Dieser wunderwürdige Wahn, das Böse allein um des Vergnügens willen zu üben.
de Sade, Juliette

Für Frau B. ist die Frauenquote in den Aufsichtsräten der DAX-Konzerne nicht mehr nötig. Frau B. hat schon jetzt genug zu tun, selbst wenn sie nicht mehr die Anlagestrategie eines Risikokapitalgebers auf dem roten Plüsch eines Münchner Nachtclubs erklärt – diese wilden Zeiten der Kickoff Events sind vorbei. Sie ist längst Teil der erfolgreich-gediegenen Inventars dieser Republik, da leistet man sich solche Ausflüge in die New Economy nicht mehr. Man spricht heute gern mit ihr als Vertreterin einer wirtschaftsfreundlichen Lobbygruppierung über die Karrieren von Frauen, und zweifellos würde die Erinnerung an die wilde Startup-Epoche ihren Aufstieg in der Aufsichtsratsebene nicht behindern. Aber auch eine Frau B. kann sich nicht in mehrere Teile zerreissen. Posten, Berufungen und Auftritte kann sie frei wählen. Sie ist zu einer so starken Marke geworden, dass man sich nicht weiter über ihren Gatten unterhält, der einer der wichtigeren Manager des Landes ist.

Nun war ich einer, der damals ohne jedes finanzielles Interesse, sondern nur aus Spass und Liebe zum Katastrophentourismus auch auf so einem roten Plüschsessel verweilte, ohne dass es mich zu wirtschaftlichen Heldentaten angestiftet hätte. Aber wer bin ich schon, und das Amüsante an diesem Gesetz zur Frauenquote ist nun mal, dass es zusammen mit ihrem weithin gepriesenen Leitbild gerade jungen, leistungswilligen Akademikerinnen zur Nacheiferung behagt. Sie hoffen nun, dass es, selbst wenn es nicht für den Aufsichtsrat reicht, dadurch wenigstens einen sog. Trickle-Down-Effect gibt. Oben ändert sich durch Personen wie Frau B. etwas grundlegend, und von dort aus setzt sich die Änderung nach unten fort. Sie haben offensichtlich mehr Brand Eins als Animal Farm oder de Sades Juliette gelesen. Jedenfalls, dadurch werden ganz sicher einige lukrative Posten geschaffen und ebenso ganz sicher kann man sagen, dass dafür ein paar hundert Frauen in Frage kommen, und Tausende hoffen, dass sie davon indirekt profitieren. Und über 40 Millionen nicht.

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Was mich zur Frage bringt, was Frauenpolitik eigentlich sein soll, wenn sie dieselben in der grossen Masse nicht erreicht. Nehmen wir einmal an, die gleichen Politiker würden ein Freihandelsabkommen abschliessen, das durch ausserstaatliche Schiedsgerichte ein paar hundert schmierigen Winkeljuristen zur grenzenlosen Bereicherung verhilft. Wir würden wegen der paar bevorzugten Figuren auch nicht von Menschenrechtspolitik sprechen, solange wir zumindest nicht Siggi Pop hiessen und damit rechnen könnten, nach dem Untergang unserer angeblich sozialdemokratischen Partei bei einem Staatsbetrieb trotz Frauenquote einen gut dotierten Sitz im Aufsichts – ich schweife ab. Aber wie auch immer, von meinem angenehmen Platz am Ende der sozialen Nahrungskette, mit Einladung auf rote Plüschsessel, tue ich mir wirklich schwer, darin etwas anderes als die übliche Bevorzugung derer zu erkennen, die ohnehin schon Geld, Posten oder auch einfach nur das richtige familiäre Umfeld haben. Das ist ja auch fein. Nur war man früher so ehrlich, das als Nepotismus zu bezeichnen.

