Wenn ein Mann will, dass eine Frau ihm zuhört, muss er nur mit einer anderen reden.
Liza Minelli

Zuerst nehmen sie ein Bild aus dem Netz – eines selbst schiessen, wäre ihnen zu viel Arbeit.

Und darunter führen sie in ihren Klagetexten aus, dass in unserer männlich dominierten Gesellschaft den Frauen Körperideale und Identitäten aufgezwungen werden. Rollenklischees, die weite Teile der weiblichen Bevölkerung dazu verdammen, nicht allen Männern so mufflig und gepflegt wie eine Berliner Jungliteratin zu begegnen, sondern auf das Aussehen und die Figur zu achten. In den Firmen stossen sie dann mit ihren Ellenbogen trotzdem gegen gläserne Decken, aber statt das Buch einer Expiratin zu kaufen, kuschen sie lieber, geben sich frustriert mit schlechter bezahlten Berufen ab und konzentrieren sich später allein darauf, dem einmal geangelten Mann und Hauptversorger alle Wünsche von den Augen abzulesen, besonders natürlich, was die äussere Erscheinung angeht, in die alles Bemühen gesteckt wird. So, wie das in den von Männern dominieren Frauenzeitschriften steht. Und damit hat das Patriarchat gewonnen, und mittelalte weisse Männer wie ich liegen dann faul auf dem Sofa, verhöhnen den Aufschrei und die Quote, stopfen etwas in sich hinein und betrachten andere Frauen als Sexobjekt, und das sieht in der Vorstellung der Feministinnen in etwa so aus:

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Und ja, das ist tatsächlich meine Bibliothek. Wobei, das mit dem Sexismus stimmt natürlich nicht. Kein grösserer Feminist als ich ward je geboren. Ich backe mir meinen Zwetschgendatschi natürlich selbst, ich räume selbst auf und habe im Gegensatz zu anderInnen keine schwarzarbeitende Ukrainerin, die ich dafür ausbeuten könnte. Mit den Frauenkörpern halte ich es wie einst Don Giovanni, vuol d’inverno la grassotta, vuol d’estate la magrotta, und in meiner Gemäldegalerie liebe ich die nervöse Baroness nicht weniger als die freche Obstverkäuferin. Ich weiss also gar nicht, was die haben, ich bin er grösste Feminist, den man sich eigentlich vorstellen kann, absolut unterdrückungsfrei, und diese Sache mit den Körperidealen, die wir angeblich den Frauen einreden, um davon zu profitieren, dazu möchte ich, um diese Lüge zu widerlegen, eine kleine Geschichte von Schmutz und Fett erzählen. Ich war nämlich letzte Woche am Tegernsee. Erst am Ufer und dann hoch darüber.

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Denn letzte Woche hat auch in Bayern die Schule wieder begonnen. Als Tegernseeanwohner ist das eine Erlösung, endlich sind die Familien mit den quengelnden Drecksbratz der Zukunft unseres Landes wieder in München, wo sie hingehören, machen ihr Bayerisches Abitur oder wenigstens Vorschulmandarin, und unsereins kann sich unbeschwert in der Heimat erholen und sommerfrischen. Was könnte es hier, ausser Zwetschgendatschi und das Betrachten der Kühe, Schöneres geben, als im vom Licht des Spätsommers durchflueteten Bergwald sich hinaufzuschrauben in luftige Höhen, den Leib zu erheben ins grenzenlose Blau des Himmels und Lunge und Seele mit klarer Bergluft zu heilen. Niederkommend wurden wir auf diese Erde geworfen, aber nach oben strebt unser Geist, und weil wir noch nicht in jenem Hacklstecka-Alter sind, das uns faltig als Wanderer die Berge hochschnaufen liesse, vollbringen wir das Werk auf einem früher immens teuren Cannondale Bergrad, das sagen soll: Wir – haben schon solide und nachhaltig gekauft.

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Wir haben uns solide und nachhaltig damals für Kinder entschieden und die sind jetzt in der Schule und im Kindergarten mit frühkindlicher Kreativschulung gut aufgeräumt, denken sich dagegen andere und rufen sich zusammen, während ich mich in der Küche auf die Suche nach dem anderen Blech Datschi mache. Wir könnten uns doch in Gasse treffen und wie damals im Studium schnell da hinauf zum Gasthof, sagen sie sich und schon sitzen sie in ihren Mini Coopers, nachdem der Nachwuchs abgeliefert ist. Um halb neun können sie hier sein, um halb zehn sind sie schon oben, nehmen ein Mineralwasser und vielleicht ein kleines Stück frischen Strudel – zu dritt und ohne Sahne – reden ein wenig über die Kinder und gehen dann beschwingt wieder den Berg hinunter. Sie sind recht hoch gewachsen, oft blond, sie sehen, das muss ich zugeben, nicht schlecht aus und von den Belastungen des Aufstiegs sieht man nichts, wenn sie einem in der Kurve des Todes federnd entgegen eilen. Die Kurve des Todes sieht, von oben kommend, so aus:

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Es ist eine 180°-Kehre, und sie ist das steilste, gerade noch befahrbare Stück der ganzen Strecke. Ich habe Jahre gebraucht, bis ich genau diese Kurve durchfahren konnte. Dauernd droht der Hinterreifen wegzurutschen, dauernd droht das Lüngerl zu platzen, denn schon davor ist es steil – aber die Kurve ist so hart, dass einem die folgenden 14% wie ein Urlaub auf den Malediven erscheinen. Man sollte nun denken, dass es das einzige Begehr eines Mannes sein, an dieser Stelle zu überleben. Schweiss, Dreck, die ganze äussere Erscheinung sollte einem egal sein, das Leben sollte verdichtet werden auf den Moment, da der Sieg errungen ist. Hier darf der Mann klingen wie ein Stier, hier darf er seine Muskeln anspannen und wenn dann in der Körpermitte sich etwas, voll mit Datschi, nach unten wölbt, ist das, siehe Symbolbild, vollkommen egal.

