Eigentlich ist alles für die Autolobby gut ausgegangen: Nur kurz forderte der SPD-Chef Gabriel ein Tempolimit auf den Autobahnen, wie es in den meisten zivilisierten Ländern dieser Erde existiert und dortselbst zu Benzinersparnis und weniger Unfällen beiträgt – da gingen auch schon seine Parteigenossen Steinmeier und Nahles mit der Blutbremse dazwischen: Bloss keine Wählerverärgerung vor den Wahlen! Aber hätte ich davon nicht in der Zeitung gelesen, hätte ich das Ganze gar nicht mitbekommen: In meiner Onlineumgebung gab es keinen Aufschrei, kein Fäkalgewitter, keine Empörung, dass man hier freien Bürgern die freie Fahrt wegnehmen würde. Statt dessen las ich überall von den schändlichen Plänen der Telekom und anderer Internetprovider, ab einer gewissen Datenmenge die Leitungen für die Nutzer zu drosseln.

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Nun ist das mit meinem Netzumfeld so eine Sache: Das sind eher junge, kreative Menschen aus ordentlichen Verhältnissen, und man ist gemeinhin schnell bei der Hand mit lauten Tönen, wenn man mit Entwicklungen unzufrieden ist. Und man erzählt im Netz so einiges über sich, was man isst, in welcher Beziehung man lebt, was man beruflich und privat so treibt, womit man den Abend zubringt, und von einigen habe ich auch die Wohnung gesehen, ohne je dort gewesen zu sein. Aber ihre Autos kenne ich nicht. Ich bin einer der ganz wenigen, bei dem das Auto und das Thema individuelle Mobilität in der Aussendarstellung eine grosse Rolle spielt, ich fahre schon mal zum Käsekauf nach Meran und nehme dabei sechs Alpenpässe mit und schreibe darüber. Aber bei den meisten anderen weiss ich noch nicht mal, ob sie einen Führerschein haben. Ich weiss, wann sie sich ein neues iPhone kaufen, weil sie es dann auspacken und ablichten. Aber ein Auto?

Dabei müht sich die Industrie redlich um Anschluss an die digitale Welt: Vor ein paar Wochen fuhr ich einen brandneuen Lancia über sizilianische Strassen. Das ist im Vergleich zu meiner alten, fast noch vollmechanischen Schleuder eine amüsante Erfahrung, denn der Wagen – eindeutig entworfen für eine junge Zielgruppe – ist ein hochmoderner Computer mit vier Rädern, angefangen bei den Instrumenten und Displays über den CD-Player bishin zu den diversen Warnhinweisen. Dazu kommt ein Navigationsgerät, das mich mit einem Bimmeln jederzeit an Geschwindigkeitsübertretungen erinnert, die ich gar nicht begehe, und mich von Licata nach Mazzarino über 10 Kilometer Strasse schickt, die auf dem Display nach hübscher Bergstrecke aussieht, und in der Realität eine gesperrte Strada Interrotta ist. Das alles fühlt sich wie ein geknebeltes Appleprodukt an, auf dem Windows 8 läuft. Solange man sich an den Anzeigen orientiert, das Schlechteste aus beiden Welten. Zum Glück hat jemand einen Knopf eingebaut, mit dem man Plunder wie die elektronische Fahrstabilitätskontrolle ausschalten kann, und einen Motor, der dann bei 5000 Umdrehungen richtig Spass macht. Bloss nicht nach den Anzeigen gehen! Ansonsten aber ist das ein Rechner mit Rädern. Mit jeder Menge Zusatzfunktionen und Menüs, die kein Mensch je brauchen wird.

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Das alles hat den faden Beigeschmack der Kapitulation; waren Autos früher noch gefährliche Maschinen für Weltenentdecker, die auf Eisen traten, sich an Lenkräder klammerten und Öl und Benzin verbrannten, sind es nun von Sensoren und Software gesteuerte Mobilgeräte. Meine Barchetta etwa, noch ein echtes Auto von 1995, bleibt stehen, wenn sie einen Motorschaden hat. Anderes, abgefahrene Bremsscheiben und Beläge, kaputte Radlager, ausgeschlagene Domstreben, leckende Ölkühler, abgefallene Auspuffe klingen und riechen zwar etwas komisch, ändern aber nichts am Vorwärtsdrang, mit dem sie über Alpenpässe fliegt. Der Audi meiner Mutter dagegen schaltet auf auf eine Art abgesicherten 16-bit-Notbetrieb mit Kriechgeschwindigkeit, wenn ein Sensorkabel am Vorderrad reisst und der zentrale Rechner keine Daten mehr von der Bremse bekommt. Ich bin vielleicht altmodisch, aber von hinten vom Lastwagen überrollt werden erscheint mit mit Motorschaden irgendwie ehrenhafter, als wegen eines Kabels und eines Rechners, der einen voll funktionsfähigen Wagen exakt vor einem gerade das Mädchen auf Seite 3 begaffenden Truckfahrer einbremst.

