Als die Stern-Autorin Laura Himmelreich im Januar 2013 ihre Geschichte über das fragwürdige Verhalten des FDP-Politikers Rainer Brüderle veröffentlichte, tat sie das mit ihrer Redaktion und ohne Absprachen mit radikalfeministischen Kreisen. Der Beitrag ermutigte andere Journalistinnen, ihre wenig schmeichelhaften Erfahrungen mit Brüderle zu beschreiben, und es gehört wenig Wahlforschung zur Erkenntnis, dass diese Debatte um den Spitzenkandidaten der FDP seine Partei bei der Bundestagswahl jene Sympathien kostete, die sie zum Überspringen der 5%-Hürde benötigt hätte. Wenn heute also ein SPD-Justizminister die Vorratsdatenspeicherung blockiert und Sigmar Gabriel die Energiewende bremst, dann ist dieser Parteiwechsel ohne Politikwechsel sicher die entscheidende Folge der Debatte um Brüderle.

Mit dem Aufschrei wegen anderer schnutziger Verhaltensweisen hat das nichts oder nur sehr wenig zu tun.

Der Januar 2013 war bis zum #Aufschrei keine gute Zeit für den Netzfeminismus in Deutschland: Im Herbst war das dahin wichtigste Debattenportal Mädchenmannschaft anlässlich eines Streits über die Privilegien weisser Feministinnen gegenüber anderen Marginalisierten endgültig auseinandergebrochen. Das Blog, das ursprünglich eine junge Alternative zu der Vorstellungswelt von Alice Schwarzer sein wollte, wandelte sich in der Folge zu einem radikalen Medium, in dem Selbstkritik gegenüber Nichtdeutschen und Klagen über den Sexismus von heterosexuellem Küssen in der Öffentlichkeit geführt wurden. In der Wikipedia gab eine gewisse “Fiona Baines” ihren monatelang erbittert geführten Kampf um einen feministischen Kurswechsel des deutschen Wörterbuches auf. Worauf ihre Unterstützerinnen beklagten, es gebe ohne generisches Femininum weiterhin eingeschrieben Sexismus, und Wikipedia bräuchte Awarenessreams für sich bedroht fühlende Aktivist*Innen. Bei den damals noch chancenreichen Piraten war man auch nicht bereit, den Forderungen des feministischen Kegelklubs Raum zu geben, nachdem die Vereinigung den Piraten sexistische Einstellungen vorgeworfen hatte. Awarenessteams wollten Feministinnen auch beim 29. Chaos Computer Congress stellen, und forderten sogar die Möglichkeit, Hausverbote auszusprechen. Als das den Veranstaltern deutlich zu weit ging, revanchierten sie sich mit Creeper Cards, was nochmal einen deutlichen Schub bei der Radikalisierung einerseits und deutliche Ablehnung andererseits brachte.

Dann kam der #Aufschrei. Heute, nach einem Jahr, schreiben die Macherinnen noch einmal auf, wie es dazu kam, und wie man sieht: Die Debatte um Brüderle spielt dabei nur eine marginale Rolle. Wichtiger sind den auslösenden Personen andere Texte im Internet aus ihrem eigenen Umfeld, die damals das Thema Alltagssexismus thematisiert haben.Und hier liegt ein grundsätzlicher Unterschied zwischen dem Konflikt von Brüderle und Himmelreich, und all den bis dahin weitgehend unbekannten Internetautorinnen: Himmelreich war privilegiert und konnte, unterstützt von einem mächtigen Medienhaus, ihr Thema bringen. Bei Aufschrei ging es darum, jene zum Veröffentlichen ihrer Erfahrungen zu bringen, die es sonst aufgrund der äusseren Umstände – sozialer Druck, Angst, falsch empfundene Scham, Ekel – nicht tun würden.

