Heiliger St. Florian – verschon mein Haus, zünd’ andre an

1973 gewann Luis Ocana auf einem knallorangen Motobecane die Tour de France. Der Sieg machte in ganz Europa und auch in Lenggries, ganz hinten im Isartal, Schlagzeilen.

Ein Tal weiter, hinter der Benediktenwand und dem Kochelsee, haben sie damals die Autobahn gebaut. Aber so eine Autobahn muss noch lang nicht bedeuten, dass die Leute weiter in Richtung Mittenwald und Seefeld oder gar nach Innsbruck fahren, um ihre Skiferien so fern der Heimat zu verbringen. Der Spitzingsee, das Sudelfeld und der Wallberg waren ausreichend und altbekannt, und das Brauneck bei Lenggries galt als echtes Schneeloch. Und es ist so nah bei München: Im Winter auf die Ski und im Sommer mit den Bergschuhen auf die Almen, und danach ist da unten bei der Zufahrt auch der Wirt, wo im Weinstadl angeblich der Gunter Sachs mit der Bardot war, und noch andere bekannte Persönlichkeiten. Im Keller ist eine Tanzfläche und einer, der unter der Discokugel Platten auflegt. So war das damals, als man ein Tal weiter die Autobahn Richtung Garmisch baute. Ein ganzes Tal weiter ist weit weg im Gebirge, eine andere Welt. Man bekommt nicht mit, was da passiert. Außer wenn man wirklich hinfährt, weil man etwas holen muss.

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Oder wenn man im Isartal lebt und an den Tegernsee will, um dort zu schwimmen. Von Lenggries zum nächsten Strand bei Gmund sind es gute und sehr hügelige 20 Kilometer. Das fährt man mit dem Rad nicht so schnell, besonders, wenn man gerade mal 14 ist, und noch mit einem Oparad ohne Gangschaltung unterwegs ist. Da braucht man 1974 ein anderes Rad, eines mit Gangschaltung und schmalen Reifen, schnell soll es sein und fesch, dann fliegt man nur so über die Anstiege zum See. Und weil man zwar wenig von der Autobahn nach Garmisch weiß, aber sehr wohl, auf welchem Rad Luis Ocana die Tour de France gewonnen hat, möchte man auch so eines haben. In Orange. Wer will das nicht, wenn er 14 ist. Und wer das Glück hat, dass der Vater Besitzer jenes gut laufenden Weinstadls ist, in dem der Sachs mit der Bardot gewesen sein soll, und viel andere Prominenz aus München, die dort Apres Ski feiert; wer also das Glück hat, dass der Vater gut verdient und spendabel sein kann, der bekommt es auch.

Natürlich nicht das teuerste Modell. Aber es ist orange, es macht Eindruck und es macht das Leben sehr viel einfacher. Zum Eis nach Bad Tölz, über die Jachenau hoch zum Kochelsee, zum Tegernsee: Wenn der Vater dem Sohn so ein Rad kauft, wird die kleine Welt des engen Tales aufgeweitet. Andere Täler kommen in Reichweite. Und so stand das Rad vor 40 Jahren auch schon hier am Tegernsee, ein oranges Fanal der Freiheit, sofern der Bub keine Schlaghosen trug, die sich im Flaschenhalter verfingen. 1973 hatten zwar gewisse Herren Günter Wallraff und Bernt Engelmann dieses angenehme Leben im Wohlstand am See und seine Exponenten mit dem Buch „Ihr da oben – wir da unten“ gegeißelt; sie hatten Sachs wegen „Gammeln“ angegriffen. Aber davon versteht man mit 14 vermutlich wenig. Hauptsache, man bekommt das Rad in der Farbe, in der es sein soll, und von der Marke, die Sieger macht.

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Und mit 15 will man noch ein wenig weiter, und bekommt dafür ein Moped. Sobald der Motor zwischen den Beinen schnurrt, wird auch München erreichbar, und zum See ist es wirklich nur noch ein Katzensprung, und keine Strampelei mehr. Weil das Brauneck weiterhin so beliebt ist, und sich die Leute am Abend beim Trinken im Weinstadl und auf der Tanzfläche treffen, ist auch für das Moped genug Geld da. Schade ist es um das fast neue Rad, das von nun an in einem der Abstellräume bleibt und langsam einstaubt. Denn immer weiter zieht es den Nachwuchs hinaus, erst zum Studium und dann in die Welt für die Arbeit jenseits des engen Tals, das nach und nach von all den Skigebieten überflügelt wird, die schneesicher im Hochgebirge liegen, und mit den modernen Automobilen schnell und zuverlässig zu erreichen sind: Kitzbühel, St. Anton, St. Moritz – wo dann auch Gunter Sachs gesehen wurde – , da kann Bayern oft nicht mehr mithalten, und über die Autobahn ist man oft schneller in Tirol, als über die enge Landstraße hinten im Isartal, wo das Motobecane zurückgeblieben ist.

