Deschner, de Sade und Mutzenbacher im Lateinunterricht

Wenn ihr feststellt, dass sie nicht gewillt sind, ihr Verhalten zu ändern, so befehlen wir, dass ihr sie mit größtem Eifer verfolgt.
Gregor der Grosse über Heiden wie mich

Die Kirche hat nicht nur einen guten Magen, wie einmal jener kluge Kopf bemerkte, der in des Pudels Kern steckte – sie hat auch gute und dauerhafte Kreide. Denn wenn ich in meiner Heimatstadt zum Bäcker gehe, komme ich an Häusern und Türen vobei, und auf fast allen Türen steht 20 C + M + B 08. Das haben die Sternsinger vor 6 Jahren an die Türen gemalt. Und danach nicht mehr. Aus mir nicht näher bekannten Gründen kommen Caspar, Melchior und Balthasar nämlich nicht mehr, selbst wenn noch vor einer Dekade versucht wurde, die Reihe der Weisen aus dem Morgenland mit Weisinnen zu schliessen. Ich bin – wie jener kluge Kopf in des Pudels Kern – allergisch gegen Weihrauch, und obendrein auch noch Agnostiker, insofern ist das für mich kein Besuch, den ich sonderlich vermissen würde.

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Würde ich den Namen meiner kleinen, dummen, aber manchmal auch sehr robusten Heimatstadt an der Donau nennen, so würde die Leserschaft heute damit einen Hersteller deutscher Automobile verbinden, und vielleicht noch das Reinheitsgebot, das hier 1516 erlassen wurde. Dabei liegt die historisch entscheidende Bedeutung darin, dass hier über Jahrhunderte alle Bräuche des Katholizismus nicht nur eingehalten, sondern von hier aus auch mit allen Mitteln durchgesetzt wurden: Über all die Epochen war diese Stadt das wichtigste Zentrum der Gegenreformation in Deutschland, und das hat sie geprägt. Das Haus, in dem ich schreibe und das sich meine Familie angeeignet hat, war früher ein Jesuitenkolleg, und das Zimmer, in dem ich sitze, beherbergte die Bibliothek mit all den Geisteswaffen, die man zum Niedermachen Andersgläubiger für notwendig erachtete. Ich habe ein paar der Bücher gelesen, die hier noch im 18. Jahrhundert verfasst wurden, und von Aufklärung ist da keine Spur. Schwarz, rabenschwarz war diese Stadt, und auch nach dem Ende des Heiligen Römischen Reiches dominierte hier die Kirche alles.

Aus der Einheit von Thron und Altar wurde die Einigkeit des Konkordats und letztlich dann die formelle Trennung von Staat und Kirche, die einem Schüler hier auch nicht weiterhalf, wenn er zwar Ethik besuchte, aber in Latein der Religionslehrer ohne Rücksicht sein Weltbild diktierte. Grosso Modo gibt es ja zwei Arten von Lateinlehrern: Die Freunde der Antike mit ihren teilweise doch sehr losen Sitten. Und dann jene, die für Theologie das spätantike Kirchenlatein erlernten, und in Latein die Sprache des Glaubens sahen, auch wenn der aramäischsprachige Religionsgründer selbst Latein als Fremdsprache erlernt haben dürfte. So etwas durfte man im Unterricht natürlich nicht erwähnen, und wer dennoch meinte, ein kluger Kopf sein zu müssen, dem wurde derselbe eingedellt, so wie es im Moment die Bauarbeiter mit den Schädeln jener Gläubigen tun, deren sterbliche Überreste bei den Umbauarbeiten am Münster den modernen Notwendigkeiten im Weg liegen.

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Um so begieriger haben wir damals – 80er Jahre, 20. Jahrhundert, unter Strauss und Kohl – den Deschner gelesen. Der Bezug desselben war nicht so einfach, den musste man nämlich im Buchgeschäft bestellen, wo er natürlich nicht vorrätig war – das Buchgeschäft war mit der Lokalzeitung verquickt und die Lokalzeitung wiederum war so gestaltet, dass sie jederzeit das Privileg der hiesigen Jesuiten des 17. Jahrhunderts bekommen hätte. Der Deschner wurde dann heimlich vor dem Beginn des Unterrichts von einem klugen Kopf zum nächsten gegeben, was von da an zuverlässig für allergrösste Nöte in Religion und Latein führte. Zwar war dem armen Mann das Kirchenlatein im Kopf geblieben, aber nicht all die schönen Stellen, die Deschner zusammengetragen hatte: Die spitzen Pfeile trugen die Namen von Ambrosius von Mailand, Johannes Chrysostomus und Augustinus von Hippo, und generell hatte das Christentum in 1900 Jahren viel Zeit, all das Unerbauliche und Aberwitzige anzuordnen, was so ein Religion- und Lateinlehrer seinerzeit sicher auch nicht im Original gelesen hatte, oder vielleicht auch nur vom Hörensagen kannte.

Es ist nun mal nicht leicht, die Botschaft der Liebe in die Gymnasiastenwelt zu tragen, wenn dieselbe gereizt, auf eine gebildete Art pubertär und obendrein verärgert ist, weil Herr Deschner einem die Augen nach all den Jahren der historischen Unkorrektheit, der “frommen Lügen” geöffnet hat. Jede Diktatur erschafft sich ihre gegnerischen Bestien selbst, genauso verschlagen und zynisch wie sie. Es genügte, nur einmal siebengescheit das häretische Wort “Apokatastase” einfliessen zu lassen, und die Stunde war gelaufen. Hochgefährlich war das Spiel, das wir spielten, denn hätte man bei einem von uns in der Schule den Deschner gefunden, es hätte mehr Ärger gegeben als damals, als der heutige Chefarzt H. sein frühes Interesse an der menschlichen Anatomie durch das Vorzeigen des “Puer Ludens”, des Playboy in der Umkleidekabine bewies, als der Sportlehrer F. unvermutet eintrat. Da hätte man uns, wie es bei uns im Wissen um den real existierenden Glauben so schön heisst, katholisch gemacht im Sinne von “Kopf abgerissen”. So hart wurde damals die Freiheit erkämpft, und neben der schlechten mündlichen Noten nahm man die Gewissheit mit, dass man sich von denen nicht mehr für dumm verkaufen lässt – man hat ja seinen Deschner gelesen, und auch, sobald man seiner habhaft wurde, seinen de Sade. Die Josefine Mutzenbacher wurde ja leider schon 1982 auf den staatlichen Index Librorum Prohibitorum gesetzt, da nahm man eben, was man kriegen konnte, wenn man es nicht zufälligerweise irgendwo bekam.

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Weltenfern sind solche Lustbarkeiten von jenen Gerippen, die nun schon erheblich vor dem jüngsten Gericht und der Auferstehung beim Chor des Münsters an das Tageslicht kommen. Billig waren diese Grabstätten damals nicht, das waren mithin die besten Plätze, nahe am Altar, bei den Gebeten und den Reliquien. Man musste den frommen Werken viel geben, um dort begraben zu werden und auf die letzten Tage zu warten. Ich selbst habe übrigens nach dem Abitur Archäologie studiert, dazu dann auch Kirchenväter und Klosterarchivalien im Original gelesen, und monatelang solche Körper aus der Erde befreit – am Ende steht für jene die Inventarisierung im blauen Müllsack. So ist das mit dieser Welt. Am Abend sitzt man am Bauwagen und grillt, und niemand denkt sich etwas dabei, dass hinten in den Holzkisten ein paar Dutzend Gerippe liegen, oder von fern die Kirchenglocken läuten. Es werden nicht die Böcke von den Schafen getrennt, Diakon und Prasser, sie alle bekommen den gleichen blauen Sack. Als Ausgräber ist man nicht respektlos wie gegenüber dem Lateinlehrer, man betrachtet den Befund, der einmal ein Mensch war, durchaus mit fachlichem Interesse. Aber die Erwartung eines besseren Jenseits spielt dabei keine Rolle mehr.