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Natürlich sind die drei schlanken, blonden, Ausgang habenden und sich auf dem Abstieg befindlichen Outdoormütter auch in der Kurve, schön wie Gott sie schuf, gelassen und freundlich genug, einen mit einem erfreuten „Servus“ zu begrüssen. Jetzt schieben Sie, liebe Leser, Ihren Stuhl ganz weit zurück. Lehnen Sie sich nach vorn, den Oberkörper so flach, so dass ihr Bauch über den Beinen eingezwickt ist. Legen Sie die Hände nach vorne auf den Tisch, um in eine Position wie ein Radler zu kommen. Heben Sie den Kopf, stellen Sie sich drei sehr schöne Menschen vom Kaliber Lauren Bacall oder Marcello Mastroiani vor und den Zwetschgendatschi im Bauch, von dem sie fünf oder sechs Stücke gegessen haben. Deshalb ziehen Sie jetzt panisch Ihren Bauch so weit wie möglich ein. Fertig? Und jetzt versuchen Sie, diese schönen Menschen in dieser Haltung gelassen und formvollendet klingend anzusprechen. Und zwar ohne dass der Bauch gleich wieder herauskracht und unförmig wirkt. Sie werden feststellen: Das ist physisch nur dann kein Ding der Unmöglichkeit, wenn Sie keinerlei Bauch haben. Und selbst dann klingt es überhaupt nicht wie jemand, der auch nur ansatzweise sexuell von Interesse wäre. Mehr wie ein gerade geschlachtetes Schwein. Rechnen Sie noch 250 Höhenmeter Aufstieg in der warmen Luft dazu, eine gerade noch fahrbare Stelle, hektische Kurbelei, viel Schweiss, und einen Puls von 200. Dann haben Sie in etwa meine Lage an diesem Berghang, angesichts von drei Frauen, die nie schöner als im milden Spätsommerlicht sind. „Seoahaha ch vahaaas!“

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Das Schlimme ist: Die schönsten Frauen sind immer an den steilsten Stellen, und sie kommen immer federnd bergab. Das Schlimmste jedoch ist mein Verhalten, denn wenn da irgendwelche alten Herrschaften den Weges kommen, ist es mir vollkommen egal, wie ich aussehe, oder was die denken mögen. Ich mein, ich weiss rational, wie unendlich sinnlos es ist, in so einer Lage noch den Bauch einzuziehen und meine Qualen zu vergrössern. Ich weiss sogar, dass sie mich nicht kennen, nicht kennenlernen werden, ausser mich trifft dann genau hier der Schlag, ich weiss, dass sie vergeben sind und eigentlich finde ich Mütter ganz schrecklich und mache einen riesigen Bogen um sie, solange ich gut angezogen in der Ebene bin. Aber hier in der Kurve des Todes, angetan mit engem Lycra, das mehr zeigt, als es verbirgt, mich nach oben kämpfend und eigentlich mannhaft wie ein Stier – verfalle ich in ein Verhalten, als würde ich nur Gala lesen, Wellnesswochen schätzen und Brigittediäten machen. Ich mache das instinktiv. Ich kann nicht anders. Ich bin hier vollkommen reduziert auf meinen Körper, und es ist mir überhaupt nicht egal, wie ich wirke. Selbst wenn sie drei Schritte weiter schon wieder darüber reden, ob die Kita wirklich teuer genug ist und warum die keinen Ausflug nach Paris machen.

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Zu diesem irrationalen, nachgerade idiotischen Verhalten bringt mich keine Zeitschrift, kein Genderblog und keine Rape Culture, das ist wohl einfach so in uns drin, weil der Instinkt uns geschlechtsneutral sagt, dass wir gut wirken sollten, wenn wir gut ankommen wollen. Und zwar stets so, wie es in die Situation passt, selbst wenn wir dabei draufgehen. Wir heben hervor, was wir haben, und wenn ich da am Berg bin und nicht von meinen Kochkünsten und Besitztümern erzählen kann, versuche ich wenigstens knackig zu wirken, egal wie unendlich sinnlos das ist. Ich lehne Körperideale bewusst ab, ich verweise lachend auf die Kunst vergangener Epochen, die manchmal Fett mag und manchmal Knochen – genau bis zu dem Moment, an dem mein Instinkt meine Intelligenz auf dem Niveau eines Stieres, eines Auerhahns oder einer ordinären Luftratte absenkt. Dann mache ich, wie alle, dummes Zeug.

Heute in einer Woche etwa bin ich wieder in Gaiole in Chianti und hole mir eine Startnummer für die l’Eroica ab, um auf einem Woodrup Rennrad von 1968 über 135 Kilometer Schotterpisten zu röcheln. Dagegen ist, an der Klugheit gemessen, jedes Schminkvideo einer Teenagerin fast ein Vortrag von Adorno. Und es hat nichts mit Sexismus zu tun. Wir sind, wie wir sind, und ich tröste mich damit, dass ich wenigstens keine Berliner Jungautorin bin.