Pornoskandal im feinsten Lehel

Nudus ara, sere nudus, hiemps ignava colono
Vergil

Stellen Sie sich vor, Sie wären reich. Steinreich. Reich genug, um sich ein Grundstück in der feinsten Lage der teuersten Stadt leisten zu können, hundert Meter lang und fünfzig Meter breit, direkt an der Isar und zentral gelegen. Und reich genug, ein Haus neben dem nächsten hinzustellen, sieben Stockwerke hoch und nur mit den besten Materialien. Eingänge aus schwarzem Marmor, vier Meter hohe Decken, Flügeltüren, dickes Parkett, getäfelte Wände. Sie schaffen es einem Architekten an, und der baut das für Sie. Einen ganzen Strassenzug. Und dann kommt der Architekt und fragt Sie, was Sie als Kunst am Bau haben möchten.

Nun, sagen Sie und schenken sich einen Cognac ein, lehnen sich zurük in Ihren Sessel und schauen mokant lächelnd himmelwärts, mein lieber Herr Baumeister, Sie werden so freundlich sein, über das Portal zwei splitterfasernackt posierende Knaben zu machen, vielleicht 4 Jahre alt, die den Hintern zusammen kneifen, den Penis vorzeigen, und dicke, wurstartige Girlanden schleppen.

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Knaben mit dicken Dingern, ist notiert.

Und dann, sagen Sie, im Treppenaufgang, wo es dann etwas privater wird, hätte ich gern noch mehr nackte Knaben. Prall, mit Babyspeck, auf jedem Stockwerk einen, neckisch, gell, man soll ja was zum Anschauen haben, wenn man nach oben geht. Ganz einfach, viele nackte Knaben. Bitte die beste Ausführung, es darf ruhig was kosten. Bleiglas, verziert.

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Wenn Sie das vor einem Jahrhundert gesagt hätten, hätte sich niemand etwas dabei gedacht und es exakt so wie gewünscht gebaut – und so steht es übrigens auch tatsächlich an der Isar. Würden Sie das aber heute verlangen, kämen Ihre Verwandten zum Schluss, dass Sie neben einer untragbaren Vorliebe auch noch einen krankhaften Exhibitionismus haben – man würde Sie in ein Sanatorium in die Schweiz verfrachten und entmündigen lassen, bevor solche Motive einen Skandal verursachen und Sie das Geld Ihrer Erben anderweitig schmälern. Schliesslich haben wir nach Jahren der Panikmeldungen, dem Fall Edathy und der Nichtberücksichtigung des Umstandes, dass Kindesmissbrauch ursächlich weniger im Internet denn in Familien und in der Realität stattfindet, ein verschäftes Gesetz, und das besagt.

§ 184b Verbreitung, Erwerb und Besitz kinderpornographischer Schriften
(1) Mit Freiheitsstrafe von drei Monaten bis zu fünf Jahren wird bestraft, wer

1. eine kinderpornographische Schrift verbreitet oder der Öffentlichkeit zugänglich macht; kinderpornographisch ist eine pornographische Schrift (§ 11 Absatz 3), wenn sie zum Gegenstand hat:
b) die Wiedergabe eines ganz oder teilweise unbekleideten Kindes in unnatürlich geschlechtsbetonter Körperhaltung oder
c) die sexuell aufreizende Wiedergabe der unbekleideten Genitalien oder des unbekleideten Gesäßes eines Kindes.

Nun.

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Das war übrigens noch bei weitem nicht alles. Die Darstellungen im Treppenhaus können in einer Zeit wie der unseren, die voll von möglichen erotischen Anspielungen ist, auch, sagen wir mal, eine weitere Bedeutungsebene bekommen. Der Krieg etwa ist ein Kind, das eine Lanze hält und es gehört gar nicht viel dazu, an dieser Stelle tatsächlich an die Ephebenliebe der klassischen Antike zu denken. Der Schmutz ist hier im Kleide des Denkmalschutzes und der allegorischen Anspielung, aber jeder würde heute wohl zurückschaudern, ginge es darum, sein Haus so zu verzieren.