Von meinem Zimmer, der ehemaligen Bibliothek des religösen Wahns, aus der heraus die Schlächtereien des 30-jährigen Krieges gelobt wurden, blicke ich auf den Chor der Kirche, und dazwischen ist die ehemalige Klosterschule für Mädchen. Ein Kloster ist vorne immer noch, aber es stirbt aus, und hinten tragen die Mächen enge Leggins und iPhones, auf denen sie sich die Zuschriften ihrer Freunde zeigen, die oft an der gleichen Schule sind. Früher galt hier noch Zucht, Ordnung und Hausarbeit als einziges Programm, heute ist das eine Schule wie jede andere. Damals war ich im Ethikunterricht ein Exot, heute ist das überall eine ganz normale Einrichtung. Ich mache mir wenig Illusionen über das, was die Kinder im Netz herunterladen; es dürfte wohl das sein, was heute als “jugendgefährdend” gilt. Niemand hat es heute noch nötig, im Krieg gegen einen Lehrer die gemeinsten Stellen von Gregor dem Grossen vorzutragen, um sich der ideologischen Vereinnahmung zu erwehren. Verloren hat die Kirche nicht gegen Deschner, Voltaire und Bismarck – verloren hat sie gegen die Gleichgültigkeit und den Umstand, dass angesichts mancher unschöner Hirten das Sparen der Kirchensteuer moralisch gut erklärbar ist.

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Das ist eben der Gang der Zeit, und es sieht nicht so aus, als würde sich daran im Zeichen eines angeblichen Jugendschutzes und in die Debatte geworfener Pornofilter im Internet noch etwas ändern. Früher hatte die Kirche da wohl noch eine gewisse Strahlkraft, da konnte man den Kindern Ängste und Schuldgefühle einreden, weil die Informationsquellen beschränkt und kontrolliert waren. Der Playboy hat den H. aber nicht zu einem schlechten Menschen werden lassen, und obwohl ich meinen Deschner kenne, hängt links über meinem Sekretär, über zwei lasziven Rokokoamen und neben einem künstlerischen Hallodri auch ein nicht gerade schöner Würzburger Bischof aus der 2. Hälfte des 17. Jahrhunderts. Beinahe hätte ich wegen all der Frechheiten und der mündlichen Einträge das Latinum nicht bekommen, aber rückblickend muss man wohl sagen: Solange man sich streitet und bis aufs Blut quält, hat man sich wenigstens noch etwas zu sagen. Sobald da aber nur noch die Gleichgültigkeit ist, der Kirchenaustritt ein Steuersparmodell wird, und man den Deschner nicht kennen muss, weil der Augustinus mit seiner Erbsünde nicht mehr von dieser Welt ist, muss man sich auch nicht wundern, wen die Kreide an den Türen langsam verbleicht, vergessen und nie mehr erneuert wird.

Der Schwarze Block greift den Rundfunk an

Largo morendo – Andantino con brio – Prrrresto a bene piacito

Vielleicht bin ich der einzige, der es hört, dieses leise Geräusch eines auf den Boden fallenden Blatt Papiers, auf dem zu lesen ist, dass demnächst das Kammerorchester sein Jubiläum feiert, und zu diesem Anlass Ravel und Bizet zur Aufführung bringen wird. Die Ankündigung ist aus der Hand meines Nachbarn gefallen, und aus dem Augenwinkel erkenne ich, dass er tief in sich zusammengesunken ist. Noch tiefer als zu Beginn des Konzerts, und vielleicht, hätte ich denken können, ist es einfach die Ergriffenheit. Manche schätzen ja das Streichquintett g-moll KV516, das Mozart 1787 schrieb, und das so gar nichts von der kraftstrotzenden Leichtigkeit all der Arien hat, die er zu dieser Zeit für Don Giovanni komponierte. Jemand hat etwas bösartig gesagt, das Quintett sei Mozart für Leute, die Mozart nicht mögen. Jedenfalls, es ist nicht gerade eingängig, man muss sich konzentrieren, und während ich mich nach vorne beuge – eine ziemlich sinnlose Geste, denn ich habe mein Gehör wegen meiner Jugend im Parkcafe verloren – schliessen andere die Augen und sinken in sich zusammen.

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Aber wenn ihnen dann die Waschzettel und Programme aus den Händen fallen, wenn sie gar kein Lebenszeichen mehr von sich geben und die Muskeln, oder was davon noch da ist, erschlaffen, dann kann das auch andere Ursachen haben. Ich zum Beispiel möchte, wenn ich mich nicht in Valeggio überfresse, wenigstens in der Pause von Mozarts Don Giovanni beim Betrachten schöner Menschen in Abendgarderobe in der Münchner Staatsoper sterben – seien wir ehrlich, den ganzen moralinsauren zweiten Teil mit dem Gewinsel Don Ottavios (Tenor und Kastrat in einer Rolle) und der neofeministischen, sexuell frustrierten Giftnatter Donna Elvira kann man sich sparen, wenn man gerade selbst zur Hölle fährt. Und wenn Sie einem dann Sterbenden diese letzte Offenheit erlauben, will ich auch nicht mehr meine Zeit mit dem Trottel Masetto und seiner absehbaren Krisenbeziehung Zerlina bei der Absprache ihrer kaputten Zweckehe verschwenden.

KV516 dagegen ist in meiner Heimatstadt im Konzertverein nicht gerade eine übermässig amüsante Angelegenheit, als dass man zu der Gelegenheit an Lebensfreude sterben möchte. Und in solchen Momenten schwindet auch meine Konzentration zugunsten einer unaussprechlichen Panik, denn was würden die Leute sagen, stürbe ein Konzertvereinsmitglied neben mir, und ich würde das gar nicht merken, und keinerlei Massnahme zu seiner Rettung unternehmen. Bei KV516 würde mir auch keiner glauben, dass ich nichts bemerkt hätte, also gebe ich meine vorgeschobene Position auf und lehne mich genau so zurück, dass ich den alten Herrn nicht zu sacht und nicht zu heftig berühre. Daraufhin entsackt er sich ein wenig. Richtet sich leicht auf und ich meine auch zu erkennen, dass seine Augen wieder geöffnet sind. Dieses Anstupsen ohne echtes Anstupsen, das jede Peinlichkeit vermeidet, das lernt man bei uns wie das Hustenunterdrücken früh und verlernt es nimmermehr.

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Ungeachtet dessen, man muss es leider sagen: Der Konzertverein ist fast 100 Jahre alt, und der Altersdurchschnitt der Besucher ist gefühlt nur unwesentlich jünger. In meinem fortgeschrittenen, über den Tod sinnierenden Alter bin ich hier noch einer der Jüngeren, und es ist kein Wunder, dass sich der Gebrauchtheiratsmarkt dieser Stadt aus dem Verein hin zur sonntäglichen Matinee in der Asamkirche verlagert hat. Dabei macht der Verein phantastische Arbeit, aber es ist wie überall: Die Jugend verliert wohl leider das Interesse. Und in meinem Alter gibt es auch viele, die klassische Musik lieber konzentriert daheim auf einer besonders guten Anlage hören. So kommen heute vor allem jene, die schon immer da waren, und in 20 Jahren mag diese Herrlichkeit vielleicht keine Besucher mehr finden. Vorne spielt ein Ensemble Alte Musik und im Saal verstreut sitzen ich und vielleicht noch 20 andere – das ist eine unschöne Vision, die mich manchmal überkommt, wenn ich den Blick schweifen lasse, oder neben mir ein Blatt verräterisch zu Boden fällt.

