Regierungen sind Segel, das Volk ist Wind, der Staat ist Schiff, die Zeit ist See.
Ludwig Börne

Im schönen Brixen in Südtirol hat man liebevoll ein bayerisches Wappen restauriert. 1805 wurde es an das stattliche Haus neben dem Dom gepinselt und heute erinnert es daran, dass das Königreich Bayern eine Weile die Herrschaft über Tirol und Südtirol inne hatte. Mehr oder weniger oder auch gar nicht, als nämlich die Tiroler einen Volksaufstand machten und die aufgeklärten Bayern mitsamt ihrem modernen Teufelszeug der Pockenimpfung aus dem Land warfen. Für die Südtiroler ist dieser teilweise katholisch dominierte Jihad heute ihr legendärer Freiheitskampf, und zum Hohne der Besatzer sieht man heute noch das Wappen, mit dem sich Bayern etwas unterordnen wollte, was nicht unterjocht werden möchte.

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Aber was soll ich sagen? 25 Jahre ist es jetzt her, da besetzten die Ostdeutschen die Bundesrepublik durch einen Selbstanschluss und ich kann mich nicht erinnern, dass mich jemand mehr als so einen Tiroler des Jahres 1805 gefragt hätte. Wobei, ganz stimmt es nicht, ich war damals im Fernsehen und sollte als Stimme der damaligen Jugend meine Freude über die Neuerstehung des Nationalstaates ausdrücken; ein Wunsch, dem ich nur sehr begrenzt nachkam. Zurecht, denn heute erreichen die AfD-Honks dort drüben mit Ressentiments und nationalistischen Parolen über 10%, und vor diesem Hintergrund sollte man eben auch mal den Seperatismus betrachten, der in dieser Woche möglicherweise das vereinigte Königreich auf der britischen Insel enteinen wird: Es kann nicht sein, dass wir immer nur Länder und Strukturen zusammen bringen, dafür einen AfD-Honk-Einlauf bekommen, und auf der anderen Seite die Spaltung verteufeln.

Denn wenn man einmal das 19. Jahrhundert mit seinen übel endenden nationalistischen Strömungen beiseite lässt – man denke nur an 1914 – muss man sehen, dass die Trennung von Ländern seit dem Untergang des weströmischen Reiches eine keinesfalls für alle Betroffenen schlechte Sache ist. Namentlich der einseitige Untergang Westroms, seiner Zeit so eine Art maroder Reichshauptslum Antik-Berlin an der Tiber, erlaubte dem oströmisch-byzantinischen Reich, sich auf einen leichter kontrollierbaren Kulturraum zu beschränken und denselben weitere 1000 Jahre zu prägen. Das hatte man schlau gemacht, das Reich in diverse Zonen aufgeteilt und wenn sich einer mehr so wie Mecklenburg oder Sachsen entwickelte, hatte man damit woanders kein grösseres Problem, wenn derjenige auf eigene Rechnung unterging. Reichsteilungen, das lernen wir aus der Geschichte, können gut funktionieren. Wie auf der Gegenseite das römische Imperium, das Reich der Karolinger, die Doppelmonarchie Österreich-Ungarn, der Ostblock und das britische Empire alle die gleiche Frage nicht beantworten konnten: Wie können komplexe, zentralistische Strukturen die von ihnen beim Wachstum mit einverleibten Widersprüche und Interessen überleben?

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Die historische Antwort lautet, wie man auch heute in der autonomen Region Südtirol sieht, unbefriedigenderweise „langfristig überhaupt nicht“. Zumindest nicht, wenn man diese Einheit nicht dauerhaft mit Gewalt, Unterdrückung oder wenigstens Korruption der Eliten bewahren kann. Das britische Empire hat es in Bezug auf Schottland über die Jahrhunderte hinweg mit allen Methoden versucht, und im Jahre 1707 tatsächlich die Union erreicht – indem man zuerst tatenlos den Absturz in eine Staatspleite durch eine Art Anlagebetrug begleitete und danach den Geschädigten, zumeist Reichen und politischen Entscheidern, zusagte, ihre Verluste zu übernehmen. So kann man das machen, aber so fühlen sich viele übergangen, flüchten sich in einen Nationalstolz und der bricht sich irgendwann seine Bahn.

