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Inschrift in Gmund

Drei Dinge voraus: Ich bin alles andere als ein Kinderfreund.

Malte Welding habe ich zwar persönlich nie getroffen, aber wir haben gut zusammengearbeitet, schätzen einander und verstehen uns trotz aller kulturellen Unterschiede, von denen noch die Rede sein wird. Zumindest war das bisher so.

Und ich hatte gestern vier Stunden Zeit, sein Buch auszulesen. Zwischen der kleinen, dummen Stadt an der Donau und München war eine Familie im Zug, die stundenlang nicht in der Lage war, ihren Schreibratzen den Mund zu verbieten, und der Zug fuhr wegen einer Selbstmorddrohung langsam. In Dachau mussten alle in die S-Bahn umsteigen, und auch dort war wieder eine Schreifamilie. Zwischen München und Holzkirchen waren dann alkoholisierte Emojugendliche neben mir, die in der Kinderzone Bier verschütteten, und zwischen Holzkirchen und und Schaftlach eine Jungtrachtengruppe aus der Jachenau.

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Und obwohl ich überhaupt kein Trachtenseppl bin – ich komme aus einer Stadt, und da trug man zu keiner Zeit Lederhosen – war die Trachtengruppe mit ihren Gamsbarten bei den Buben und den hochgesteckten Haaren bei den Daendln doch so erholsam, dass ich mich nun halbwegs ausgeruht und mit geheilten Nervenschäden daran machen kann, mich mit Malte Weldings Aufruf an die Eltern zu beschäftigen, der Politik den Marsch zu blasen. Und mehr Geld und mehr Unterstützung zu fordern, wenn die schreiende, bierverschüttende und wohl nur noch in der Jachenau sauber erzogene Zukunft des Landes demselben geschenkt wird. Dazu wird ein Begriff für eine kinderfeindliche Ideologie eingeführt, die sich nicht darum kümmert, dass Raum und Möglichkeiten für Nachwuchs da sind: Antinatalismus. Das trifft die gesamte politische Kaste von links bis rechts, aber auch Leute wie mich, die der Meinung sind, dass Kinderkriegen ein Privatvergnügen ist, und angesichts einer langen Familiengeschichte finden, dass sich die Leute nicht so aufführen sollen, früher ging das doch auch.

Ja mei. Ich finde auch, dass diejenigen, die die Gleichberechtigung wollten, sich jetzt nicht beschweren brauchen, wenn sie in einer wie immer rücksichtslosen Arbeitswelt gelandet sind, nur mit dem Unterschied zu früher, dass da halt keine Grossfamilie mehr ist, die als Puffer agiert. Das weiss man eigentlich schon vorher. Auch beim breit dargestellten Thema Alleinerziehung hält sich mein Mitgefühl mitunter in Grenzen: Bei der Paarung galt lange Zeit ein gewisses Sexkonsumverhalten als ultima ratio, statt auf das Vermögen und die Dauerhaftigkeit von Beziehungen zu achten. Die eigene Grossmutter verstand früher mehr davon als das Enkelind, das nach der Party das Kondom für nicht so wichtig hält. Malte Welding weiss und beschreibt das auch, aber eben aus der Sicht eines Autors, für den das klassische Grossfamilienmodell eine Vergangenheit ist, die nicht wieder kommt. Was er fordert, und mit vielen Quellen zu belegen sucht, ist, dass sich die Politik den neuen Realitäten zu stellen hat. So wie er sie aus Berlin kennt. Und da sieht er auch das Potenzial an Eltern, sich gegen die alte, graue Politik zu wehren.

