Ich wünsche mir zum Geburtstag den Käfig, in den man Ezra Pound eingesperrt hat.

Im 19. Jahrhundert lag das Städtchen Riva noch nahe der Südgrenze der österreichischen Monarchie. Hatte es davor lange Zeit zum Einflussbereich des lebensfrohen Venedigs gehört, so ergänzte man unter den Habsburgern die Palazzi der Terra Ferma mit Jugendstilvillen und Grand Hotels des Historismus, und lebte hier recht gut. Goethe kam hier durch und Franz Kafka erholte sich. Dann kam der erste Weltkrieg und Riva wieder zu Italien, geriet ein wenig über den Aufstieg der Windsurfer im nahen Torbole etwas in Vergessenheit, und war ein behäbiger Ort, in dem man auch ohne Probleme statt Café einen deutschen, entkoffeinierten Filterkaffee bekommen konnte. Hinten zerfallen noch manche Traumvillen, vorne am Hafen ist es bunt, und das Treiben angenehm.

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Es ist Sonntag, und man trifft am Hafen neben der venezianischen Festung aufeinander: Die deutschen Rentner auf die italienischen, stolzen Nachwuchsherzeiger, die amerikanischen Reisegruppen auf eine koreanische Rucksacktouristin, die eleganten Herren und Damen und die quengelnden Kinder, die ein Eis wollen, Scharen von Bergradfahrern, die an diesem Wochenende ein Festival haben, auf Rennradfreunde, englische Ehepaare, die in der Nacht zuvor im Grand Hotel von Gardone Riviera zu viel getanzt haben, auf Grossclans aus der Lombardei, die sich hier in den Weingärten zum Essen getroffen haben. Gottes Geschöpfe gross und klein defilieren vorbei, und am Rand, in einem Cafe, sitzt auch der aufgrund technischer Probleme zur Faulheit gezwungene Autor dieser Zeitung, trinkt Tee und findet es schön: Dass dieser Platz einen Rahmen für das Interesse an den anderen bietet, dass Europa hier noch funktioniert, und dass hier alle respektvoll miteinander umgehen. So viele Menschen sind hier, 1000 oder mehr, aus vieler Banksterherren Länder, und es scheint nicht so, als würde nur ein böses Wort fallen. Prächtige Sonntagslaune, auch wenn ein Gewitter droht.

Aber das lässt sich noch Zeit. Irgendwo unten über Sirmione mag es rumpeln, hier herrscht das nicht allzu laute Stimmengewirr all derer, die gern hier sind und den Platz, so wie er ist, schätzen. Überhaupt, man kann die Fähigkeit, so eine Platz zu schaffen, der aus sich heraus die Menschen eint, mit Blick auf Frankfurt oder Berlin gar nicht hoch genug schätzen: Es gibt Architektur, die verbindet, und die vielen bunten Farben der Häuser tun ein Übriges, um die Szenerie herrlich unernst erscheinen zu lassen. Wo immer Krise und Kriege sein mögen, hier sind sie nic – Moment

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Irgendwo singen Leute. Das sagt nicht viel, in Brescia war ein Streicherquartett unter den Arkaden in Verona am Stadttor ein englischer Harfenist, und in Mantua singt nun schon seit Jahr und Tag einer mit seiner Gitarre, und immer gebe ich ihm, weil ich seine Lebensfreude mag – warum sollte also nicht auch hier jemand singen? Nun, weil sie zwar eine Melodie vortragen, aber es klingt aggressiv, mehr laut als schön, mehr fies als lieblich, mehr wütend als versöhnend und gar nicht wie das, was man hier sonst so sehen konnte. Da kommen Leute, die um jeden Preis laut sein und auffallen möchte, es wird lauter, und dann spuckt eine Strasse den gewalttätigen Bodensatz der Unterhaltungsindustrie Fussball aus: Ultras von Juventus Turin. Mit Fahnen, bengalischen Feuern, den üblichen Symbolen der Faschismusanhänger, und als sie den Platz betreten, skandieren sie auch U L T R A.

Dann ziehen sie quer über den Platz, brüllen alles andere nieder, marschieren in einer Art, die vor 45 gleichmässiger, aber vermutlich auch nicht einschüchternder hätte wirken sollen, und man sieht es ihnen an: Es gefällt ihnen. Es sind 20 sozial randständige Witzfiguren in Kleidung der Unterhaltungsindustrie, die sie sich eigentlich gar nicht leisten können, denn als Haltungsunterschicht sollte man sein Geld besser einteilen, aber sie schaffen es, dass es jeder bemerkt, wer hier kommt. Irgendwelche Typen aus Riva, die für eine Millionärstruppe singen, die im Piemont beheimatet ist. Das Piemont hat noch nicht mal eine gemeinsame Grenze zum Trentino, in dem Riva liegt, aber das spielt keine Rolle: Hier sind sie und hier vergraulen sie die anderen. Nach ihrem Triumphzug erreichen sie ein Cafe, in das sie sich mit dem Rücken zum Platz setzen, mit Blick auf die Glotze, und weiter ihre Lieder des Hasses und der Verachtung singen. Gäste benachbarter Lokale nehmen schleunigst Reissaus, und sogar bei mir, auf der anderen Seite des Platzes, ist eine ungezwungene Konversation kaum mehr möglich.

