Die Frauenquote nach de Sade

Dieser wunderwürdige Wahn, das Böse allein um des Vergnügens willen zu üben.
de Sade, Juliette

Für Frau B. ist die Frauenquote in den Aufsichtsräten der DAX-Konzerne nicht mehr nötig. Frau B. hat schon jetzt genug zu tun, selbst wenn sie nicht mehr die Anlagestrategie eines Risikokapitalgebers auf dem roten Plüsch eines Münchner Nachtclubs erklärt – diese wilden Zeiten der Kickoff Events sind vorbei. Sie ist längst Teil der erfolgreich-gediegenen Inventars dieser Republik, da leistet man sich solche Ausflüge in die New Economy nicht mehr. Man spricht heute gern mit ihr als Vertreterin einer wirtschaftsfreundlichen Lobbygruppierung über die Karrieren von Frauen, und zweifellos würde die Erinnerung an die wilde Startup-Epoche ihren Aufstieg in der Aufsichtsratsebene nicht behindern. Aber auch eine Frau B. kann sich nicht in mehrere Teile zerreissen. Posten, Berufungen und Auftritte kann sie frei wählen. Sie ist zu einer so starken Marke geworden, dass man sich nicht weiter über ihren Gatten unterhält, der einer der wichtigeren Manager des Landes ist.

Nun war ich einer, der damals ohne jedes finanzielles Interesse, sondern nur aus Spass und Liebe zum Katastrophentourismus auch auf so einem roten Plüschsessel verweilte, ohne dass es mich zu wirtschaftlichen Heldentaten angestiftet hätte. Aber wer bin ich schon, und das Amüsante an diesem Gesetz zur Frauenquote ist nun mal, dass es zusammen mit ihrem weithin gepriesenen Leitbild gerade jungen, leistungswilligen Akademikerinnen zur Nacheiferung behagt. Sie hoffen nun, dass es, selbst wenn es nicht für den Aufsichtsrat reicht, dadurch wenigstens einen sog. Trickle-Down-Effect gibt. Oben ändert sich durch Personen wie Frau B. etwas grundlegend, und von dort aus setzt sich die Änderung nach unten fort. Sie haben offensichtlich mehr Brand Eins als Animal Farm oder de Sades Juliette gelesen. Jedenfalls, dadurch werden ganz sicher einige lukrative Posten geschaffen und ebenso ganz sicher kann man sagen, dass dafür ein paar hundert Frauen in Frage kommen, und Tausende hoffen, dass sie davon indirekt profitieren. Und über 40 Millionen nicht.

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Was mich zur Frage bringt, was Frauenpolitik eigentlich sein soll, wenn sie dieselben in der grossen Masse nicht erreicht. Nehmen wir einmal an, die gleichen Politiker würden ein Freihandelsabkommen abschliessen, das durch ausserstaatliche Schiedsgerichte ein paar hundert schmierigen Winkeljuristen zur grenzenlosen Bereicherung verhilft. Wir würden wegen der paar bevorzugten Figuren auch nicht von Menschenrechtspolitik sprechen, solange wir zumindest nicht Siggi Pop hiessen und damit rechnen könnten, nach dem Untergang unserer angeblich sozialdemokratischen Partei bei einem Staatsbetrieb trotz Frauenquote einen gut dotierten Sitz im Aufsichts – ich schweife ab. Aber wie auch immer, von meinem angenehmen Platz am Ende der sozialen Nahrungskette, mit Einladung auf rote Plüschsessel, tue ich mir wirklich schwer, darin etwas anderes als die übliche Bevorzugung derer zu erkennen, die ohnehin schon Geld, Posten oder auch einfach nur das richtige familiäre Umfeld haben. Das ist ja auch fein. Nur war man früher so ehrlich, das als Nepotismus zu bezeichnen.

Ich darf die erwartbaren Folgen vielleicht an einem hübschen Beispiel illustrieren – wie Sie vielleicht wissen, ist der Journalismus, ganz im Gegensatz zur immer noch lukrativen Untätigkeit des Berufssohns, in einer schweren Krise. Und so hat es sich nun ergeben, dass bei GEO gekündigt wurde. Dort hat sich das eine Betroffene nicht widerspruchslos gefallen lassen, und einen offenen Brief geschrieben, in dem sie die Folgen für sich erklärt. Ich will hier ganz offen sein, Journalismus sollte man momentan nicht ohne hinreichende Reserven als Beruf wählen, aber in diesem Fall hat es sich einfach nicht ergeben, dass die Betroffene finanzielle Polster oder weitläufige Villen ansammeln konnte. Die drohende Altersarmut ist fraglos bitter. Adressiert ist der Brief an Julia Jäkel, Vorstandsvorsitzende von Gruner und Jahr, und mit Sicherheit eine der Frauen, die für die Frauenquote in Aufsichtsräten geeignet wäre. Und was macht Frau Jäkel? Sie schickt ihren Sprecher vor, der die Betroffene abkanzelt, weil sie ihre Probleme öffentlich gemacht hat. Das ist Frauenquote in der gelebten Praxis und was soll ich sagen – ich bin nicht überrascht. So war es doch schon immer, warum sollte sich da etwas ändern. Dazu hat man doch Personal, flauschig und bequem wie rote Plüschsessel.

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Nun bringt es mein Dasein allerdings mit sich, dass ich im Netz ein wenig herumkomme. Heute zum Beispiel habe ich mit drei Frauen halb beruflichen, halb privaten Kontakt gehabt, die vermutlich eher nicht die Chance auf einen Chefposten in der Wirtschaft haben. Die Auswahl ist mehr so, wie das Leben spielt und weniger, wie es vielleicht die Wirtschaft fordern würde – eine Muslima, ein Callgirl, und eine alleinerziehende Mutter mit zwei Kindern von unterschiedlichen Vätern, die halt so passiert sind, aber zur Abtreibung konnte sie sich nicht durchringen. Mit Frau Jäkel und Frau B. haben sie gemein, dass sie zu Minderheiten in dieser Gesellschaft gehören, es sind auch sehr kluge Frauen, und da könnte man natürlich auch die Politik mal fragen, ob sie dafür nicht vielleicht auch so ein nettes Gesetz mit Pfründen machen könnte. Ich mein, Weihnachten steht vor der Tür.

Die Muslima studiert Jura und trägt Kopftuch. Als bayerischer Bewohner einer retardierten und religiös-verhafteten Bergregion, deren Versandhäuser vor 40 Jahren noch zu Weihnachten den Kauf von Kopftüchern empfohlen haben, sollte man sich da vielleicht nicht unbedingt moralisch überhöhen, aber es ist nun mal, wie es ist. Ein christliches Kopftuch ist nach gängiger Vorstellung christliches Abendland der Aufklärung – oh, diese Ironie – und ein muslimisches Kopftuch ist der Grund, warum die Muslima, egal wie klug, kompetent oder erfahren sie ist, nicht Richterin oder Staatsanwältin werden kann. Und weil der Staat das nicht macht, weil der Staat vorlebt, welche Bedeutung er in diesem Fetzen Stoff sieht, machen es andere nach. Und erzählen so der Muslima und ganz vielen anderen, dass er sie nicht will, wenn sie sich nicht anpassen. Und dass sie dann eben bleiben sollen, wo sie sind.

