Es gab den Plan, einen Pranger im Internet einzurichten. Dieser Pranger ist, wie so vieles, auf den ersten Blick eigentlich gut gemeint gewesen– es geht darum, Ort, Zeit und Sachverhalt sexueller Belästigung an Universitäten darzustellen. Aber wie es nun mal mit Prangern im Internet so ist, schreiben können dort im Prinzip alle, und was eine Belästigung ist, können sie selbst definieren. Oder auch aufbauschen. Oder sich Identitäten erfinden, um so etwas zu tun. Internetpranger sind dafür besonders anfällig. Im normalen Leben gibt es Universitätsmitarbeiter, Ermittlungsbehörden und Gerichte, die darüber befinden, was nicht akzeptabel ist, und Strafen aussprechen, aber dieser Pranger macht es nicht nötig, sich an sie zu wenden. Mit einer App sind Betroffene in der Lage, ihre Erfahrungen sofort zu berichten, und die Organisation dahinter hat das veröffentlicht. Ganz modern, mit Karte und Visualisierung.

hollaa

Dazu ist es in der eigentlich gewünschten Form nicht gekommen. Die Organisation ist mit dem Versuch, dieses Projekt per Crowdfunding zu finanzieren, gescheitert. Vielleicht, weil diese Organisation eine Sprache bemüht, die Interessierten signalisiert, dass hier eher eine harte Sichtweise vertreten wird: „Survivors“ ist das Wort für Betroffene, und generell wird eine „zero-tolerance“-Kultur gegen sexual Harassment gefordert. Auf der einen Seite ist da ein recht sektiererischer Eindruck, auf der anderen Seite ist das Vorgehen der Gruppe mit starker Emotionalisierung nicht wirklich so wissenschaftlich, wie man sich den Anschein geben möchte. So wird erst umfassend aus dem schockierenden Bericht einer Betroffenen zitiert, um dann die erschreckend klingenden Ergebnisse von Untersuchungen zu präsentieren. Wie aussagekräftig die eigenen Untersuchungen sind, an deren freiwilliger Beteiligung vor allem Betroffene interessiert gewesen sein dürften, wird nicht debattiert. Aber die Zahlen sind wirklich heftig. 51% der männlichen Studenten, so die Organisation, gebe laut einer anderen Studie selbst zu, andere sexuell zu belästigen.

Auf der Kampagnenseite steht das ohne direkten Hinweis darauf, wo die Zahl eigentlich herkommt. Wer sich auf die Suche begibt, findet eine Studie des Jahres 2006 der American Association of University Women, einer Lobbyorganisation, die sich besonders dem Kampf gegen Ungleichheit, Benachteiligung und sexueller Belästigung verschrieben hat. Wer sich die Studie mit ihrer eher fragwürdigen Methodik zu Gemüt führt, wird sich vielleicht etwas wundern, denn die Definition von sexueller Belästigung der besagten Survivors ist selbst definiertes „unwanted and unwelcome sexual behavior“, und dessen Grenzen sind recht weit gesteckt; nicht nur Vergewaltigung oder Missbrauch, sondern auch

Made sexual comments, jokes, gestures, or looks

Showed, gave or left you sexual pictures, photographs, web pages, illustrations,
messages or notes

hollab

Nach dieser Definition hätte dieses nichtpuritanische Blog längst abgeschaltet und auf dem Scheiterhaufen verbrannt werden müssen, denn in den letzten Tagen wurde es als Gefahr für die Meinungsfreiheit von radikalfeministischen Autorinnen und ihren Helfern eingestuft, weil es sich über einige gehässige Marotten von Aktivistinnen berichtete, und gern Bilder von leicht bekleideten Frauen des Rokoko zeigt. Wissenschaft ist eigentlich die neutrale Untersuchung von Ereignissen und nicht Lobbyarbeit, deren scheinbar dramatische Ergebnisse nur möglich sind, wenn als unerwünscht empfundene Blicke schon als „sexual harassment“ definiert werden. Letztlich bleibt davon bei der Kampagne für den Internetpranger nur das Totschlagargument von „51% der männlichen Studenten“ übrig, und in einem weiteren Beitrag einer Aktivistin wird das nochmal schlimmer.

Studies show that 51% of college men admit to harassing their female counterparts, which of course means the reality is much, much worse.

Aber wie schon erwähnt, die Initiative ist gescheitert, und auch, wenn sich in Deutschland die Boell-Stiftung hinter eine weitere derartige Studie klemmt, ist Hollaback bislang eine kleine, obskure und nicht sonderlich erfolgreiche Pressure Group gegen das gewesen, was sie als sexuelle Belästigung auffasst. Zumindest bis vorgestern.

