Tutto vanita, solo vanita, vivete con gioia e semplicita, state buoni se potete, tutto il resto e vanita.
Angelo Branduardi, Vanita di Vanita

Ich stehe an meinem Fenster mit Aussicht, als die Vermögensverwal – es tut mir schrecklich leid, das klingt furchtbar und trifft es angesichts meiner Verhältnisse auch nicht – Bankangestellte anruft, die sich um Finanzielles jenseits des normalen Girokontos kümmert. Heute hat jede Filiale jemanden, der unter einem derartigen Titel auf solche Feinheiten des Geldgeschäfts spezialisiert ist, und in meinem Fall ist es eine junge Dame, viel, viel jünger als die Werte, die in meinem Namen dort herumliegen, oder besser, noch herumliegen, denn es ist wirklich nicht mehr viel. Allerdings liegen dort auch schon etwas länger entwertete, aber in Sammlerkreisen immer noch werthaltige Aktienpapiere herum, und die möchte ich doch bitte holen.

Danke für die Erinnerung, sage ich und betrachte erfreut meine Weintrauben und die sich dahinter ausbreitende Toskana, und füge an, dass ich schon befürchtet hätte, dass sie mir Zalando oder Rocket Internet andrehen wollte.

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Das finden wir beide enorm komisch und lachen sehr. Die Bank, man ahnt es, ist schon etwas älter, bodenständig und ausserdem wohl etwas lernfähig, was sie vor grösseren Krisen bewahrt hat. Vor der Finanzkrise etwa hatten sie auch Vorschläge im Angebot, sich an amerikanischen Banken zu beteiligen, und auch das ein oder andere Zertifikat, so munkelt man, soll über den Tresen gegangen sein. Aber ich glaube, sie können mich ganz gut einschätzen und versuchen gar nicht, mir den Malström schmackhaft zu machen, der nach IPOs und JETZTKAUFENREKORDSTANDIMDAX-Geplärre gerade wieder dabei ist, die Phantasienatur von ein paar Papier-Billionen überdeutlich aufzuzeigen. Zudem lege ich mein Geld ohnehin gerade mehr in alte Rennräder und Gemälde an, und es ist viel zu schön hier, als dass man sich ernsthaft mit Wirtschaft beschäftigen wollte. Man kauft nicht nur Aktien mit Geld, man erlaubt damit dieser Börse auch, das Wohlbefinden zu beeinflussen.

Hat man für sein Vermögen keinen Finger gekrümmt – und, sehen wie den Tatsachen der Degeneration ins Auge, die Erbengeneration ist voll mit solchen Figuren, die für das Auskommen ein wenig arbeiten und ansonsten von den Vorfahren leben – hat man kaum ein Gefühl für das, was an den Börsen mit den sogenannten Kleinanlegern passiert. Die Leute, die wirklich Geld zur Seite legen und dann in die Fänge der Banken geraten, und dieses erarbeitete Geld im Zweifelsfall verlieren, diese Leute bekommen solche Krisen voll ab. Vermögen, das schon immer irgendwie da ist, spürt man weder beim Aufstieg noch beim Sturz, weil es das Leben nicht sonderlich tangiert. Nur nach der letzten Krise, das ist allgemein bekannt, hat man bei uns doch deutlich umgeschichtet und den Aktienmarkt verlassen. Man möchte mit seinen Anlagen nicht mehr durch die launischen Dominas der Quartalsberichte und Konjunkturen geknechtet sein. Und ist man erst befreit, kann man wirklich herzhaft über das traurige Schicksal eines Kleidungslieferanten und den Schmerz dessen Anteilseigners lachen.

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Zalando war ein echtes Phänomen der zunehmend weiblichen, quietschbunten Merkelhandtaschenepoche, dachten wohl viele und griffen zu, und es stimmt natürlich: Die Geschichte der Firma, deren Pakete so viele Minderbeschäftigte mit Freizeit in den grossen Häusern entgegen nehmen mussten, weil die Kundinnen für diesen Luxus zumeist tagsüber viel arbeiten, ist wirklich bemerkenswert. Da haben wir also eine Schicht von gut gekleideten jungen Frauen, die so viel arbeiten, dass sie für normales Einkaufen wenig Zeit haben, und deshalb lieber das Internet frequentieren. Das ist zuerst einmal wenig überraschend, die gute Ausbildung und die deutsche Sonderkonjunktur bringen es mit sich, dass viel gearbeitet und verdient wird. So, wie etwa von meiner freundlichen Bankangestellten, die wahrscheinlich in einem Jahr wieder anrufen und fragen wird, wohin sie die alten Aktien schicken kann, und wieder hören wird: „Ach je, das weiss ich doch nicht, momentan bin ich noch bei Siena und dann wird es wirklich unsicher, Tegernsee, an der Donau, Einkaufen in Meran, schwer zu sagen, immer diese Entscheidungen. Oktober ist halt immer eine ganz schlechte Zeit bei mir.“ Solche Berufe zwingen geradezu zu guter Kleidung, selbst wenn sich der Angerufene auf einem Balkon von den Strapazen der staubigen Strassen erholt und in einem Zustand ist, der sogar toskanische Wildschweine erschüttern würde.