Auch der Friede, der mit der Palme wedelt, ist nicht nur nackt, sondern auch anspielungsreich und ich möchte betonen, dass ich dieses Haus, diese Treppen hier seit fast einer Dekade kenne und nie den Eindruck hatte, jemand würde sich an diesen Darstellungen irgendwie erregen. Sei es nun sexuell oder moralisch. Die meisten finden das einfach nett. Hübsch. Man gewährt der Vergangenheit ganz selbstverständlich eine gewisse Toleranz, bekommt aber auf der anderen Seite Zustände, wenn es im Kindergarten einen männlichen Erzieher gibt. Oder die Kinder etwas komisches im Internet machen könnten. Wie definiert man eigentlich „unnatürlich geschlechtsbetonte Körperhaltung“ in einem Treppenaufgang, wo lauter nackte Kinder auch mal Tiere halten?

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Da ist nun mal das alte Europa, das beste alte Europa unter dem Prinzregenten in Bayern, als München leuchtete, im klaren Konflikt mit unseren heutigen Moralvorstellungen, da wir nun empfindsamer sind und die Problematik besser verstehen und eben keine nackten Kinder über die Hauseingänge setzen. Wir wissen zudem, wie die Graubereiche des Gesetzes im Zweifelsfall gegen uns ausgelegt werden können, und bremsen uns lieber präventiv ein. Kurz, wir benehmen uns wie ein katholischer Kardinal der Spätrenaissance, dem die Lutheraner mit ihrer Entsagung den Spass ruiniert haben und der nun keine nackten Frauen mehr an den Wänden haben will, keine griechischen Götter beim Beischlaf und keine Unzucht – und deshalb einen der schlechteren Maler namens Daniele da Volterra im Rahmen von Sitte und Anstand beauftragt, da doch ein paar Stoffe vor die allzu kompromittierenden stellen zu pinseln. Und danach noch mindestens eine heilige Cäcilie und eine Kreuzabnahme daneben. Frechere Maler, wie etwa Agostino Carracci, dessen pornographische Kupferstiche teilweise auch nach unserem Verständnis eindeutig strafbar wären, bekamen dagegen damals ebenfalls Ärger mit der Obrigkeit.

Nun haben wir also in besseren Kreisen derartige Häuser und gleichzeitig neue Gesetze. Vielleicht wäre es sinnvoll, wenn wir uns auch solche Hosenmaler, solche Braghettoni für unser puritanisch-awares und von Safe Spaces geprägtes Zeitalter beschaffen würden, auf dass kein empört schnell Hochsteigender ein Trauma bekommt und schon wieder einen Psychiater braucht. Allenthalben liest man bei uns, in Berlin gingen Galerien pleite, während kunstsinnige Uniabsolventen dort keine Arbeit finden und dann den Strukturen des Kunst- und Literaturbetriebs mit ihren verfehlten Vorstellungen auf der Tasche liegen: Eine Hose werden sie hoffentlich noch pinseln können. Oder etwas Medienkunst davor hängen, was man leicht wieder entfernen kann, wenn die allgemeine Empörung wieder nachgelassen hat. Besorgte Eltern besetzen hierzulande obendrein die Plätze und fordern weniger Sexualkunde an den Schulen, und im grünen Kalifat Kreuzberg geht man gegen angeblich sexistische Werbung vor: Wir leben in aufregenden Zeiten und können auch nicht mehr den Prinzregenten bitten, dieses Gschwerrl von der Gendamerie von der Strasse putzen zu lassen, wenn es uns nicht passende Vorstellungen hat. Doch, so ein paar Berliner Hosenmedienkunstmaler könnten wir hier schon brauchen. Es gibt solche Darstellungen ja auch in der Fraunhofer Strasse. Und auch als Kunst gerahmt in der Alten und Neuen Pinakothek. Die Kupferstichsammlung hat auch Carracci, fällt mir ein.

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Und dann all die Barockkirchen – überall hängt hier was rum, wird etwas hergezeigt und wolllüstig gespielt. Es gibt viel zu tun bei uns in Bayern, um das Land auf den ethischen Standard von Gesetz und Jugendschutz zu bringen. So entlasten wir dann auch Berlin von ihrer Kreativzene, und wer weiss, vielleicht wird dort dann auch weniger gemalt, geschrieben und die Leute mit Modeblogs belästigt. Und wenn dann überall Hosen sind, beschäftigen wir sie als Putzpraktikanten weiter. Das ist in Zeiten des Mindestlohns immerhin noch nicht verboten und unser gutes Recht, und da lernen sie dann auch was für ihr Leben. Dahinten sehe ich noch Staub auf der Boteroskulptur, sagen wir, sinken in die Sessel und schenken uns noch einen Cognac ein.