Heute, nach einem Jahr, ist es auch für die führend Beteiligten nicht einfach, eine positive Bilanz zu ziehen. Es dominiert immer noch Abscheu. Eine Autorin ist mittlerweile Bloggerin beim Stern und schreibt jetzt nur weiter, damit “die” nicht gewinnen, eine andere sagt: Es schmerzt. Nach einem Jahr mit dem Grimme Online Preis, Talkshowauftritten, Medienrummel, Buchverträgen, viel Verständnis und wohlwollender, vielleicht auch von ein wenig Falschheit geprägter Zustimmung für das Benennen des Problems ist da kein Jubel und keine Zufriedenheit über die erreichte Breitenwirkung, sondern das Gegenteil – eine Radikalisierung und eine Abschottung, der sie sich bewusst sind, und die sie für richtig halten:

Die Filterblase ist inzwischen ein viel gescholtener Begriff. Die feministische Filterblase ermöglichte in den letzten Jahren einen immer schnelleren Erkenntnisprozess bei immer mehr Menschen. Sie klärte auf über sexualisierte Gewalt. Sie legte den Finger in die Wunde und verschwieg die Schmerzen nicht mehr. Sie nahm den Betroffenen die Schuld und wies sie denen zu, die Gewalt ausüben.

Eine andere, grimmepreisgeehrte Initiatorin beschreibt ihr Dasein zwischen den Ansprüchen der Ideologie und den daraus entstehenden Problemen mit der Welt so:

Feministinnen sind 24 Stunden am Tag Feministinnen. Feminismus ist eine Haltung und die lässt sich nicht abschalten, Diskriminierung noch weniger. Frauen sind an vielen Stellen des Lebens Belästigung und Sexismus ausgeliefert, haben schlechte Erfahrungen mit Übergriffigkeit gemacht und gelernt, immer wachsam zu sein. Diejenigen, die sich zusätzlich zum täglichen Kampf im Alltag auch politisch gegen das Patriarchat stellen, müssen sich allerorten erklären und ernten dafür vielfach Spott und Beleidigungen.

Es lohnt sich, diese Beiträge wirklich zu lesen, weil sie vermutlich ehrlich sind und unverblümt ausdrücken, was die führenden Personen der Aktion denken. Sie haben mitnichten einen Sieg errungen, sie fühlen sich bedroht, der Sexismus ist überall zu sehen. Schliesslich sind sie überzeugt, in einer Rape Culture zu leben, in der Übergriffe gesellschaftlich als so normal angesehen werden, dass die meisten Menschen nicht bemerken. Sie lösen diese Lösung der Probleme durch sogenannten Allys: In ihrer Vorstellung Nichtmarginalisierte, die den Aktivistinnen helfen, ihnen Schutzräume bieten und das richtige Bewusstsein haben. In diesem speziellen Fall hat der Ally auch einen Twitteraccount, und äussert sich oft und überdeutlich zu jenen, die die Vorstellungswelt der Filterbubble nicht teilen. Frau und man genügt sich selbst, sie haben selbst geschaffene, stabile Kreise, in denen sie sich bewegen und keine Angst haben müssen, bedroht zu werden: Von Sexisten, Maskulinisten, helfenden Frauen, Rassisten, Klassisten, Eliten, Nazis, Heten, Normenaufzwingern und Ex-Freundinnen, die es einmal wagten, leichte Kritik an den Strukturen zu äussern und dafür vorgeführt zu werden. Wenn sie Glück haben, nur mit einer internen Aufforderung zur Selbstkritik, und wenn sie Pech haben, stehen sie im Moment der medialen Aufmerksamkeit im Blog von Anne Wizorek als Beispiel einer emotionalen Aussaugerin.

Frau Wizorek will nur ungern an jene Epoche erinnert werden, als sie noch nicht so feministisch war und bei einem Ebay-Bloggercontest als Werbemassnahme für das Auktionshaus eine selbst dekorbebügelte Spongebob-Unterhose verkaufen wollte. Mit dem #Aufschrei kam das neue Leben und viel Applaus. Was es im Verlauf der Aktion überhaupt nicht gab, war ein Versuch, den Aufschrei in eine Debatte überzuleiten: Die Personen und ihr Umfeld genügen sich selbst und arbeiteten beim Aktivismus reibungslos zusammen. Es ist nicht nötig, den Protagonisten der Rape Culture die komplexen Gedankenkonstrukte der “Gender Studies” zu erklären: Opfer müssen das nach dieser Vorstellung nicht tun, die Täter sollen sich selbst darum kümmern. Und weil sie das nicht tun, gibt es jetzt eben Aufrufe, andere bei Twitter abzuschiessen. Ansonsten wird im Netz nach neuen Aufregern und sexistisch empfundenen Äusserungen gesucht, die dann mit “TRIGGERWARNUNG” versehen der Peergroup zur Aktion und Empörung vorgeworfen wird. Denn nur, wenn neuer Dreck gefunden wird, hält die Bewegung zusammen.

