Richtet sich leicht auf und ich meine auch zu erkennen, dass seine Augen wieder geöffnet sind. Dieses Anstupsen ohne echtes Anstupsen, das jede Peinlichkeit vermeidet, das lernt man bei uns wie das Hustenunterdrücken früh und verlernt es nimmermehr.

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Ungeachtet dessen, man muss es leider sagen: Der Konzertverein ist fast 100 Jahre alt, und der Altersdurchschnitt der Besucher ist gefühlt nur unwesentlich jünger. In meinem fortgeschrittenen, über den Tod sinnierenden Alter bin ich hier noch einer der Jüngeren, und es ist kein Wunder, dass sich der Gebrauchtheiratsmarkt dieser Stadt aus dem Verein hin zur sonntäglichen Matinee in der Asamkirche verlagert hat. Dabei macht der Verein phantastische Arbeit, aber es ist wie überall: Die Jugend verliert wohl leider das Interesse. Und in meinem Alter gibt es auch viele, die klassische Musik lieber konzentriert daheim auf einer besonders guten Anlage hören. So kommen heute vor allem jene, die schon immer da waren, und in 20 Jahren mag diese Herrlichkeit vielleicht keine Besucher mehr finden. Vorne spielt ein Ensemble Alte Musik und im Saal verstreut sitzen ich und vielleicht noch 20 andere – das ist eine unschöne Vision, die mich manchmal überkommt, wenn ich den Blick schweifen lasse, oder neben mir ein Blatt verräterisch zu Boden fällt.

Darauf stellt sich wohl gerade der Bayerische Rundfunk ein, der für sein neues Jugendradio “Puls” eine UKW-Frequenz haben möchte. Ausgerechnet der Bayerische Rundfunk, dessen ergrautes Jugendformat “Zündfunk” seit Jahrzehnten Jugendradio macht, wie sich das nur Alt-68er Medienpädagogen in Nordrhein-Westfalen mit einer Neigung für genderneutrale Ausdrucksweise ausdenken können, ausgerechnet diese staatsparteinahe Mammutbehörde will also flippiger werden, mindestens so flippig wie die Kindertotenlieder feat. von Webern. Diese UKW-Lizenz soll BR Klassik -. früher Bayern 4 Klassik – liefern, das im Moment frei auf UKW empfangbar ist, und zwar so, dass all die älteren Herrschaften auch wissen, wie sie das in der S-Klasse, in der Villa und im Ferienanwesen empfangen. BR Klassik, so wird gedroht, soll dann “trimedial” auf DAB+ und ins Internet abgeschoben werden. Deshalb liegen hier bei uns Unterschriftenlisten aus, weil man natürlich nicht akzeptiert, dass uns das einzige, seriöse Programm genommen wird. Und wie dieses alte Publikum in der Lage ist, nach Dvorak einen Höllensturm des Beifalls im Konzertsaal zu entfesseln, so probt es jetzt auch den Aufstand. So frei und fair stelle ich mir Unterschriftenaktionen auf der Krim zugunsten von Moskau nicht vor, das hier ist mehr wie Nordkorea, nur ohne Zwang, aber mit viel Überzeugung.

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Noch ist es nur eine Liste der Bitte und keine Proskritpion. Tanzen lass all sie wild durcheinander, hier Menutte, dort Sarabanden, hier Menuette, schliesse die Reih’n, dort Sarabanden, schliesse die Reih’n – es ist der fröhliche Ingrimm der Champagnerarie, mit dem sich das Publikum hinter seinem Sender versammelt, denn es hat ein Recht auf die Übertragung der Opernfestspiele aus München. Stifte senken sich auf das Papier wie die Hämmer in der Zigeunerschmiede, denn was der Berliner an Forderungen an den Staat hat, das kann man hier und jetzt auch ein einziges Mal vortragen, wenn einem das Glück geraubt wird, auf dem Weg in den Urlaub keinen Dudelfunk hören zu müssen. Es ist kein grosser Hörerkreis, aber er weiss, wie man laut wird, richtig laut, und wem man Druck machen muss, damit der Hörfunkkulturschänder im Rundfunkrat gesagt bekommt, dass er hier keine Karriere mehr machen wird. Ja, die Jugend, die klaut ihre Musik doch sowieso im Internet, die schuffelt den Ipod, hat einen USB-Anschluss im Dacia Sandero, und ist sicher ganz scharf auf trimediale Konzepte, die aus Notebooks und Iphone krächzen.