Technik Update

Gestern wurde ein neues Update installiert, und es sieht so aus, als wäre auch das Problem mit dem zerschossenen Layout der Blogs unter gewissen Browsern bei der FAZ gelöst. Ja, es ärgert mich auch, besonders wenn ich das erst mitbekomme, wenn alles schon zu spät ist. Ja, ich hätte da auch gern eine andere Kommentarfunktion – so wie hier.

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Und vor allem hätte ich gern mehr Zeit, um das alles einigermassen anständig zu machen. Gewisse Erscheinungen im Moment sind aber fast sowas wie eine DDOS-Attacke. Und es sind nicht nur die Pegida-AfD-Irren und die Waffennarren und die sektiererischen Christen.

Es hat sich etwas Grundlegendes geändert. Ich bin nicht mehr beim Herausgeber des Feuilletons angesiedelt, sondern beim Chefredakteur von FAZ.net. Auf allgemeinen Wunsch übrigens. Das heisst, jeder Versuch, mich bei der Printzeitung anzuschwärzen, wenn mal ein paar Stunden ein Kommentar nicht kommt, ist sinnlos. Damit zu drohen, wie es in letzter Zeit ein paar mal passierte, ist aber auch nicht cool und das alles trägt ein wenig dazu bei, dass ich mir momentan so ein paar Gedanken mache.

Solang erst mal Erbaulich-Provokantes von meiner Gastautorin.

 

Rumpelrompompel

Manchmal frage ich mich, wie weit Ironie gehen darf, bis sie platt wie ein Fahrradschlauch ist. Heute war ich sehr platt, da habe ich als Selbstdistanzierung zwei Werke erwännt, die jeweils über Jahrzehnte von den herrschenden Mächten und besonders den Reaktionären bekämpft wurden: Diderots Enzyklopädie und Josefine Mutzenbacher.

Die habe ich dann als herausragende Beispiele der christlich abendländischen Kultur verkauft und vielleicht hätte ich noch dazu schreiben sollen:

ACHTUNG – wer sich selbst gleich so die Luft der sauberen Argumentation rauslässt, ist im Rest des Textes nicht immer ganz ernst zu nehmen.

kalec

Hat nur so mittelmässig geklappt. Oh und bei den Kommentaren ist immer noch das ein oder andere Problem zu beklagen. manche Verspanntheit liegt vielleicht am Wetter. Oder an der Jahreszeit. In der in Bayern ja traditionell die grossen Kräche stattfinden. Wie auch immer, das Konfliktmanagement wäre mal wirklich ein Thema für die Aufklärung und nicht nur Sex, über den man in aller Regel genug weiss.

Der nächste Test

Nun…

Es ist fraglos fein, wenn ein Beitrag zwölf Stunden prominent auf der Hauptseite und zwei Tage im Blogkasten steht. Das zeigt die Wertschätzung von Blogs bei der FAZ – allerdings passiert mir so etwas eher nicht, sondern dem Blog Zehn vor Acht. Ich finde es trotzdem schön, weil bei der ganzen Kraft einer der grössten deutschen Nachrichtenwebsites auch nicht mehr PIs rauskommen, als bei meinem letzten Beitrag von DEM, der vollkommen ignoriert wurde und nicht über die Hauptseite gelaufen ist. Das ist dann wohl der unterschied zwischen Kunstwollen und Können.

Man kann an der Stelle aber auch wirklich beklagen, dass die FAZ-Leser wohl doch noch keine vollkommenen Feministen sind.

Aber anstelle der sicher meinem Ansehen förderlichen Forderung, ein Umerziehungslager einzurichten, habe ich mich dann doch eher für Lebenshilfe entschieden, denn die Zeit, Mutterschiff der deutschen Gendertröten, fragte schleswiglich, warum all die Karrierefrauen so oft einsam in ihre im Internet bestellten Kissen weinen, und beim Zeitpartner Elitepartner keinen passenden Mann abkriegen.

Ich habe nicht gesagt, dass es prestigegeile, überarbeitete und sich selbst krass überschätzende Powerpointfailures mit Beinen und einem Nichts an der Stelle des Charakters sind, denn das kann ich nicht beurteilen und man will ja keinem etwas nachsagen. Aber ich kann erklären, warum die modernen Anforderungen der Arbeitswelt Frauen und Männer formen, die nicht so richtig in den Heiratsmarkt passen, der für sie finanziell, ökonomisch und eventuell auch sozial, wenn sie das kennen, interessant erscheint.