Zalando, aber auch andere Firmen des Duodezfürstentums der Samwers sind darauf eingestellt, genau solche Bedürfnisse zu befriedigen. Das kleine Frustshopping zwischendurch ist ihr Markt. Für die Aktien wäre dagegen eher unsereins die interessante Kundschaft, aber ich habe einen der Herren schon persönlich kennengelernt und um hier nichts Justiziables zu sagen, möchte ich betonen, dass auch noch andere Aspekte dagegen sprechen. Vor allem nämlich der Umstand, dass nach dem Ende der aktuellen deutschen Sonderkonjunktur das Interesse der schönen, klugen Frauen nicht mehr das Verplempern ihres Einkommens bei dieser Firma sein wird. Die machen das jetzt, weil oft genug neben den horrenden Mieten immer noch etwas übrig ist – zu wenig, um eine Wohnung zu kaufen, aber genug, um sich in der Mittagspause etwas zu bestellen. Bis zu einem DAX-Rekord von über 10.000 Punkten geht das. Danach, wenn die Konjunktur absackt, und das schätze ich an Frauen sehr, treten sie auf die Kostenbremse, erinnern sich an die Kunst des Stopfens und nähen Lederflecke an Ärmel. Nicht, weil sie finanziell am Ende sind. Sondern weil sie Prioritäten setzen.

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Das hier ist ein Deckengemälde in einem Sieneser Bankierspalast, eine Bankiersfamilie übrigens, die rechtzeitig vom Bankenwesen zum Pfründewesen der katholischen Kirche wechselte. Wir sehen in den Weinranken den verweilenden, eitlen Pfau., aber in der klaren Luft die fröhlichen Finken und Meisen, und das sollte man sich bei solchen Klitschen immer vor Augen halten: Zwar erzählen sie einem, dass ihre Kunden beständig immer so weiter machen werden, aber nichts garantiert uns, dass sie nicht doch sehr flinke, pfeilschnelle Wesen sind, die sich davon machen, sobald ihnen der Sinn danach steht. Noch nicht einmal die Eitelkeit der Menschen garantiert ein ewiges Auskommen, und so einem Vogel ist es egal, wo er sich mit Weintrauben vollstopfen kann. Ausserdem kommt irgendwann bei vielen auch der Wunsch nach einem Nest auf, und damit ändern sich dann auch die Zielsetzungen im Leben. Nicht umsonst suchen Zalando und all die anderen Firmen ständig nach neuen Kunden – es gibt halt im Leben der Jungend solche Sammelbild-, Tokio-Hotel-, Junkfood-, Dagibee-, Facebook- und Zalandophasen, in denen ein neues Smartphone jedes Jahr wichtig ist.

Nun ist es natürlich seit jeher klug, in den unermesslichen Rohstoff der menschlichen Dummheit zu investieren, aber in diesem speziellen Fall ist es auch eine Wette auf den Fortbestand eines ganz bestimmten Rollenbildes und Verhaltens, das in der aktuellen Arbeitswelt mit Nebenwirkungen wie Burnout, Frustration und Vereinsamung daher kommt – Zalando ist da auch nur so eine Art an ich selbst geschickter Blumenstrauss zum Valentinstag. Justament gestern wurde von der CSU-Politikerin Gerda Hasselfeldt auch noch angedeutet, dass der Weg nach oben über die Quote verschoben werden könnte, und nachdem die einzige relevante Frauenquote für Frau Merkel in ihrem eigenen Kanzlerinnenbüro zu finden ist, würde ich das nur begrenzt als ein Signal für mehr Kauffreude bei aufstiegsorientierten Frauen auslegen. Und das wiederum ist auch nicht gut für Zalando, deren Investoren leer ausgehen, wenn Frauen nur noch vor Wut und Enttäuschung schreien.

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Die ökonomische Ironie an der ganzen Geschichte ist, dass wir auf der einen Seite selbst verdienende Frauen haben, die ihr Geld in den wirtschaftlich guten Zeiten zu sehr in Kleidung stecken. Und auf der anderen Seite eine ganze Menge von Leuten, mehrheitlich vermutlich Männer, die ihr durch den Leistungsdruck der Gesellschaft verdientes Geld in solche Aktion stecken, weil sie davon ausgehen, dass Frauen das unbegrenzt weiter tun und entsprechend schuften werden. Eine klassischen „Killing the middle man“-Strategie der Betroffenen wäre es, wenn diese Männer den Frauen einfach die Kleider kaufen und den Druck reduzieren würden. Das mag in den Ohren mancher sich für modern haltenden Frau etwas altpaternalistisch und machohaft klingen, ist aber immer noch, zumindest in Siena, romantischer und schöner als ein Zalandopaket, oder das Gefühl, sein Geld den Samwers und deren Banken in den Rachen geworfen zu haben, und es eventuell nie mehr wieder zu sehen.

Aber ich sitze auch nur auf dem Balkon eines Palazzo, esse Trauben und verstehe natürlich nichts von der Wirtschaft, die angeblich jedem gibt, was er braucht, und alle so glücklich macht, wie es eben möglich ist.