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Das Callgirl trägt kein Kopftuch und lebt sehr wohl in der Tradition der Aufklärung nach Diderot und Voltaire – und bekommt deshalb gerade ein Gesetz, das Prostituierte laut Politik durch eine Zwangsregistrierung besser schützen soll. Ich habe mich da etwas umgetan und es scheint mir, als gäbe es keine Sexarbeiterin, die diesen Schutz in der geplanten Form haben will. Was immer ich von deren Seite aus lese, klingt ganz anders – und vor allem: Es klingt im Gegensatz zu den bürokratischen Überwachungswünschen der Politik durchaus vernünftig und nachvollziehbar. Die Invasion der Politik erinnert mich ganz fatal an das sog. Lebensmittelrecht, das so harte Auflagen an meine privaten Marmeladen- und Nudelmanufakturen stellt, dass es sich für die nicht mehr lohnt, ganz im Gegensatz zu den Nahrungsmultis, die jeden Klebeschinken-Dreck gesetzeskonform an die Menschen bringen können. Angeblich ist das nämlich Konsumentenschutz. Nur wenn es um die eigenen Nebeneinnahmen oder Umgang mit wirtschaftlichen Interessenten und deren Veröffentlichung geht, sind die darüber bestimmenden Politiker nicht unbedingt der Meinung, dass sie sich selbst zwangsregistrieren sollten. Aber Sexarbeiterinnen sind nun mal eine Minderheit, für die vermutlich kaum jemand die Stimme erheben würde. Wenn aber Alice Schwarzer damit zufrieden ist, hat man auch etwas für den Feminismus getan, und für alle Frauen. Weil: Es steht dann auch so in der Emma.

Dass die alleinerziehende Mutter eine solche wurde, habe ich damals aus der Nähe miterlebt. Mit der vollkommen unkomplizierten Pille danach hätte man das folgende Drama im katholischen Bayern schnell beenden können. Dann wäre die Geschichte möglicherweise anders verlaufen, und die aktuell anstehende Wohnungssuche wäre auch nicht so dramatisch. Aber deren Los ist angesichts all der Kämpfe um die Frauenquote gerade nicht auf der Tagesordnung, danach muss man die Prostituierten schützen, und dass es die Pille danach jetzt bald rezeptfrei gibt, liegt auch nicht an unserem Gesundheitsminister, sondern an den zähneknirschend akzeptierten Vorgaben der EU. Gut für die nächste Generation, aber ihr Wohnungsproblem bleibt auch trotz Mietpreisbremse ungelöst. Alleinstehende Jungmanagerinnen werden nun mal bevorzugt, egal ob von der Politik oder den Vermietern. Es reicht nicht, benachteiligte Frau zu sein, es muss dazu auch immer die richtige Minderheit sein, und das staatlich gewünschte Verhalten aufweisen.

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Aber dafür kommt jetzt die Frauenquote in Aufsichtsräten, und all die mitteljungen, weissen Akademikerinnen aus zumeist besseren Familien finden das prima und bestellen sich bei Zalando neue Businessschuhe, die sie brauchen werden, wenn oben Frauen wegbefördert werden und darunter neue Chancen entstehen. Es ist ein Lichtstrahl im finsteren Leben der Prekären, sie so gern nach oben kommen würden, und die nun glauben, dass davon ein Signal für alle ausgeht. Dass es beim Mindestlohn grosszügige Ausnahmen gab – vergessen. Dass im gleichen Moment Frauen, die nicht dem Wirtschaftsideal entsprechen, restriktiv behandelt und ausgegrenzt werden – egal. Dass vielen Frauen und ihren Kindern mehr geholfen wäre, wenn man den Stundenlohn bei den Reinigungsberufen nur um einen Euro anheben würde – unwichtig. Die Politik hat ein Zeichen gesetzt. All die Aufsichtsrätinnen werden doch sicher weibliche Referentinnen und PR-Frauen brauchen, und so wird nun also der Kampfgeist der Politik beklatscht, die dieses Anliegen gegen die Wirtschaft durchzusetzen wusste. So gehen Frauenrechte.

Mit üppigen Diäten, Zweitwohnung in Berlin und poweichfallander Anschlussverwendung bei Firmen, die sie als Volksvertreter kennengelernt haben. Wirklich, de Sades Juliette ist ein Klassiker der elitären Genderneutralität, gerade im Umgang mit Schwächeren brandaktuell, und gehört mitsamt einem roten Plüschsessel für vollendeten Lesegenuss unter jeden Weihnachtsbaum.

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Nichtschenken wie die Profis

Zu konsumorientiert, zu wenig offen für das Soziale, für das Miteinander, das Spontane, das Improvisierte, das Bescheidene
Katrin Rönicke über Westdeutsche

Also wir machen das ganz schlicht. Wirklich. Zurück zur Besinnlichkeit, kein Konsumwahn, familiäre Nähe, und alte Christbaumkugeln. Wie bei den armen Leuten. Arm, aber herzlich. Wir sind doch nicht konsumorientiert.

Genau. Wir machen das wie früher, also vielleicht Socken. Die sind schön warm, die kann man wirklich brauchen, und auch, wenn das Heizöl und das Holz dieses Jahr billig sind, will man nicht zum Verschwender werden, und ausserdem, das Klima, man muss doch auch an das Klima denken, es hat zu wenig Schnee im Moment, das gibt nicht mal auf dem Wallberg eine weisse Weihnacht. Wir drehen die Heizung runter und tragen dickere Socken. Ausserdem brauchen wir ja nichts. Also nur Socken. Und vielleicht noch neue Hüttenschuhe, weil die alten inzwischen doch etwas schäbig aussehen. Das kommt daher, weil, da muss ich etwas ausholen, also, es war nämlich so.

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Wir sind nicht nur bescheiden, wir sind auch nachhaltig und man weiss, wie die Italiener das Öl so panschen. Die kaufen Öl aus der Türkei oder Spanien und schreiben „Extra Vergine“ drauf und machen so horrende Gewinne mit dem Betrug. Aber natürlich nicht mit uns, wir kennen da nämlich eine feine Ölmühle am Gardasee und als wir letzthin drei Wochen dieses Haus in Gardone hatten, sind wir am Regentag natürlich nicht nach Mailand zum Shopping gefahren, wir sind ja keine Verschwender, sondern zur Ölmühle drüben nach Malcesine – da gibt es übrigens auch ein phantastisches Restaurant, etwas versteckt, unten am See, aber ohne Touristen, das ist denen viel zu teuer und die verstehen ja nichts davon, und wirklich, sehr empfehlenswert – und haben gleich ein paar Flaschen und Kanister gekauft, was man halt so braucht, und auf dem Rückweg war da übrigens auch diese kleine Villa am See immer noch so zu verkaufen. Weil in Italien die Immobilienpreise so stark gefallen sind und gerade keiner kaufen will.

Nein, wir natürlich auch nicht, man hört von Freunden die wildesten Geschichten über ungeklärte Eigentumsverhältnisse, obwohl man sich das schon überlegen kann, wenn man sieht, was unser Haus in Gardone nur für diese drei Wochen an Miete gekostet hat. Es würde sich natürlich schon irgendwie anbieten, weil dann nämlich das Geld teilweise weg wäre. Jetzt nicht alles natürlich, aber doch ein Batzen, eine halbe, dreiviertelte Million ist ja nicht nichts. Aber auf der anderen Seite fährt man halt doch nicht dauernd hin, weil es schon recht weit ist, und es wäre wirklich nur eine Geldanlage, denn bislang hatten wir mit Immobilien immer Glück, ganz im Gegensatz zu den Aktien, aber da sind wir ja inzwischen völlig raus, oder fast, wir müssten mal schauen, was da noch auf diesem Depot ist, nachdem wir das Erbe aufgeteilt haben, aber wie auch immer, wir sind jedenfalls rüber nach Malcesine und haben letztlich doch etwas zu viel Öl mitgebracht. Das stand nämlich in der Küche auf dem übervollen Regal und dann ist einmal eine Flasche heruntergefallen, das war wirklich erschreckend, und das Öl ist auch auf die Hüttenschuhe gelaufen. Das war dann übrigens auch ein Drama, bis wir einen Maler hatten, der die Küche dann neu gemacht hat. Zuerst hatten wir ja Farben aus England, aber nach zwei Wochen kam die P. und meinte, das leichte Blau passt überhaupt nicht, und seitdem ist das alles wieder weiss gemacht worden, vom Maler. Ganz schlicht.