Versuchen wir das noch einmal mit der FAZ. Schauen wir, was rauskommt. Der Beitrag hat jedenfalls in einer Stunde auf der Hauptseite schon mal so viele PIs eingeheimst, wie die Konkurrenz nach zwölf Stunden. Prüfen wir die Kommentarfunktion und vielleicht wird ja doch alles gut.

Das ist ein Test

Ich wäre sehr um Feedback bei der Benutzung des neuen Blogsystems der FAZ dankbar – besonders beim neuesten Beitrag vin Deus Ex Machina über die Frage, ob man im Internet noch über Fett und dicke Leute reden kann. Ich sehe da inzwischen schon ein paar kleine Punkte, an denen man noch schraiben könnte, aber mich würde interessieren, wie die Nutzer das erleben. Vielen Dank. Ich denke, vieles wird da recht gut und hoffe auf angenehme Erfahrung.

Die Frauenquote nach de Sade

Dieser wunderwürdige Wahn, das Böse allein um des Vergnügens willen zu üben.
de Sade, Juliette

Für Frau B. ist die Frauenquote in den Aufsichtsräten der DAX-Konzerne nicht mehr nötig. Frau B. hat schon jetzt genug zu tun, selbst wenn sie nicht mehr die Anlagestrategie eines Risikokapitalgebers auf dem roten Plüsch eines Münchner Nachtclubs erklärt – diese wilden Zeiten der Kickoff Events sind vorbei. Sie ist längst Teil der erfolgreich-gediegenen Inventars dieser Republik, da leistet man sich solche Ausflüge in die New Economy nicht mehr. Man spricht heute gern mit ihr als Vertreterin einer wirtschaftsfreundlichen Lobbygruppierung über die Karrieren von Frauen, und zweifellos würde die Erinnerung an die wilde Startup-Epoche ihren Aufstieg in der Aufsichtsratsebene nicht behindern. Aber auch eine Frau B. kann sich nicht in mehrere Teile zerreissen. Posten, Berufungen und Auftritte kann sie frei wählen. Sie ist zu einer so starken Marke geworden, dass man sich nicht weiter über ihren Gatten unterhält, der einer der wichtigeren Manager des Landes ist.

Nun war ich einer, der damals ohne jedes finanzielles Interesse, sondern nur aus Spass und Liebe zum Katastrophentourismus auch auf so einem roten Plüschsessel verweilte, ohne dass es mich zu wirtschaftlichen Heldentaten angestiftet hätte. Aber wer bin ich schon, und das Amüsante an diesem Gesetz zur Frauenquote ist nun mal, dass es zusammen mit ihrem weithin gepriesenen Leitbild gerade jungen, leistungswilligen Akademikerinnen zur Nacheiferung behagt. Sie hoffen nun, dass es, selbst wenn es nicht für den Aufsichtsrat reicht, dadurch wenigstens einen sog. Trickle-Down-Effect gibt. Oben ändert sich durch Personen wie Frau B. etwas grundlegend, und von dort aus setzt sich die Änderung nach unten fort. Sie haben offensichtlich mehr Brand Eins als Animal Farm oder de Sades Juliette gelesen. Jedenfalls, dadurch werden ganz sicher einige lukrative Posten geschaffen und ebenso ganz sicher kann man sagen, dass dafür ein paar hundert Frauen in Frage kommen, und Tausende hoffen, dass sie davon indirekt profitieren. Und über 40 Millionen nicht.

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Was mich zur Frage bringt, was Frauenpolitik eigentlich sein soll, wenn sie dieselben in der grossen Masse nicht erreicht. Nehmen wir einmal an, die gleichen Politiker würden ein Freihandelsabkommen abschliessen, das durch ausserstaatliche Schiedsgerichte ein paar hundert schmierigen Winkeljuristen zur grenzenlosen Bereicherung verhilft. Wir würden wegen der paar bevorzugten Figuren auch nicht von Menschenrechtspolitik sprechen, solange wir zumindest nicht Siggi Pop hiessen und damit rechnen könnten, nach dem Untergang unserer angeblich sozialdemokratischen Partei bei einem Staatsbetrieb trotz Frauenquote einen gut dotierten Sitz im Aufsichts – ich schweife ab. Aber wie auch immer, von meinem angenehmen Platz am Ende der sozialen Nahrungskette, mit Einladung auf rote Plüschsessel, tue ich mir wirklich schwer, darin etwas anderes als die übliche Bevorzugung derer zu erkennen, die ohnehin schon Geld, Posten oder auch einfach nur das richtige familiäre Umfeld haben. Das ist ja auch fein. Nur war man früher so ehrlich, das als Nepotismus zu bezeichnen.

