He justs at scars that never felt a wound
Shakespeare, Romeo und Julia

Da sitzen sie dann an ihren weissen Resopalschreibtischen, billig bei Ikea gekauft, und denken nach, wie sie ihren Standpunkts durchsetzen können, ohne deshalb Zeit an Argumente zu verschwenden. Es wäre schon nett, denken sie und betrachten die Tasse, wenn sie mit einem Wort die Welt scheiden könnten in Schafe wie sie und Böcke wie alle anderen. Es fällt ihnen dabei auf, dass die Tasse, auch bei Ikea erworben, weil so praktisch und robust und wer braucht schon Goldrand, nach drei Wochen auch mal wieder ausgespült werden könnte. Sie denken ein wenig nach, was jetzt unappetitlicher ist, diese braune Tasse oder die sporadisch bewässerte Pilzzucht in ihrem Waschbecken. Aber weil ihnen nichts einfällt, gehen sie schlecht gelaunt in die Küche und stolpern, so dass ihr Weihnachtsgeld in Form der vierschichtig aufgetürmten Pfandflaschensammlung umkippt. Sie sagen ungebührliche Dinge, der innere Groll schwappt ihre Kehle hinauf, weil alles so traurig ist und ihnen nicht mal ein Wort einfällt – und dann kommt es. Dieser innere Groll, dafür gibt es ein Wort. Ressentiment. Das ist es. Französisch, intellektuell und gleichzeitig den anderen als von Wut und Enttäuschung zerfressenen, kaum denkenden Ignoranten abstempelnd. Das nehmen sie.

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Und weil sie, nachdem sie das Weihnachtsgeld in gelbe Säcke geräumt und noch einen weiteren dickwandigen Hafen in der Küche gefunden haben, nun wieder ihr Leben kontrollieren, setzen sie am Schreibtisch zum hochgeistigen Ressentiment noch ein abwertendes Wort, wie etwa Mob. Ressentimentgeladener Mob, das klingt doch schön. Da spürt man sofort, dass die Autorin das Problem analytisch durchdrungen hat wie der Schimmel den Frischkäse in ihrem Kühlschrank. Dessen Entdeckung wird eine halbe Stunde später noch einen Absatz nach sich ziehen, in dem sie fragt, ob sich denn jeder überhaupt all der Trigger bewusst ist, die die moderne Kultur jeden Tag den Denkenden in den Weg legt. Neben Katzenvideos und der nächsten Nebenkostenabrechnung vom Vermieter dieses Lochs.

Man merkt das vielleicht: Wenn ich so eine Figur etwas mehr ahnend denn erfindend beschreibe, amüsiere ich mich köstlich. Ich amüsiere mich, obwohl das Ergebnis wirklich in den Medien zu bestaunen ist, denn anderen „Ressentiments“ zu unterstellen, ist gerade sehr modisch. Ein Wort, zwei Stempel, hier der Grollende und dort die gekonnte Analyse. Jeder denkt an einen schmerbäuchigen, weissen Menschen, der sich irgendwie bedroht fühlt und die generelle Entwicklung nicht mag, aber weder versteht, dass es nun mal so sein muss, weil er nicht die Zukunft sein kann, noch dazu in der Lage ist, seine eigenen Defizite zu verstehen. Ganz im Gegensatz natürlich zu denen, die Ressentiments nach dem vierten Schreiben auch ohne Fehlerkorrektur beherrschen.

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Und ich möchte das auch gar nicht bestreiten. Ressentiments sind tatsächlich weit verbreitet, denn sie sind eine direkte Folge der Klassengesellschaft, in der wir nach dem Ende der unüberwindlichen Mauern zwischen den Gruppen zwangsweise zusammen leben müssen. Manchmal entstehen sie einfach so, mitunter werden sie auch gezielt geschürt. Ich zum Beispiel zeige mit meinen Pralinenbildern vom Tegernsee bei Twitter nicht nur meinen Freunden, was ich demnächst schicke, ich zeige auch meinen Gegnern, dass ich dort wohne, wo sie sich den Urlaub nicht leisten können. Und dass es noch eine Parallelwelt mit nachhaltiger Herstellung und guten Löhnen unter Kronleuchtern gibt, gegen die plastikverschweisste Dominosteine vom Discounter mit der unfreundlichen, schlecht bezahlten Frau an der Kasse deutlich abfallen. Ich mache das mit besonderer Freude gegenüber genau jenen Kämpfern für Toleranz und soziale Selbstgerechtigkeit, die das Wort „Ressentiment“ so gerne nutzen, in der Hoffnung, dass sie durch Selbstbetrachtung ihres Grolls ein wenig Abstand davon nehmen, andere zu beurteilen. Das ist eben meine mein Beitrag zu ihrer Aufklärung, denn auch Ressentiments der grundlos okkupierten moralischen Überlegenheit, so hoffe ich doch für sie, sind heilbar, und das ist gut für das Zusammenleben.