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Ja,, also, und natürlich kann man mit solchen ölverschmierten Hüttenschuhen auch nicht über Seidenteppiche laufen, die leiden schon genug unter der Katze. Und man muss auch ganz ehrlich sagen, wir haben sonst eigentlich alles, was wir brauchen. Man muss auch mal zufrieden sein, und dieser ganze Konsumwahn macht auch nicht glücklich. Vor allem, weil man gezwungen ist, überhastet und ohne echten Bedarf zu kaufen. Und das wissen die auf der andern Seite natürlich auch. Die Auktionshäuser mit ihren Weihnachtsauktionen werden inzwischen richtig dreist, die drehen das Angebot genau so hin, dass die geschenktauglichen Stücke im November und Dezember kommen. Letztes Wochenende waren wir auf einer Vorbesichtigung – das sind Verbrecher. Wir haben ein wenig den Überblick über die Preise aus eigener Erfahrung, gegen Ende des Jahres braucht man gar kein Silber kaufen, das macht man am besten im Sommer, wenn sich hierzulande kaum jemand für Teekannen und Besteck interessiert. Dieses edwardianische Service zum Beispiel war wirklich nicht zu teuer und jetzt warten wir eigentlich nur noch auf eine Hochzeit, um es zu verschenken. Wir planen so etwas immer langfristig. Aber für Weihnachten ist das nichts, das würde andere nur unter sozialen Druck setzen, und das wäre sehr unhöflich. Deshalb Socken.

Socken habe auch den Vorteil, dass der Preis im Ungewissen bleibt. Es muss keiner wissen, dass wir die extra aus Südtirol mitgebracht haben, aber wir lassen das vielleicht doch fallen, damit dem anderen klar ist, wie sehr wir uns Gedanken gemacht haben. Dann entsteht der nicht ganz unzutreffende Eindruck eines enorm überteuerten Geschäfts in den Meraner Lauben und von Bioschafen auf Berghängen, und so soll das natürlich auch sein, wegen der Bewahrung der Schöpfung. Daran sollte man an Weihnachten konsequent mehr denken, wir lassen ja auch die S-Klasse stehen, wenn wir zur Christmette gehen, wobei, gut, letztes Jahr ist die R. gefahren, weil sie Angst hatte, sich zu erkälten, und das wäre schlecht gewesen, einen Tag vor dem Überwintern auf den Malediven. Da hat sie dann aber auch eine Beule in der Tür ihres S7 gehabt. Sogar an Weihnachten vor der Kirche begehen Leute Fahrerflucht, das ist schon ein Zeichen dafür, wo wir angekommen sind – und deshalb schenken wir auch nichts, wir verweigern uns. Bei uns ist das noch wie früher. Anständig eben.

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Wobei – es gibt kein Fleischfondue mehr. Das ist nicht ganz wie früher, das Fondue ist gestrichen. Das war früher immer ein grosser Spass, sehr ungezwungen und gerade auch für die Kinder lustig. Man muss aber heute ein wenig aufpassen, manche Leute ertragen das rohe Fleisch nicht, so ist das eben in Zeiten des Bewusstseins für das Leid der Tiere. Man isst ohnehin zu viel Fleisch. Wir nicht, wir haben ja unsere guten Quellen, wir wissen, wo das herkommt – und trotzdem tun wir es nicht zum Fest. Wir passen da auch auf, letzthin zum Beispiel, da haben wir auf Vorrat ein paar Pfund Pralinen geholt, und der W. hat auch Bayerisch Creme. Dazu muss man wissen: Bayerisch Creme wurde früher gemacht, indem man unter anderem Kalbsknochen ausgekocht hat. Deshalb war Bayerisch Creme früher auch recht billig Ganz so geht das jetzt nicht mehr, das ist jetzt alles bio, deshalb kosten die Pralinen auch, wieviel war das noch gleich, na egal jedenfalls das gute Gewissen kommt mit der guten Qualität und vielleicht stopfen wir so eine kleine Tüte mit einem halben Pfund auch in die Socken.

Aber kein Geld. Ja um Gotteswillen, wo käme man denn da hin. Die Kinder brauchen auch nichts, die wissen das auch, schliesslich haben wir ihnen im Frühling die Wohnungen überschrieben. Gegen Weihnachten wäre das natürlich besinnlicher, aber so kurz vor Jahresschluss machen das doch nur die Unerfahrenen und dann bekommt man keinen Termin beim Notar. Also, die Wohnungen haben sie, die Nebenkosten zahlen wir weiterhin und damit ist alles so wie immer, nur eine Sorge wegen der Erbschaftssteuer ist weg. Aber es versteht sich doch von selbst, dass man keine Geldscheine mehr in Socken steckt, und obendrein haben sie sowieso schon alles. Ausser warmen Socken eben, daran denken die nie, wenn sie mit unserer Kreditkarte Fendi bei Teresa bestellen.

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So ist da eben im modernen Berufsleben, da kann man nicht die ganze Woche mit der gleichen Kleidung kommen. Aber wenn sie dann zuhause sind, haben sie warme Socken und Hüttenschuhe und Pralinen in der Wohnung, und dann kommen sie auch gut bis zum nächsten Urlaub über die Runden. Es sind eben die kleinen Freuden, die das Leben schön machen, es muss nicht immer Dubai sein. Wirklich nicht. Also letztes Jahr, da haben wir da was erlebt, das glauben Sie nicht..,

Der Verfasser sass letzte Woche zu lange in einem bekannten Restaurant am Tegernsee und war sehr mit dem Lauschen beschäftigt. Aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes wurden verschiedene Aspekte zusammengefasst und mit eigenen Qualität-Charakterfehlern angereichert.

Fracking, oder wie der Teufel den grössten Haufen findet

Je krümmer das Holz, je besser die Krücke

Ihr Dorf, sagt Katharina, liegt neben einem potenziellen Fördergebiet für die umstrittene Frackingmethode. Ich habe Katharina persönlich kennengelernt, sie wirkt wahnsinnig nett und gehört zu den Personen auf der Welt, die ich nicht zum Feind haben will, weil mir das sicher nicht gut bekäme. Sie kann nämlich ganz anders, als sie wirkt. Und wenn sie dann noch Verhältnisse wie im Wendland prophezeit, sollte bei ihr in Niedersachsen auf dem Dorf jemand auftauchen und Chemikalien in den Boden pressen, dann glaube ich ihr das einfach. Das wäre hier bei uns auch nicht anders. Das gute Westviertel meiner kleinen, dummen Heimatstadt an der Donau liegt im Westen, weil man nach dem Krieg im Osten die Petrochemie ansiedelte. Und wer im Osten wohnte, hatte am Wochenende, wenn sie in den Raffinerien unbeaufsichtigt die Produktionsreste abfackelten, keine schöne Zeit. Alles harmlos. Keine Gefahr für die Bevölkerung. Hiess es damals in der Contergan-Epoche. Seveso an der Donau, witzelten wir. Vor allem, weil wir am anderen Ende der Stadt wohnten, fern des nächtlichen Feuerscheins am Himmel und mit der warmen Glut im romantischen Kachelofen. Da kann man so etwas als Minderjähriger schon mal lustig finden.

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Und während ich also noch Katharina aufs Wort glaube, ruft meine Mutter an und sagt, das Holz sei da. Normalerweise kommt dann an dieser Stelle ein Lamento, diese vier Ster seien doch recht wenig und ich wüsste ja – wenn ein strenger Winter kommt, müsste sie im Januar noch einmal nachbestellen, und auch dann würde ich, so wie heute und jedes Jahr um die Zeit, nochmal Holz schleppen müssen. Weil es wirklich nicht viel sei. Heute ist es anders, sagt sie – heute ist es wirklich viel. Obwohl es nur vier Ster sind, wie immer. Vielleicht ist das Holz aber auch einfach nur voluminöser gefallen. So eine Art Bad Hair Day bei Fichte und Buche, weil sie schlecht geschlafen haben.