Ich darf die erwartbaren Folgen vielleicht an einem hübschen Beispiel illustrieren – wie Sie vielleicht wissen, ist der Journalismus, ganz im Gegensatz zur immer noch lukrativen Untätigkeit des Berufssohns, in einer schweren Krise. Und so hat es sich nun ergeben, dass bei GEO gekündigt wurde. Dort hat sich das eine Betroffene nicht widerspruchslos gefallen lassen, und einen offenen Brief geschrieben, in dem sie die Folgen für sich erklärt. Ich will hier ganz offen sein, Journalismus sollte man momentan nicht ohne hinreichende Reserven als Beruf wählen, aber in diesem Fall hat es sich einfach nicht ergeben, dass die Betroffene finanzielle Polster oder weitläufige Villen ansammeln konnte. Die drohende Altersarmut ist fraglos bitter. Adressiert ist der Brief an Julia Jäkel, Vorstandsvorsitzende von Gruner und Jahr, und mit Sicherheit eine der Frauen, die für die Frauenquote in Aufsichtsräten geeignet wäre. Und was macht Frau Jäkel? Sie schickt ihren Sprecher vor, der die Betroffene abkanzelt, weil sie ihre Probleme öffentlich gemacht hat. Das ist Frauenquote in der gelebten Praxis und was soll ich sagen – ich bin nicht überrascht. So war es doch schon immer, warum sollte sich da etwas ändern. Dazu hat man doch Personal, flauschig und bequem wie rote Plüschsessel.

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Nun bringt es mein Dasein allerdings mit sich, dass ich im Netz ein wenig herumkomme. Heute zum Beispiel habe ich mit drei Frauen halb beruflichen, halb privaten Kontakt gehabt, die vermutlich eher nicht die Chance auf einen Chefposten in der Wirtschaft haben. Die Auswahl ist mehr so, wie das Leben spielt und weniger, wie es vielleicht die Wirtschaft fordern würde – eine Muslima, ein Callgirl, und eine alleinerziehende Mutter mit zwei Kindern von unterschiedlichen Vätern, die halt so passiert sind, aber zur Abtreibung konnte sie sich nicht durchringen. Mit Frau Jäkel und Frau B. haben sie gemein, dass sie zu Minderheiten in dieser Gesellschaft gehören, es sind auch sehr kluge Frauen, und da könnte man natürlich auch die Politik mal fragen, ob sie dafür nicht vielleicht auch so ein nettes Gesetz mit Pfründen machen könnte. Ich mein, Weihnachten steht vor der Tür.

Die Muslima studiert Jura und trägt Kopftuch. Als bayerischer Bewohner einer retardierten und religiös-verhafteten Bergregion, deren Versandhäuser vor 40 Jahren noch zu Weihnachten den Kauf von Kopftüchern empfohlen haben, sollte man sich da vielleicht nicht unbedingt moralisch überhöhen, aber es ist nun mal, wie es ist. Ein christliches Kopftuch ist nach gängiger Vorstellung christliches Abendland der Aufklärung – oh, diese Ironie – und ein muslimisches Kopftuch ist der Grund, warum die Muslima, egal wie klug, kompetent oder erfahren sie ist, nicht Richterin oder Staatsanwältin werden kann. Und weil der Staat das nicht macht, weil der Staat vorlebt, welche Bedeutung er in diesem Fetzen Stoff sieht, machen es andere nach. Und erzählen so der Muslima und ganz vielen anderen, dass er sie nicht will, wenn sie sich nicht anpassen. Und dass sie dann eben bleiben sollen, wo sie sind.

