Je krümmer das Holz, je besser die Krücke

Ihr Dorf, sagt Katharina, liegt neben einem potenziellen Fördergebiet für die umstrittene Frackingmethode. Ich habe Katharina persönlich kennengelernt, sie wirkt wahnsinnig nett und gehört zu den Personen auf der Welt, die ich nicht zum Feind haben will, weil mir das sicher nicht gut bekäme. Sie kann nämlich ganz anders, als sie wirkt. Und wenn sie dann noch Verhältnisse wie im Wendland prophezeit, sollte bei ihr in Niedersachsen auf dem Dorf jemand auftauchen und Chemikalien in den Boden pressen, dann glaube ich ihr das einfach. Das wäre hier bei uns auch nicht anders. Das gute Westviertel meiner kleinen, dummen Heimatstadt an der Donau liegt im Westen, weil man nach dem Krieg im Osten die Petrochemie ansiedelte. Und wer im Osten wohnte, hatte am Wochenende, wenn sie in den Raffinerien unbeaufsichtigt die Produktionsreste abfackelten, keine schöne Zeit. Alles harmlos. Keine Gefahr für die Bevölkerung. Hiess es damals in der Contergan-Epoche. Seveso an der Donau, witzelten wir. Vor allem, weil wir am anderen Ende der Stadt wohnten, fern des nächtlichen Feuerscheins am Himmel und mit der warmen Glut im romantischen Kachelofen. Da kann man so etwas als Minderjähriger schon mal lustig finden.

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Und während ich also noch Katharina aufs Wort glaube, ruft meine Mutter an und sagt, das Holz sei da. Normalerweise kommt dann an dieser Stelle ein Lamento, diese vier Ster seien doch recht wenig und ich wüsste ja – wenn ein strenger Winter kommt, müsste sie im Januar noch einmal nachbestellen, und auch dann würde ich, so wie heute und jedes Jahr um die Zeit, nochmal Holz schleppen müssen. Weil es wirklich nicht viel sei. Heute ist es anders, sagt sie – heute ist es wirklich viel. Obwohl es nur vier Ster sind, wie immer. Vielleicht ist das Holz aber auch einfach nur voluminöser gefallen. So eine Art Bad Hair Day bei Fichte und Buche, weil sie schlecht geschlafen haben.

Das spielt beim Aufschlichten keine Rolle. Es sind vier Ster, weil sie traditionell so schön an die Ostseite des Hauses passen. Da ist es immer trocken. Wenn ich Efeu, Kellerfenster und Farnabstellflächen berücksichtige, und die Holzstösse genau so hoch mache, dass man gerade noch so an die oberste Lage kommt, benötige ich genau vier Ster. In einem milden Winter reichen sie ein ganzes Jahr und bilden zudem eine schöne Aufstiegshilfe für die Katzen, wenn sie das Haus unbedingt über ein Fenster betreten, oder sich dort bemerkbar machen wollen. Das ist dann auch für die Pflanzen angenehmer, denn so eine Katze ist das Fracking der Blumenkästen, falls man sie zu lange übersieht. Oder gerade den traditionellen Strudelteig zieht. Das ist hier nämlich auch so eine althergebrachte Sache: Apfelstrudel zum Holzschlichten.

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Und weil die Lüftung der Küche direkt hinaus auf den Weg zur Ostseite geht, bemerkt die Nase auch den Fortschritt im Ofen. Fünf Stunden dauert das Werk normalerweise, nach zweieinhalb Stunden ist der eine Holzstoss fertig und der Strudel auch, dann folgte eine halbe Stunde Pause, der zweite Holzstoss und dann ist es gerade noch so hell, dass ich den Garagenvorplatz zusammenfegen und die Spreizln – ich bedaure das sehr, ich kenne kein nichtbayerisches Wort für die restlichen, grossen Späne – im Schubkarren deponieren kann. Das alles hat sich so in den letzten Jahrzehnten eingeschliffen. Alle Kinder kommen an Weihnachten, und manche zudem im November für das Holz, und hören sich Klagen an, dass es schon wieder so teuer wurde. Als meine Eltern das Haus gebaut haben, war Öl trotz des Regimewechsels im Iran so billig, dass sie auch ohne eingebaute Fenster und Türen im Winter die Heizung haben laufen lassen. Da merkt man es natürlich, wenn aus dem billigen Holz und Öl von einst ein teures Luxusgut wurde. Aber dieses Jahr ist es auch nicht teurer als letztes Jahr.