Das spielt beim Aufschlichten keine Rolle. Es sind vier Ster, weil sie traditionell so schön an die Ostseite des Hauses passen. Da ist es immer trocken. Wenn ich Efeu, Kellerfenster und Farnabstellflächen berücksichtige, und die Holzstösse genau so hoch mache, dass man gerade noch so an die oberste Lage kommt, benötige ich genau vier Ster. In einem milden Winter reichen sie ein ganzes Jahr und bilden zudem eine schöne Aufstiegshilfe für die Katzen, wenn sie das Haus unbedingt über ein Fenster betreten, oder sich dort bemerkbar machen wollen. Das ist dann auch für die Pflanzen angenehmer, denn so eine Katze ist das Fracking der Blumenkästen, falls man sie zu lange übersieht. Oder gerade den traditionellen Strudelteig zieht. Das ist hier nämlich auch so eine althergebrachte Sache: Apfelstrudel zum Holzschlichten.

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Und weil die Lüftung der Küche direkt hinaus auf den Weg zur Ostseite geht, bemerkt die Nase auch den Fortschritt im Ofen. Fünf Stunden dauert das Werk normalerweise, nach zweieinhalb Stunden ist der eine Holzstoss fertig und der Strudel auch, dann folgte eine halbe Stunde Pause, der zweite Holzstoss und dann ist es gerade noch so hell, dass ich den Garagenvorplatz zusammenfegen und die Spreizln – ich bedaure das sehr, ich kenne kein nichtbayerisches Wort für die restlichen, grossen Späne – im Schubkarren deponieren kann. Das alles hat sich so in den letzten Jahrzehnten eingeschliffen. Alle Kinder kommen an Weihnachten, und manche zudem im November für das Holz, und hören sich Klagen an, dass es schon wieder so teuer wurde. Als meine Eltern das Haus gebaut haben, war Öl trotz des Regimewechsels im Iran so billig, dass sie auch ohne eingebaute Fenster und Türen im Winter die Heizung haben laufen lassen. Da merkt man es natürlich, wenn aus dem billigen Holz und Öl von einst ein teures Luxusgut wurde. Aber dieses Jahr ist es auch nicht teurer als letztes Jahr.

Der Apfelstrudel wird fertig, der hintere Holzstoss wird fertig. Vorne jedoch liegt noch die Hälfte Holz und sie sieht gar nicht wie die Hälfte aus. Und auch, als der zweite Holzstoss in die Höhe wächst, liegt vorne immer noch viel. Der Nachmittag fliegt dahin, die Scheite klackern aufeinander, aber scheinbar kaum geschrumpft wartet vorne immer noch ein sehr grosser Haufen. Die Sonne geht unter, das Licht schwindet, der zweite Holzstoss steht und an der Tür türmt sich schon ein Berg kürzerer Holzbrocken, und unter dem Licht der Strassenlaterne wird mir klar: Das ist diesmal mehr. Sehr viel mehr als üblich. Denn der Teufel hat auch diesmal den grossen Haufen gefunden, auf dem er seine Hinterlassenschaften drapiert – wie immer bei denen, die ohnehin schon nicht am Hungertuch nagen. Jahrelang war es so, dass man uns fragte, ob wir beim Lieferanten nicht vielleicht ein freundliches Wort einlegen könnten – aber der beliefert nur Kunden, die sein Vater schon als Kinder kannte. Das war die eine Bevorzugung. Und jetzt, da Öl und Gas dank Fracking auch wieder billig sind, bekommen diese Kunden das Holz nicht mehr genau abgemessen, sondern grob geschätzt und noch einen Ster mehr. Und anderthalb Zentner Kleinholz, ein ganzer Gartensack voll, dazu.

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Und so schlichte, schiebe und schleppe ich auch noch in finsterer Nacht weiter. Schuld an diesem Bruch der Tradition, der mich zu so später Stunden nun wie einen Loamsiada wirken lässt, ist natürlich das ferne Amerika mit seinem Fracking – würde man dort weiterhin Erdöl in aller Welt kaufen, wäre es erheblich teurer, es gäbe eine höhere Nachfrage nach Holz, und niemand käme auf die Idee, aus vier Ster derer fünf zu machen, für die hier eigentlich gar kein Platz ist. Aber nun pressen sie Amerikaner nicht nur das Gift in den Boden und ins Wasser, sondern auch ihr unverbrauchtes Öl auf den Weltmarkt. Das merkt auch der Holzhandel, und zeigt sich generös. Früher war es die Vorzugsbehandlung bei der Lieferung, diesmal ist es die Vorzugsbehandlung bei der Menge. Irgendwo sucht sich jetzt das Gift seinen Weg durch das Gestein in das Grundwasser, und ich suche nach einem Platz für noch mehr Holz. Irgendwo kommen entzündbare Gase aus Wasserhähnen, und hier wird schon kräftig eingeschürt. Man hat es ja, Und Katharina schraubt wahrscheinlich gerade den Schneepflug an den Trecker und tauft ihn Esso Violence Exzesso oder so.

Denn natürlich erwischen die negativen Folgen immer die anderen. Die Stadt hat an der Petrochemie gut verdient, aber den Gestank hatten nur die, die im Osten wohnten. Das amerikanische Defizit bleibt unter Kontrolle, weil weite Landstriche mit der Brühe unterspült werden, aber wir behaupten, dass wir mit mehr Holz mehr kohlendioxidnetral heizen – mir ist vollkommen klar, dass Umwelttechniker das ganz anders sehen, aber so geht hier nun mal die traditionelle Legende. Westlich von uns kommt der Sumpf und darin ist ein kleiner Weiler, in dem der bayerische Ministerpräsident wohnt – ich glaube nicht, dass hier jemals gefrackt werden wird. Auch nicht am Tegernsee. Aber in Niedersachsen, da werden sie es zu Forschungszwecken genau so tun, dass bis zur Tagung der Zulassungskommission in den offiziellen Gutachten genau so viel Gefährdung festgestellt wird, wie früher im Schacht Konrad. Alles kein Risiko, wenn nichts passiert, zumindest nicht im fraglichen Zeitraum und was später ist, egal, da sitzen die Politiker längst in Aufsichtsräten-

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aber die Konferenzen solcher Firmen laufen natürlich nicht im Bohrloch, sondern am schönen Tegernsee, in einer Holzstube, mit Bioessen, nachhaltig natürlich, mit einem glücklichen Fleckvieh-Ochsen am Spiess und mit einem warmen Kachelofen, wo das Holz rotschimmernd knistert, wie die Erotik in der Arie der Despina in Cosi fan tutte. So machen es alle. Holz hat es da in der Natur natürlich immer genug, und Geld auch. Ich schlichte eine zweite Reihe an und wer weiss, ob nicht einer derjenigen, die nun um Bundestag gegen den erklärten Willen der grossen Mehrheit des Volkes den Arm hoben, nicht auch ein zweites Konto fern der EU anlegt. Man muss dem Teufel eben den passenden Haufen anbieten, dann wird das schon.

Kurz vor 7, zwei Stunden später als sonst, kehre ich den Staub und den Dreck auf dem Vorplatz zusammen. Das bleibt bei solchen Geschichten immer übrig, das fängt sich in den Ritzen der Platten wie Filz, da muss man wirklich mit Gewalt fegen, sonst setzt sich das fest. Ich habe das so gelernt, da sind wir traditionell, aber in den grossen Städten, wo man von den Frackinggiften, vom Holz und den Lagerstätten meint entkoppelt zu sein – da gibt es einen Hausdienst, der sich darum kümmert. Da muss man nicht gross nachdenken, Hauptsache, die nächste Nebenkostenabrechnung fällt nicht so hoch aus.

Und bei uns hat der Teufel wie immer den grossen Haufen gefunden. Ich würde trotzdem gern mal mit Katharina eine Runde Traktor fahren.

Die schwedische Penisvergrösserungspumpe auf dem Mond

Die Agentenkomödie „Austin Powers“ beginnt dreissig Jahre vor der eigentlichen Hadlung: Der Schurke Dr. Evil entkommt von der Erde, und sein Verfolger Austin Powers lässt sich einfrieren, um ihm, sollte er wiederkehren, endgültig das Handwerk zu legen. 1997 ist es dann soweit, und nach einer längeren Auftauprozess wird Powers – hier im Video nach ca. sechs Minuten – sein Eigentum ausgehändigt. Ein Samtanzug, ein Rüschenhemd, eine Platte mit den Hits von Burt Bacharach und

eine schwedische Penisvergrösserungspumpe.