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Das Callgirl trägt kein Kopftuch und lebt sehr wohl in der Tradition der Aufklärung nach Diderot und Voltaire – und bekommt deshalb gerade ein Gesetz, das Prostituierte laut Politik durch eine Zwangsregistrierung besser schützen soll. Ich habe mich da etwas umgetan und es scheint mir, als gäbe es keine Sexarbeiterin, die diesen Schutz in der geplanten Form haben will. Was immer ich von deren Seite aus lese, klingt ganz anders – und vor allem: Es klingt im Gegensatz zu den bürokratischen Überwachungswünschen der Politik durchaus vernünftig und nachvollziehbar. Die Invasion der Politik erinnert mich ganz fatal an das sog. Lebensmittelrecht, das so harte Auflagen an meine privaten Marmeladen- und Nudelmanufakturen stellt, dass es sich für die nicht mehr lohnt, ganz im Gegensatz zu den Nahrungsmultis, die jeden Klebeschinken-Dreck gesetzeskonform an die Menschen bringen können. Angeblich ist das nämlich Konsumentenschutz. Nur wenn es um die eigenen Nebeneinnahmen oder Umgang mit wirtschaftlichen Interessenten und deren Veröffentlichung geht, sind die darüber bestimmenden Politiker nicht unbedingt der Meinung, dass sie sich selbst zwangsregistrieren sollten. Aber Sexarbeiterinnen sind nun mal eine Minderheit, für die vermutlich kaum jemand die Stimme erheben würde. Wenn aber Alice Schwarzer damit zufrieden ist, hat man auch etwas für den Feminismus getan, und für alle Frauen. Weil: Es steht dann auch so in der Emma.

Dass die alleinerziehende Mutter eine solche wurde, habe ich damals aus der Nähe miterlebt. Mit der vollkommen unkomplizierten Pille danach hätte man das folgende Drama im katholischen Bayern schnell beenden können. Dann wäre die Geschichte möglicherweise anders verlaufen, und die aktuell anstehende Wohnungssuche wäre auch nicht so dramatisch. Aber deren Los ist angesichts all der Kämpfe um die Frauenquote gerade nicht auf der Tagesordnung, danach muss man die Prostituierten schützen, und dass es die Pille danach jetzt bald rezeptfrei gibt, liegt auch nicht an unserem Gesundheitsminister, sondern an den zähneknirschend akzeptierten Vorgaben der EU. Gut für die nächste Generation, aber ihr Wohnungsproblem bleibt auch trotz Mietpreisbremse ungelöst. Alleinstehende Jungmanagerinnen werden nun mal bevorzugt, egal ob von der Politik oder den Vermietern. Es reicht nicht, benachteiligte Frau zu sein, es muss dazu auch immer die richtige Minderheit sein, und das staatlich gewünschte Verhalten aufweisen.

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Aber dafür kommt jetzt die Frauenquote in Aufsichtsräten, und all die mitteljungen, weissen Akademikerinnen aus zumeist besseren Familien finden das prima und bestellen sich bei Zalando neue Businessschuhe, die sie brauchen werden, wenn oben Frauen wegbefördert werden und darunter neue Chancen entstehen. Es ist ein Lichtstrahl im finsteren Leben der Prekären, sie so gern nach oben kommen würden, und die nun glauben, dass davon ein Signal für alle ausgeht. Dass es beim Mindestlohn grosszügige Ausnahmen gab – vergessen. Dass im gleichen Moment Frauen, die nicht dem Wirtschaftsideal entsprechen, restriktiv behandelt und ausgegrenzt werden – egal. Dass vielen Frauen und ihren Kindern mehr geholfen wäre, wenn man den Stundenlohn bei den Reinigungsberufen nur um einen Euro anheben würde – unwichtig. Die Politik hat ein Zeichen gesetzt. All die Aufsichtsrätinnen werden doch sicher weibliche Referentinnen und PR-Frauen brauchen, und so wird nun also der Kampfgeist der Politik beklatscht, die dieses Anliegen gegen die Wirtschaft durchzusetzen wusste. So gehen Frauenrechte.

Mit üppigen Diäten, Zweitwohnung in Berlin und poweichfallander Anschlussverwendung bei Firmen, die sie als Volksvertreter kennengelernt haben. Wirklich, de Sades Juliette ist ein Klassiker der elitären Genderneutralität, gerade im Umgang mit Schwächeren brandaktuell, und gehört mitsamt einem roten Plüschsessel für vollendeten Lesegenuss unter jeden Weihnachtsbaum.

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