Ich darf die erwartbaren Folgen vielleicht an einem hübschen Beispiel illustrieren – wie Sie vielleicht wissen, ist der Journalismus, ganz im Gegensatz zur immer noch lukrativen Untätigkeit des Berufssohns, in einer schweren Krise. Und so hat es sich nun ergeben, dass bei GEO gekündigt wurde. Dort hat sich das eine Betroffene nicht widerspruchslos gefallen lassen, und einen offenen Brief geschrieben, in dem sie die Folgen für sich erklärt. Ich will hier ganz offen sein, Journalismus sollte man momentan nicht ohne hinreichende Reserven als Beruf wählen, aber in diesem Fall hat es sich einfach nicht ergeben, dass die Betroffene finanzielle Polster oder weitläufige Villen ansammeln konnte. Die drohende Altersarmut ist fraglos bitter. Adressiert ist der Brief an Julia Jäkel, Vorstandsvorsitzende von Gruner und Jahr, und mit Sicherheit eine der Frauen, die für die Frauenquote in Aufsichtsräten geeignet wäre. Und was macht Frau Jäkel? Sie schickt ihren Sprecher vor, der die Betroffene abkanzelt, weil sie ihre Probleme öffentlich gemacht hat. Das ist Frauenquote in der gelebten Praxis und was soll ich sagen – ich bin nicht überrascht. So war es doch schon immer, warum sollte sich da etwas ändern. Dazu hat man doch Personal, flauschig und bequem wie rote Plüschsessel.

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Nun bringt es mein Dasein allerdings mit sich, dass ich im Netz ein wenig herumkomme. Heute zum Beispiel habe ich mit drei Frauen halb beruflichen, halb privaten Kontakt gehabt, die vermutlich eher nicht die Chance auf einen Chefposten in der Wirtschaft haben. Die Auswahl ist mehr so, wie das Leben spielt und weniger, wie es vielleicht die Wirtschaft fordern würde – eine Muslima, ein Callgirl, und eine alleinerziehende Mutter mit zwei Kindern von unterschiedlichen Vätern, die halt so passiert sind, aber zur Abtreibung konnte sie sich nicht durchringen. Mit Frau Jäkel und Frau B. haben sie gemein, dass sie zu Minderheiten in dieser Gesellschaft gehören, es sind auch sehr kluge Frauen, und da könnte man natürlich auch die Politik mal fragen, ob sie dafür nicht vielleicht auch so ein nettes Gesetz mit Pfründen machen könnte. Ich mein, Weihnachten steht vor der Tür.

Die Muslima studiert Jura und trägt Kopftuch. Als bayerischer Bewohner einer retardierten und religiös-verhafteten Bergregion, deren Versandhäuser vor 40 Jahren noch zu Weihnachten den Kauf von Kopftüchern empfohlen haben, sollte man sich da vielleicht nicht unbedingt moralisch überhöhen, aber es ist nun mal, wie es ist. Ein christliches Kopftuch ist nach gängiger Vorstellung christliches Abendland der Aufklärung – oh, diese Ironie – und ein muslimisches Kopftuch ist der Grund, warum die Muslima, egal wie klug, kompetent oder erfahren sie ist, nicht Richterin oder Staatsanwältin werden kann. Und weil der Staat das nicht macht, weil der Staat vorlebt, welche Bedeutung er in diesem Fetzen Stoff sieht, machen es andere nach. Und erzählen so der Muslima und ganz vielen anderen, dass er sie nicht will, wenn sie sich nicht anpassen. Und dass sie dann eben bleiben sollen, wo sie sind.