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Das sind, man muss es sich vor Augen halten, nur 20. Es wären vermutlich genug kräftige Bergradler auf dem Platz, um sich des Problems anzunehmen und die Herrschaften nachdrücklich um Ruhe zu bitten, aber natürlich ist es so, wie es ist: Den 20 wird der Raum akustisch überlassen, sie dominieren, und was die 1000 anderen davon denken, interessiert sie bestenfalls gar nicht, wie sie so mit dem Rücken zur Allgemeinheit dort sitzen. Aber die Vermutung liegt natürlich nah, dass sie nicht zufällig genau hier sind, und nicht in einer der vielen anderen, weniger schön gelegenen Bars der Stadt: Es dürfte ihnen darum gehen, ihre Überzeugungen der Welt möglichst laut und dauerhaft nahe zu bringen. Und selbst mein rudimentäres Italienisch reicht aus um zu verstehen, dass sie, wie ihre deutschen Gegenstücke, die Dummheit des gesamten Ring-Librettos noch zu überbieten in der Lage sind. Vermutlich würde ich mir eher Tristan und Isolde anhören, als solche Leute. Aber gerade, bis ich zahlen und gehen kann, geht es nicht anders. Derweilen wird der Platz deutlich weniger belebt, Riva hat ja auch noch andere nette Ecken.

Es gibt mehrere 10.000 Ultras in Europa, die Vereinen organisiert sind, und die oft in den Stadien eines öffentlich geförderten Sports den Ton angeben. Die meisten dürften ähnliche Erfahrungen gemacht haben: Dass man mit einer kleinen, lauten Gruppe jede Mehrheit terrorisieren und unter Druck setzen kann. Bei mir daheim reichen schon drei von denen aus, damit die eine ganze Strasse mit Kicker- und Naziparolen aus dem Bett treiben, denn der Weg vom Vereinsheil zum „Sieg Heil“ ist unter Alkohol oft nicht wirklich weit. Auf der anderen Seite stehen Menschen, die gelernt haben, dass man, wenn man sich benimmt, vom anderen auch Rücksicht erwarten kann. Vielleicht nicht im Beruf oder in der Politik, aber zumindest beim öffentlichen Sonntagsspaziergang. Nach so einem Nachmittag ist deutlich: Das Abkommen können 20 Gröler radikal aufkündigen. Weder müssen sie deshalb mit Sanktionen rechnen, noch gibt es für sie unangenehmere Erfahrungen als das Gefühl der Macht vor den Ohnmächtigen. Ochlokratie heisst das im Griechischen, die Herrschaft des Mobs, und man möchte solche Leute mit diesen Erfahrungen nicht 20 Jahre später treffen, wenn sie es so im Berufsleben einsetzen.

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Denn mitunter macht auch die Gesetzgebung den Eindruck, als hätten da 20 Lobbyisten so lange so laut gebrüllt, dass sie am Ende allein die Gesetze für das Saatgut schreiben durften. Manchmal denkt man, da gibt es mehr als 20 Schreiber, die einen untragbaren Chef eines Unterhaltungskonzerns mit besten Beziehungen zur Politik wieder zurück in den Salon schreiben, wenn er nur den Verdacht für das Sportgeschäft ausgeräumt und sich allein belastet hat. 20 überlaute Krisenschreiber schaffen es in Absprache mit der Wirtschaft, Mindestlöhne zu diskreditieren. Am Ende kommt dabei selten das heraus, was der Allgemeinheit nutzt oder gefällt, aber die 20 haben eine gute Zeit und die Gewissheit, dass sie es mit anständigen Menschen zu tun haben, die sich gar nicht so schnell zusammentun und etwas mit Argumenten ändern können, wie sie ihre bengalischen Lügenfeuer anzünden. Weit haben es solche 20 im öffentlichen Raum schon gebracht, und wenn man ihnen weiter Raum gibt, werden sie es in ein paar Jahren noch weiter bringen. In meiner Heimatstadt jedoch hat man nach einigen zu unschönen Vorfällen zumindest die Gröler aus der Altstadt vertrieben, die grossen Leinwände stehen jetzt woanders, wo sie keinen stören; man hat das Problem abgeschoben, aber noch lange nicht gelöst. An der Unart, wie in dieser Gesellschaft ein Unterhaltungsgeschäft zu einer öffentlich allseits geförderten und unkritisch bejubelten Parallelstruktur gemacht wurde und wird, wird sich vor einer radsportartigen Skandalkaskade nichts ändern, und so wird man auch weiterhin mit 1000 anderen solche 20 erdulden müssen, die im Glauben handeln, die Mehrheit stünde hinter ihnen, egal, wo sie jetzt ihren Brandsatz werfen.

In Verona sassen übrigens zwei alte Herren in einem Cafe nur einen Tisch weiter, die rosa Gazzetta dello Sport auf dem Tisch, und redeten angeregt und gestenreich über Calcio, ohne deshalb lauter als die anderen zu sein. Das ist die Vergangenheit, und sie würde recht gut zu den hübschen Häusern von Riva passen. Die Gegenwart der Ultras wurde dann übrigens vom Gewitter weggeschwemmt. Der Mensch denkt, Gott lenkt.

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