Als Kinder und Bürger einer Nation, der seit 200 Jahren die Spaltung als ein Übel beigebracht wird, sind wir natürlich konditioniert, solche Bestrebungen abzulehnen. Bürgerliche Revolution, Zollunion, kleindeutsche Lösung, Reichsgründung, Wiedervereinigung, das alles ist weitgehend positiv belegt und wenn ich einmal ausrechnen würde, wie viel Spass und Vermögen meinen Clan der Hunnentribut des Soli gekostet hat, dann gäbe es vermutlich einen Aufschrei, dass man das so nicht rechnen könnte und man doch auch den Aufbau von Strukturen im Osten vom MDR über Cargolifter bis zum Thüringer HeimatVerfassungsschutz sehen muss. Aber vom kargen Restvermögen bin ich Historiker geworden, und man kann beileibe nicht sagen, dass jede Einigung sinnvoll ist: Denn auf der einen Seite sehen wir es als richtig an, bei uns selbst religiös verfeindete Stämme in ein Land zu zwängen, die in Folge Öttingerischer Sprachverwirrung kaum miteinander kommunizieren können, und auf der anderen Seite beklagen wir, dass bei der Grenzziehung in Afrika nur selten daran gedacht wurde, die Einheit der Stämme zu berücksichtigen. Und das, wo wir doch selbst sehen, dass auch bei uns viele Primitive sogar noch an Wunderheiler wie die AfD glauben.

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Und ein wenig wie der Wunderheilerglaube ist auch der Glaube an die sinnstiftende staatliche Einheit. All die hochgelobten Konzerne, die sich dem Druck der Märkte stellen, haben überhaupt kein Problem damit, Firmenteile abzuspalten oder sich in verschiedene Geschäftsbereiche zu teilen – mitunter, wenn es um Banken geht, wird das sogar von den staatstragenden Politikern gefordert. Trennung gehört heute mit dazu, es werden die Ehen schneller geschieden und die Familien brechen auf, und wer im Internet eines besseren Preis findet, verlässt den Fachhandel ohne Bedauern: Es sollte niemand verwundern, wenn die nachlassende Bindung an althergebrachte und wenig sinnstiftende Strukturen auch auf angeblich 2big2fail-Staaten mit ihren im Jammer einigenden Finanzämtern und Zwangssendern durchschlägt. Fast mutet es wie eine bittere Ironie an, wenn als Alternative zu diesen abstrakten Gebilden mit Nationalhymne und Regierungsviertel sogar schottische Küche, Tiroler Märsche, fränkische Mundart, Berliner Verunreinigung und bayerische Oktoberfeste dem Volke als begehrenswert erscheinen. Aber so gefühlsduselig war das auch schon bei der Vereinigung von Schottland und England, und man reagierte 1707 auf solche Sentimentalitäten mit Geheimpolizei und Ausrufung des Kriegsrechts – das geht heute nicht mehr so einfach.

Insofern würden weise Politiker in unseren Demokratien vielleicht besser fahren, wenn sie solche Entwicklungen nicht nur akzeptierten, sondern auch nutzten, um das jeweils Beste für die Reststaaten heraus zu holen. Es muss ja nicht immer so schlimm wie der Zerfall Jugoslawiens sein. Wir können offen darüber reden: So ein Pufferthüringen zu den Russen zum Beispiel würde nicht jeder Bewohner des Tegernsees ablehnen. Und wenn man in Kreuzberg wirklich alle Flüchtlinge Häuser besetzen lassen will, zwengs der linksextremen Traditionspflege, und legal Drogen verkaufen möchte, dann wäre eine Entlassung in die Unabhängigkeit der Nation „Deutsch-Sündenbabel“ oder „Macao Sibiriens“, auf eigene Kosten natürlich, auch nicht schlecht.

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Das Land ist dennoch kein Schwein, das geschlachtet und geteilt wird – man könnte das alles doch einfach mal ausprobieren. Wenn es nicht geht, wenn die Verluste die Gewinne überragen, kann man es mit Kostenabwälzung auf die Verursacher auch wieder rückgängig machen. Historisch gesehen renkt sich das alles wieder ein und wo es das nicht tut – etwa die Abspaltung der unserer
österreichischen Untertanen von den Bayern im 10. Jahrhundert – muss man auch sagen, dass es nicht wirklich schade darum ist. Der Zerfall gehört, historisch betrachtet, zur Einigung dazu, die Schotten gehen keine neuen Wege und wenn darüber auch die EU zerbrechen sollte, dann ist es eben so. Es gibt davor eine Oberschicht und danach auch, und wenn es der Unterschicht in einem neuen Land besser gefällt, sollte man ihr diese kindische Narretei bis zur nächsten Mieterhöhung auch lassen.

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