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Powers, der von seiner neuen Partnerin begleitet wird, streitet vehement ab, dass sie ihm gehört, aber dann kommt dafür auch noch eine Rechnung mit seinem Namen zum Vorschein, ein auf ihn ausgestellter Garantieschein und, als er sagt, er wisse gar nicht, was man damit tun soll, das von ihm geschriebene Buch „Mein Leben mit der schwedischen Penisvergrösserungspumpe – genau mein Ding, Baby“. Für Powers, der es längst auf seine Partnerin abgesehen hat, ist das im Jahr 1997 natürlich relativ unerfreulich, aber wer hätte das in den wilden Sechzigern schon ahnen können.

Heute, wieder 17 Jahre später, ist die Technologie weiter, und in einer Dekade plant die britische Firma Lunar Mission One. den Traum vom Konservieren wahr zu machen. Nun, natürlich nicht den ganzen Körper, sondern nur ein kleines Stück von einem Haar des Menschen, in dem sich die DNA befindet. Dazu soll, und jetzt kommt der Dr.-Evil-Teil der Idee, ein Raumschiff auf den Mond geschossen werden, das ein drei Meter tiefes Loch ausbohrt und dann mit so einer Art Speicher füllt – eben mit den Haarteilen von Menschen und Daten, die sie über sich auch gern so dabei hätten, Texte, Bilder, Musik, Videoplaylisten mit der Austin Powers Schlussszene, wo die schwedische Penisvergrösserungspumpe auch eingesetzt wird. Fünfzig britische Pfund, soviel wie ein Rüschenhemd, soll der Spass kosten, und der Initiator braucht zehn Millionen Teilnehmer, um die halbe Milliarde Pfund zusammen zu bringen, die das Projekt nach Stand der Dinge kosten wird.

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Nun wissen wir natürlich alle, dass das britische Pfund in einer halben Generation das Kleingeld der chinesischen Währung sein wird, so, wie die Insel von Bankstern und Privatisierern zugrunde gewirtschaftet wurde, und überhaupt klingt das alles nach einer ähnlich guten Idee wie Geldanlage in Bitcoins oder die Konstruktion eines Weltraumaufzugs. Was ich an der ganzen Geschichte aber wirklich spannend finde, ist die Reduktion von dem, was Menschen als erhaltenswert erachten. Wir leben in einem agnostischen Zeitalter, man glaubt nicht mehr ans Christkind und auch das Paradies ist nicht mehr das, was es vor dem 2. Vatikanum war – die Sache mit der unsterblichen Seele wird also von weiten Teilen der Menschheit angezweifelt. Und dann kommt so ein Ersatzangebot daher und meint: Gib mir ein Haar und Deine Daten und wir speichern Dich in einem Loch im Mond – ist zwar nicht der Himmel, aber es kostet auch nur fünfzig Pfund. Gewissermassen die Seele des digitalen Zeitalters unter Nutzung der wirtschaftlichen Synergieeffekte und des medizinisch-technischen Fortschritts.

Mich erstaunt seit dem Geschäftserfolg von Jamba und den Lehman-Zertifikaten nicht, dass jemand so doof ist und sich irgendwas davon verspricht, wenn ein Haufen vollkommen uninteressantes Material in einem drei Meter tiefen Loch am Südpol eines lebensfeindlichen Wüstentrabanten herumgammelt. Ich finde es auch inzwischen normal, dass Menschen sich keine Gedanken um Themen wie Rückholbarkeit und Datenauslesung machen, oder wer eigentlich diesen bescheuerten Mond nach diesem Plunder absuchen soll. Mich erstaunt wirklich diese Reduktion auf zwei modische Aspekte des Lebens, die beide recht neu sind: Die DNA, die erst vor kurzem entschlüsselt wurde, und der belanglose Datenmüll, der sich so sammelt und auch Austin Powers wird sich etwas gedacht haben, als er die schwedische Penisvergrösserungspumpe aufbewahren liess – so etwas in der Art macht man bei der Lunar Mission One auch. Man versucht, mit Daten etwas zu konstruieren, was einen ausdrückt. Selbst, wenn die Daten in ihrer Begrenztheit über den Menschen und sein Denken und Fühlen auch nicht aussagekräftiger als die Pumpe über Powers sind. Man generiert einen zeitlich definierten Ausschnitt aus der eigenen Existenz über einen Speicher, dem die wenigsten alles und die meisten aus guten Gründen sehr vieles nicht anvertrauen. Die Seele macht nicht mehr das Wesen eines Menschen aus, sie ist hier eine Kompilation von verfügbaren und speicherbaren Informationen. Der Rest wird ausgeblendet. Dass bei Austin Powers folgerichtig eine Karikatur mit Samtanzug und Rüschenhemd heraus kommt, ist Absicht, aber vielleicht plant Gründer David Iron auch eine Art Update-Service, mit dem man später für erheblich mehr Geld auch unschöne Daten verschwinden lassen kann. Muss ja nicht jeder wissen, dass man ausgerechnet die Szene aus Austin Powers nachspielen kann, in der es um die schwedi wo war ich

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Ach so ja, die DNA. Noch so ein Modebegriff, Dr. Evil wird später auch aus seiner DNA geclont. Dieser Glaube an die DNA ist auch so eine auf den ersten Blick sehr technische Sache, aber mit einer religiös verstörenden Komponente: In der DNA liegt auch der Glaube an die Prädestination des Menschen. DNA, das sind wir, das ist unabänderlich. Schicksal. Fatum. Eine sehr, sehr christliche Vorstellung, denn spätestens seit Augustinus von Hippo kam der freie Wille des Menschen theologisch in Misskredit, und das christliche Abendland hat sich mit Demut und gehorsam vor einer höheren, keinesfalls zu hinterfragenden Instanz ganz gut eingerichtet, in einer Epoche, die man gern als „das finstere Mittelalter“ bezeichnet. Der Mensch denkt vielleicht, aber dort, wo früher Gott gelenkt hat, sieht man heute gern die DNA am Werk. Man sagt das auch gerne, die DNA eines Unternehmens, einer Mannschaft, einer Firma für lunare Penisvergrösserungspumpen sei so oder so. Aber was sagt mein Haar darüber aus, ob ich die Ideen von David Iron schätze, oder nicht?

Deshalb kommt in diese Debatte der Vorschlag, dass man dafür Schulkinder gewinnen will. Richtig, man möchte mit so einer Klitsche an die jungen und indoktrinierbaren Kinder heran, wie es auch die Kirche gern gemacht hat. Und das ist auch der Grund, warum ich glaube, dass die halbe Milliarde nicht auf dem Mond verbohrt, sondern ganz irdisch als Fehlinvestition in britische Peseten endet: Wissenschaftler mit solchen kindsverderbenden Ideen, die der nächsten Generation Datenhaufen als Wesen und DNA als Natur des Menschen verticken, und behaupten, es gäbe für die Einzigartigkeit des Lebens einen „Backup Drive“, tun keinem nach unseren Vorstellungen zivilisierten und aufgeklärten Land auf Dauer gut.

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Sollte Herr Iron jedoch, seiner eigenen Prädestinationslehre ergeben, den ersten Flug selbst durchführen und so lange zur Sicherheit – Backup Drive ist die neue schwedische Penisvergrösserungspumpe – einen Datenhaufen und ein Haar hier auf der Erde zurücklassen, könnte ich mich eventuell bemüssigt fühlen, doch fünfzig britische Pfund dafür crowdzufunden. What could possibly go wrong? Sollte er etwas länger in seinem Loch am Südpol des Mondes verweilen, werden wir das, was ihn ausmacht, ja weiter unter uns haben. Und immer, wenn ich dann hoch zum Mond schaue, werde ich denken: Die Idee war voll daneben, aber irgendwie ist die Welt dadurch nicht dümmer geworden, und die Kinder lernen hoffentlich, dass sie selbst ihre eigene Datensicherung sind, dass ihnen das niemand abnehmen kann, und das Leben jenseits von DNA und Daten spielt.

