2+2=4. Oder 5, oder irgend sowas.

Die guten alten Zeiten starben mit denen, die sie erlebt haben. In den guten alten Zeiten ritt der Prinzregent durch die Stadt, und die blauweissen Fahnen wehten im Azur des bayerischen Himmels. In der guten alten Zeit war das Bier billig, das Brot frisch und die Kinder durften mit den Goldtücken der Eltern Schusser spielen. Die gute alte Zeit hatte zwar auch viele schlechte Seiten, aber die bekamen die Vermögenden und Honoratioren nicht mit. Dann kam der grosse Krieg, die schlechte Zeit, der Hitler und der zweite grosse Krieg und die nächste schlechte Zeit. Alles zusammen etwa 40 schlechte Jahre, und in dieser Zeit konnte man den schönen Tagen hinterher trauern, als das Geld noch Gold und der Prinzregent ein gütiger Monarch war. Aber diese Generation der Jahrhundertwende ist gestorben, und die heutigen alten Damen können ganz andere, weniger gute Geschichten erzählen. Wie etwa die von Mantel der Flüchtlinge.

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Denn die Flüchtlinge aus dem Osten kamen mit Nichts aus ihrer alten Heimat hier an. Sie hatten, wenn sie von den kommunistischen Regierungen in die Züge gesetzt oder durch die Wälder getrieben wurden, nichts ausser dem, was sie am Leib trugen. Deshalb bekamen sie in der amerikanischen Besatzungszone bevorzugt die Kleidung aus den Care-Paketen. Und sie bekamen später von der Stadt, jener einstmals schönen, vom Prinzregenten geehrten und in den letzten Kriegstagen in Trümmern versunkenen Stadt, Einkaufsgutscheine für warme Winterkleidung. Sie konnten also in ein Geschäft gehen und sich dort, hinter den vernagelten Löchern der ehemaligen Schaufenstern, einen Mantel holen. Die Hiesigen dagegen sparten lieber und wendeten den alten Mantel, der noch da war. Und so kam es dann, dass die Kinder der Flüchtlinge von den Einheimischen um die neuen Mäntel beneidet wurden.

Kinder verstehen die grossen Zusammenhänge nicht, aber sie lernen schnell. Was sie damals gelernt haben, waren Sprüche wie „Das geht schon noch“ und „Das kann man schon noch essen“ – oder, wie meine listige Grossmutter gerne sagte: „Auch Schimmel ist ein Speisepilz“. Ein anderer ihrer Sprüche für die Nachfolgenden war „Ihr wisst ja gar nicht, was Sparen ist“, und tatsächlich stand sie, wenn es nicht gerade um Anschaffungen wie barocke Häuser oder Grundstücke ging, meistens auf der Kostenbremse. Ich habe davon einiges gelernt, ohne dass ich es wollte – die Marotte, dass ich im Winter, wie gerade jetzt, in meiner Wohnung in einen kleineren Raum umziehe und den allein heize, ist so ein Sparautomatismus. Ich kann keine alten Fahrradschläuche wegwerfen, wenn sie nicht mindestens drei Löcher hatten, und Schlitze in Mänteln repariere ich mit eingeklebten Plastikstreifen – seitdem ich den Trick einmal bei einem alten Rad von 1951 entdeckte, bin ich da vollkommen skrupellos. Es hat so lange gehalten, das hält schon noch – noch so ein Spruch meiner Grossmutter.

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Nun lebe ich sicher nicht sparsam und auch die alten Damen am Tegernsee sind bei den Ausgaben, zumindest öffentlich, nicht wirklich zurückhaltend. Offen gesagt, sind wir in einem soliden Gleichgewicht aus Bedürfnissen und Besitz angekommen – weniger wäre erträglich, mehr würde neue Schwierigkeiten nach sich ziehen. So gibt es beispielsweise bei der bewohnbaren Fläche einfach eine Obergrenze von gut 250 m² pro Person und maximal drei Wohnorten – ich habe mehrfach zwischen drei Orten gelebt und das bedeutet wirklich Stress, wie auch mehr als 8 Zimmer pro Person etwas zu viel sind. Aber da rutscht man halt so rein, wie man eben auch noch diesen Mantel da nimmt und in Mantua merkt, dass man kein passendes Hemd für den Empfang am Lago Maggiore dabei hat, und das sammelt sich an und beginnt, das Dasein zu verkleben. Man kann eventuell noch mit sinnlos überdimensionierten Hallen, Treppenaufgängen und Terrassen die Flächen vergrössern, und die Kapazitäten mit begehbaren Kleiderschränken erweitern. Aber die Generation, die in Deutschland den echten Reichtum besitzt, kommt nun mal noch aus der Mantelwendezeit und hat ein Gefühl dafür, wann es genug ist und die Verschwendung beginnt.