Bescheidene 260.000 Hörer soll BR Klassik täglich haben, aber die sind organisiert und setzen sich für ihren Sender ein. Das sind nicht die hektischen Zapper mit 2 Minuten Aufmerksamkeitsspanne. Das ist das Publikum der Stationstaste, das sind die Dauerklatscher, die Schweiger bis zum letzten Verhallen, die Inderpausenichtheimgeher, diejenigen, die sich all den entwürdigenden Prozeduren der Kartenbeschaffung unterwerfen, um von Bayreuth bis Mailand mit dabei zu sein. Ein Freund meiner Eltern ist in seiner Jugend mit dem Rad über die Alpen nach Mailand gefahren, um dort in die Scala zu gehen – sie mögen alt aussehen, aber sie kommen noch aus einer anderen Zeit. Als vor ein paar Jahren schon mal versucht wurde, BR Klassik in die Neuesten Medien abzuschiessen, hat man sich auch schon auf die Hinterfüsse gestellt. BR Klassik bleibt – dieser Schwarze Block hier kennt keine Kompromisse, und akzeptiert keinen Staat und kein Spardiktat. Schliesslich ist die Haushaltsabgabe für die öffentlich-rechtlichen Programme für unsereins doppelt oder dreifach teuer, wenn weitere Familienmitglieder aus Gründen der Zweitwohnungssteuer in den besten Lagen gemeldet sind.

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Die Unterschriftenliste ist natürlich nur die erste Warnung, damit der Rundfunk weiss, dass er sich hier mit den Falschen trimedial anlegt. Denn er verstösst gegen das Heiligste aller bürgerlichen Gesetze: Was wir einmal haben, geben wir nicht mehr her. Mit dem Gefühl, es denen gezeigt zu haben, geht man hinunter in die Tiefgarage und ist weiblich, über 80 und mit Stock beschwingt der Meinung, dass doch besser einer der Jungen aus diesem Quintett die Zugabe hätte ansagen können. Denn die waren wirklich gut aussehend, also echt, und nicht bärtig wie jener Ältere, der es letztlich tat, und was ich zu den Kleidern sage. Die zweite Geige in Grün fand ich grandios, antworte ich und wäre nicht überrascht, wenn demnächst eine geschiedene Tochter hierher shanghait wird, in Grün natürlich und Schulterfrei. Dann fahren wir alle in den Stau an der Schranke, durchmessen die Nacht über der kleinen, manchmal nicht ganz so dummen Stadt an der Donau, und hören dabei BR Klassik, wir spielen uns auf, ja, wir spielen denen auf.

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Begleitmusik:

Es gibt ganz frisch von alpha eine wirklich schöne Liveaufnahme des Te Deum von Charpentier aus Versailles – und vom Te Deum von Lully, der bekanntlich ein unangenehmer Zeitgenosse war und sich beim Taktschlagen dieses Stücks den Stock so in den Fuss rammte, dass er daran starb. Was für ihn zwar unschön, aber fast so stilsicher wie ein ein Tod in der Pause von Don Giovanni ist.

Das Niederbrennen des Abendlandes auf zwölf Flammen

Man lasse den Affen 4 Stunden im Rohr und lösche ihn dann mit Weisswein ab.

Es ist so gut wie unmöglich, im Internet 15 Jahre freidenkend in gesicherter Position über Minderbemittelte und Niedrigunwohlgeborene zu schreiben, ohne dass einem von verschiedenen Seiten mit Todeswünschen geantwortet wird. Besonders unhöflich empfinde ich es bei dieser seltsamen Koalition aus Internetunternehmern, PRlern, Antifas, Rechtspopulisten, Feministinnen, Piratenpolitikern und anderen Gerechtigkeitsfreunden, dass sich ihre Vorstellung meines nur vorbehaltlich akzeptierten Ablebens überhaupt nicht mit meiner Hoffnung desselben deckt: Ich würde mich gern in Valeggio sul Mincio zu Tode essen, dann im Minciotal begraben werden, und jeden Tag müsste man einen Kessel mit heissem Wasser, in dem Tortelli di Zucca gekocht wurden, auf meiner Ruhestätte ausgiessen. Das wäre hübsch. Vermutlich, und das ist mir letzten Mittwoch wieder vor Augen geführt worden, werde ich aber in meiner Küche sterben, wenn ich vom Biedermeierstuhl falle, weil ich beim Putzen des Kronleuchters zu unvorsichtig bin.