Zum Beispiel mit einer schwedischen Penisvergrösserungspumpe.

Warum essen sie keine Pralinen, wenn ihnen Köttbullar zu teuer ist

He justs at scars that never felt a wound
Shakespeare, Romeo und Julia

Da sitzen sie dann an ihren weissen Resopalschreibtischen, billig bei Ikea gekauft, und denken nach, wie sie ihren Standpunkts durchsetzen können, ohne deshalb Zeit an Argumente zu verschwenden. Es wäre schon nett, denken sie und betrachten die Tasse, wenn sie mit einem Wort die Welt scheiden könnten in Schafe wie sie und Böcke wie alle anderen. Es fällt ihnen dabei auf, dass die Tasse, auch bei Ikea erworben, weil so praktisch und robust und wer braucht schon Goldrand, nach drei Wochen auch mal wieder ausgespült werden könnte. Sie denken ein wenig nach, was jetzt unappetitlicher ist, diese braune Tasse oder die sporadisch bewässerte Pilzzucht in ihrem Waschbecken. Aber weil ihnen nichts einfällt, gehen sie schlecht gelaunt in die Küche und stolpern, so dass ihr Weihnachtsgeld in Form der vierschichtig aufgetürmten Pfandflaschensammlung umkippt. Sie sagen ungebührliche Dinge, der innere Groll schwappt ihre Kehle hinauf, weil alles so traurig ist und ihnen nicht mal ein Wort einfällt – und dann kommt es. Dieser innere Groll, dafür gibt es ein Wort. Ressentiment. Das ist es. Französisch, intellektuell und gleichzeitig den anderen als von Wut und Enttäuschung zerfressenen, kaum denkenden Ignoranten abstempelnd. Das nehmen sie.

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Und weil sie, nachdem sie das Weihnachtsgeld in gelbe Säcke geräumt und noch einen weiteren dickwandigen Hafen in der Küche gefunden haben, nun wieder ihr Leben kontrollieren, setzen sie am Schreibtisch zum hochgeistigen Ressentiment noch ein abwertendes Wort, wie etwa Mob. Ressentimentgeladener Mob, das klingt doch schön. Da spürt man sofort, dass die Autorin das Problem analytisch durchdrungen hat wie der Schimmel den Frischkäse in ihrem Kühlschrank. Dessen Entdeckung wird eine halbe Stunde später noch einen Absatz nach sich ziehen, in dem sie fragt, ob sich denn jeder überhaupt all der Trigger bewusst ist, die die moderne Kultur jeden Tag den Denkenden in den Weg legt. Neben Katzenvideos und der nächsten Nebenkostenabrechnung vom Vermieter dieses Lochs.

Man merkt das vielleicht: Wenn ich so eine Figur etwas mehr ahnend denn erfindend beschreibe, amüsiere ich mich köstlich. Ich amüsiere mich, obwohl das Ergebnis wirklich in den Medien zu bestaunen ist, denn anderen „Ressentiments“ zu unterstellen, ist gerade sehr modisch. Ein Wort, zwei Stempel, hier der Grollende und dort die gekonnte Analyse. Jeder denkt an einen schmerbäuchigen, weissen Menschen, der sich irgendwie bedroht fühlt und die generelle Entwicklung nicht mag, aber weder versteht, dass es nun mal so sein muss, weil er nicht die Zukunft sein kann, noch dazu in der Lage ist, seine eigenen Defizite zu verstehen. Ganz im Gegensatz natürlich zu denen, die Ressentiments nach dem vierten Schreiben auch ohne Fehlerkorrektur beherrschen.

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Und ich möchte das auch gar nicht bestreiten. Ressentiments sind tatsächlich weit verbreitet, denn sie sind eine direkte Folge der Klassengesellschaft, in der wir nach dem Ende der unüberwindlichen Mauern zwischen den Gruppen zwangsweise zusammen leben müssen. Manchmal entstehen sie einfach so, mitunter werden sie auch gezielt geschürt. Ich zum Beispiel zeige mit meinen Pralinenbildern vom Tegernsee bei Twitter nicht nur meinen Freunden, was ich demnächst schicke, ich zeige auch meinen Gegnern, dass ich dort wohne, wo sie sich den Urlaub nicht leisten können. Und dass es noch eine Parallelwelt mit nachhaltiger Herstellung und guten Löhnen unter Kronleuchtern gibt, gegen die plastikverschweisste Dominosteine vom Discounter mit der unfreundlichen, schlecht bezahlten Frau an der Kasse deutlich abfallen. Ich mache das mit besonderer Freude gegenüber genau jenen Kämpfern für Toleranz und soziale Selbstgerechtigkeit, die das Wort „Ressentiment“ so gerne nutzen, in der Hoffnung, dass sie durch Selbstbetrachtung ihres Grolls ein wenig Abstand davon nehmen, andere zu beurteilen. Das ist eben meine mein Beitrag zu ihrer Aufklärung, denn auch Ressentiments der grundlos okkupierten moralischen Überlegenheit, so hoffe ich doch für sie, sind heilbar, und das ist gut für das Zusammenleben.

Die Oberschicht ist natürlich meistens nicht ressentimentgeladen. Es fehlt ein wichtiger Bestandteil, da Gefühl nämlich, dauerhaft benachteiligt zu werden. Selbst Klagen über die Raffgier des Finanzamtes und den Spitzensteuersatz muss man sich erst mal leisten können in einer Welt, in der andere bei der Bewerbung um eine Mietwohnung gleich im ersten Satz ihr Nettoeinkommen erwähnen – und deshalb diskriminiert werden, weil das zu offensiv ist. Man tut das eigentlich nicht öffentlich, das wird einem in einer guten Erziehung auch abtrainiert. Aber auch an dieses abtrainieren erinnert man sich, und weiss deshalb ganz genau, wie man mit ein klein wenig unachtsamer Herablassung – oh pardon Kindchen, das meinte ich nicht so, wirklich, das ist mir so herausgerutscht und du bist nicht gemeint – genau diesen inneren Groll anheizt. Das muss, wenn man es einsetzen will, unabsichtlich wirken, damit die Distanz gewahrt bleibt. Schaut her, sagt das Verhalten, ich habe mich trotz meiner Privilegien meistens, fast immer unter Kontrolle und wenn mir so etwas passiert, beuge ich mich hinunter, ganz tief, und entschuldige mich sogar. Sie hatten ja schon immer den Verdacht, man würde in der Oberschicht so ignorant auf ihren Nöten herumtrampeln. Man passt also in der Regel besser auf. Aber manchmal überkommt es einen, diese kleine, schäbige Freude, wie eine Aristokratin, die bei einer Konkurrentin entdeckt, dass die Bilderrahmen nicht abgestaubt sind. Bitte schauen Sie bei mir die Bilderrahmen nicht zu genau an.

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Die paar Euro für ein Packerl Pralinen und eine gute Kamera sind also nicht zwingend gut angelegtes Geld in einer Epoche des Klassenkampfes, die uns in vielen anderen Bereichen sehr viel gleicher gemacht hat. „Blasiertheit“ ist dafür ein altertümliches Wort, ausser in Bayern natürlich, bei uns ist das immer noch im Sprachgebrauch, und es umschreibt nicht etwa Eigenschaften wie Arroganz oder Borniertheit oder Snobismus, die dauernd auf der Suche nach Ausdruck sind. Blasiert ist erheblich netter, kein krasser Charakterfehler, sondern eine, solange man davon nicht betroffen ist, fast schon nette Schrulle. „A wengal blasiert is scho, de Zenzi, owa ned unkommod“ – so sagt man das bei uns über Heiratsmaterial von Stand. Die Blasiertheit kann jahrelang unter den liebreizendsten Charakteren ruhen, bis sie dann einen Moment nicht aufpassen, und ihnen dann ein Satz, ein einziger brutaler Satz herausrutscht, der anderen richtig weh tut. Und sie merken es mitunter noch nicht einmal, denn wie können sie wissen, dass andere darunter leiden. In der Blasiertheit liegt viel Gelassenheit und auch eine Abwendung von den unschönen Seiten der Welt – ja, das mag alles ganz schaurig sein, was man so hört, aber es ist November und die Kühe sind immer noch auf der Alm, ist es nicht schön? Magst du nicht kommen? Ah so, du musst arbeiten. Na dann. Schade.

