Es ist das Natürlichste von der Welt: Kaum verbietet Berlin den Mitfahrdienst Uber, regen sich meine Berliner Freunde (und Feinde) auf. Bei Twitter hagelt es Proteste und die üblichen Anschuldigungen, die Verwaltung habe sich mit der „Taximafia“ verschworen und würde mit juristischen Tricks überkommene Strukturen retten. Sie sehen nicht die Probleme des Dienstes, sie denken nicht an Haftungsfragen, an Gewerbevorschriften und an die fehlende Sicherheit. Was sie sehen ist, dass mit dem Navigationsgerät jeder in der Lage ist, jedes Ziel anzusteuern, und die hohen Preise der Taxis, gemessen am Berliner Lebensniveau. Von den Folgen eines Unfalls und dem Umstand, dass am Ende eine Versicherung für Schäden nicht aufkommt, weil Fahrzeug und Fahrer für solche Dienste nicht abgedeckt sind, wollen sie nichts wissen. Es geht doch, ein wenig Risiko gehört in ihren Augen dazu. Und außerdem, nehme ich an, finden sie Taxis einfach zu teuer und wollen gern sparen.

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Uber ist nicht die einzige Firma, die Menschen dazu bringt, im Graubereich der Legalität zu arbeiten. Da sind Vermieterportale wie AirBnB, die den Wohnungsmarkt durcheinander bringen. Auf der einen Seite begrüßen die Kunden die Möglichkeit, schnell und ohne großen Aufwand flexibel Wohnungen auf Zeit zu finden. Die gleichen Personen jammern auf der anderen Seite darüber, dass die Mietpreise nach oben und die bezahlbaren Angebote nach unten gehen. Da gibt es an manchen Orten durchaus einen Kausalzusammenhang: Denn bei diesen Portalen vermieten oft nicht die Wohnungsbesitzer, deren Immobilien eine Weile leer stehen, sondern geschäftstüchtige Personen, die Wohnungen günstig dauerhaft anmieten und dann kurzfristig teuer vermieten. Dass sie dabei mitunter gegen Hausordnungen, Verordnungen und Gesetze verstoßen, dass bei so einem Treiben die Wohnungen ruiniert werden und ein neuer Zweig des Mietnomadentums entsteht, mag den Besitzer ärgern und schädigen – aber andere sehen nur ihre Vorteile.

Vorteile sahen viele auch bei Groupon. Ist doch super, wenn man überall Rabatte bekommt und Schnäppchen machen kann, sagten die Kunden, und damit schaffte es Groupon trotz schwieriger Erlössituation an die Börse, als sei die New Economy wiedererstanden. Dass die Geschäftspraktiken von Groupon nicht immer schön waren, dass solche Portale durch den Preisdruck zu Dumping und zu Dumpinglöhnen führen können, störte kaum jemanden. Die gleiche Gruppe bestellt auch weiter munter bei Zalando und Amazon, obwohl diejenigen, die in den Lagern für die Zusendung der Produkte arbeiten, nicht gerade die Art Beruf haben, die sich die junge, technikaffine Schicht wünschen würde. Im Gegenteil, die Freunde des Fortschritts sind oft genug auch jene, die Hartz IV und jenen zweiten Arbeitsmarkt kritisieren, der solche Firmen erst über die Gewinnschwelle bringt.

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Und es finden sich auch genug Freunde von Amazon, die der Meinung sind, die Verlage seien an ihren Problemen ganz allein schuld – hielten sie doch am unnötig gedruckten Buch fest, während Amazon so freundlich wäre, nicht mehr lieferbare Bücher ganz selbstverständlich auf Kundenwunsch zu liefern. Dass Amazon jetzt den Mindestbestellwert für kostenlose Lieferungen anhebt, spielt für sie keine Rolle, denn am besten kommt das Buch ohnehin auf das Lesegerät. Es geht ihnen um einfachen Zugang, simple Beschaffung, und wenn das nicht geht, sind sie eben weg. Oder sie regen sich darüber auf, wenn man ihnen die gewünschten Möglichkeiten nicht zur Verfügung stellt, weil es zwar technisch, nicht aber rechtlich oder betriebswirtschaftlich möglich ist. In vielen Bereichen des digitalen Daseins gehen sie auch keinerlei Risiken ein, die Folgen der Umwälzungen treffen ohnehin andere, die sich in ihren Augen nicht anpassen wollen, und damit an ihrem Schicksal selbst schuld sind.