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Das Callgirl trägt kein Kopftuch und lebt sehr wohl in der Tradition der Aufklärung nach Diderot und Voltaire – und bekommt deshalb gerade ein Gesetz, das Prostituierte laut Politik durch eine Zwangsregistrierung besser schützen soll. Ich habe mich da etwas umgetan und es scheint mir, als gäbe es keine Sexarbeiterin, die diesen Schutz in der geplanten Form haben will. Was immer ich von deren Seite aus lese, klingt ganz anders – und vor allem: Es klingt im Gegensatz zu den bürokratischen Überwachungswünschen der Politik durchaus vernünftig und nachvollziehbar. Die Invasion der Politik erinnert mich ganz fatal an das sog. Lebensmittelrecht, das so harte Auflagen an meine privaten Marmeladen- und Nudelmanufakturen stellt, dass es sich für die nicht mehr lohnt, ganz im Gegensatz zu den Nahrungsmultis, die jeden Klebeschinken-Dreck gesetzeskonform an die Menschen bringen können. Angeblich ist das nämlich Konsumentenschutz. Nur wenn es um die eigenen Nebeneinnahmen oder Umgang mit wirtschaftlichen Interessenten und deren Veröffentlichung geht, sind die darüber bestimmenden Politiker nicht unbedingt der Meinung, dass sie sich selbst zwangsregistrieren sollten. Aber Sexarbeiterinnen sind nun mal eine Minderheit, für die vermutlich kaum jemand die Stimme erheben würde. Wenn aber Alice Schwarzer damit zufrieden ist, hat man auch etwas für den Feminismus getan, und für alle Frauen. Weil: Es steht dann auch so in der Emma.

Dass die alleinerziehende Mutter eine solche wurde, habe ich damals aus der Nähe miterlebt. Mit der vollkommen unkomplizierten Pille danach hätte man das folgende Drama im katholischen Bayern schnell beenden können. Dann wäre die Geschichte möglicherweise anders verlaufen, und die aktuell anstehende Wohnungssuche wäre auch nicht so dramatisch. Aber deren Los ist angesichts all der Kämpfe um die Frauenquote gerade nicht auf der Tagesordnung, danach muss man die Prostituierten schützen, und dass es die Pille danach jetzt bald rezeptfrei gibt, liegt auch nicht an unserem Gesundheitsminister, sondern an den zähneknirschend akzeptierten Vorgaben der EU. Gut für die nächste Generation, aber ihr Wohnungsproblem bleibt auch trotz Mietpreisbremse ungelöst. Alleinstehende Jungmanagerinnen werden nun mal bevorzugt, egal ob von der Politik oder den Vermietern. Es reicht nicht, benachteiligte Frau zu sein, es muss dazu auch immer die richtige Minderheit sein, und das staatlich gewünschte Verhalten aufweisen.

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Aber dafür kommt jetzt die Frauenquote in Aufsichtsräten, und all die mitteljungen, weissen Akademikerinnen aus zumeist besseren Familien finden das prima und bestellen sich bei Zalando neue Businessschuhe, die sie brauchen werden, wenn oben Frauen wegbefördert werden und darunter neue Chancen entstehen. Es ist ein Lichtstrahl im finsteren Leben der Prekären, sie so gern nach oben kommen würden, und die nun glauben, dass davon ein Signal für alle ausgeht. Dass es beim Mindestlohn grosszügige Ausnahmen gab – vergessen. Dass im gleichen Moment Frauen, die nicht dem Wirtschaftsideal entsprechen, restriktiv behandelt und ausgegrenzt werden – egal. Dass vielen Frauen und ihren Kindern mehr geholfen wäre, wenn man den Stundenlohn bei den Reinigungsberufen nur um einen Euro anheben würde – unwichtig. Die Politik hat ein Zeichen gesetzt. All die Aufsichtsrätinnen werden doch sicher weibliche Referentinnen und PR-Frauen brauchen, und so wird nun also der Kampfgeist der Politik beklatscht, die dieses Anliegen gegen die Wirtschaft durchzusetzen wusste. So gehen Frauenrechte.

Mit üppigen Diäten, Zweitwohnung in Berlin und poweichfallander Anschlussverwendung bei Firmen, die sie als Volksvertreter kennengelernt haben. Wirklich, de Sades Juliette ist ein Klassiker der elitären Genderneutralität, gerade im Umgang mit Schwächeren brandaktuell, und gehört mitsamt einem roten Plüschsessel für vollendeten Lesegenuss unter jeden Weihnachtsbaum.