Darauf stellt sich wohl gerade der Bayerische Rundfunk ein, der für sein neues Jugendradio “Puls” eine UKW-Frequenz haben möchte. Ausgerechnet der Bayerische Rundfunk, dessen ergrautes Jugendformat “Zündfunk” seit Jahrzehnten Jugendradio macht, wie sich das nur Alt-68er Medienpädagogen in Nordrhein-Westfalen mit einer Neigung für genderneutrale Ausdrucksweise ausdenken können, ausgerechnet diese staatsparteinahe Mammutbehörde will also flippiger werden, mindestens so flippig wie die Kindertotenlieder feat. von Webern. Diese UKW-Lizenz soll BR Klassik -. früher Bayern 4 Klassik – liefern, das im Moment frei auf UKW empfangbar ist, und zwar so, dass all die älteren Herrschaften auch wissen, wie sie das in der S-Klasse, in der Villa und im Ferienanwesen empfangen. BR Klassik, so wird gedroht, soll dann “trimedial” auf DAB+ und ins Internet abgeschoben werden. Deshalb liegen hier bei uns Unterschriftenlisten aus, weil man natürlich nicht akzeptiert, dass uns das einzige, seriöse Programm genommen wird. Und wie dieses alte Publikum in der Lage ist, nach Dvorak einen Höllensturm des Beifalls im Konzertsaal zu entfesseln, so probt es jetzt auch den Aufstand. So frei und fair stelle ich mir Unterschriftenaktionen auf der Krim zugunsten von Moskau nicht vor, das hier ist mehr wie Nordkorea, nur ohne Zwang, aber mit viel Überzeugung.

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Noch ist es nur eine Liste der Bitte und keine Proskritpion. Tanzen lass all sie wild durcheinander, hier Menutte, dort Sarabanden, hier Menuette, schliesse die Reih’n, dort Sarabanden, schliesse die Reih’n – es ist der fröhliche Ingrimm der Champagnerarie, mit dem sich das Publikum hinter seinem Sender versammelt, denn es hat ein Recht auf die Übertragung der Opernfestspiele aus München. Stifte senken sich auf das Papier wie die Hämmer in der Zigeunerschmiede, denn was der Berliner an Forderungen an den Staat hat, das kann man hier und jetzt auch ein einziges Mal vortragen, wenn einem das Glück geraubt wird, auf dem Weg in den Urlaub keinen Dudelfunk hören zu müssen. Es ist kein grosser Hörerkreis, aber er weiss, wie man laut wird, richtig laut, und wem man Druck machen muss, damit der Hörfunkkulturschänder im Rundfunkrat gesagt bekommt, dass er hier keine Karriere mehr machen wird. Ja, die Jugend, die klaut ihre Musik doch sowieso im Internet, die schuffelt den Ipod, hat einen USB-Anschluss im Dacia Sandero, und ist sicher ganz scharf auf trimediale Konzepte, die aus Notebooks und Iphone krächzen.

Bescheidene 260.000 Hörer soll BR Klassik täglich haben, aber die sind organisiert und setzen sich für ihren Sender ein. Das sind nicht die hektischen Zapper mit 2 Minuten Aufmerksamkeitsspanne. Das ist das Publikum der Stationstaste, das sind die Dauerklatscher, die Schweiger bis zum letzten Verhallen, die Inderpausenichtheimgeher, diejenigen, die sich all den entwürdigenden Prozeduren der Kartenbeschaffung unterwerfen, um von Bayreuth bis Mailand mit dabei zu sein. Ein Freund meiner Eltern ist in seiner Jugend mit dem Rad über die Alpen nach Mailand gefahren, um dort in die Scala zu gehen – sie mögen alt aussehen, aber sie kommen noch aus einer anderen Zeit. Als vor ein paar Jahren schon mal versucht wurde, BR Klassik in die Neuesten Medien abzuschiessen, hat man sich auch schon auf die Hinterfüsse gestellt. BR Klassik bleibt – dieser Schwarze Block hier kennt keine Kompromisse, und akzeptiert keinen Staat und kein Spardiktat. Schliesslich ist die Haushaltsabgabe für die öffentlich-rechtlichen Programme für unsereins doppelt oder dreifach teuer, wenn weitere Familienmitglieder aus Gründen der Zweitwohnungssteuer in den besten Lagen gemeldet sind.

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Die Unterschriftenliste ist natürlich nur die erste Warnung, damit der Rundfunk weiss, dass er sich hier mit den Falschen trimedial anlegt. Denn er verstösst gegen das Heiligste aller bürgerlichen Gesetze: Was wir einmal haben, geben wir nicht mehr her. Mit dem Gefühl, es denen gezeigt zu haben, geht man hinunter in die Tiefgarage und ist weiblich, über 80 und mit Stock beschwingt der Meinung, dass doch besser einer der Jungen aus diesem Quintett die Zugabe hätte ansagen können. Denn die waren wirklich gut aussehend, also echt, und nicht bärtig wie jener Ältere, der es letztlich tat, und was ich zu den Kleidern sage. Die zweite Geige in Grün fand ich grandios, antworte ich und wäre nicht überrascht, wenn demnächst eine geschiedene Tochter hierher shanghait wird, in Grün natürlich und Schulterfrei. Dann fahren wir alle in den Stau an der Schranke, durchmessen die Nacht über der kleinen, manchmal nicht ganz so dummen Stadt an der Donau, und hören dabei BR Klassik, wir spielen uns auf, ja, wir spielen denen auf.

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Begleitmusik:

Es gibt ganz frisch von alpha eine wirklich schöne Liveaufnahme des Te Deum von Charpentier aus Versailles – und vom Te Deum von Lully, der bekanntlich ein unangenehmer Zeitgenosse war und sich beim Taktschlagen dieses Stücks den Stock so in den Fuss rammte, dass er daran starb. Was für ihn zwar unschön, aber fast so stilsicher wie ein ein Tod in der Pause von Don Giovanni ist.

Das Niederbrennen des Abendlandes auf zwölf Flammen

Man lasse den Affen 4 Stunden im Rohr und lösche ihn dann mit Weisswein ab.

Es ist so gut wie unmöglich, im Internet 15 Jahre freidenkend in gesicherter Position über Minderbemittelte und Niedrigunwohlgeborene zu schreiben, ohne dass einem von verschiedenen Seiten mit Todeswünschen geantwortet wird. Besonders unhöflich empfinde ich es bei dieser seltsamen Koalition aus Internetunternehmern, PRlern, Antifas, Rechtspopulisten, Feministinnen, Piratenpolitikern und anderen Gerechtigkeitsfreunden, dass sich ihre Vorstellung meines nur vorbehaltlich akzeptierten Ablebens überhaupt nicht mit meiner Hoffnung desselben deckt: Ich würde mich gern in Valeggio sul Mincio zu Tode essen, dann im Minciotal begraben werden, und jeden Tag müsste man einen Kessel mit heissem Wasser, in dem Tortelli di Zucca gekocht wurden, auf meiner Ruhestätte ausgiessen. Das wäre hübsch. Vermutlich, und das ist mir letzten Mittwoch wieder vor Augen geführt worden, werde ich aber in meiner Küche sterben, wenn ich vom Biedermeierstuhl falle, weil ich beim Putzen des Kronleuchters zu unvorsichtig bin.