Man kennt das, das passiert jedem einmal, und man verurteilt das besser nicht, wenn man nicht verurteilt werden möchte. Deshalb ist es auch nicht wirklich abwertend, und weil die Oberschicht sich im Werturteil so freundlich für sich selbst entschieden hat, wird es unten ähnlich betrieben: Anderen Ressentiments unterstellen kann nämlich auch so ein Akt der Blasiertheit sein. Nur mit dem kleinen Unterschied, dass sich die einen solche Akte wegen ihrer Klassenzugehörigkeit leisten können, und die anderen damit in ihrer Klasse auf derartig beschimpfte Leute treffen, die das nicht schätzen und, wenn sie Pech haben, auch Macht über sie besitzen. Blasiertheit wirkt auf den ersten Blick so hübsch nutzbar, so mädchenhaft-sorglos, aber das geht wirklich nur, wenn einem die Betroffenen nicht an die Gurgel gehen und dieselbe zudrücken können, bevor man Gelegenheit hatte, sie über die Verwerflichkeit ihres ressentimentgeladenen Treibens aufzuklären.

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Natürlich bleibt es nicht aus, dass man mitunter auch als Angehöriger der Oberschicht mit diesem Benehmen scheitert. Aber man kann das aussitzen. Und abwarten. Und Pralinen essen und warten, dass es vergessen wird – eben, weil man wie die Zenzi eigentlich nicht unkommod ist. Nur manchmal etwas blasiert. Die anderen sitzen weiterhin an ihren Resopaltischen, in der Küche freut sich der Pilz über Nährboden, und die einen schreiben Anträge bei der Kulturförderung und die anderen müssen dem Konkurrenzangebot bedauernd absagen, zu viel Aufwand, keine schöne Stadt, dieses Hamburg und gute Pralinen gibt es da auch nicht. Manchmal kann man sich auch gar nicht so weit zurücknehmen, dass es einem die anderen nicht verübeln würden, womit wir wieder bei den Ressentiments wären, und einem langweiligen Thema. Ich bringe jetzt einer reizenden jungen Dame, die ich befragen werde wie die Contessa Maria, Pralinen ins Museumscafe mit, und werde dann hoffentlich über erfreulichere Dinge als Hackfleischbällchen berichten.

Die totale Toleranz: Frankie goes to Scheiterhaufen

Vorbemerkung: Es wird eventuell noch ein wenig dauern, bis die neue Führung des FAZ-Feuilletons steht. Aber schon jetzt kann ich sagen, dass ich inzwischen organisatorisch unter Online laufe. Insofern beschliesst dieser Beitrag in gewisser Weise diese fast sechs Jahre lange Feuilleton-Phase der Stützen, und zwar so, wie man das machen soll. Dreist, rücksictslos, höhnisch und dem Wissen, dass man noch auf vielen Gräbern tanzen wird. Aber wie auch immer – es wird weiterhin jeder Beitrag so geschrieben, als sei Schirrmacher der erste Leser.  

Welcome to the Pleasure Dome

Es ist jetzt über 30 Jahre her – oh Gott, 30 Jahre schon, ich werde alt –, dass „Relax“ von Frankie goes to Hollywood herausgekommen ist. Ein Klassiker der Popgeschichte, den jeder kennt, obwohl das nicht jedem passte. Bei uns in der Schule etwa durfte man sich mit der Single oder gar dem Album nicht erwischen lassen, denn schnell hatte es sich unter den Lehrern herumgesprochen, was Holly Johnson darin sang: Dass man es saugen sollte und nicht nachlassen, wenn man kommen wollte. Dazu gab es noch ein Video, das in einer Schwulenbar spielte, mit Lederkerlen und einer Drag Queen aufwartete, und in einer ziemlichen Orgie endete. Und weil wir in Bayern waren und unser Ministerpräsident aus eigener Erfahrung ein Lied davon singen konnte, wie solche Geschichten mitunter ausgehen, war das an unserer hochanständigen Schule natürlich verboten. Die Kindlein könnten ja, oh Gott, gar nicht auszudenken…

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Kurz, die Platte war bei uns heiss begehrt und ich sammelte von allen eine Kassette ein, dann kam Oli mit seinem Roller und seinem Doppeltapedeck, und wir schlossen es mit dem Tapedeck meiner Eltern zusammen. So fertigten wir vier Kopien auf einmal, für die ich mich heute, nach Ende der Verjährungsfrist etwas schäme. Denn „Welcome to the Pleasuredome“ ist die Platte, die man aus diesem Jahrzehnt besitzen muss, neben „One Second“ von Yello, „The non comprendo“ von Les Rita Mitsouko, „Licensed to ill“ von den Beastie Boys, die gelbe Maxi „Route 66“ von Depeche Mode und „Ab 18“ von den Ärzten. Aber keine war so verboten wie Relax, das uns zum ersten Mal einen Eindruck davon gab, dass Ausgehen vielleicht ein wenig aufregender als Discofox im Why Not sein könnte. Wenn wir hier über den Mauerfall reden – das war bei uns die Beschaffung dieser Platte, das war volljährig werden und nach München fahren und ein anderes Leben zu beginnen, ohne Angst, die erste Freundin nach dem Studium heiraten zu müssen und ohne Furcht, dass es am nächsten Tag Stadtgespräch sein würde, wenn man auf den Boxen des Pakcafes ungewöhnliche Dinge öffentlich getan hat.

Trotzdem bin ich übrigens bekennender Heterosexueller. Relax hat mich nicht essentiell verändert, es hat mir nur einen Schubs gegeben, und auch keiner, dem ich die Platte überspielte, wurde deshalb in seiner sexuellen Entwicklung gestört. Meine schwulen Freunde aus München sind heute natürlich alle froh, dass die kranke Zeit unter Strauss vorbei ist, als ein gewisser Gauweiler angesichts von AIDS mit aberwitzigen Ideen an die Öffentlichkeit trat. Aber ein wenig traurig, wehmütig, melancholisch wird man schon, wenn man das langsame Intro von Relax hört und darauf wartet, dass der Beat unerbittlich losstampft – denn das war unser Marsch in die Freiheit, da waren wir noch anders, da konnte man noch schocken. Man wollte es uns verbieten, aber wir haben uns nicht abhalten lassen, wir haben die Epoche Strauss zu Staub zertanzt und die Lehrer, die damals zum Historikerstreit rechte Sager lieferten, sind tot – und ich schreibe bei ihrer FAZ. Relax von Frankie goes to Hollywood ist ein Klassiker der Musikgeschichte, es gibt darüber Seminare und Dissertationen. Das Video ist aus heutiger Sicht läppisch, eine Schwulenparty, total normal. Sollte jemand etwas anderes zu denken wagen, werden sogar im tiefsten Baden-Württemberg die LichtträgerInnen der Genderforschung und Toleranz dafür sorgen, dass die Kinder das, was der Onkel Holly Johnson von hinten mit dem Onkel Paul Rutherford macht, für eine der vielen intersektionellen Normalitäten der sexuellen Entwicklung halten. Wie auch die Drag Queen, auf der dabei Paul Rutherford liegt. Es hat sich alles geändert, zum Glück. Die Abweichung von früher ist eine Option, mehr nicht. Nicht diskriminieren, lernen die Kinder, diskriminieren ist böse und gegen den Lehrplan, so wie bei uns Homosexualität in der Schule nichts zu suchen hatte. Immer schön tolerant sein, Kinder. Intoleranz und Ausgrenzung ist ganz böse.

