Serius aut citius sedem properamus in unam

Vor ein paar Tagen wurden einige Strassen in Schwabing gesperrt, denn bei Bauarbeiten entdeckte man im Boden eine Fliegerbombe aus dem zweiten Weltkrieg. Und während sich der Sprengmeister an die Entschärfung des Relikts aus dunkler Zeit machte, ächzte eine eher links orientierte, junge Dame, warum so etwas eigentlich immer im Münchner Norden gefunden wird, und nie in den südlichen Nobelvororten Allach oder Grünwald, die eigentlich keiner bräuchte. Das ist die modernere Variante des St-Florians-Prinzips mit dem Wunsch, die einstürzenden Mauern sollten doch bitteschön die wenigen Reichen treffen, und nicht die Armen. Die ganz Reichen wohnen natürlich am Tegernsee, die Reichsten dieser Reichen in einem kleinen Ortsteil von Gmund namens St. Quirin, und unter diesen Reichsten gibt es nochmal ein Dutzend Privilegierte, die ein Haus direkt am See mit eigenem Ufer haben, während sich der Rest dieser Glücklichen auf den kleinen, öffentlichen Stränden den Platz mit einfallenden Schadmünchnern teilen muss. So ist der Blick von einem Seegrundstück aus.

allerha

Dass diese Lage hübsch und begehrenswert ist, weiss man in Bayern seit rund 200 Jahren, als sich hier das Bayerische Königshaus mit dem aufgelassenen Klostern Tegernsee eine Sommerresidenz kaufte. Seitdem ist es schick, hier zu wohnen, und seitdem gibt es hier einen Immobilienboom. Zuerst kamen die Adligen, dann die reichen Bürger, dann Geistesgrössen wie Thomas Mann und bald darauf bekannte Vertreter des NS-Staates. 70 Meter von diesem Standort entfernt beginnt etwa das Areal der Privatresidenz von Max Amann, der seinerzeit einen Teil von „Mein Kampf“ abgetippt hatte, und als Chef des Pressewesens im Dritten Reich schnell zu grossem Reichtum gelangte. „Lago di Bonzo“ hiess der See damals im Münchner Volksmund, der jene Bomben abbekam, die manche lieber in besseren Lagen sehen möchten – aber Amanns Haus überstand mitsamt Märchenmalereien. Deckenfresken und Kegelbahn den Krieg ohne jeden Schaden, wie alle Häuser hier.

Wie auch immer, man sagt hier bei uns, dass es nur zwei Arten des Erwerbs von Eigentum in St. Quirin gibt: Erben oder einheiraten. Wer einmal hier angekommen ist, krallt sich bis zum letzten Moment an sein Eigentum und gibt es nicht mehr her. Es ist schwer zu sagen, was hier der Quadratmeter kostet, denn dazu müsste erst mal einer auf den freien Markt kommen. Und nirgendwo sollte er teurer als auf jenen Grundstücken sein, die nach Osten hin eine hohe Hecke oder Mauer zur Strasse besitzen, und nach Westen hin Zugang direkt zum See. Und der unbedarfte Betrachter mag sich, wenn er hier eine Weile im milden Licht des Novembers sass, fragen, was man eigentlich mehr braucht als diesen Blick, diesen See und diese silbrige Luft, um zufrieden zu sein.

allerhb

Nun, die Antwort ist gerade etwas unromantisch – einen Bagger nämlich zum Abriss des Hauses, einen LKW zum Abtransport der Trümmer und einen Neubau an jener Stelle, wo sich in den Fünfziger Jahren jemand den ultimativen Luxus einer hübschen, mittelkleinen Villa auf einem grossen Grundstück leistete. Hoch ist die Hecke zur Strasse, und die kann bleiben, aber eher niedrig sind die Zimmer, und so müssen sie weg, mitsamt der grün gestreiften Tapete, dem Parkett und den dicken Holzbalken, die hier in den Dächern verbaut werden. Bleiben kann offensichtlich die Doppelgarage und die Auffahrt, dafür hat man auch heute noch Verwendung – wobei Platz für zwei Autos früher von eindrucksvollem Reichtum kündete und heutzutage, zumindest in dieser Preisklasse, doch eher bescheiden wirkt.

Man könnte natürlich diesem Vorgehen zugute halten, dass es hier im sog. Sommer des Jahres 2013 ein schweres Hochwasser gab, dem das gelang, was hier keine Bombe vollbrachte: Alle Häuser direkt am See in Mitleidenschaft zu ziehen. Kein Gebäude kam ungeschoren davon, und in den Wochen danach türmten sich hier, ungeachtet der guten und sauber gehaltenen Lage, die durchweichten Reste der Inneneinrichtungen in den Gärten. Manches konnte man retten, aber fest eingebaute Zirbelholzstuben, Parkett, Tapeten, Heizung – sie alle wurden Opfer der Fluten. So etwas hat man hier noch nicht erlebt. Das ist ein rational wirkender Grund, solche Mauern einzureissen. Natürlich sind diese Häuser am See mit allem Komfort und Luxus ausgestattet gewesen, der vor damals denkbar war, heisses und warmes Wasser, Telefonanschluss, TV-Gerät. Waschmaschine, Kühlschrank, vielleicht sogar ein zweites Bad, kurz, abgesehen vom Seeblick eigentlich mit allem, was man heute als Minimalanforderungen für ein menschenwürdiges Dasein in diesem Land definieren würde. Da haben sich die Ansprüche ein wenig verschoben, der Luxus der Adenauerepoche ist die Normalität der Merkelzeit und eine Abwrackprämie für Autos gibt es obendrauf.