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Ja, ich habe einen Kronleuchter in der Küche. Einen ganz kleinen, nur mit fünf Flammen, weil der mit 12, den ich dafür eigentlich vorgesehen hatte, für meine winzige 12m²-Singleküche doch zu gross ist. Und ich gebe auch gern zu, dass es in einer Küche, in der wirklich gekocht wird, kaum eine unpraktischere Beleuchtung als einen massiven Glassteinleuchter gibt. Mindestens vier mal im Jahr kann ich nicht umhin, ihn zu putzen. Zu Erklärung, Verteidigung und Begründung darf ich sagen, dass es keinesfalls dekadent ist: Ich hatte zu meiner Berliner Zeit eine Wohnung mehr als heute, und als ich Berlin auflöste, blieben so viele Kronleuchter übrig, dass sie aus Sparsamkeitsgründen auch im Bad, im Gang (über vier Stockwerke), auf dem Balkon und im Speicher hängen. Und fünf liegen wohl auch noch irgendwo in Kisten herum. Ich habe halt ein paar Kronleuchter zu viel und da ist es nur natürlich, wenn man sie nimmt, wie einem die Räume so zufallen. Leider muss ich aber sagen: Die Realität meiner Kreise hat mich eingeholt. Küche ohne Kronleuchter geht heute nämlich nicht mehr.

Man muss nur mal am Tegernsee entlang fahren und in die üblichen Küchengeschäfte schauen: Da hängen überall Kronleuchter. Nicht diese absurden Lichtleisten mit ein paar herabhängenden Zufallskristallen, sondern die alten, schweren Exemplare aus Messing oder Geblasene aus Murano, oder gefertigt aus Geweihen, wenn es etwas ländlicher sein soll und man eh nicht weiss, wohin mit den Trophäen vom Opa. Und das kommt hier nicht aus dem Elend heraus, dass man sich irgendwann auf drei Wohnsitze beschränkt und so etwas übrig bleibt, nein, das wird bewusst so als Ensemble zusammen mit der Küche gekauft. Neue Küche, alter Kronleuchter, dazu eventuell noch ein alt wirkender AGA-Herd. Über AGA sagt Wikipedia Erfreuliches: “Im 21. Jahrhundert gilt der AGA-Herd als Energieverschwender. Der Hersteller gibt eine permanente Leistung von 0,86 kW an. Damit kommt sein Energieverbrauch auf 7.500 kWh pro Jahr und bei Strompreisen vom April 2009 auf gut 1.200 €/a Betriebskosten.” Damit ist der AGA die ideale Ergänzung für einen 12-flammigen Kronleuchter mit matten 40-Watt-Kerzen – ein Must-Have.

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Besonders, wenn die Küche heute, wie so oft, im Wohnbereich integriert ist und als Schaustück gilt. Obwohl ich persönlich den rücksichtslosen Einsatz von Kronleuchtern absolut befürworte, geht mir das nicht nur einen essensdunstverseuchten Schritt zu weit: Es ist auch ein Verstoss gegen die Tradition, und schlimmer noch, es lackiert den Niedergang der besseren Gesellschaft gefällig um. Denn zu keiner Zeit, seitdem manche in Richtung Stadtpalast jenes Wohnstallhaus verlassen haben, in dem andere noch Jahrtausende blieben, war es je so, dass man Küche und Wohnen vereint hätte. Das hat man stets zu trennen gewusst, sei es wegen der Feuergefahr, sei es, weil das schwitzende Personal kein schöner Anblick war, sei es, weil Kochen nun mal mit Dreck und Geruch verbunden war, oder einfach nur, weil man eben die Klassengrenzen wahren wollte. Der eine kocht und der andere isst und damit sie nicht direkt in Kontakt kommen, ist in meiner Bibliothek die Tür zum Gang mit einem Fenster versehen: Früher war nämlich dieser Raum die Küche und das, was heute meine Küche ist, war nur die Speis für die Vorräte. Und das Essen wurde von der Köchin durch die Tür dem Personal gereicht, das das Essen auftrug.

Das war eben die gute alte Zeit, da hatte jeder seinen Platz, die Kinder sassen am Tich gerade, hielten den Mund und hatten keine Sonderwünsche wie Nutellasalamicolabrote. Die Familien waren auch gross genug, dass ein ganzes Stockwerk im Speicher denen vorbehalten blieb, die den Familien das Wasserschleppen, das Waschen, das Holzhacken und Bedienen gegen Lohn, Kost, Logis auf 6m² und die Vermeidung von Unannehmlichkeiten in Kohlegruben und Giessereien abnahmen. Natürlich lebt heute niemand mehr so. Selbst sog. Mehrgenerationenhäuser haben zwar Spülmaschine und Wäschetrockner, aber nicht mehr dieses Gemeinschaftsgefühl einer Sippe, die auf Gedeih und Verderb aufeinander angewiesen ist, und dafür Personal braucht. Im Speisezimmer war der Kronleuchter, in der Küche der Kienspan und das Lodern des Feuers. Das war die grosse Zeit jener grossen Lüster, die man heute in der Küche zeigt.

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Heute ist das, wie gesagt, eine Lebenseinheit mit loftartiger Anmutung. Irgendwo im Raum ist dann die Kochinsel und daran sind Barhocker zu finden, auf denen Menschen halbstehend lümmeln, den Ellenbogen auf dem Tischersatz haben, und quasi vom Kochtopf weg essen, am liebsten natürlich mit dem risikominimierenden Löffel, das geht so einfach. In der Werbung werden solche zwanglosen Gemeinschaftserlebnisse als schick präsentiert – ich gehe sicher nicht falsch in der Annahme, dass man vor 100 Jahren Personal sofort entlassen hätte, wenn es in der Küche so ein Benehmen zeigte. Nicht nur die Küche hat sich in den Wohnraum unter den Kronleuchter geschoben – auch das Verhalten der Pferdeknechte und Waschweiber hat sich in die gute Stube vorgearbeitet. Auf der Vormarschstrecke der Unterschicht bleiben dann natürlich Tafelsilber, Brokattischdecke und Goldrandgeschirr und alles andere, das früher schied den Herrn vom Schimp

Ich muss vorsichtiger bei der Beschreibung von Primaten sein, sonst kriege ich wieder Drohungen von der Antaffa. Abgesehen davon glaube ich nicht, dass in diesen Schauküchen wirklich wie früher gekocht wird, denn nicht nur die Preise und Ausmasse der Küchen nehmen zu – es werden dort auch TV-Geräte verbaut, und es steigt der Umsatz von Fertiggerichten. Der englische Begriff “Convenience Food” ist hier wirklich angemessen. Denn es geht hier nicht um “Gerichte”, die angerichtet werden müssen, sondern nur um Essen und Bequemlichkeit bei TV-Unterhaltung, unter Vermeidung der Kunst, die “Kochen” ursprünglich einmal war. Früher hatte man Dienstboten in der Küche, heute wird die Zubereitung an grosse Nahrungsmittelkonzerne und ihren Marken abgegeben: Das erlaubt tatsächlich, die geruchsarme Küchenattrappe unter einen Kronleuchter im Wohnzimmer zu haben, und eventuell mal Tomaten und Mozarella mit dem Keramikmesser zu säbeln, während darüber die Kochshow läuft.

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Den Kronleuchter haben wir natürlich noch immer über uns, aber die Vergangenheit ist ausgelöscht. Es ist kein Wunder, wenn die Kinder dieser Familien dereinst, wenn sie 22 sind, vor der Bewerbung die “Soft Skills” des Benehmens am Tisch und die richtige Haltung von Messer und Gabel mühsam in einem teuren Kurs erlernen müssen, um den Anforderungen der gewünschten Gehaltsklasse zu entsprechen. Daheim bringt das Essen jedoch der automatische Kühlschrank. In Plastikverpackung. Weil, Abspülen und Dinge erhalten, das ist so 19. Jahrhundert, das kann man heute keinem mehr zumuten, und so eine Küche nimmt in den Metropolen ohnehin nur teuren Platz weg.

Wie die Welt, die CSU und die Grünen untergingen

Mei is des schee.