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Das gilt für sexuelle Orientierungen, aber auch für alle anderen Minderheiten und Formen der Ungleichheit. Und dann schauen wir das Video noch einmal mit modern-toleranten Augen an, und dem geschärften Sensorium von gut drei Jahrzehnten Forschung über Gender, Herrschaftsstrukturen und Benachteiligung. Das Video fängt mit einer einer Szene ausserhalb des Schwulenclubs an. Dort wartet Paul Rutherford und – raucht. Und es gibt keine Einblendung, dass Rauchen die Gesundheit gefährdet. Das ist nicht gesund. Sollte man Kindern solche Idole geben? Dann kommt Holly Johnson. In einer von einem Chinesen gezogenen Rikscha. Überhaupt keine Frage, hier wird eine kolonial-rassistische Attitüde propagiert, und auch überhaupt nicht hinterfragt. Rutherford hilft Johnson au der Rikscha, der Läufer wird klassistisch-unterdrückend gar nicht mehr beachtet. Er ist wird reduziert auf eine exotische Kulisse für die Hauptfiguren, die hier auch nicht ihre Privilegien checken, oder in einen konstruktiv-egalitären Dialog über ihr kritisches Weisstum, noch dazu als privilegierte Männer, einsteigen. Da sieht man mal, wo das hinführt, als damals an den Schulen keine Toleranz geübt wird. Die weiblich transqueerx männlich definierten jungen Menschen von heute könnten ja, wenn sie das sehen, oh Gott, gar nicht auszudenken…

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Zum Glück gibt es gleich in der Bar eine Szene, in der die politisch.korrekt queere und in eine Machtposition versetzte Drag Queen eine männlich definierte Person in das auf den Boden gestreute Stroh wirft und mit einer provokativen Intervention patriarchal-totalitäre Herrschaftsstrukturen ins Gegenteil verkehrt. Hoffentlich ist auch das Stroh bio. Damit also setzen Frankie goes to Hollywood ein klares Zeichen gegen den Mainstream der Rape Culture und führen den cisheteronormativen Betrachtern vor, dass hier keine überkommenen Machtverhältnisse reproduziert werden. Die weiblich definierte Person wird klar als dominant dargestellt. 34 Sekunden sind jetzt vorbei, und nun sollten sich die Männer endlich mal freiwillig zusammen setzen, Fair Trade Tee trinken, die Bemühungen feministischer Blogs loben und darüber reden, wie man das Patriarchat abschafft und eine Frauenquote einführt, aber bitte nur mit Frauen, die keinen autosexistischen Wonderbra tragen und natürlich ihre Privilegien checken und ihr Weisssein krit – was machen die da?

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Einer hält Holly Johnson eine Banane vor das Gesicht und leckt daran. Und zwar ohne dass Johnson darum gebeten hätte. Er führt zwar aus, dass man saugen sollte, wenn man kommen wollte, aber das ist allgemein gehalten und was im Video ist, ist das ein eindeutiger sexueller Übergriff, zu dem Johnson nicht Ja gesagt hat. Also eine versuchte Vergewaltigung. Man muss das ganz klar sagen; wer so etwas an einer amerikanischen Uni macht, fliegt. Und wer so etwas an einer schwäbischen Schule macht, wird auch keinen Spass haben. Wie kann man das auf Youtube zeigen? Aber es kommt noch schlimmer – auf der Empore wird der Chef des Clubs hereingetragen, und er wird von einem äusserst dicken und unsympathisch wirkenden Mann verkörpert. Der junge und adrette Johnson ist eindeutig ein Fall von Lookism, am antagonistischen Dicken wird Fat Shaming und Ageism vorgeführt, und dass er Anweisungen gibt, wer unten in einen Käfig oder eine eiserne Jungfrau gesteckt werden soll, ist obendrein übelster Klassismus, von dem sich auch niemand distanziert, oder wenigstens mal die Privilegien checkt. Ein dicker, alter, weisser Mann als nicht kritisch durchleuchtetes Rollenbild. Eine seiner Begleiterinnen ist geknebelt und gefesselt, eine andere fächelt ihm auch noch Luft zu – kein Wunder, dass die Medien heute voll sind mit Martensteins Neffen, die sich über Feministinnen lustig machen. Die haben das gesehen und reproduzieren das bis heute.

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Danach wird Johnson auf die Bühne verbracht und

macht etwas mit einem Tiger.

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Wo bleibt hier der Artenschutz? Und dann gibt es auch noch § 184a StGB, der die Verbreitung tierpornographischer Schriften unter Strafe stellt. Das sollte man hier gleich mal prüfen. Denn es kann nicht sein, dass man zum Schwulen tolerant ist, und der macht dann so etwas. Der muss dann bitte genauso tolerant sein. Wurde wenigstens versucht, den Tiger vegan zu ernähren? Nach Rassismus, Kolonialismus, Sexismus, Übergriffen, Fat Shaming, Klassismus. Männerbündelei, Frauenbenachteiligung, Fehlen einer Quote und Patriarchat nun auch noch nicht artgerechte Tierhaltung. Wieso, muss der in jeder Hinsicht berufstolerante Mensch hier fragen, ist dieses Video überhaupt noch im Internet und warum wird Youtube nicht verboten? Sieht denn keiner, dass hier unter dem Vorwand der Infragestellung angeblicher cisheteronormativer „Werte“ alle anderen Arten der Unterdrückung reproduziert und auch noch gefeiert werden? Noch dazu von sexuell attraktiven Männern, von denen einer einen Anzug als Symbol seines dominanten Rollenverhaltens trägt. Der Höhepunkt: Johnson nimmt dann seine penisförmige Krawatte ab, schlingt sie um Rutherford und bringt in damit in die Position zum Geschlechtsakt. Das ist nicht einfach nur homosexuell, da werden übelste klassistische Machorollenbilder tradiert. So fahren wir alle zur Hölle.

Und dann singt er auch noch „Hit me with those laser beams“. Gewaltphantasien und Stromverschwendung. Schnell, da muss eine EU-Richtlinie her. Wenigstens Energiesparlaserbeams und Krawatten ohne Naturseide.

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Liebe Kinder in Schwaben, ihr dauert mich. Auf der einen Seite sind da klerikale Figuren wie meine alten Lehrer, die nicht wollen, dass ihr den Onkel Holly und den Onkel Paul in einem dreissig Jahre alten Video seht – dabei ist das ein echt witziges Video, und manchmal geht es später wirklich so wild zu. So toll kann das Leben sein. Und auf der anderen Seite sind die total Toleranten, die das im Rahmen des Gender Mainstreaming exakt so lang vermitteln wollen, wie es ihnen in den ideologischen Kram passt, und wenn nicht, rufen sie nach dem Staatsanwalt. Glaubt ihr nicht? Guckt mal, das sind Tweets der Gegner der Klerikalen, von Anhängerinnen der Gruppe, die sich für die Einführung der neuen Gendererziehung einsetzt, darunter auch die Frau, die die Petition dafür gestartet hat. Denen hat ein Beitrag hier nicht gefallen, jetzt wollen sie eine Staatsanwältin.

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Ihre Toleranz geht vor die Freiheit der anderen. Was die erst machen, wenn der Onkel Holly dem Chinesen kein Trinkgeld gibt und beim Remake keine Frauenquote eingeführt wird, weil das andere Geschlecht nicht unsichtbar sein darf – das wissen wohl nur die total Toleranten und Ausgleichenden selbst. So, wie sie uns unter Strauss zu seinem Freiheitsbegriff erziehen wollten, werden die Toleranten euch zu ihrem totalen Toleranzbegriff erziehen. Damit ihr auch ja keinen benachteiligt und immer schön eure Privilegien checkt. Dann wird das alles eine supi tolerante und aware und klassenneutrale Gesellschaft, und alle sind froh und glücklich und tanzen um das lustige Feuer, auf dem mit de Sades Philosophie im Boudoir und Diderots geschwätzigen Schatzkästchen das letzte Pleasuredome-Album zu einem schwarzen Klumpen verschmort.

Ups pardon, schwarz ist ja auch rassistisch, das heisst natürlich KlumpIn of Colour.