Good Company

Araber, Afrikaner und Südamerikaner, Afghanen und Russen, Sunniten und Schiiten und alle möglichen Stämme: Sie mussten sich früher mit dem Morden beeilen. Denn es gab weder Internet noch Dauerfernsehen, es gab in Deutschland (West) drei Programme und darin für die Bildungsbürger einmal in der Woche das Auslandsjournal. Da hatten die Irren der Welt dann eine Dreiviertel Stunde Zeit, die Ziele und Interessen ihrer absurden Konflikte vorzustellen, sofern es nicht auch um Hungersnöte, Putschisten und Kulturarbeit auf Madagaskar ging. Und weil es immer eine Woche bis zum nächsten Journal dauerte, wurden die Ereignisse auch ordentlich zusammen gefasst. Man hatte einen Überblick, in etwa so, wie man im Neuburger Schloss einen Überblick über die Donaulandschaft hat.

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Hübsch ist es hier, man sollte das Renaissanceschloss und seine vorzüglichen Sammlungen unbedingt besuchen, und zwar idealerweise dann, wenn hier auch Konzerte gegeben werden; im Oktober etwa die diversen Barockkonzerte. Man sieht dabei die Inneneinrichtung der Rokokobibliothek und in der Hofkirche ganz erstaunliche Reliquien, und keinen einzigen Lastwagenkonvoi des Herrn Putin, der sich zusammen mit Armeetransportern und aufgeregten Journalisten seinen Weg in eine umkämpfte Ukraine bahnt, über der – es ist inzwischen so still geworden – noch vor kurzem eine Passagiermaschine abgeschossen und deren Insassen ermordet wurden. Wurde es still, weil es jemand so wollte, weil die Ergebnisse der Untersuchung Probleme mit sich bringen, oder weil so viel anderes geschah – nun, man weiss es nicht.

Hier geschieht ein gemsichtes Programm mit Vivaldi, Rossini, Tschaikowsky und Friedrich II, der besser bei der Komposition von Traversflötenkonzerten hätte bleiben sollen, aufgeführt vom Kammerorchester Köln. Der Rittersaal entstand in der Renaissance und zeigt reichlich unkeusche Malereien, draussen jedoch ist eine spiegelnde Metallwand, und achtsam kontrolliert darin die zweite Geige den Sitz des bodenlangen, schwarzen Kleides, schwarz wie die Farbe des islamischen Kalifates, aber dafür kann das Kleid nichts, und es steht ihr gut. Es ist eine sehr hübsche zweite Geige. So eine zweite Geige gäbe es im Kalifat nicht. Und ich dürfte mein Auge auch nicht mit Wohlgefallen und Sorglosigkeit darauf ruhen lassen, wenn dieses Kalifat an die Donau käme, ganz gleich, ob mit geschmacklosen Pickups oder durch das TV-Gerät, das im Moment irritierend voll damit ist.

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Manche wundern sich ja, wie ich ohne TV-Gerät auskomme. Ich gehöre zur steigenden Zahl derer, die so etwas nicht besitzen und auch nicht haben möchten, und nach fast 30 Jahren ohne Glotze stehe ich nun hier und sehe, wie die zweite Geige erst an ihren Haaren und dann an den Saite zupft, und möchte, während Vivaldi erklingt, eher zurückfragen: Wie kommt man damit aus? Es ist Sommer. Ich sitze in einem Renaissancesaal, werde mitgerissen von Kontrapunkt und Solo, die Hitze der Lagune flimmert in den Tönen und wie viele Tonnen Bomben die Israelis auf Gaza abgeworfen haben, und wie tief die Tunnel der Palästinenser sind, und was die Amerikaner dazu sagen – das möchte ich jetzt nicht wissen. Aber man will es mir sagen. Denn wo immer man sich gerade umbringt, und zwar am besten so schaurig mit so vielen Unschuldigen wie möglich, kommt man in die Medien.

Und Sendeplatz ist genug da. Nicht zwingend im Unterschichten-TV, in dem manche sich über die künstlich erschaffenen Probleme seltsamer Zeitgenossen erfreuen, aber in den Programmen, die sich ernsthaft mit der Weltlage auseinander setzen. Dass die Kammermusik von Rossini, die er im Alter von 16 Jahren schuf, schon das spätere Genie der kraftvollen Stretta aus der „Italienerin in Algier“ ahnen lässt, ist keine Nachricht, aber schön. Eine Nachricht sind Bombenflugzeuge über Tripolis, deren Herkunft keiner kennt, und die komplizierten Kriege der diversen Milizen. Eine Lösung weiss ich auch nicht, aber eine Strategie im Umgang damit hätte ich: Ausschalten, die Kiste. Und nicht mehr einschalten.

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Mich würde interessieren, wie man so eine Traversflöte richtig hält, und warum Bassisten so oft die Figur ihrer Instrumente annehmen. Ich würde mir durchaus eine Reportage anschauen, die derartige Ensembles bei ihren Reisen zwischen Schlössern und Theatern begleitet, oder auch über den Umstand, dass in den letzten 30 Jahren das Schuhwerk in den Konzerthäusern der Republik so viel besser wurde, während einen das TV-Gerät nur noch laut und wenig überlegt anpöbelt – das war früher anders. Es ist ja nicht vorbei, wenn der eine Araber den anderen umgebracht und der eine Osteuropäer dem anderen ein Stück Land genommen hat. Das war es nie: Danach – hier wird als Zugabe „Tempesta di Mare“ gegeben – geht es mit dem Elend an den Empfangsgeräten munter weiter, denn diesmal, so entnehme ich dann später der Presse, wird beim Tatort im Gefängnis gemordet.