Eigentlich ist alles wie immer. Nichts deutet darauf hin, dass hier gerade, zumindest für manche, die Welt untergegangen ist, und sich für den Rest der Planet zumindest ein paar Grad aus ihrer Achse verschoben hat. Der Himmel ist so italienisch blau, wie er nur sein kann, die Fernsicht auf die smogverseuchten Niederungen von München ist phänomenal, es fahren Schifferl über den glasklaren See, die Menschen trinken Spritz, Hugo und Espresso, und die Schlange beim Konditor, der gleichzeitig der Spitzenvertreter der CSU ist, reicht bis auf die Strasse. Zurecht, natürlich. Es ist alles wie immer. Mit dem kleinen Unterschied, dass dieser Landkreis, dessen Bewohner zu den Reichen, und, wenn sie am Tegernsee leben, sogar zu denen gehören, denen der unverschämte Staat alles nimmt – dass dieser Landkreis, der Bayerischste aller Bayerischen, diese Postkartenidylle mit Vollbeschäftigung und Trachtengeschäften, nunmehr von einem Grünen – früher hätte man summarisch gesagt, Longhoorada, Gommunisd, Keandlfressa – regiert wird.

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Dafür gibt es handfeste politische Gründe. Der Kandidat der CSU war affärenerschüttert und der Kandidat der Freien Wähler musste plakatieren, dass er “unbelastet” sei – einfach, weil es bei seiner Gruppierung auch welche gab, die mit der CSU paktierten und ebenfalls den Verlockungen von Macht und Einfluss nicht widerstehen konnten.Und der grüne Landrat Herr Rzehak, der hier längst nur noch den Ehrentitel “da Scheehak” trägt, ist äusserlich und vom Lebensstil her einer von hier, und hat es den Leuten leicht gemacht, das Kreuzerl bei ihm zu setzen. Hier hat man keine Angst, er könnte Drogenausgabestellen einrichten oder verständnisvoll nicken, wenn ein paar Autonome Autos anzünden und Banken beschädigen. Da Scheehak ist halt so, wie man sich vielleicht einen Grünen in dieser Region vorstellen würde, bayerisch, heimatverbunden, volksnah, mit dem richtigen Dialekt gesegnet und einer, von dem man hofft, dass er jetzt den Affärensumpf austrocknet. Und wenn er das macht, dann wird das sicher so ein Gewohnheitslandrat, den man die nächsten 24 Jahre immer wieder wählt, weil man den ja kennt und der macht das schon und lieber grün als eine Veränderung und Leute, die man nicht kennt.

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Aber auch sonst ist es für jene, die hier leben, keine Überraschung. Denn hier im Tegernseeer Tal, dem Elysium der Bayern, wo da Scheehak eine statte Mehrheit der Stimmen bekam, hat sich viel verändert. Zum Beispiel rechts von diesem Bild. Da liegt Gut Kaltenbrunn. Das war früher ein Mustergut der Bayerischen Herzöge, auf dem neue Methoden der Landwirtschaft ausprobiert wurden. Später wurde es an einen CSU-nahen Unternehmer veräussert, der das historische Ensemble mit seiner weithin gerühmten Gaststätte zu einem Luxushotel umbauen wollte. Da kam es zum Aufstand von Teilen der Bevölkerung, es ging vor Gericht, wo die CSU und der Unternehmer verloren. Die Antwort des Unterlegenen war, dass der beliebte Biergarten geschlossen und das Gut zu einem verödenden Schandfleck wurde. Und letztes Jahr haben sie dann auch die Hecke wegrasiert, die den Weg hoch zum Gut begleitete. So etwas merkt man sich: Wer einem da den Biergarten mit der schönsten Aussicht geraubt hat.

Noch weiter oben kommt dann ein brauner, kastenartiger Neubau. Privatkliniken hat es hier am See immer gegeben, aber die hier ist anders: Die will internationale Superreiche und Prominente von den kleinen Kulturkrankheiten heilen, die das Leben an der Spitze so mit sich bringt. “Fett absaugen” klingt scheusslich, aber das ist gar nicht das Problem. Das Problem ist, dass der Kasten so gross wurde, und bei den Menschen angesichts der Investorenmonstrosität das Gefühl bleibt, sie wären nur noch Verschiebemasse beim Einzug der internationalen Oligarchie ins Tal. Da ist die Angst vor einer Gentrifizierung – dass die Leute von hier, die nicht arm sind, von denen verdrängt werden, die sich noch eine Immobilie am Tegernsee leisten, zusätzlich zu denen, die sie schon haben.

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Drüben in Tegernsee gibt es einen bekannten Wanderparkplatz, von dem aus Familien mit Kindern die ersten Bergtouren auf die Neureuth machen können. Wenn die Kinder auf halbem Weg hinunter dann ungemütlich werden und zu viele Leute für Dulliwack da sind, sagen die Eltern: Wenn Du artig bist, gehen wir unten in die Bergschwalbe, und Du bekommst einen Germknödel. Die Bergschwalbe ist ein hübsches Cafe, an dem bislang die Zeit vorbei gegangen ist, mit Blick auf den See, auf eine Obstwiese und Kühe und viel Auslauf für Kinder, die nach dem Zuckerschock des Germknödels wieder herumlaufen. Das wird bald vorbei sein, dann dröhnen dort oben die Betonmischer und Baufahrzeuge, denn im Landschaftsschutzgebiet soll ein eigenes Almdorf entstehen. Almdorf ist CSU-Freie Wähler-Bayerisch für “gated Community”, da wird eine abgeschlossene Wohnanlage des Luxussegments errichtet. Einheimische haben es nicht leicht, wenn sie hier etwas baulich verändern wollen, aber wenn so ein Konzern mit Blick auf internationale Investoren baut, darf natürlich auch so eine Alm für eine Dorfsimulation verschwinden.

Und so geht das immer weiter. Da ist ein Neubaugebiet, für das die Mächtigen mal eben ein Charakteristikum der Region, eine alte Baumreihe mit mächtigen Eschen, abholzen wollten. Da ist der historische Gasthof hinten in Rottach-Egern, in dem der Wildschütz Jennerwein feierte, der abgerissen werden sollte, zugunsten von zwei Blocks mit Wohnungen im alpenländischen Stil. Da sind all die internationale Investoren, für die der rote Teppich ausgelegt wird, während ein kleines Hotel nach dem anderen schliessen muss. Vielleicht muss auch einmal das Gymnasium im Tegernseer Schloss schliessen, weil sich Familien das Leben hier nicht mehr leisten können, und all die hier urlaubenden Oligarchen keine Kinder mitbringen. Die Leute merken, dass sich etwas verändert, und es gefällt ihnen nicht. Viel wurde gelacht über die Münchner, die sich angeblich selbst von der Zukunft abschneiden, indem sie eine dritte Startbahn bei ihrem Flughafen verhinderten. So ein Gefühl, dass es jetzt reicht, dass man nicht noch mehr raffen will, weil es sonst ungemütlich wird, hat sicher auch einen Ausschlag gegeben, warum so viele ihr Kreuzerl beim Scheehak gemacht haben. Weil das auch einer von denen ist, die es nicht ganz so gaach angehen wollen.

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Früher war es so in Bayern: Da wählte man daheim die CSU, damit hier alles so bleibt, wie es ist, und andere erst die schlimmen Folgen der Moderne erdulden mussten. Die CSU garantierte, dass die Leute in ihrer Heimat jenseits von Autobahnen und AKWs in Ruhe gelassen wurden, und die Moderne, wenn sie dann kam, bayerisch verbrämt wurde – so wie halt da Scheehak auch Loden trägt, und der Naturschutz im Gewand des Kampfs gegen Gentechnik und in bierbäuchiger Form der traditionellen Almbewirtschaftung daher kommt, mit Hofläden, frei laufenden Enten und Urlaub auf dem Biobauernhof und Todesstrafe für alle Gastronomen, deren Fleisch nicht aus heimischer Produktion kommt. Diesen Pakt hat die CSU hier in Miesbach einseitig aufgekündigt, und so schaut man sich halt pragmatisch um, wer einem hilft, das Idyll zu bewahren.