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Mit hineingemischt sind auch Vorwürfe gegen überzeugte Singles wie mich, die sich dann von den jungen Familien abwenden und dem Nachwuchs entfremden würden. Unser gemeinsamer Berliner Freund H. sagt es von der anderen Seite aus: Man verliert seine Freunde an deren Kinder. Und ich wiederum sehe das nochmal alles ganz anders, weil ich nicht in Berlin lebe, sondern halt in Bayern, und das auch ganz anders kenne. Es ist nämlich überhaupt nicht so, dass sich eine kinderfeindliche Umgebung abwendet und nur von Ferne zuschaut, wie junge Familien vor die Hunde gehen. Das ist ein typisches Phänomen der grossen Städte, wo man jederzeit unter den Neuzuwanderern neue Freunde und potenzielle Geschlechtspartner findet, die keine Kinder haben, und die Beziehungen generell labil und oberflächlich sind. Ich kenne die Klageweiber, die Malte Welding in der Sache zitiert, aus eigener Ansicht: „Aus den Augen, aus dem Sinn“ ist die oberste Maxime nicht erst beim Kind. Das geht viel schneller, schon beim Wegzug nach West-Berlin, bei der ehrlich vertretenen Auffassung, dass 200 ausländische Drogenmafiosi im Görlitzer Medellinpark ins nächste Flugzeug und ihre Grosskunden und die grünen Bezirks-Noriegas vor Gericht gehören, oder dass man auch nur etwas von einem retweetet, der derartige Ansichten verbreitet. Natürlich sind solche Facebook- und Twitterfreunde dann nicht mehr diejenigen, die Würste mitschicken, wenn man im Winterurlaub bei ihnen Handschuhe der Kimder vergessen hat.

In halbwegs fest gefügten Gesellschaften mit geringer Fluktuation kann man sich so ein Verhalten gar nicht leisten: Nachbarn, Freunde, Familie und Umgebung hat man oft ein Leben lang. Da sind Kinder halt auch nur eine Phase, die gewisse Veränderungen mit sich bringt, aber keinen Abbruch der Beziehung. Es gibt nur einen Wochenmarkt, einen See, eine Altstadt und einen Konzertverein: Da sind dann alle. Malte Welding beschreibt völlig zutreffend eine bindungsflexible Metropolengesellschaft, die entlang der Familiengründung zerbricht und Singles zurücklässt, in deren Welt keine Kinder vorkommen. Da hat er recht. Und dann den Rest des Landes, der vergreist und überaltert, und in dem Kinder gar nicht mehr vorkommen: Da täuscht er sich nach meiner Meinung.

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Denn ich wohne am Tegernsee in genau so einer überalternden, scheinbar antinatalistischen Gemeinde. Im Gegensatz zu Berlin kann man hier das Defizit an jungen, gut ausgebildeten Leuten nicht beheben, indem man die Eingeborenen in dreckigen Schulen mit Radaunicks zusammensperrt und darauf wartet, dass es die Zuzügler aus Bayern und Baden mit dem Geld ihrer Eltern und dem dortigen Abitur im Durchschnitt schon richten. Je kleiner die Kommune, desto drängender ist das Problem einer überalternden Gesellschaft, und desto mehr hängt sich die ergraute Politik in diesem Bereich auch rein – oft Hand in Hand mit den Unternehmen, die in Weldings Buch auch denkbar schlecht wegkommen. Unsere Firmen investieren Geld in feste und gut ausgebildete Arbeitskräfte, die sie nicht verlieren wollen, und unsere Kommunalpolitiker wissen genau, wie verhängnisvoll der Ruf als Altenghetto ist, das der Jugend nur die Flucht lässt: Dafür legen sie sich sogar, wenn es sein muss, mit der EU an, um höchst vorteilhafte Einheimischenprogramme aufzulegen, die speziell Familien mit Kindern fördern und deren Eigenheime subventionieren. Eigenheime. Keine Sozialbauten, die nur den Fortbestand der Probleme versprechen. Natürlich sind bei uns die Kitas nicht kostenlos wie in Berlin, aber Betreuung ist bei uns kein leeres Versprechen wie in der Drogenhauptstadt, wo man die Kita als ersten Schuss für lau bekommt und danach eine verstrahlte Schulpolitik – und ich habe wenig Zweifel, dass in dem Punkt auch mal ein wütendes Beschwerdebuch aus Berlin kommen wird. Völlig zurecht.