Der Apfelstrudel wird fertig, der hintere Holzstoss wird fertig. Vorne jedoch liegt noch die Hälfte Holz und sie sieht gar nicht wie die Hälfte aus. Und auch, als der zweite Holzstoss in die Höhe wächst, liegt vorne immer noch viel. Der Nachmittag fliegt dahin, die Scheite klackern aufeinander, aber scheinbar kaum geschrumpft wartet vorne immer noch ein sehr grosser Haufen. Die Sonne geht unter, das Licht schwindet, der zweite Holzstoss steht und an der Tür türmt sich schon ein Berg kürzerer Holzbrocken, und unter dem Licht der Strassenlaterne wird mir klar: Das ist diesmal mehr. Sehr viel mehr als üblich. Denn der Teufel hat auch diesmal den grossen Haufen gefunden, auf dem er seine Hinterlassenschaften drapiert – wie immer bei denen, die ohnehin schon nicht am Hungertuch nagen. Jahrelang war es so, dass man uns fragte, ob wir beim Lieferanten nicht vielleicht ein freundliches Wort einlegen könnten – aber der beliefert nur Kunden, die sein Vater schon als Kinder kannte. Das war die eine Bevorzugung. Und jetzt, da Öl und Gas dank Fracking auch wieder billig sind, bekommen diese Kunden das Holz nicht mehr genau abgemessen, sondern grob geschätzt und noch einen Ster mehr. Und anderthalb Zentner Kleinholz, ein ganzer Gartensack voll, dazu.

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Und so schlichte, schiebe und schleppe ich auch noch in finsterer Nacht weiter. Schuld an diesem Bruch der Tradition, der mich zu so später Stunden nun wie einen Loamsiada wirken lässt, ist natürlich das ferne Amerika mit seinem Fracking – würde man dort weiterhin Erdöl in aller Welt kaufen, wäre es erheblich teurer, es gäbe eine höhere Nachfrage nach Holz, und niemand käme auf die Idee, aus vier Ster derer fünf zu machen, für die hier eigentlich gar kein Platz ist. Aber nun pressen sie Amerikaner nicht nur das Gift in den Boden und ins Wasser, sondern auch ihr unverbrauchtes Öl auf den Weltmarkt. Das merkt auch der Holzhandel, und zeigt sich generös. Früher war es die Vorzugsbehandlung bei der Lieferung, diesmal ist es die Vorzugsbehandlung bei der Menge. Irgendwo sucht sich jetzt das Gift seinen Weg durch das Gestein in das Grundwasser, und ich suche nach einem Platz für noch mehr Holz. Irgendwo kommen entzündbare Gase aus Wasserhähnen, und hier wird schon kräftig eingeschürt. Man hat es ja, Und Katharina schraubt wahrscheinlich gerade den Schneepflug an den Trecker und tauft ihn Esso Violence Exzesso oder so.

Denn natürlich erwischen die negativen Folgen immer die anderen. Die Stadt hat an der Petrochemie gut verdient, aber den Gestank hatten nur die, die im Osten wohnten. Das amerikanische Defizit bleibt unter Kontrolle, weil weite Landstriche mit der Brühe unterspült werden, aber wir behaupten, dass wir mit mehr Holz mehr kohlendioxidnetral heizen – mir ist vollkommen klar, dass Umwelttechniker das ganz anders sehen, aber so geht hier nun mal die traditionelle Legende. Westlich von uns kommt der Sumpf und darin ist ein kleiner Weiler, in dem der bayerische Ministerpräsident wohnt – ich glaube nicht, dass hier jemals gefrackt werden wird. Auch nicht am Tegernsee. Aber in Niedersachsen, da werden sie es zu Forschungszwecken genau so tun, dass bis zur Tagung der Zulassungskommission in den offiziellen Gutachten genau so viel Gefährdung festgestellt wird, wie früher im Schacht Konrad. Alles kein Risiko, wenn nichts passiert, zumindest nicht im fraglichen Zeitraum und was später ist, egal, da sitzen die Politiker längst in Aufsichtsräten-

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aber die Konferenzen solcher Firmen laufen natürlich nicht im Bohrloch, sondern am schönen Tegernsee, in einer Holzstube, mit Bioessen, nachhaltig natürlich, mit einem glücklichen Fleckvieh-Ochsen am Spiess und mit einem warmen Kachelofen, wo das Holz rotschimmernd knistert, wie die Erotik in der Arie der Despina in Cosi fan tutte. So machen es alle. Holz hat es da in der Natur natürlich immer genug, und Geld auch. Ich schlichte eine zweite Reihe an und wer weiss, ob nicht einer derjenigen, die nun um Bundestag gegen den erklärten Willen der grossen Mehrheit des Volkes den Arm hoben, nicht auch ein zweites Konto fern der EU anlegt. Man muss dem Teufel eben den passenden Haufen anbieten, dann wird das schon.

Kurz vor 7, zwei Stunden später als sonst, kehre ich den Staub und den Dreck auf dem Vorplatz zusammen. Das bleibt bei solchen Geschichten immer übrig, das fängt sich in den Ritzen der Platten wie Filz, da muss man wirklich mit Gewalt fegen, sonst setzt sich das fest. Ich habe das so gelernt, da sind wir traditionell, aber in den grossen Städten, wo man von den Frackinggiften, vom Holz und den Lagerstätten meint entkoppelt zu sein – da gibt es einen Hausdienst, der sich darum kümmert. Da muss man nicht gross nachdenken, Hauptsache, die nächste Nebenkostenabrechnung fällt nicht so hoch aus.

Und bei uns hat der Teufel wie immer den grossen Haufen gefunden. Ich würde trotzdem gern mal mit Katharina eine Runde Traktor fahren.