Dass so ein System sich letztlich auch gegen sich selbst wendet, erleben im Moment die Kleidungsversender, deren Kunden die Lieferung nicht nur kurz daheim anprobieren, sondern ein paar Tage tragen und dann in jene Lager zurück schicken, in denen schlecht bezahlte und vielleicht ähnlich zynisch denkende Mitarbeiter wenig Grund haben, dieses Treiben zu beenden. Und solange es nur darum geht, diese Firmen mit schön dargestellten Umsätzen an die Börse zu bringen, muss das auch keinen wirklich stören – solange sich keiner Gedanken macht, wie solche Geschäftsmodelle letztlich die Umverteilung und die Monopolisierung fördern. Ausgerechnet diejenigen, die jedes Internet-Meme zur sozialen Gerechtigkeit mitmachen, werden blitzschnell zu Marktradikalen, wenn sie etwas nur ein klein wenig bequemer oder billiger bekommen. So mies kann kein Konzern sein, dass er wegen eines schnelleren Kaufsystems nicht Freunde finden würde. Und es ist vollkommen absehbar, dass sich unter diesem Artikel, spätestens bei Facebook, Kommentare finden werden, die mir unterstellen, ich würde das nur schreiben, weil ich Propaganda für die alten Kartelle mache, die keine neuen Freiheiten zulassen wollen.

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Und es ist bei weitem nicht so, dass sich dahinter nur die sporadisch auftretenden Mietmäuler von Google und Amazon verbergen. Die radikalen Strategien der Konzerne, sich das Internet und die immateriellen Güter unter den Nagel zu reißen, so lange die Politik nicht die Entwicklung versteht oder reglementierend eingreift, gefallen besonders jenen, die selbst keine Beständigkeit und keine Verankerung in klassischen Strukturen kennen: Freiberufler, Prekäre, Dauerpraktikanten, Berliner Piratenabgeordnete, Leute, die sich mit Crowdfunding durchschnorren, die menschliche Verschiebemasse derer, die zwischen kurzfristigen Beschäftigungen wenig Einkommen haben, aber viel Zeit, ihren Unmut im Netz loszuwerden. Bejubelt wird dagegen der Umstand, dass eine Firma wie Uber aufgrund der Finanzierung in der Lage ist, die Strafen bei Nichtbeachtung des Verbots aus der Portokasse zu bezahlen. Vor einigen Tagen herrschte noch Empörung, dass sich ein Ecclestone bei Gericht freikaufen kann, bei Uber freut man sich, dass sich deren Marktmacht über das Rechtssystem erheben kann.

Es ist der gleiche Zynismus und das gleiche kurzfristige Denken, die der Praktikumswirtschaft zugrunde liegen: Da ist immer ein Praktikant gewesen, der es für weniger macht, und so weit, dass nicht einer darauf einging, konnten die Firmen die rechtlichen Möglichkeiten gar nicht ignorieren. Wenn Mitarbeiter von Startups auf dem Fußboden im Büro schliefen, war das kein problematisches Verhalten eines Arbeitgebers, sondern lässige Realität einer in England registrierten Ltd.. Wer selbst erfahren hat, dass berufliche Sicherheit und verlässliche Beziehungen zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer durch Ausleseverfahren und Optimierung ersetzt werden, wer brutal abgebaut wurde, weil die Firma nach dem Verkauf an einen Konkurrenten nur als Marke erhalten blieb, wird dadurch nicht zwangsweise zum sozial bewegten Menschen, der tarifferne Kettenverträge in der ostdeutschen Provinz vehement ablehnt.

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Das Lauern auf schnelle, kleine Vorteile, die Konditionierung durch Profitmaximierung, der Kult des Egos und die Probleme, im Netz auch nur minderkomplexe Zusammenhänge, wie den fehlenden Versicherungsschutz im Mitfahrgeschäft zu vermitteln, weil das Interesse am schnellen Sparen größer ist: Das mag nicht unbedingt gefallen. Aber so wurde es vorgelebt, so wird es im Moment mit dem sog. Freihandelsabkommen auch propagiert, so wird die Ablehnung staatlicher Regelungen gefeiert. Was für Banken, Chlorhuhnzüchter und Datensammler Recht oder zumindest gnadenlos ausgenutzter rechtlicher Freiraum ist, ist für das durch den Wandel entstandene Prekariat nur billig. Übergreifendes Denken und Handeln macht nicht satt, ein Döner für 1,50 Euro dagegen schon. Und wenn Amazon erst einmal alle Rechte an vergriffenen Büchern hat, müsste bei den niedrigen Transaktionskosten doch auch was bei seinen Kunden hängen bleiben. Soviel haben sie von der Marktwirtschaft zumindest verstanden.

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