Die Oberschicht ist natürlich meistens nicht ressentimentgeladen. Es fehlt ein wichtiger Bestandteil, da Gefühl nämlich, dauerhaft benachteiligt zu werden. Selbst Klagen über die Raffgier des Finanzamtes und den Spitzensteuersatz muss man sich erst mal leisten können in einer Welt, in der andere bei der Bewerbung um eine Mietwohnung gleich im ersten Satz ihr Nettoeinkommen erwähnen – und deshalb diskriminiert werden, weil das zu offensiv ist. Man tut das eigentlich nicht öffentlich, das wird einem in einer guten Erziehung auch abtrainiert. Aber auch an dieses abtrainieren erinnert man sich, und weiss deshalb ganz genau, wie man mit ein klein wenig unachtsamer Herablassung – oh pardon Kindchen, das meinte ich nicht so, wirklich, das ist mir so herausgerutscht und du bist nicht gemeint – genau diesen inneren Groll anheizt. Das muss, wenn man es einsetzen will, unabsichtlich wirken, damit die Distanz gewahrt bleibt. Schaut her, sagt das Verhalten, ich habe mich trotz meiner Privilegien meistens, fast immer unter Kontrolle und wenn mir so etwas passiert, beuge ich mich hinunter, ganz tief, und entschuldige mich sogar. Sie hatten ja schon immer den Verdacht, man würde in der Oberschicht so ignorant auf ihren Nöten herumtrampeln. Man passt also in der Regel besser auf. Aber manchmal überkommt es einen, diese kleine, schäbige Freude, wie eine Aristokratin, die bei einer Konkurrentin entdeckt, dass die Bilderrahmen nicht abgestaubt sind. Bitte schauen Sie bei mir die Bilderrahmen nicht zu genau an.

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Die paar Euro für ein Packerl Pralinen und eine gute Kamera sind also nicht zwingend gut angelegtes Geld in einer Epoche des Klassenkampfes, die uns in vielen anderen Bereichen sehr viel gleicher gemacht hat. „Blasiertheit“ ist dafür ein altertümliches Wort, ausser in Bayern natürlich, bei uns ist das immer noch im Sprachgebrauch, und es umschreibt nicht etwa Eigenschaften wie Arroganz oder Borniertheit oder Snobismus, die dauernd auf der Suche nach Ausdruck sind. Blasiert ist erheblich netter, kein krasser Charakterfehler, sondern eine, solange man davon nicht betroffen ist, fast schon nette Schrulle. „A wengal blasiert is scho, de Zenzi, owa ned unkommod“ – so sagt man das bei uns über Heiratsmaterial von Stand. Die Blasiertheit kann jahrelang unter den liebreizendsten Charakteren ruhen, bis sie dann einen Moment nicht aufpassen, und ihnen dann ein Satz, ein einziger brutaler Satz herausrutscht, der anderen richtig weh tut. Und sie merken es mitunter noch nicht einmal, denn wie können sie wissen, dass andere darunter leiden. In der Blasiertheit liegt viel Gelassenheit und auch eine Abwendung von den unschönen Seiten der Welt – ja, das mag alles ganz schaurig sein, was man so hört, aber es ist November und die Kühe sind immer noch auf der Alm, ist es nicht schön? Magst du nicht kommen? Ah so, du musst arbeiten. Na dann. Schade.

Man kennt das, das passiert jedem einmal, und man verurteilt das besser nicht, wenn man nicht verurteilt werden möchte. Deshalb ist es auch nicht wirklich abwertend, und weil die Oberschicht sich im Werturteil so freundlich für sich selbst entschieden hat, wird es unten ähnlich betrieben: Anderen Ressentiments unterstellen kann nämlich auch so ein Akt der Blasiertheit sein. Nur mit dem kleinen Unterschied, dass sich die einen solche Akte wegen ihrer Klassenzugehörigkeit leisten können, und die anderen damit in ihrer Klasse auf derartig beschimpfte Leute treffen, die das nicht schätzen und, wenn sie Pech haben, auch Macht über sie besitzen. Blasiertheit wirkt auf den ersten Blick so hübsch nutzbar, so mädchenhaft-sorglos, aber das geht wirklich nur, wenn einem die Betroffenen nicht an die Gurgel gehen und dieselbe zudrücken können, bevor man Gelegenheit hatte, sie über die Verwerflichkeit ihres ressentimentgeladenen Treibens aufzuklären.

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Natürlich bleibt es nicht aus, dass man mitunter auch als Angehöriger der Oberschicht mit diesem Benehmen scheitert. Aber man kann das aussitzen. Und abwarten. Und Pralinen essen und warten, dass es vergessen wird – eben, weil man wie die Zenzi eigentlich nicht unkommod ist. Nur manchmal etwas blasiert. Die anderen sitzen weiterhin an ihren Resopaltischen, in der Küche freut sich der Pilz über Nährboden, und die einen schreiben Anträge bei der Kulturförderung und die anderen müssen dem Konkurrenzangebot bedauernd absagen, zu viel Aufwand, keine schöne Stadt, dieses Hamburg und gute Pralinen gibt es da auch nicht. Manchmal kann man sich auch gar nicht so weit zurücknehmen, dass es einem die anderen nicht verübeln würden, womit wir wieder bei den Ressentiments wären, und einem langweiligen Thema. Ich bringe jetzt einer reizenden jungen Dame, die ich befragen werde wie die Contessa Maria, Pralinen ins Museumscafe mit, und werde dann hoffentlich über erfreulichere Dinge als Hackfleischbällchen berichten.