Aber so sehr man hier bei uns den grundsätzlichen Gedanken des Buches einer Fehlentwicklung seit dem Pillenknick zustimmen wird, wird der Aufschrei der Eltern dieser Republik ausbleiben: Weil das Land über weite Strecken nicht Berlin ist, nur wenige in prekären Verhältnissen Berliner Art leben, aber fast jeder noch helfende Familienmitglieder und Freundeskreise hat, und eventuellen Klagen der Mund oft genug mit Geld und Förderung und Schenkungen gestopft wird. Dass eine Stadt zur Finanzierung von links unterwanderten Flüchtlingsaktivisten eine Haushaltssperre ausrufen und Jugendeinrichtungen schliessen muss, und damit durchkommt, gibt es halt in Kreuzberg, wo dann auch taz-Autorinnen dreiste Forderungen erheben. Im Rest der Landes wird man dagegen Probleme haben, die wirklich beklagenswerten Berliner Realitäten zu erkennen. Darüber mag man speziell bei der taz die Nase rümpfen – aber das Problem ist so vielschichtig, dass es nicht reichen kann, moralisch gute Eltern gegen einen bösartigen, kinderfeindlichen Staat in Stellung zu bringen. Und so bitter es für die einen auch sein mag, wenn Milliarden ins Ehegattensplitting fliessen: Ähnlich wie beim ideologisch bekämpften Betreuungsgeld gibt es halt auch viele, die genau damit sehr glücklich werden und ihren Kindern ein phantastischen Leben bieten. Zusammen bleiben. Sich arrangieren und das Beste daraus machen. So wie früher halt auch. Das ist keine ferne Vergangenheit, das ist immer noch das Konzept der meisten Familien. Und deshalb glaube ich nicht, dass es zu einer bundesweiten Empörung der Eltern kommen wird. Wer einen Zweifel daran hat, kann gerne einmal den Kulturschock riskieren, nach Gmund kommen und sich den Spielplatz am See anschauen. Und die Kindergärten und unsere mit heimischen Materialien frisch erweiterte Grundschule. Am besten am Tag der Einschulung, da kommen die Mädchen im Dirndl und die Buben in der Lederhose. Mit einem gewissen Stolz auf die Heimat und die Tradition, deren Träger sie sind.

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Ansonsten bin ich Historiker und halte die Behauptung, dass Kinder später mal irgendwas irgendwie besser machen, zumal in ihrer grossen Masse, für komplett absurd und aberwitzig – jede Erfahrung spricht klar dagegen. Manche Kinder werden toll und manche eine Enttäuschung, manchmal ist es wegen der Eltern und manchmal trotz derselben, dann ziehen sie los und ruinieren den Planeten als egomane Zyniker oder kommen mit bescheuerten Ideologien zur Rettung der Menschheit an, deren einziger Vorzug es ist, dass sie nicht in die Realität umgesetzt werden. In Gmund schaue ich auf Berge, die hier schon standen, als unten im Tal Mönche familienpolitischen Unsinn mühselig auf Pergament malten, und schlafe im Bewusstsein ein, dass sie noch stehen, wenn man später einmal den Homo Sapiens nur noch als Fossil vorfindet. Aussterben gehört nun mal dazu, das ist das Gesetz der Natur, und wenn es die nächste Generation auch vergeigt, dann ist es eben so. Malte Welding hat sehr treffend beschrieben, was sich da früher alles falsch entwickelte, und wer Gründe haben will, der Berliner Republik den Marsch zu blasen, sollte das Buch kaufen.

Oder halt zu uns ziehen, eine gute Ehe führen, nehmen was man kriegen kann, freundlich sein und auf Einheimischenprogramme für junge Familien achten.