Dann bekommt das Brauneck eine andere, bessere Zufahrt, denn man will mithalten. Damit rückt der Weinstadl weg von der normalen Route der Münchner an die Peripherie, wird später dann verpachtet und ein italienisches Restaurant an einer abgelegenen, engen Straße, die sehr ruhig geworden ist. Diese Ruhe und der schöne Blick jedoch ziehen junge Familien an, die daneben ihre Häuser bauen, und das ist nicht so gut für die Tanzbar im Keller und das Restaurantgeschäft. So ein Weinstadl aus Holz passt auch nicht mehr in die Epoche der körperbewussten Wellness-Angebote. Irgendwann ist da die Frage: Geht man das Risiko ein, so einem Komplex für viel Geld umzubauen und den Bedürfnissen der Moderne anzupassen. Oder nutzt man die Gunst der Stunde und des Neobiedermeier, und reißt man das alles weg. Und baut auf der großen Fläche, anstelle der Discokugel und der dunklen Holzeinrichtung, drei Dreispänner für jene jungen, sittsamen und vermögenden Familien, die dem Trubel der Stadt entgehen möchten. und dafür gern auch mal nach München pendeln, solange nur die Kinder in der Natur und mit Blick auf die Berge aufwachsen.

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Die Entscheidung ist für den Abriss gefallen, denn es ist absehbar, dass die kleine Gastronomie auf dem Land wenig Aussicht auf Erfolg hat. Erfolg haben die Kliniken für Vermögende und die Saunabetriebe mit Massagen, deren Ursprünge in fernen Ländern liegen; den Erfolg mögen Luxusquartiere nach sich ziehen, in denen man abgeschlossen die Aussicht genießt und froh ist, der Hektik der Städte entgangen zu sein. In die Metropolen kann man immer noch, wenn es auf dem Land mit Blick auf die Isar und die Berge zu langweilig wird, und die Architekten sorgen schon dafür, dass hinter all dem alpenländischen Holz und den Stilelementen kein städtischer Luxus, keine hohe Decke und kein Komfort fehlen wird. Was ich vorfinde, als ich das Motobecane hole, ist ein aufgegebenes Gasthaus mit Anbauten, einem leeren Parkplatz und einem Besitzer, der das Beste daraus macht. Und alles loswerden will, was er nicht mehr benutzen kann und noch einen Wert haben mag.

Das werden die alten Hölzer des Stadls sein, für die es angesichts des Immobilienirrsinns und der Landliebe einen Markt gibt. Vielleicht findet sich auch jemand, der die Discobeleuchtung für ein Retrolokal brauchen kann. Das sind sicher die massiven, fast schwarzen Bänke, Stühle und Tische, die für die Ewigkeit gezimmert wurden, und hell abgebeizt in Landrestaurants Verwendung finden, die urige Namen der Berge mit dem gutverdienenden Publikum der Stadt zu verbinden wissen. Oder ein Modejäger richtet sich damit wieder eine Zirbelholzstube ein, um dort die Trophäen seiner Hobbyabknallerei von Getier zu präsentieren. Und von Wert ist auch das Motobecane des Juniors, der weit weg ist und das Rad, das ihn einen Sommer begleitete, wirklich nicht mehr braucht. Außerdem ist es nach 39 Jahren ohnehin nicht mehr fahrbereit.

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Aber so ist das eben: Lius Ocana und Gunter Sachs wurden depressiv, und begingen späer wegen unheilbarer Krankheiten Selbstmord. Motobecane musste 1984 Insolvenz anmelden. Von all den Firmen, die damals Teile für das Rad lieferten, hat nur eine einzige überlebt. In die Natur des Braunecks hat man einen Speichersee gesetzt, damit die vom Klimawandel betroffenen Pisten künstlich beschneit werden können. In Zeiten des achtstufigen Gymnasiums bleibt den Schülern kaum genug Zeit, am Nachmittag für ein paar Stunden an den See im nächsten Tal zu radeln. Das alles funktioniert nicht mehr wie damals, und wer heute Prominenz sehen will, geht nicht mehr in einen Tanzkeller, sondern beschäftigt sich im Netz mit Schauspielern, die Quallen töten. Nach einem Tag Arbeit läuft das Rad wieder, Chrom und Lack funkeln, und die Kette surrt durch den Sommer, als hätte es diese 4 Jahrzehnte Dämmerschlaf und das Wegschieben einer ganzen Epoche nicht gegeben.

So soll das bei uns aber eigentlich sein. Man hofft speziell in diesen Regionen, dass der unerbittliche Lauf der Zeit aussen vor bleiben und die eigenen Privilegien schonen möchte, dass alles so bleibt, wie es ist, und die Kinder es wenigstens genau so gut haben. Man möchte vom Wandel ausgespart und nicht vom Gang der Geschichte niedergewalzt werden, man möchte inmitten des melancholischen Plunders noch ein paar Jahre weiterdämmern und glauben, dass sich schon alles einrenken wird. Der eine restauriert alte Räder, die anderen schleifen ihre Kinder zur Trachtenschneiderei, die Einladungen zur Hochzeit verschickt man auf Büttenpapier der fast 200 Jahre alten Fabrik, und nächstes Jahr macht auch der alte Biergarten bei Kaltenbrunn wieder auf. Da schaut man dann auf den See, dreht der EZB und der Börse in Frankfurt den Rücken zu, und die ISIS im Irak, die Staatskrise in Italien und die USA mit ihrem Freihandelsabkommen, sie alle liegen zum Glück jenseits des Tales, irgendwo hinter den Bergen, die auch heute wie vor 40 Jahren noch den Horizont begrenzen.

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