Aber diese Veränderungen verstärken vielleicht nur die neue Einstellung zur Mobilität bei den jungen Menschen. Früher war das Auto der erste Begriff der grenzenlosen Freiheit, heute ist es der Rechner und das Netz, Und das wird unweigerlich dazu führen, dass diese jungen Käufer das Auto auch nur als eine Art Gerät betrachten, bei dem sich die Frage stellt, was es eigentlich kann, und wozu es gut ist. Und welchen Mehrwert der Funktionsumfang bringt, wenn man es mal mit wirklich wichtigen Geräten wie dem Mobiltelefon oder dem Rechner vergleicht. Die Raserei auf der Autobahn mit Tempo 200 ist da nur eine Zusatzfunktion, die man gar nicht wirklich braucht; so eine Art teure App, die nicht den Gewinn bringt, den man gerne hätte. Aus diesem Geist heraus kann man sich masslos über die Drosselkom aufregen, aber kaum über ein Tempolimit.

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„Man kann seine Kohlenstoffexistenz mit relativ hoher Geschwindigkeit über relativ weite Distanzen relativ unabhängig bewegen, bis es dann bis zum nächsten Einsatz erheblich mehr Kosten als ein nicht genutzter Flatlinevertrag für andere Mobilgeräte verursacht“ – so könnte man das Auto aus Sicht der Nutzer beschreiben. Das Auto ist, so betrachtet, auch nur ein Zweit- oder Drittrechner mit einem spezialisierten Funktionsumfang, wie etwa auch die Armbanduhr, das Lesegerät, die Schreibmaschine, der MP3-Player und die Kamera. Bis heute allerdings noch mit dem kleinen Unterschied, dass man dessen Funktionen noch nicht im Mobiltelefon vereint vorfindet, und zwar in einer Art, dass es in diesem einen Gerät für den normalen Nutzer vollkommen ausreicht. Noch gehen wir nicht den Weg der Unterhaltungselektronik zu einem einzigen Gerät für alles, mag die Autoindustrie denken, und der nachwachsenden Generation hier noch einen USB-Anschluss und da noch ein paar proprietäre Apps spendieren.

Trotzdem ist das Auto mit Sicherheit das teuerste Gerät, das sich ein junger Mensch anschaffen kann; es kostet ein Vielfaches der normalen Rechner, und selbst die günstigeren Neuwagen warten mit einem Wertverlust auf, der alle anderen Technikprodukte in den Schatten stellt. Die Funktion der Mobilität müsste also erheblich grösseren Mehrwert als alle anderen Funktionen bringen, und hier stellt sich natürlich die Frage, wozu man diese individuelle Beweglichkeit eigentlich wirklich braucht, im Zeitalter von Billigfliegern, politischen Ideen wie fahrscheinlosem Nahverkehr, Carsharing, E-Bikes und anderer Optionen, die nicht so teuer sind, dass man dafür eine Generation des angesagten Telefons ausfallen lassen muss.

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Das Tempolimit oder der Benzinpreis sind bei dieser Sichtweise keine Frage der Freiheit mehr, sondern eine Marginalie. Schlimm wird es, wenn das Herunterladen amerikanischer Serien ruckelt. So haben sich die Prioritäten verschoben, und wenn nun manche alten, weissen Männer und Frauen wie Steinbrück und Nahles weiter rasen können, spielt es für jene keine Rolle, die das Auto längst nicht mehr als Statussymbol sehen. Autos tauchen in meinem digitalen Leben eigentlich nur auf, wenn von Konzernen geschmierte Autoblogger sich selbst durch Verlinkung gegenseitig fördern, was als Mittel der Aufmerksamkeitserzeugnis wie jeder andere Spam ein ganz schlechtes Zeichen ist – wer sich solche Leute ranholen muss, hat eigentlich schon verloren. Und wenn ich über die Berge zur Mille Miglia oder zum Gran Premio Nuvolari fahre, und wochenlang Bilder von Altmetall veröffentliche, das aus einer fernen Zeit stammt, da es noch keine Computer gab, und man statt Videokonferenzen wirklich zu anderen Menschen fahren musste. Nächste Woche ist wieder so eine Orgie von Blech, Gummi und Kohlenmonoxid. Da will ich hin. Den anderen reicht es, wenn die Bilder schnell durch die Leitungen sausen.

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