allerhc

Es passt nicht mehr zu den Vorstellungen, also wird es abgerissen. Das Schicksal ist, auf diesen kleinsten Nenner heruntergebrochen, hier am Tegernsee nicht recht viel anders als 1989 in Berlin, und während der Potsdamer Platz neue Hochhäuser fraglicher Geschmacksrichtung aus den Ruinen auferstanden sind, wird hier die Bauverordnung dafür sorgen, dass sich der Neubau harmonisch in die Landschaft und die traditionell gewachsene Architektur einfügt. Aussen konservativ, innen mit allem, was man heute so braucht. Das kleine Gmund am Tegernsee hat mehr Inneneinrichtungsgeschäfte, Polsterer, Lampenschirmmacher und Möbelschreiner als meine alles andere als arme und 40 mal so grosse Heimatstadt an der Donau. Das verursacht einen gewissen sozialen Druck, dazu kommt noch die Einsicht, dass im globalen Verhältnis – St. Moritz, Dubai, Miami – dieser Region inzwischen ein klein wenig die Grandezza fehlt, so wie der DDR beim Blick auf die BRD. Ind so fallen dann auch hier die alten Mauern, die man nicht mehr will. Die einen sind das Volk und die anderen sind es sicher nicht, aber Mauern überwinden sie alle, jeder auf seine Weise.

Man muss abwarten, wie sich das hier entwickelt. Die Zeitläufe und die steigenden Ansprüche haben dafür gesorgt, dass dieses Ufer mit seinen Spielzeugvillen inzwischen eher unprätentiös wirkt, selbst wenn das früher anders gesehen wurde. Aber dieser Eindruck ist hübsch und erinnert an die BRD, bevor sie von Trabistosskeilen überrollt, dem Osten zugeschlagen und zerstört wurde. Gelassenheit und Tradition scheinen dem Besuchenden hier viel wichtiger als banales Geld und Luxus. Dieses Ufer ist fast ein Freilichtmuseum des sich selbst genügenden, alten Westens, und jetzt wird ihm ein Exponat herausgebrochen. Ich als Westnostalgiker hoffe natürlich, dass es ein Einzelfall bleibt und die anderen auch weiter in Gelassenheit dafür Sorge tragen, dass der Eindruck des zurückhaltenden Wohlstandes hinter hohen Hecken erhalten bleibt. Das ist, wenn man so will, unser antiglobalistischer Schutzwall, der uns vor einem Schicksal bewahrt, wie es Monte Carlo und Lugano stets aufs Neue, mit jeder Luxusmode und jedem geschmacklosen Oligarchenschub aus irgendwelchen traditionslosen Ländern erleiden.

allerhd

Unter goldenem Laub rollt der Schutttransporter gen Norden und fein wäre es, wenn aus dem Norden dafür kein Gasprom-Verantwortlicher käme. Diese Ecke ist etwas Besonderes, sie zeigt das Leben einer Oligarchie, die mit sich im Reinen und angekommen ist, mehr geht einfach nicht, und damit ist es gut. Es ist eine Oligarchie, mit der dieses Land lange Jahre eigentlich nicht schlecht gefahren ist, wenn man sie beispielsweise mit den Lebensidealen des Herrn Middelhoff vergleicht, oder all den Hasardeuren der Banken und internationalen Investments. Natürlich kann man sich immer noch wünschen, dass hier Bomben gefunden werden, aber meine Befürchtung ist, dass nichts Besseres nachkommt. Was immer hier eindringen wird, wird sich international messen, und für diesen Wettbewerb auch entsprechend unzufrieden und leistungswillig sein, und bereit, den eigenen Gewinn anderen abzuverlangen. Das sind die neuen Entscheider, und insofern ist die Frage, ob die Mauern hier bei uns stehen bleiben oder fallen und ersetzt werden, für das ganze Land in diesem Moment sehr viel wichtiger als die Erinnerung an 1989. Es plant kein Hitler mehr im Amann-Haus den Ostfeldzug, es tagt kein ZK mehr in Berlin. Die Schiedsgerichte der Zukunft, die Wirtschaft und die Vermögen sind hypernational, dem Wähler bleibt nur der Öttinger als Digitalkommissar, und was die neuen Oligarchen hinter ihren Hecken treiben, lässt sich nicht mehr so leicht einschätzen wie früher, als die Ziele mit dem Moselwein in der Zirbelholzstube mit Blick auf den See erreicht waren.

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