Das ist gut für das Tal. Das ist vielleicht weniger gut für die Grünen oder das, was manche von denen so denken, denn es zeigt, dass auch diese Partei anfällig ist, der Schönheit so einer Region zu erliegen und Politiker hervorzubringen, die freiwillig Blasmusik anhören und Fleisch vom Fleische des Volkes sind. Nicht nur Miesbach hat sich geändert, auch die Grünen sind bodenständig geworden. “Liebe zur Heimat” geht denen selbstverständlich von den Lippen. Verloren haben hier also nicht nur die speziell-spezlhaften CSUler, sondern, wie schon in Baden-Württemberg, die Grünen als linke, radikal fortschrittliche Bewegung. Vom blauen Wasser des Tegernsees erschallt der Ruf gen Berlin und seiner Opposition: So geht’s mit den grünen Mehrheiten, Freunde der Blasmusik. Das folgende, zwiderne G’sicht von Kreuzberger Aktivist_Innen stellt man sich besser erst nach dem Kaiserschmarrn vor. Jedenfalls, jetzt sind wir grün regiert und keiner kann mehr sagen, wir wären reaktionär, oder bei uns würde sich nie etwas ändern. Das wird jetzt allen um die Ohren gehauen, bis ihnen Feminismushören und Veggiedaysehen vergeht.

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Zyniker werden jetzt sagen, dass unser Heumilch-Naturschutz, unsere Ökodenkmalpflege, die nachhaltige Bewirtschaftung, das von der Sanktjohannserin massgeschneiderte Dirndl für die Tochter und der Kotau jeder Gaststätte, immer nur heimischen Bärlauch zu verkochen, angesichts des Reichtums der Region ja auch nur grün lackiertes Knallschwarz in seiner allerübelsten Form ist, mit Rauchverbot und kollektiver Zwangsnaturbeseufzung, mei is des schee.

Ist es aber auch, und damit sich nichts daran ändert und alles schee bleibt, musste sich halt im Büro des Landrats alles zum Scheehak ändern. Manche haben vielleicht wirklich grün gewählt,aber die meisten den Scheehak und dass jetzt wieder eine Ruhe ist im Tal.

Neue Fürsten und Hofschranzen fordern Paläste

Solange Sie sich unseren Forderungen nicht stellen, behalten wir uns weitere Schritte vor.
Mieterinitiative Kotti & Co. an den Vermieter

Karl Heinrich Kasimir von Freudenleben – für seine Jagdfreunde “Kalle” – und Anna Theresia Wallburg Freifrau auf Hohenstuhlitz sassen also in ihrem alten Schloss und waren, wie immer eigentlich, sehr unzufrieden. Die Mauern waren feucht, die Räume zu klein, die Kachelöfen stilistisch nicht mehr modern und dazu kamen all die Reparaturen, für die freche Handwerker zu viel Geld verlangten. Und dann war Schloss Freudenleben leider auch kein Privatbesitz – es sich unter den Nagel zu reissen, hatte Opa Wilhelm Otto Fürchtegott beizeiten leider versäumt – sondern nur ein Lehen, und dafür mussten sie natürlich auch an den König Pacht zahlen. Nicht viel, die Verträge waren uralt, weitaus weniger als in anderen Regionen des Reichs, aber Kalle und Anne hatten aus Prinzip zu wenig Geld, fühlten sich immer benachteiligt und waren einfach nicht zufrieden. Man kennt das, daher gibt es in Schlössern auch ein Boudoir, in dem nach Herzenslaune geschmollt werden konnte.

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Ja, so ein schönes, neues Schloss im modernen Stil, das wäre jetzt nett gewesen. Und so befahl Kalle dann eines schönen Tages seinem Kammerherrn Klaus Wenzel zu Wowelöd, Wowe geheissen, doch Vorschläge zu machen, wie dieses “gar greyslicke Fatum” zu beheben sei. Wowelöd beteuerte bei jedem Fest zu Hofe, dass er baldigst Pläne vorlegen würde, und tatsächlich, eines Tages, näherte er sich mit vielen Bücklingen dem Adelspaar und sagte: Durchlauchten, es ist schwierig. Dieses Schloss hier, das müsste saniert werden, aber dazu ist kein Geld da, wegen der Feste haben wir sogar Schulden – kurz, man müsste es abtreten an einen bürgerlichen Kreditgeber, der das bezahlen kann, und der würde dann auch Pacht verlangen oder gar selbst hier wohnen… Zum Teufel, herrschte ihn Kalle an, ich will nicht mehr zahlen, ich will mehr haben, sag er endlich, wie man uns ein neues, prächtiges Schloss in schöner Lage erbauen wird! Nun, sagte da der Wowe, Durchlaucht erinnern sich doch an die alten Salinen, die wir vor 5 Jahren wegen der untauglichen Lage haben schliessen müssen… man könnte es so machen: Wir verkaufen dort einen Teil des Grundes und mit dem Geld könnte man dort ein neues Schloss errichten.

WAS? schrien dann Kalle und Anna. Was? Dort wollen doch meine Hunde freien Auslauf, kreischte Anna. Und meine Jagdgesellschaften, empörte sich Kalle, wo soll ich die dann abhalten? Hä? Das hier ist doch ein Hof, so muss das sein, für meine Freizeit, mein Plaisier und meine Grillfeste mit Wild von Aldo Lidlius! Aber bitte, beruhigen Sie sich, sagte der Wowe, das ist nur ein ganz kleiner Teil und nebenbei könnte man auch das gräfliche Archiv, das hier im Keller schimmelt… NIEMALS! schrie der Kalle. Aber wo sollen wir das Geld, hob der Wowe betreten an, als ihn die Anna gleich niederkartätschte: In Wien geben sie 12 mal so viel für Schlösser aus als das, was hier geplant ist! Geh er und mache neue Pläne, bevor ich den Hund auf ihn hetze! Und Wowe ging und fragte sich, wie das etwas werden sollte, denn es war wirklich kein Geld da, im Gegenteil, dauernd forderten Handwerker und der üppige Hofstaat Geld, während Wege verfielen und im Park seltsames Gesindel sein Unwesen trieb – wenn das alles nicht gewollt war, dann blieb wohl nur, das Schloss ganz weit draussen, in den Einöden zu bauen, wo genug unfruchtbarer Boden war. Oder doch das alte Schloss erweitern, am besten mit noch mehr Schulden und vielleicht Hilfe vom König, der dafür andere Adlige um so mehr schröpfte. Kalle und Anna wendeten sich statt dessen der Planung des nächsten hundsmusikalischen Umzugs durch ihr kleines Reich zu.

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Jeder, der hin und wieder ein Schloss besucht, weiss natürlich, wie solche Geschichten ausgehen. Sogar in Bayern, wo sich das Verhältnis zwischen Adel und Bürgertum nicht so schlecht darstellt, wie beim berüchtigten ostelbischen Junker, wird man bei Führungen stets auf die Kosten solcher Projekte hingewiesen, und wie sehr das den Adel belastete. In Pommersfelden zum Beispiel wird in der Galerie erklärt, dass hier fast alle Kunstschätze des Erbauers verkauft werden mussten, um den Koloss von seinen immensen Schulden zu befreien. Aber so war das damals eben, im Zweifelsfall gingen die Handwerker leer aus, die Landeskinder wurden geschröpft, ein paar Lehen veräussert oder Gelegenheiten gesucht, um bei Konflikten auf der Seite der Plünderer zu sein. Das ging auf Dauer nicht gut, heute sind Schlösser Museen, aus lebenslangen, gottbegnadeten Regenten wurde eine lebenslange Regentin, und der Adel hat keine Vorrechte mehr. Das Volk entscheidet.

