Vorbemerkung: Es wird eventuell noch ein wenig dauern, bis die neue Führung des FAZ-Feuilletons steht. Aber schon jetzt kann ich sagen, dass ich inzwischen organisatorisch unter Online laufe. Insofern beschliesst dieser Beitrag in gewisser Weise diese fast sechs Jahre lange Feuilleton-Phase der Stützen, und zwar so, wie man das machen soll. Dreist, rücksictslos, höhnisch und dem Wissen, dass man noch auf vielen Gräbern tanzen wird. Aber wie auch immer – es wird weiterhin jeder Beitrag so geschrieben, als sei Schirrmacher der erste Leser.  

Welcome to the Pleasure Dome

Es ist jetzt über 30 Jahre her – oh Gott, 30 Jahre schon, ich werde alt –, dass „Relax“ von Frankie goes to Hollywood herausgekommen ist. Ein Klassiker der Popgeschichte, den jeder kennt, obwohl das nicht jedem passte. Bei uns in der Schule etwa durfte man sich mit der Single oder gar dem Album nicht erwischen lassen, denn schnell hatte es sich unter den Lehrern herumgesprochen, was Holly Johnson darin sang: Dass man es saugen sollte und nicht nachlassen, wenn man kommen wollte. Dazu gab es noch ein Video, das in einer Schwulenbar spielte, mit Lederkerlen und einer Drag Queen aufwartete, und in einer ziemlichen Orgie endete. Und weil wir in Bayern waren und unser Ministerpräsident aus eigener Erfahrung ein Lied davon singen konnte, wie solche Geschichten mitunter ausgehen, war das an unserer hochanständigen Schule natürlich verboten. Die Kindlein könnten ja, oh Gott, gar nicht auszudenken…

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Kurz, die Platte war bei uns heiss begehrt und ich sammelte von allen eine Kassette ein, dann kam Oli mit seinem Roller und seinem Doppeltapedeck, und wir schlossen es mit dem Tapedeck meiner Eltern zusammen. So fertigten wir vier Kopien auf einmal, für die ich mich heute, nach Ende der Verjährungsfrist etwas schäme. Denn „Welcome to the Pleasuredome“ ist die Platte, die man aus diesem Jahrzehnt besitzen muss, neben „One Second“ von Yello, „The non comprendo“ von Les Rita Mitsouko, „Licensed to ill“ von den Beastie Boys, die gelbe Maxi „Route 66“ von Depeche Mode und „Ab 18“ von den Ärzten. Aber keine war so verboten wie Relax, das uns zum ersten Mal einen Eindruck davon gab, dass Ausgehen vielleicht ein wenig aufregender als Discofox im Why Not sein könnte. Wenn wir hier über den Mauerfall reden – das war bei uns die Beschaffung dieser Platte, das war volljährig werden und nach München fahren und ein anderes Leben zu beginnen, ohne Angst, die erste Freundin nach dem Studium heiraten zu müssen und ohne Furcht, dass es am nächsten Tag Stadtgespräch sein würde, wenn man auf den Boxen des Pakcafes ungewöhnliche Dinge öffentlich getan hat.

Trotzdem bin ich übrigens bekennender Heterosexueller. Relax hat mich nicht essentiell verändert, es hat mir nur einen Schubs gegeben, und auch keiner, dem ich die Platte überspielte, wurde deshalb in seiner sexuellen Entwicklung gestört. Meine schwulen Freunde aus München sind heute natürlich alle froh, dass die kranke Zeit unter Strauss vorbei ist, als ein gewisser Gauweiler angesichts von AIDS mit aberwitzigen Ideen an die Öffentlichkeit trat. Aber ein wenig traurig, wehmütig, melancholisch wird man schon, wenn man das langsame Intro von Relax hört und darauf wartet, dass der Beat unerbittlich losstampft – denn das war unser Marsch in die Freiheit, da waren wir noch anders, da konnte man noch schocken. Man wollte es uns verbieten, aber wir haben uns nicht abhalten lassen, wir haben die Epoche Strauss zu Staub zertanzt und die Lehrer, die damals zum Historikerstreit rechte Sager lieferten, sind tot – und ich schreibe bei ihrer FAZ. Relax von Frankie goes to Hollywood ist ein Klassiker der Musikgeschichte, es gibt darüber Seminare und Dissertationen. Das Video ist aus heutiger Sicht läppisch, eine Schwulenparty, total normal. Sollte jemand etwas anderes zu denken wagen, werden sogar im tiefsten Baden-Württemberg die LichtträgerInnen der Genderforschung und Toleranz dafür sorgen, dass die Kinder das, was der Onkel Holly Johnson von hinten mit dem Onkel Paul Rutherford macht, für eine der vielen intersektionellen Normalitäten der sexuellen Entwicklung halten. Wie auch die Drag Queen, auf der dabei Paul Rutherford liegt. Es hat sich alles geändert, zum Glück. Die Abweichung von früher ist eine Option, mehr nicht. Nicht diskriminieren, lernen die Kinder, diskriminieren ist böse und gegen den Lehrplan, so wie bei uns Homosexualität in der Schule nichts zu suchen hatte. Immer schön tolerant sein, Kinder. Intoleranz und Ausgrenzung ist ganz böse.