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Ja, ich habe einen Kronleuchter in der Küche. Einen ganz kleinen, nur mit fünf Flammen, weil der mit 12, den ich dafür eigentlich vorgesehen hatte, für meine winzige 12m²-Singleküche doch zu gross ist. Und ich gebe auch gern zu, dass es in einer Küche, in der wirklich gekocht wird, kaum eine unpraktischere Beleuchtung als einen massiven Glassteinleuchter gibt. Mindestens vier mal im Jahr kann ich nicht umhin, ihn zu putzen. Zu Erklärung, Verteidigung und Begründung darf ich sagen, dass es keinesfalls dekadent ist: Ich hatte zu meiner Berliner Zeit eine Wohnung mehr als heute, und als ich Berlin auflöste, blieben so viele Kronleuchter übrig, dass sie aus Sparsamkeitsgründen auch im Bad, im Gang (über vier Stockwerke), auf dem Balkon und im Speicher hängen. Und fünf liegen wohl auch noch irgendwo in Kisten herum. Ich habe halt ein paar Kronleuchter zu viel und da ist es nur natürlich, wenn man sie nimmt, wie einem die Räume so zufallen. Leider muss ich aber sagen: Die Realität meiner Kreise hat mich eingeholt. Küche ohne Kronleuchter geht heute nämlich nicht mehr.

Man muss nur mal am Tegernsee entlang fahren und in die üblichen Küchengeschäfte schauen: Da hängen überall Kronleuchter. Nicht diese absurden Lichtleisten mit ein paar herabhängenden Zufallskristallen, sondern die alten, schweren Exemplare aus Messing oder Geblasene aus Murano, oder gefertigt aus Geweihen, wenn es etwas ländlicher sein soll und man eh nicht weiss, wohin mit den Trophäen vom Opa. Und das kommt hier nicht aus dem Elend heraus, dass man sich irgendwann auf drei Wohnsitze beschränkt und so etwas übrig bleibt, nein, das wird bewusst so als Ensemble zusammen mit der Küche gekauft. Neue Küche, alter Kronleuchter, dazu eventuell noch ein alt wirkender AGA-Herd. Über AGA sagt Wikipedia Erfreuliches: “Im 21. Jahrhundert gilt der AGA-Herd als Energieverschwender. Der Hersteller gibt eine permanente Leistung von 0,86 kW an. Damit kommt sein Energieverbrauch auf 7.500 kWh pro Jahr und bei Strompreisen vom April 2009 auf gut 1.200 €/a Betriebskosten.” Damit ist der AGA die ideale Ergänzung für einen 12-flammigen Kronleuchter mit matten 40-Watt-Kerzen – ein Must-Have.

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Besonders, wenn die Küche heute, wie so oft, im Wohnbereich integriert ist und als Schaustück gilt. Obwohl ich persönlich den rücksichtslosen Einsatz von Kronleuchtern absolut befürworte, geht mir das nicht nur einen essensdunstverseuchten Schritt zu weit: Es ist auch ein Verstoss gegen die Tradition, und schlimmer noch, es lackiert den Niedergang der besseren Gesellschaft gefällig um. Denn zu keiner Zeit, seitdem manche in Richtung Stadtpalast jenes Wohnstallhaus verlassen haben, in dem andere noch Jahrtausende blieben, war es je so, dass man Küche und Wohnen vereint hätte. Das hat man stets zu trennen gewusst, sei es wegen der Feuergefahr, sei es, weil das schwitzende Personal kein schöner Anblick war, sei es, weil Kochen nun mal mit Dreck und Geruch verbunden war, oder einfach nur, weil man eben die Klassengrenzen wahren wollte. Der eine kocht und der andere isst und damit sie nicht direkt in Kontakt kommen, ist in meiner Bibliothek die Tür zum Gang mit einem Fenster versehen: Früher war nämlich dieser Raum die Küche und das, was heute meine Küche ist, war nur die Speis für die Vorräte. Und das Essen wurde von der Köchin durch die Tür dem Personal gereicht, das das Essen auftrug.

