Gestern zeigte mir Spiegel Online zum Abschied, ganz unten, als Bild des Tages, einen Basejumper aus Kuala Lumpur. Als wäre nichts geschehen, liegt da scheinbar entspannt ein Mann in der Luft über all den Hochhäusern, und an seiner Stirn hat er eine GoPro-Kamera, die den Fall aufnehmen wird. Und natürlich ist die Presse dabei: Basejumping ist wegen der grossen Gefahr für die Springer zwar eigentlich verboten, aber es liefert spektakuläre Bilder, und deshalb verfügt diese Szene über Sponsoren, sorgsam geplante Medienaktionen und dankbare Abnehmer wie Spiegel Online, die dazu beitragen, dass diese Springer so eine Art Sprayer2.0 der urbanen Kultur sind. Und natürlich muss man bei solchen Bildern ganz nah dran sein. Ob sich der Fallschirm letztlich öffnet, ob der Jumper sicher landet oder von den unberechenbaren Winden gegen einen Wolkenkratzer gedrückt wird, sieht man natürlich nicht. Hauptsache, die Leute klicken.

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In diesem Beitrag geht es aber um Sebastian Haag und Andrea Zambaldi, die letzte Woche im Himalaya ums Leben kamen. Sie wurden 100 Meter unter dem Gipfel des 8013 Meter hohen Shisha Pangma von einer Lawine erfasst und verschüttet. Einer ihrer Kollegen konnte sich zum Glück selbst aus den Schneemassen retten. Die – dafür gibt es in den Medien ein eigenes, klickträchtiges Wort – Extrembergsteiger waren auf dem Weg zu einem anderen klickträchtigen Wort; ihr Ziel war ein Weltrekord und der Versuch, zwei Achttausender direkt hintereinander zu besteigen und die Strecke dazwischen mit dem Rad zu fahren. Achttausender ist übrigens auch so ein heisses Wort, denn in der Klickwährung des Internets muss es immer das Höchste sein. Siebentausender sind uninteressant. Ein Achttausender ist gut, aber zwei sind natürlich besser, wenn dabei Extrembergsteiger einen Weltrekord aufstellen.

Exklusiver Medienpartner war Spiegel Online. Für die Expedition war das vermutlich ein Volltreffer, denn solche Touren mussen gegenfinanziert werden, und dabei spielt die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit im Alpinismus seit jeher eine grosse Rolle. Spiegel Online liess sich nicht lumpen, brachte die Geschichte ganz gross in Vorberichten, stilisierte die Bergsteiger zu Helden, und zeigte sie angereichert mit allen Möglichkeiten, die das Netz so bietet. Das ist im Alpinismus nicht neu: Die übelsten Auswüchse gab es während des Nationalsozialismus an der Eiger-Nordwand und am Nanga Parbat in Tibet, dem sog. Schicksalsberg der Deutschen. Schicksalsberg ist vermutlich auch so ein Wort gewesen, das sich prima auf den Extrablättern machte; allerdings waren die Nachrichten aus der Schweiz und aus Kaschmir nicht schön, und das Publikum erfuhr recht schnell, dass die vorher sorgsam aufgebauten Berghelden das Wagnis nicht überlebt hatten. Das war eine andere Zeit, da galt der Heldentod propagandistisch noch etwas. Heute schreibt man ein zerknirschtes „In eigener Sache“ und bringt einen Tag später einen KLICKDASANDUSAU-Basejumper.

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Das sagt einiges über die Lernfähigkeit von derartigen Onlinemedien. SPON beharrt darauf, dass sie nur Medienpartner waren und mit den Entscheidungen für den letztlich verhängnisvollen Aufstieg nichts zu tun hatten, und dass die Verstorbenen Profis waren, die nach idealer Vorbereitung genau wussten, was sie taten. Was SPON unerwähnt lässt, ist der Umstand, dass die gängigen Achttausender nicht umsonst als Todeszone gelten und kein Fun Park für lustige Actionvideos sind, und auch mit den heutigen Möglichkeiten nicht berechenbare Risiken darstellen. Eine Todesmeldung ist das Übelste, was man bringen kann, aber ein normaler Abbruch des Versuchs, weil das Wetter zu schlecht und das Risiko zu hoch war, wäre im Hinblick auf die Klicks auch nicht perfekt gewesen. „Weltrekordabfahrt – erleben Sie exklusiv das Video“ hätte die Kunden in Scharen angezogen, es wäre die Kröung all der Daten gewesen, mit denen das Medium unterhalten wollte. Darauf arbeiteten man in Hamburg und im Himalaya hin. Auch nicht anders als bei „Wetten dass“, wo es der Sprung über das fahrende Auto sein musste.