Vorgestern ging ein Video durch die Decke, das zeigt, wie eine normal bekleidete, junge Frau, stur gerade aus blickend, innerhalb von zehn Stunden in New York über hundert mal belästigt wird. Der Film ist von Hollaback zusammengeschnitten und zeigt alles von einem wirklich gefährlich wirkenden Mann, der die Frau verfolgt, über sogenannte „Catcalls“ wie „nice“ bishin zu einem „Have a nice evening“, was der Verfasser dieses Beitrags auf dem Weg zum Bäcker auch mehrfach gegenüber wildfremden Rentnern ohne jeden Hintergedanken äussert, weil man das hier halt so macht. Aber das ist eine subjektive Definitionsfrage, im Video offensichtlich „unwanted“ und damit Harassment, und geht im Moment auf 20 Millionen Views zu. Das wird zur Kenntnis genommen, darauf springen die Medien an und verbreiten es weiter. Mit welchen Begrifflichkeiten Hollaback argumentiert, welche Ziele sie haben und ob die erhebliche Differenz zwischen der allgemeinen Auffassung von sexueller Belästigung und dem, was die Gruppierung daraus zum eigenen Nutzen machen will, sinnvoll sind, wird nicht weiter angesprochen.

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Es ist ein wunderbares Beispiel der Verführung, die mit solchen Netzphänomenen möglich sind : Über die Verbreitung geht der Kontext verloren, und gegen sexuelle Belästigung, so die implizierte Aussage, sollten wir doch alle sein – unterstützt Hollaback, die Aufklärer, die zeigen, wie schlimm das alles ist. Teile des Internets gingen noch auf die Barrikaden, als Ursula von der Leyen mit einer ähnlich an das gesunde Volksempfinden appellierenden Kampagne Netzsperren wegen Kinderpornographie durchsetzen wollte. Als Stephanie zu Guttenberg im Fernsehen Pädophile vorführen liess und ihre Prominenz nutzte, um das Internet als besonders gefährlichen Ort des Kindesmissbrauch darzustellen, gab es aus dem Internet geharnischte Proteste. Man sah deutlich, wer hier die Freiheit mit extremen Beispielen einengen will, und welche Interessen im Hintergrund zu finden sind. Der Kontext entscheidet über die Beurteilung, und Hollaback, die jahrelang mit ihrem Kontext auf keinen grünen Zweig kamen, haben jetzt den Kontext weggelassen, und weltweiten Erfolg für ihre Kampagne.

Die Ironie an der Geschichte: Möglicherweise haben sie selbst mit diesem durchschlagenden Erfolg so nicht gerechnet und keine weiter reichende Kampagne zu initiiert. Das Video steht für sich selbst, aber mehr als das bisherige Anliegen mit den Geschichten Betroffener wird dadurch nicht gefördert. Und dann gibt es auch noch andere Gruppierungen, die ihre Benachteiligung in die Öffentlichkeit tragen wollen: Ausgerechnet dieses Video wird wegen Rassismus kritisiert, denn aus Sicht von schwarzen Bürgerrechtlern zeigt es, wie eine weisse Frau von hauptsächlich nichtweissen Männern belästigt werden. Es folgt nach dieser Interpretation einem alten, rassistischen Schema, und es wird der Hintergedanke unterstellt, Hollaback würde mit der Bedrohung einer weissen Frau durch schwarze Männer vor allem reiche, weisse Spender ansprechen wollen. Der eigentliche Kontext der Gruppe geht zwar verloren, ein neuer, aber auch nicht schöner Kontext wird daran festgemacht. So ist das, im Internet. Es fehlen eigentlich nur noch die Quotenanhänger, die Hollaback vorwerfen, den viel schlimmeren Aspekt der Benachteiligung durch gläserne Wände im Berufsleben durch weisse, heterosexuelle, mächtige Männer zu ignorieren.

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Das hier ist die Realität, ein offener Brief von Juraprofessoren in Harvard, die sich bitter über neue Richtlinien der Hochschule zum Thema „sexual Harassment“ beschweren. Die Richtlinien entsprächen in keiner weise dem, was sie ihren Studenten als gerechtes Verfahren beibringen, die Bezichtigten hätten kaum Möglichkeiten, sich innerhalb der Universität gegen die Anschuldigungen zu wehren. Das ist die andere Seite, dummerweise hat sie kein schockierendes Video, sondern nur ein althergebrachtes Medium und Argumente und Zusammenhänge, die kaum zur Kenntnis genommen werden.

Auch das ist Teil des Kontextes, in dem das Video steht. In diesem Kontext sind Morddrohugen gegen die Schauspielerin genauso wie die Frage, was das Fehlverhalten ist, wer darüber entscheidet und welche Konsequenzen zu ziehen sind. Hollaback steht, wie so oft im Bereich der viralen Ereignisse, für Partikularinteressen, für „zero tolerance“ und einen möglichst weiten Begriff, und darüber müsste man einmal reden, bevor die nächste Serie mit getwitterten Witzen über den Öttinger oder den Berliner Flughafen die Aufmerksamkeit der Massen beansprucht.