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Das gilt für sexuelle Orientierungen, aber auch für alle anderen Minderheiten und Formen der Ungleichheit. Und dann schauen wir das Video noch einmal mit modern-toleranten Augen an, und dem geschärften Sensorium von gut drei Jahrzehnten Forschung über Gender, Herrschaftsstrukturen und Benachteiligung. Das Video fängt mit einer einer Szene ausserhalb des Schwulenclubs an. Dort wartet Paul Rutherford und – raucht. Und es gibt keine Einblendung, dass Rauchen die Gesundheit gefährdet. Das ist nicht gesund. Sollte man Kindern solche Idole geben? Dann kommt Holly Johnson. In einer von einem Chinesen gezogenen Rikscha. Überhaupt keine Frage, hier wird eine kolonial-rassistische Attitüde propagiert, und auch überhaupt nicht hinterfragt. Rutherford hilft Johnson au der Rikscha, der Läufer wird klassistisch-unterdrückend gar nicht mehr beachtet. Er ist wird reduziert auf eine exotische Kulisse für die Hauptfiguren, die hier auch nicht ihre Privilegien checken, oder in einen konstruktiv-egalitären Dialog über ihr kritisches Weisstum, noch dazu als privilegierte Männer, einsteigen. Da sieht man mal, wo das hinführt, als damals an den Schulen keine Toleranz geübt wird. Die weiblich transqueerx männlich definierten jungen Menschen von heute könnten ja, wenn sie das sehen, oh Gott, gar nicht auszudenken…

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Zum Glück gibt es gleich in der Bar eine Szene, in der die politisch.korrekt queere und in eine Machtposition versetzte Drag Queen eine männlich definierte Person in das auf den Boden gestreute Stroh wirft und mit einer provokativen Intervention patriarchal-totalitäre Herrschaftsstrukturen ins Gegenteil verkehrt. Hoffentlich ist auch das Stroh bio. Damit also setzen Frankie goes to Hollywood ein klares Zeichen gegen den Mainstream der Rape Culture und führen den cisheteronormativen Betrachtern vor, dass hier keine überkommenen Machtverhältnisse reproduziert werden. Die weiblich definierte Person wird klar als dominant dargestellt. 34 Sekunden sind jetzt vorbei, und nun sollten sich die Männer endlich mal freiwillig zusammen setzen, Fair Trade Tee trinken, die Bemühungen feministischer Blogs loben und darüber reden, wie man das Patriarchat abschafft und eine Frauenquote einführt, aber bitte nur mit Frauen, die keinen autosexistischen Wonderbra tragen und natürlich ihre Privilegien checken und ihr Weisssein krit – was machen die da?

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Einer hält Holly Johnson eine Banane vor das Gesicht und leckt daran. Und zwar ohne dass Johnson darum gebeten hätte. Er führt zwar aus, dass man saugen sollte, wenn man kommen wollte, aber das ist allgemein gehalten und was im Video ist, ist das ein eindeutiger sexueller Übergriff, zu dem Johnson nicht Ja gesagt hat. Also eine versuchte Vergewaltigung. Man muss das ganz klar sagen; wer so etwas an einer amerikanischen Uni macht, fliegt. Und wer so etwas an einer schwäbischen Schule macht, wird auch keinen Spass haben. Wie kann man das auf Youtube zeigen? Aber es kommt noch schlimmer – auf der Empore wird der Chef des Clubs hereingetragen, und er wird von einem äusserst dicken und unsympathisch wirkenden Mann verkörpert. Der junge und adrette Johnson ist eindeutig ein Fall von Lookism, am antagonistischen Dicken wird Fat Shaming und Ageism vorgeführt, und dass er Anweisungen gibt, wer unten in einen Käfig oder eine eiserne Jungfrau gesteckt werden soll, ist obendrein übelster Klassismus, von dem sich auch niemand distanziert, oder wenigstens mal die Privilegien checkt. Ein dicker, alter, weisser Mann als nicht kritisch durchleuchtetes Rollenbild. Eine seiner Begleiterinnen ist geknebelt und gefesselt, eine andere fächelt ihm auch noch Luft zu – kein Wunder, dass die Medien heute voll sind mit Martensteins Neffen, die sich über Feministinnen lustig machen. Die haben das gesehen und reproduzieren das bis heute.