Und nun also wird die Deutsche Bank per Interview vorstellig und andeutet, dass man bittschön besser kein Spargeld mehr auf die Bank bringen soll, denn das führt zu Negativzinsen. Man soll es doch besser ausgeben, das gefällt diesem Institut der organisierten Vermehrung von Geld weitaus besser. Beruflich bin ich ab und zu in Frankfurt, wo die auch ihr Hauptquartier haben. Das ist so eine Stadt ohne Geschichte, im zweiten Weltkrieg niedergebombt und danach aufgesiedelt mit Erfolgsmenschen, die sich eine bessere Zukunft erträumten und nun, eingepfercht in niedrigen Renditeobjekten, auf hoch gebaute Renditeobjekte schauen, und den nordbayerischen Abwasserkanal unter dem Namen Main kennen und ihn für einen hübschen Fluss halten. Ich kenne die Preise der dortigen Restaurants und den Trend, sich in einen grossen Raum einen teuren Küchenblock zu stellen, auf dem allenfalls mit Mineralwasser gekocht wird – wie gesagt, Frankfurt liegt am Maindelta, wie Kalkutta am Gangesdelta liegt, da würde ich auch das Leitungswasser meiden. Aus Frankfurter Sicht kann man das vielleicht wirklich noch etwas mehr für den Konsum tun und noch eine Uhr kaufen, damit die Tage schneller vergehen, und neue Vorhänge, damit die Stadt dahinter verschwindet.

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Unter bestimmten Voraussetzungen ist es manchen also tatsächlich möglich, noch mehr Geld auszugeben. Aber dieser Wunsch wendet sich nun mal an die Privatkunden, die wirklich viel Geld haben, frage ich mich hier bei uns – und durchaus nicht allein – für was? Viertautos? Ein neuer Schrank für neue Handtaschen? Noch mehr Schmuck für Schatullen, in denen schon der Schmuck der letzten 4 Generationen schläft und dazu die alte Rolex, die dringend mal gereinigt werden müsste? Es gibt einfach keine Notwendigkeit.

Aber.

Es gibt die Creditreform. Das ist ein Unternehmen, das die Bonität von Mietern prüft, die ernsthaft denken, sie hätten in Zeiten wie diesen Anspruch auf schimmelfreien Wohnraum. Die Creditreform legt jedes Jahr einen Schuldenatlas vor, und der zeigt immer das gleiche Bild: Bei uns im Süden haben nur die geringsten Probleme mit geliehenem Geld – vor allem, weil man das nicht braucht. Anders sieht das in der Mitte und im Norden aus. In Bremen etwa hat jeder Fünfte Probleme, seine Schulden zu bedienen. Vielleicht bin ich etwas beschränkt, aber das zeigt doch ganz deutlich, dass dort diejenigen sind, die sich genau so verhalten, wie die Deutsche Bank das gern sehen möchte. Da sind wirklich Menschen, die ihr Geld nicht auf die Bank tragen, sondern es vielmehr davon entfernen. Nachdem mit unsereins einfach kein Staat der Ausgaben zu machen ist, wäre daher mein Vorschlag: Die Deutsche Bank soll all die Überschuldeten als Kunden übernehmen, denn die geben das Geld nachweislich aus. Und zwar so, dass auch überhaupt keine Gefahr besteht, dass es jemals wieder zurück kommt und der Bank zur Last fallen könnte.

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Das sind zwar Verlustgeschäfte, aber die Deutsche Bank kann zur Finanzierung des Kreditelends ihre gut verdienenden Mitarbeiter heranziehen – denn die sind ja auch solche Erzschurken, die das Geld bei der Bank anlegen. Die Deutsche Bank sollte also, bevor Negativzinsen eingeführt werden, ein Exempel an den eigenen, sparenden Mitarbeitern und Aktionären statuieren, denen, sagen wir mal, ein Drittel des gebunkerten Vermögens und Renditen abnehmen und den Creditrefom-Knallroten geben, unter generösem Verzicht auf Rückzahlung – eben raushauen, verschwenden, verprassen, so wie das die Deutsche Bank von uns gern hätte.

Das macht natürlich keinen besseren Eindruck als bei uns, wenn wir alle fünfzig dreissig zwanzig drei Jahre eine neue Küche kauften: Der Ruf der Bank wird im ersten Schritt leiden, man wird sie für einen Verschwender halten, und die Kunden werden, erst Stück für Stück und mit neuen Hiobsbotschaften in einem Bank Run, ihre Anlagen in Sicherheit bringen. Wie wir aus der Finanzkrise wissen, betteln Banken in solchen Situationen ihre Privatkunden mit äusserst günstigen Konditionen und horrenden Zinsen an, weil sie sonst nirgendwo mehr Geld bekommen. Damit ist dann auch die Gefahr der Negativzinsen gebannt, und soweit ich das sehe, sollten eigentlich alle zufrieden sein. Die Armen in den schlechten Regionen können mehr ausgeben und haben gute Laune, wir bekommen den Zins, die gütige Deutsche Bank vermeidet bei der entscheidenden Zielgruppe den schlechten Ruf als Anlagerisiko durch Negativzinsen, die Wirtschaft floriert und die Angestellten in Frankfurt sind nach so einer neuen Bankenkrise sicher froh, überhaupt noch eine Arbeit zu haben, mit der sie ihre Wohnrigipsschachtel am Abwasserkanal bezahlen können, und nicht ebenfalls Ärger mit der Bonität bekommen. Und damit ist dann die Welt wieder fast so schön wie unter dem Prinzregenten, jeder bekommt, was er verdient und wer nichts verdient, hat diesmal sogar auch etwas bekommen. Also ich finde die Idee jedenfalls bestechend.

Also, im Sinne von „schlüssig“ und nicht im Sinne von „mit Luxemburger Politikern auf gutem Fuss“.