Nun muss man beim Thema Schuld sehr vorsichtig sein, zumal, wenn man als Journalist selbst seine Tage nicht im Redakteurssessel beenden will. Der Autor dieser Zeilen hat sich mit fast schon unfairen Mitteln darum gerissen, in die Zona Rossa des Erdbebens in Oberitalien zu reisen, und stand einmal vor einer halb eingestürzten Kirchenfront, als ein paar Kilometer direkt unter ihm die Erdplatten brachen. Das war in einem lieblichen Ort nahe dem einstmals schönen Concordia sulla Secchia, und auch ich wusste, was ich tat und hatte da schon viel Erfahrung, mit der ich sehr schnell gerannt bin. Ich schreibe hier über Abfahrten von hohen Alpenpässen, bei denen besser keine Speiche brechen und kein Schlauch platzen sollte. Aber das sind auch die Gründe, warum ein wenig Distanz besser ist. Wenn ich allein 15 Kilometer ins Tal rase, kann ich mir bei jeder Kurve sagen: Langsam. Der Berg kennt keine Gnade. Du musst gesund ankommen. Das geht, ich gebe es zu, mit nicht ganz ehrlichen Bildern, denn bei der Abfahrt sorgen allein lange Belichtungszeiten und extreme Weitwinkel dafür, dass der Eindruck der Geschwindigkeit entsteht. Ich photographiere bei Tempo 20, und nicht mit 90 Sachen Wenn aber eine GoPro am Helm ist, fährt immer der Gedanke mit, ob das denn nun auch schnell genug aussieht. Das fängt bei den Amateuren an, die vom Material im Netz angeregt werden, und das setzt natürlich auch die Medien unter Druck, noch härteres Material zu liefern. Und natürlich auch ihre Partner, die keine Journalisten mehr sind, sondern professionelle Datenlieferanten. Daten, die möglichst oft zum Klicken animieren sollen.

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Für das Klicken sollte man eine direkte Beziehung zum Helden haben, Nähe, Intimität, Wiedererkennung, aber auch Leistung, Extreme und Besonderheiten. SPON ist bekannt dafür, alles zu übergeigen, Reisen müssen wie gestern „irrwitzig“ sein, und jede Banalität wird mit Anspielungen auf Bekanntes und Popkulturelles aufgeladen. Wenn ich so hektisch und sensationsgei den Jaufenpass runterfahren würde, wie SPON seine Seite befüllt, würde ich nicht lange leben. Aber dass so ein Medium dann auf eine Expedition einsteigt, in der Speedkletterer über Gletscher mit Ski abfahren und sich dauernd per Satellitentelephon – auch darunter geht es nicht – melden, ist kein Zufall. Haag und seine Leute wussten nicht nur um die Risiken, sie wussten auch, warum sie damit zu Spiegel Online wollten. In Hamburg sah man die grosse Geschichte und die Möglichkeit, das als Event umzusetzen. Kommen Sie morgen wieder und checken Sie den Aufstieg, würzen Sie ihren faden Büroalltag mit einem Blick auf den Himalaya, seien Sie hautnah dabei – heute beim Bergsteiger und morgen gibt es hoffentlich wieder neue private Nacktbilder von irgendwelchen Stars, und dazwischen noch einen Base Jumper unter der Frage, wie man beruflich das Maximum, das MAXIMUN herausholt. Bis dann der Mega-Burnout droht.

An einer Lawine ist niemand schuld – das ist Schicksal wie ein Speichenriss, eine Flut oder ein Erbeben. Es sterben die Sportler und die Journalisten, und jede Woche in meinen Bergen irgendwelche Idioten, die denken, das sei ein Spielplatz für Erwachsene und kein Problem, weil ihre Klamotten Peak Performance heissen. Man vermittelt gerade in Onlinemedien den Eindruck, das sei alles machbar, Red Bull macht es vor und SPON zieht nach, und Youtube ist voll mit den GoPro-Videos derer, die auch mal 15 Minuten Stars sein wollen. Für jeden hirnverbrannten 70-jährigen Sprayer, dessen Tod auf Hamburgs Schienen zum Medienevent wird, klettern 100 andere Deppen auf Gleisanlagen, weil Medien die Sensation wollen, und keinesfalls, dass wir mal darüber nachdenken, was zum Teufel wir da eigentlich tun. Und wenn doch das Unvermeidliche passiert? Zwei tote, gerade erst aufgebaute Helden im Himalaya? Oh guckt mal, ein Base Jumper in Kuala Lumpur!

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Man kann auch mit Print übel daneben liegen – die dunkle Seite des Alpinismus ist von Anfang an durch Medien und ihren Erwartungsdruck geprägt, wie auch die frühe Geschichte des Autos, des Flugzeugs und anderer mit vielen Toten erkauften Errungenschaften. Im Print jedoch hatte man zumindest noch einen Tag, um nachzudenken, was tote Kinder an einer Rennstrecke bedeuten. Man konnte einen Tag bis zum nächsten Druck überlegen, was da gerade passiert. Mit all den Echtzeitmöglichkeiten der Daten kann man die Betrachter in einen Stream einbinden, und wenn der Stream aus dem Himalaya weg ist, bringt man schnell einen anderen. Man könnte wirklich schöne, ruhige Geschichten über das Paddeln im Altmühltal machen, aber das ist nicht die Sensation, von der das Geschäft lebt, selbst wenn andere dabei sterben.

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