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Danach wird Johnson auf die Bühne verbracht und

macht etwas mit einem Tiger.

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Wo bleibt hier der Artenschutz? Und dann gibt es auch noch § 184a StGB, der die Verbreitung tierpornographischer Schriften unter Strafe stellt. Das sollte man hier gleich mal prüfen. Denn es kann nicht sein, dass man zum Schwulen tolerant ist, und der macht dann so etwas. Der muss dann bitte genauso tolerant sein. Wurde wenigstens versucht, den Tiger vegan zu ernähren? Nach Rassismus, Kolonialismus, Sexismus, Übergriffen, Fat Shaming, Klassismus. Männerbündelei, Frauenbenachteiligung, Fehlen einer Quote und Patriarchat nun auch noch nicht artgerechte Tierhaltung. Wieso, muss der in jeder Hinsicht berufstolerante Mensch hier fragen, ist dieses Video überhaupt noch im Internet und warum wird Youtube nicht verboten? Sieht denn keiner, dass hier unter dem Vorwand der Infragestellung angeblicher cisheteronormativer „Werte“ alle anderen Arten der Unterdrückung reproduziert und auch noch gefeiert werden? Noch dazu von sexuell attraktiven Männern, von denen einer einen Anzug als Symbol seines dominanten Rollenverhaltens trägt. Der Höhepunkt: Johnson nimmt dann seine penisförmige Krawatte ab, schlingt sie um Rutherford und bringt in damit in die Position zum Geschlechtsakt. Das ist nicht einfach nur homosexuell, da werden übelste klassistische Machorollenbilder tradiert. So fahren wir alle zur Hölle.

Und dann singt er auch noch „Hit me with those laser beams“. Gewaltphantasien und Stromverschwendung. Schnell, da muss eine EU-Richtlinie her. Wenigstens Energiesparlaserbeams und Krawatten ohne Naturseide.

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Liebe Kinder in Schwaben, ihr dauert mich. Auf der einen Seite sind da klerikale Figuren wie meine alten Lehrer, die nicht wollen, dass ihr den Onkel Holly und den Onkel Paul in einem dreissig Jahre alten Video seht – dabei ist das ein echt witziges Video, und manchmal geht es später wirklich so wild zu. So toll kann das Leben sein. Und auf der anderen Seite sind die total Toleranten, die das im Rahmen des Gender Mainstreaming exakt so lang vermitteln wollen, wie es ihnen in den ideologischen Kram passt, und wenn nicht, rufen sie nach dem Staatsanwalt. Glaubt ihr nicht? Guckt mal, das sind Tweets der Gegner der Klerikalen, von Anhängerinnen der Gruppe, die sich für die Einführung der neuen Gendererziehung einsetzt, darunter auch die Frau, die die Petition dafür gestartet hat. Denen hat ein Beitrag hier nicht gefallen, jetzt wollen sie eine Staatsanwältin.

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Ihre Toleranz geht vor die Freiheit der anderen. Was die erst machen, wenn der Onkel Holly dem Chinesen kein Trinkgeld gibt und beim Remake keine Frauenquote eingeführt wird, weil das andere Geschlecht nicht unsichtbar sein darf – das wissen wohl nur die total Toleranten und Ausgleichenden selbst. So, wie sie uns unter Strauss zu seinem Freiheitsbegriff erziehen wollten, werden die Toleranten euch zu ihrem totalen Toleranzbegriff erziehen. Damit ihr auch ja keinen benachteiligt und immer schön eure Privilegien checkt. Dann wird das alles eine supi tolerante und aware und klassenneutrale Gesellschaft, und alle sind froh und glücklich und tanzen um das lustige Feuer, auf dem mit de Sades Philosophie im Boudoir und Diderots geschwätzigen Schatzkästchen das letzte Pleasuredome-Album zu einem schwarzen Klumpen verschmort.

Ups pardon, schwarz ist ja auch rassistisch, das heisst natürlich KlumpIn of Colour.

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