Wenn dann heute beklagt wird, dass es mit dem vor einem Jahr prognostizierten “entscheidenden Schubs” nichts wurde, und das generische Femininum und Begriffe wie Aufschrei, Triggerwarnung, Porn, Anklage, “Check mal Deine Privilegien” und Blockempfehlung im Internet vor allem mit einer ironischen Note benutzt werden, um die Aufgeregtheit dieser Gruppe zu karikieren – ähnlich wie das !!11!!elf11-Mem – dann ist das vor allem eine Folge der Abkapselung dieser Gruppe und dem Ausbleiben jeder Art von Debatte. Es war ein Aufschrei, er war erfolgreich, und deshalb wird weiter geschrien. Alte journalistische Verbündete durften jetzt zum Jubiläum nochmal ran, und die Zeit hat sogar eine Studie bei einer Professorin in Auftrag gegeben, die sich auf Sexismus spezialisiert hat und sich sehr freut, dass sie bei der Arbeit mit Frau Himmelreich auch gleich einen neuen Sexismus gefunden hat. Dazu kommen Vorstellungen von einem “wohlwollenden Sexismus”, den man in anderen Teilen des Landes jenseits von Osnabrück für Höflichkeit hält, schliesslich schrumpfen feministische Neigungen bei uns merkbar bei der Annäherung an eine verdreckte Fahrradkette, und würde man das weniger aufgeklärten Damen überlassen, würden sie sich nicht für die Ablehnung der Rape Culture bedanken, sondern einen als Hoagl ohne Manieren bezeichnen – aber was weiss ich schon, ich bin ja kein Professor und mache auch keine Studien zur Vorhersagbarkeit von Sexismus.

Was bleibt? Die Geschäfte mit dem Aufschrei machen andere. Es gibt in den Medien tatsächlich einen Trend, Frauen mehr zu solchen Themen schreiben zu lassen. Da werden dann eigene Belange und Aktionen befürwortet (“Empowerment” heisst diese Distanzlosigkeit im Feminismus), eigene Projekte beworben, und Zensurmassnahmen gegen Andersdenkende als Schutzräume für zarte Seelen verlangt: Man hat nichts gegen Meinungsfreiheit, solange sie einem passt und danach sollte man doch bitte an die Verletzungen beim Lesen solcher Meinungen denken. Wenn Frauen bei seichter Filmunterhaltung lieber Prosecco trinken, regt sich über dieses falsche Verhalten eine Agentin auf, die eher Komparsen vertritt, bei deren politisch korrekter Filmerscheinung frau besser auf Knäckebrot mit viel beleidigter Leberwurst umsteigen sollte. Es gibt weiterhin Mobbingversuche im Netz und ich werde sicher auch unter diesem Beitrag Versuche von Stalkerinnen löschen müssen, während im Internet Witze über den Kausalzusammenhang von kleinen Hirnen und Genitalien gemacht werden.

Oh, und es gibt ein erfolgreiches Buch, natürlich. Ich habe es gelesen und finde es  auf eine unangenehme Art provokativ und nicht zielführend, und ich kann schon verstehen, wenn es zum Jubiläum vom Aufschrei totgeschwiegen wird. “Dann mach doch die Bluse zu”. Es wurde von einer rechtskonservativen Frau namens Birgit Kelle geschrieben und erfreut sich durchaus grosser Beliebtheit jenseits der Genderbegeisterten bei Frauen, die nicht als prekäre Singles ihre Zeit bei Twitter zubringen und überraschend wenig gegen das angebliche Teufelszeug des Elterngeldes haben. Es stösst in die weiche Flanke des Aufschreifeminismus, es setzt da an, wo Wizorek und andere meinten, sie müssten nicht reden, weil sie ohnehin recht haben. Der Diskurs findet ohne sie statt.

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