Möglicherweise kennt die Leserschaft aus dem Internet dieses Zeichen: o_O . Das steht für „Nicht Ihr Ernst“. Oder auch „Das ist jenseits meiner Vorstellungswelt“. Mir ist zwar vollkommen bewusst, dass in unserer Massengesellschaft all die Rittersäle dieser Nation nicht ausreichen würden, um auch nur die Zuschauer von Tele5 aufzunehmen. Und mir ist ebenso verständlich, dass die Freude an klassischer Musik im Beisammensein mit konzentrierten Hörern nicht das Gaudium der Mehrheit ist. Im Gegensatz zum Stream von PrOn ist es auch nicht umsonst, und allein die Vorbereitung dauert mit Umziehen, Anfahrt und Warten (in einem sehr schönen Schlosshof mit Grotte) anderthalb Stunden. Aber diese Welt da draussen ist gerade ziemlich hässlich, die Ordnung nach dem Kalten Krieg geht den Bach runter, und dazu bringt die Glotze: Erst ernsthafte Tote auf diversen Kontinenten und dann Tote als Unterhaltung, zusammen mit schwierigen sozialen Umfeldern. Deshalb o_O. Warum haben andere so eine Kiste?

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Zwei Stunden dauert das Konzert mit Pause, draussen geht die Sonne über den Hügeln des Jura unter, und dann brandet der letzte Applaus gegen die Holztäfelung des Raumes. Holztäfelungen erschaffen in diesen vergleichsweise kleinen Räumen eine ganz besondere, intime Akustik, einen intensiven Hall und ein sehr delikates Vibrieren – allein, das würde man mit voller Konzentration nicht drei Stunden durchhalten. Jedes Konzert hat einen Auftakt, eine Steigerung und zum Schluss ein dankbares Publikum, zumal in diesen Provinzstädten, die im Sommer kulturell ausgetrocknet sind. Und danach ist eben Schluss. Das ist wie früher beim Fernsehen, da waren die Sendungen auch irgendwann vorbei. Es gab einen Sendeschluss. Das TV-Gerät sagte seinen Nutzern: Das war’s. Mehr gibt es nicht. Geht ins Bett, lest ein Buch, kocht endlich (das wäre meine Version), und dann kam das Testbild. Und am nächsten Morgen die Zeitung. Mit dem grossen Lokalteil: „Verzückt bejubelte das Publikum im Rittersaal der Residenz…“

Heute geht das rund um die Uhr weiter, und man darf gar nicht daran denken, wie ein Remake von Casablanca mit ausufernden Gewaltszenen ergänzt oder Frühstück bei Tiffany pornös verschärft werden würde – schliesslich muss die Fiktion mit der Medienrealität mithalten, Rick müsste eine Hundertschaft SS niederballern und Holly Golightly hätte Affären mit einem Dutzend Gangstarappern. Und die Realität muss dann wieder nachziehen, sonst wird das langweilig, und wirkt nicht mehr. Ich bin, wie gesagt, vor gut 30 Jahren ausgestiegen, und wenn mir heute jemand sagen will, dass ich mir dieses oder jenes jetzt sofort anschauen muss – dann ist mein Mobiltelefon nicht nur ausgeschaltet, sondern weiterhin daheim, und wenn ich dort ankomme und die Manschettenknöpfe in die Silberschale lege, schalte ich es auch nicht mehr ein.

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Mir ist das alles zu viel, ich bin aus diesem System herausgefallen und merke, dass ich mit dem Bruch von Konventionen nicht allein bin. Andere machen das auch, nicht nur beim TV: Die Bundesrepublik etwa will in Form der Verteidigungsministerin Tabus brechen und Waffen in Bürgerkriegsregionen liefern – und erwähnt irgendwie nicht, dass man spätestens seit der Bronzezeit, also gut 4000 Jahren, bei der Einführung von Waffen auch immer Leute gebraucht hat, die anderen das mit dem Morden beibringen. Und dass Waffen nicht immer die besten Konfliktlösungsmittel sind, vorsichtig gesagt, könnte man sich auch im Neuburger Schloss anschauen: Das war ein Kulminationspunkt der Reformation, da gibt es einiges an Information zu unseren eigenen Religionskriegen, die fast so christlich wie das C im Namen der CDU gewesen sind.

Ich bin Klassikfreund und Kulturhistoriker. Ich möchte keine Kiste haben, in der eine kurz denkende und überforderte Frau behauptet, ein Haufen Waffen für Unfähige könnte Probleme lösen, und eine andere sagt, dass sie zwar einem kriegerischen Volk diese Waffen geben will, aber natürlich nicht dem Teil, der PKK heisst, was man vor Ort sicher sehr gut kontrollieren kann. Als ich noch Zugriff auf das Auslandsjournal hatte, sah man auch solche einmischungsfreudigen Mangelweisen, Breschnew in Afghanistan, Gaddafi im Tschad, Kubaner in Afrika und Chinesen in Tibet, und alle waren sie ganz weit weg. Das war das Schöne daran. Heute sitzen die Einmischer in Berlin, aber ich habe wenigstens kein TV-Gerät mehr, und dafür ein Abo beim Konzertverein.

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