Und oft hat sich das Volk diese Lehren auch zu Herzen genommen. Teures Personal ist weitgehend verschwunden, mehr als drei Wohnsitze sind selten, und die Wände sind meist so niedrig, dass man die Gemälde aus dem Untergang der Adelsherrschaft nicht wirklich gut hängen kann. Statt üppiger offener Kamine werden Niedrigenergiebrenner verbaut, Tafelsilber ist selten geworden, man zieht sich am Tag nicht mehr fünf mal um, und die Ergebnisse dieser Sparsamkeit liegen auf der Bank. Kaum ein Adliger hatte je so viel in seinen Truhen, wie es das Bürgertum jetzt furchtsam vorhält – man weiss ja, wie das ausgeht, wenn man mitunter kopfschüttelnd durch die Monumente des vergangenen Bauwahns schreitet, und sorgt vor. Natürlich wird auch diese Akkumulation von Vermögen kritisch gesehen: Man sagt, die Reichen seien zu reich und die Armen seien zu arm, wir lebten in einer Klassengesellschaft und der Aufstieg wäre unmöglich. Alles wendete sich zum Schlechteren, die neue Klasse der Besitzlosen, mithin die Hälfte der Bevölkerung, wäre das Äquivalent zu den Leibeigenen vergangener Jahrhunderte.

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Man sehe es mir nach, wenn ich eine andere historische Parallele sehen möchte – ich habe nämlich überhaupt nicht den Eindruck, dass auf der einen Seite nur gerafft wird, was den anderen genommen wird. Die Erben von Anna und Kalle gründen heute Bürger- und Mieterinitiativen und sind sehr wohl bereit, der Politik des Staates Druck zu machen. In Berlin zum Beispiel wird stets beklagt, dass die Mieten steigen. Woanders gälte das als Zeichen einer langsamen wirtschaftlichen Gesundung, hier gilt es als Gentrifizierung und Vernichtung althergebrachter Milieus. Deshalb werden Umbauten und Aufwertungen erschwert. Neuer sozialer Wohnungsbau ist möglich, aber dafür braucht man Geld und Platz. Geld könnte man durch Verkauf von Grundstücken am Tempelhofer Feld bekommen, und dort auch selbst neue Wohnanlagen bauen – prompt gibt es eine Bürgerinitiative dagegen, die das und andere nötige Neubauten dort verhindern will, mit guten Aussichten auf Erfolg. Die Frage, wo und wie und mit welchem Geld dann die begehrten Wohnungen mit der niedrigen Nettokaltmiete entstehen sollen, kann dieser Tyrann natürlich beiseite wischen. Zumal ja mit etwas Glück demnächst auch die Mietpreisbremse kommt: Damit kann er sich mittels staatlicher Regulierung ein paar Jahre von der allgemeinen Entwicklung anderer Metropolen abkoppeln.

Und dann kommen noch solche städtevergleichenden Einwürfe, die für Druck sorgen sollen: Ja, auch im Barock war Wien Vorbild, auch im Barock waren Baumeister von den Fürsten gehalten, viel Geld ins Bauen zu stecken. Hauptsache, man kann heute gemütlich und günstig wohnen, und auch im Rokoko hat man nur selten über den Tag und die nächste Jagd hinaus gedacht. Das ist so selbstverständlich, das ist so normal, dass es schnell auch auf Neuankömmlinge abfärbt: Flüchtlinge, die am Oranienplatz kampieren, haben nicht nur eine Schule besetzt, sondern fordern jetzt im Gegenzug für die Auflösung ihres Camps ein Haus. Und wenn Migranten aus Osteuropa einsturzgefährdete Fabrikgelände verlassen müssen, fordern Aktivisten, die Stadt sollte ihnen kostenlos Wohnraum zur Verfügung stellen. Das ist – nobel. Das ist grosszügig, das kann man natürlich machen. Gesetzliche Regelungen, sozialer Ausgleich, Leistungsgerechtigkeit, Papperlapapp, hier und jetzt soll der Wohnraum für alle her und wie der Wowereit das löst, ist sein Problem. Dem Volk soll es gefallen, das will Volk in in guter Lage billig wohnen und sein Tempelhofer Feld und seine Genussmittelliederanten im Görli und wenn das nicht passiert, machen sie eben Lärmdemos: Wir bleiben alle! Und die Politik soll das so machen.

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Leibeigene, das kann ich hier nach meinem Studium versichern, sind früher anders aufgetreten. Für mich hat sich bei der Beschäftigung mit diesen Initiativen der Eindruck der armen, unterdrückten Frohngebeugten schnell verflüchtigt: Im Gegenteil, wir stehen hier imperialer Grösse gegenüber. Wir lesen Befehle. Wir stehen davor wie ein Leibeigener des 18. Jahrhunderts, dessen Herrschaft jeden Tag neue Mittel und Wege findet, zu schröpfen, zu plündern und abzunehmen. Heute will die Herrschaft ihr Feld, und morgen ihr Spreeufer, und übermorgen einen  Steg, und wer nicht spurt, wird von immer neuen Initiativen und Wünschen unter Druck gesetzt, vor dem Hintergrund einer desolaten Finanzlage. Und wie so eine Jagdgesellschaft betrunken hin und wieder in ein Dorf eingefallen ist, ist es heute das gute Recht der Elite der Aktivisten, nicht genehmes Bauen, Arbeiten, Wohnen und Fortbewegen mit Farbbeuteln und Brandsätzen zu bekämpfen.

Gut, es kommen keine Paläste dabei heraus, in den Pop Up Stores ist keine Kunst, die man Jahrhunderte später noch sammeln würde, und es wird kein feines Porzellan geschaffen. Aber es geht um den Wesenskern, die innere Einstellung, den spezifischen Adel der Seele, die Nobilität der Geisteshaltung, die Verachtung für das normale Bürgertum und seine Sekundärtugend, mit der genommen, gefordert und befohlen wird. Das ist Herrschaft wie früher, sie gibt vielen Hofschranzen Sinn und Grund und Bühnen, das Leben hier und jetzt zu feiern. Wahrer Adel beschäftigt sich einfach nicht mit den Widrigkeiten von Finanzierung, solange er sieht, dass bei anderen genug zu holen ist.

Gesellschaftlicher Mord und Totschlag

RAL 6032

Findest Du nicht, dass es mein gesellschaftlicher Tod wäre, fragt sie?

Das Kleid ist grün. Grün ist bekanntlich auch die Hoffnung, aber wäre die Hoffnung je so grün wie das Kleid, dann wäre sie eher eine absolute Gewissheit, nämlich die Gewissheit, dass die Trägerin geschieden ist und um jeden Preis auffallen möchte, auch um den Preis eines gesellschaftlichen Todes. Vermutlich würde man sich hier in der Provinz das Maul zerreissen und sogar von einem gesellschaftlichen Selbstmord sprechen, wobei jene, die ihr selbst die Verantwortung gäben, die ersten wären, die ihr den Dolch der Missgunst in jenes Fleisch treiben wollten, von dem viel, sehr viel zu sehen ist, wenn kein Grün es abdeckt.

Es gibt auf solche Fragen keine richtige Antwort, ich versuche es daher lieber mit der unverfänglichen Standardformel der guten Hausfrau: “Aber nein, ich denke nur, es wird nicht ganz leicht, etwas zu finden, was dazu passt – das wäre beim Pastellfarbenen sicher anders”.