Das war eben die gute alte Zeit, da hatte jeder seinen Platz, die Kinder sassen am Tich gerade, hielten den Mund und hatten keine Sonderwünsche wie Nutellasalamicolabrote. Die Familien waren auch gross genug, dass ein ganzes Stockwerk im Speicher denen vorbehalten blieb, die den Familien das Wasserschleppen, das Waschen, das Holzhacken und Bedienen gegen Lohn, Kost, Logis auf 6m² und die Vermeidung von Unannehmlichkeiten in Kohlegruben und Giessereien abnahmen. Natürlich lebt heute niemand mehr so. Selbst sog. Mehrgenerationenhäuser haben zwar Spülmaschine und Wäschetrockner, aber nicht mehr dieses Gemeinschaftsgefühl einer Sippe, die auf Gedeih und Verderb aufeinander angewiesen ist, und dafür Personal braucht. Im Speisezimmer war der Kronleuchter, in der Küche der Kienspan und das Lodern des Feuers. Das war die grosse Zeit jener grossen Lüster, die man heute in der Küche zeigt.

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Heute ist das, wie gesagt, eine Lebenseinheit mit loftartiger Anmutung. Irgendwo im Raum ist dann die Kochinsel und daran sind Barhocker zu finden, auf denen Menschen halbstehend lümmeln, den Ellenbogen auf dem Tischersatz haben, und quasi vom Kochtopf weg essen, am liebsten natürlich mit dem risikominimierenden Löffel, das geht so einfach. In der Werbung werden solche zwanglosen Gemeinschaftserlebnisse als schick präsentiert – ich gehe sicher nicht falsch in der Annahme, dass man vor 100 Jahren Personal sofort entlassen hätte, wenn es in der Küche so ein Benehmen zeigte. Nicht nur die Küche hat sich in den Wohnraum unter den Kronleuchter geschoben – auch das Verhalten der Pferdeknechte und Waschweiber hat sich in die gute Stube vorgearbeitet. Auf der Vormarschstrecke der Unterschicht bleiben dann natürlich Tafelsilber, Brokattischdecke und Goldrandgeschirr und alles andere, das früher schied den Herrn vom Schimp

Ich muss vorsichtiger bei der Beschreibung von Primaten sein, sonst kriege ich wieder Drohungen von der Antaffa. Abgesehen davon glaube ich nicht, dass in diesen Schauküchen wirklich wie früher gekocht wird, denn nicht nur die Preise und Ausmasse der Küchen nehmen zu – es werden dort auch TV-Geräte verbaut, und es steigt der Umsatz von Fertiggerichten. Der englische Begriff “Convenience Food” ist hier wirklich angemessen. Denn es geht hier nicht um “Gerichte”, die angerichtet werden müssen, sondern nur um Essen und Bequemlichkeit bei TV-Unterhaltung, unter Vermeidung der Kunst, die “Kochen” ursprünglich einmal war. Früher hatte man Dienstboten in der Küche, heute wird die Zubereitung an grosse Nahrungsmittelkonzerne und ihren Marken abgegeben: Das erlaubt tatsächlich, die geruchsarme Küchenattrappe unter einen Kronleuchter im Wohnzimmer zu haben, und eventuell mal Tomaten und Mozarella mit dem Keramikmesser zu säbeln, während darüber die Kochshow läuft.

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Den Kronleuchter haben wir natürlich noch immer über uns, aber die Vergangenheit ist ausgelöscht. Es ist kein Wunder, wenn die Kinder dieser Familien dereinst, wenn sie 22 sind, vor der Bewerbung die “Soft Skills” des Benehmens am Tisch und die richtige Haltung von Messer und Gabel mühsam in einem teuren Kurs erlernen müssen, um den Anforderungen der gewünschten Gehaltsklasse zu entsprechen. Daheim bringt das Essen jedoch der automatische Kühlschrank. In Plastikverpackung. Weil, Abspülen und Dinge erhalten, das ist so 19. Jahrhundert, das kann man heute keinem mehr zumuten, und so eine Küche nimmt in den Metropolen ohnehin nur teuren Platz weg.

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