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Das Pastellfarbene ist zwar auch nicht gerade ein Ausbund an Körperverhüllung, aber es geht schliesslich um ernste Angelegenheiten (Konzert am übernächsten Wochenende, und Mitte Mai eine Verlobung), die grösseres Publikum mit sich bringen, und da ist so ein signalgrüner Kleiderpfeil auf die restliche Haut nicht eben dezent. Früher, in den 70er Jahren, hat Porsche einen 911er in so einem Signalgrün ausgeliefert. Für Rennzwecke. Im Theater ist dagegen das Parkett bekanntermassen marode, letzthin wäre eine Pianistin beim Abgang von der Bühne sogar beinahe hingefallen. Frauen von hier mit hohen Schuhen wissen um die Risiken und gehen deshalb ganz langsam – es gibt also wirklich gute Gründe, nicht wie ein GT-Rennwagen zu erscheinen. Zumal der gesellschaftliche Tod auch sehr viel früher einsetzen kann.

Man muss zu diesem Zwecke nur vor dem Konzertverein in die Tiefgarage fahren und zuschauen, wie sie aus den Automobilen steigen. Wie der Blick der Frauen immer auf den Männern liegt. Dieser “Sitzt die Krawatte richtig”-Blick. Diese “Sind da doch keine Fussel auf dem Sakko”-Inquisition. Diese peinliche “Ein Einstecktuch wäre gut gewesen”-Befragung. Und natürlich das manchmal namenlose, später mit dem Alter zunehmend resignierte “Hoffentlich schaut niemand auf seine Schuhe”-Grauen. Während die Frauen meistens im Wagen ihre Schuhe wechseln, neigen Männer bislang zur modischen Todsünde, in eben jenen Schuhen, mit denen sie durch den Schnee stapfen, auch durch das Foyer zu trampeln. Das sieht nicht gut aus, der Eindruck ist eher bescheiden, aber jeder hier weiss, dass diese bequemen Schuhe als Zugeständnis an die Tücken des Daseins und die Gebrechen des Alters gegen die Gattin hart erkämpft sind. Gattinnen, die selbst lieber drei Tage danach noch über ihre überlasteten Knochenfehlstellungen humpeln, als einen Abend auf hohe Absätze zu verzichten. Und eigentlich mag ich das.

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Ich mag das, weil ich oft erlebe, dass ohne diese Abschreckung des immer drohenden, aber nie wirklich eintretenden gesellschaftlichen Abmurksens vieles daneben geht. Aus völlig unerklärlichen Gründen gefällt es etwa den Medien nun schon seit Jahren, Frauen als Ideal hinzustellen, die viel auffälliger als ein signalgrüner Porsche sind. Mal ein paar Namen, die es auch in seriöse Blätter schafften: Keili Minaog, Madonna, Paris Hilton, Carla Bruni-Sarkozy, Lady Gaga, später dann Pussy Riot und inzwischen auch Femen. Sie alle sind Garanten für unkritisch abgedruckte Geschichten, egal ob sie nun im Gefängnis, auf Entzug, in einem illegal verbreiteten Porno oder in x-ter Ehe sind, oder bei der Vorstellung eines Parfüms oder ihrer Oktoberfestkollektion oder was ihren PR-Agenturen sonst noch einfallt. Es gibt immer so eine, die gerade modern und der Liebling der Presse ist, und mein Verdacht ist, dass sie zum passenden Zeitgeist ausgetauscht werden. Kaum gibt es eine Debatte um Frauenquoten, verschwindet Frau Hilton, und Pussy Riot dürfen demonstrieren. Es gibt immer eine, die öffentlich aufzeigen darf, wie man sich besser öffentlich nicht verhält – und dieses Bündel an sozial unangepasstem Verhalten bekommt dann die volle Aufmerksamkeit.

Sicher, irgendwann kommt dann die für sie schlimmste aller Todesarten: Der Tod durch gesellschaftliches Vergessen. Irgendwann ziehen sie nicht mehr, irgendwann erträgt sie das Publikum, das es dafür wohl geben muss, diese Promis nicht mehr, irgendwann kommt eine daher, die das Ritual der signalgrünen Andersartigkeit besser beherrscht und bereit ist, dafür mehr zu tun – und dann macht ihre Vorgängerin die bittere Erfahrung, dass nur genug Platz für eine dieser Sorte da ist. Es sei denn, es passiert etwas ganz Schreckliches. Dann kommt es zu einem Wiedersehen, und ich habe den Eindruck, dass es auch gern “in Schande”, “in Trunkenheit” oder sonstwie peinlich sein kann, damit diese Öffentlichkeit auch mit dem richtigen Schütteln Abschied von Monaten guter, antibürgerlicher Unterhaltung nehmen kann. Dieser kollektiv begangene, gesellschaftliche Mord sorgt für gesellschaftliche Untote, die sicher einmal ihre “Was macht eigentlich”-Geschichte erhalten. Und dann haben sie dafür ein signalgrünes Kleid im Schrank.

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Warum dafür stets Frauen verwendet werden, ist mir nicht wirklich klar. Männer müssen wirklich umfassend gegen Konventionen verstossen, um wie Edathy oder Hoeness kollektiv abgeurteilt zu werden. Vielleicht geht es bei der Medieninszenierung um den erhofften Schockeffekt, dass ausgerechnet Frauen etwas tun, das der Spiessbürger vom zarten Geschlecht nicht erwarten würde – und ganz so, als wüssten Eltern und Altersgenossen nicht längst, wo die RCDS-Aktivistin die Aufputscher fürs Repetitorium holt. Dass sich manche Stimme in den Medien obendrein darin gefällt, herkömmliche Lebensentwürfe abzukanzeln, sei es, dass sie zu spiessig oder zu wenig klassenkämpferisch sind, ändert aber auch nichts am bestehenden Wertesystem: Angekeift und brüskiert werden die besseren Kreise und ihre Ideale schon etwas länger, und diesmal wird es von uns im Wissen ignoriert, dass die Wortführer unserer Epoche nicht mehr genug beseite schaffen, um später in der Toskana von den Tagen zu träumen, da sie es den Normalen richtig gezeigt haben. Was dem Alt-68-er die Toskana, ist dem Bürgerfeind von heute die Altersarmut.

Und die ist ja auch eine Art gesellschaftlicher Selbstmord. Es ist nun mal so, dass gute, schön gekleidete Töchter und Söhne des Bürgertums leichter Eingang finden, wenn sie im Konzertverein einen guten Eindruck hinterlassen. Die Suche nach einer sicheren Immobilie in jungen Jahren mag manchen Kreativen als Unterordnung erscheinen, aber es kann sich nicht jedes Kind erfolgloser Schauspielerei in Berlin hingeben in der Hoffnung, dass dereinst ein Paparazzo öffentlich wirksame Bilder vom Kokainmissbrauch macht. Und solange die Konventionen nicht mehr als die Kaufentscheidung zwischen zwei Kleidern mit der Eltern Scheckkarte verlangen, ist die Vermeidung des öffentlichen Todes kein wirklich grässliches Schicksal.

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Natürlich ist die Darstellung dieser Konflikte meidenden Normalität keine Sensation, die man in den Medien ausschlachten könnte. Keine frühe Suche nach einer Immobilie für das Alter ist eine Nachricht, keine Scheidung unter Beibehaltung der Form wird je Erwähnung finden. Diese Normalität ist nicht das, was dem grossen Publikum gefällt, aber das kleine Publikum, die Gesellschaft, ist froh, wenn sich alles findet und Menschen, wie meine Grossmutter so schön sagte, aufgeräumt sind. Und wenn es doch einmal das signalgrüne Kleid sein muss: Bald sind auch wieder die Barocktage in der Nachbarstadt, in einer Bibliothek des Rokoko. Da fällt das gar nicht mehr besonders auf, und ausserdem lebt in dieser Stadt sowieso keiner, den man kennen würde.

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