Hoppe hoppe Reiter, wenn er fällt, dann schreit er.

Zu den Freuden des Internets gehört es, dass einem recht ungeschminkt jene soziale Verärgerung ins Gesicht schlägt, die man sonst allenfalls aus der Literatur des 19. Jahrhunderts kennt: Schlechte Zeiten werden einem gewünscht, und gerne wird das mit der Begründungskeule vorgetragen, man werde schon noch vom hohen Ross fallen. Wie ich in den letzten Jahren gemerkt habe, kann man das nachgerade provozieren. Es gibt so einen speziellen „Oh, nur zwei Zimmer wie bekommen Sie da Ihre Barockgemäldesammlung unter“-Ton, der in anderen den Wunsch erweckt, sie könnten einen von einem Gaul zerren und dann das, was nach dem Sturz noch heil ist, misshandeln. Das trifft die historische Bedeutung des hohen Rosses recht gut, denn es kommt aus jener Zeit, als die Adligen auf Pferden sassen und ab dem späten Mittelalter lernen mussten, dass sie in der Schlacht von selbigem gezogen und dann aufgespiesst werden konnten – übrigens ist es kein Zufall, dass ab diesem Moment das effektivere Bankenwesen eingeführt wurde. Wir haben es bei diesen brutalen Wünschen also mit einer etwas unfeineren Variante jener „Will der Herr Graf ein Tänzchen nun wagen“-Arie zu tun, die Mozart dem Figaro in den Mund gelegt hat, denn das Aufspielen, das Figaro dem Conte Almaviva da androht, umfasst durchaus unschöne Mittel.

Aber wie auch immer:

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Das alles hier spielt in Oberbayern, und da haben wir keine hohen Rösser, sondern nur eher niedrige Haflinger, und geritten wird hier nur zu Prozessionen, oder für den Genuss, und das meist abseits jener Orte, wo sich der Fremdengast darüber echauffieren könnte. Auch dieser Spruch mit dem hohen Ross ist bei uns unüblich; denn historisch gesehen sass unsereins eher nicht auf einem solchen. Was trifft, was sitzt und was man in der Kindheit immer zu hören bekommt, wenn es ernst wird, ist bei uns MiddiakemmanmiavoFedahnafSchdroh, zu Deutsch „Mit Dir kommen wir von Federn auf Stroh“. Das bezieht sich auf den Umstand, dass das vermögende Bürgertum früher in echten Daunenbetten schlief, die damals exorbitant teuer waren – so teuer, dass die betont „guuuten Daunenbetten“ bei uns bis in die 90er Jahre weiterverwendet wurden, und wohl immer noch irgendwo in einem Schrank ruhen. Die Gratler – heute würde man sagen, sozial Benachteiligte – mussten dagegen nicht lange fragen, warum denn da Stroh liegt, das war halt ihre einzige finanzierbare Schlafstatt.

Natürlich kommt heute niemand mehr auf Stroh, denn sogar im Reichshauptslum Berlin kann jeder eine Matratze haben – es liegen ja genug auf den Strassen herum. Und umgekehrt wird der Schlaf im Heubett im Zuge des Alpen- und Outdoorrevivals als Luxus vermarktet. Trotzdem verfehlte der Spruch bei uns lange Zeit nicht seine Wirkung, denn die fünf Totalzusammenbrüche und schlechten Zeiten des 20. Jahrhunderts hatten ihre Spuren hinterlassen: Der erste Weltkrieg, die Inflation, die Weltwirtschaftskrise, der zweite Weltkrieg und die Besetzung der BRD durch die DDR haben die Sinne für Gefahren geschärft. Das kann alles ganz schnell gehen, drastische Beispiele haben sich in der Zeit viele angesammelt, und so wusste man als Kind, dass man besser die Sachen wieder zurück ins Regal stellte, wenn dieser Spruch im Geschäft kam – denn viele Unvorsichtige endeten früher laut Familiengeschichte tatsächlich auf Stroh.

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Aber langsam verblasst die Erinnerung. Diejenigen, die das alles noch erlebt haben und davon berichten konnten, sind von uns gegangen, und die Eltern von heute können allenfalls noch von der Invasion der Trabbis berichten. „Sonst geht es uns wie Opa, als er plötzlich Solidarzuschlag zahlen musste“ ist vermutlich keine valide Drohung mehr. Was fehlt, ist nicht nur die bildhafte Umschreibung eines Absturzes, sondern auch das Bewusstsein dafür. Letzte Woche zum Beispiel war Schulfest am Gymnasium in Tegernsee, und es reicht, eine halbe Stunde auf der Bank zu sitzen und zu sehen, wie das zwischen Yacht und dem Schloss, in dem die Schule untergebracht ist, so zugeht. Das ist die gelebte Normalität, und in diesem Rahmen noch nicht mal etwas Besonderes, weil die heutigen wirklich Reichen ihre Kinder eher auf Privatschulen mit noch grösseren Yachten oder Golfplätzen schicken. Oder wie das eine Freundin mal mein Verlangen nach einem kleinen Holzboot kritisierte: „Was willst Du mit so einer Nussschale auf dieser Pfütze“.

Diese Kinder werden allenfalls vom Polopferd fallen, wenn es mit der Anhäufung des Reichtums so weiter geht – und wenn ich sehe, wie die SPD im Moment selbst die Mietpreisbremse sabotiert, habe ich daran auch keinen Zweifel. Die neuen abschreckenden Beispiele sind, wenn überhaupt, andere: Sei es die Familie Haderthauer, die dem Vernehmen nach üppige Gewinne mit Automodellen machte, deren Hersteller jetzt auch noch gegen sie klagen soll. EDIT: Diese Berichte stimmen nach neuerer Darstellung nicht. Oder sei es der über Dächer flüchtende Ex-Arcandor-Chef Middelhoff, der im Streit um Schulden und Verbindlichkeiten einen Offenbarungseid leisten musste. Für deren Verhalten gibt es aber keine griffige Formel, das sind untypische Ausnahmen, und es entsteht allgemein der Eindruck, dass man sich heute ab einem gewissen Status schon abnorm hohe Pferde heraussuchen und viel damit anstellen muss, um dann letztlich doch recht weich zu fallen. In der modernen Erziehung fehlt eindeutig das Drohpotenzial und das glaubhaft schlechte Beispiel, mit dem man es belegen kann.

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Ein anderer dieser alten Sprüche war: übrigens „Dann kommt das Amt“. Das war die fürchterliche Drohung, das Leben könnte so aus den Fugen geraten, dass man von amtlicher Zuwendung abhängig wäre. Ja du lieber Himmel. Was würden dann die Leute sagen. Das Amt! Das ist ja entsetzlich. Stroh kann man sich noch selbst beschaffen, aber wenn das Amt kommt, ist alles zu spät. So war das früher zumindest, heute gehört die Beantragung von staatlichen Leistungen zur Normalität. Rotzfrech – so hätte man das früher empfunden – wird das gemacht, genauso rotzfrech, wie sich halt manche schamlos bereichern, und finden, dass ihnen dennoch oder gerade deswegen ein Platz an der Spitze der Gesellschaft zusteht. Egal, wo man hinschaut: Valide Drohungen sind in einer Gesellschaft de materiellen Überflusses schwierig geworden. „Dann wirst Du Kassenpatient“ zieht nicht, weil junge Leute noch relativ gesund sind. „Dann bekommst Du später mal keine Rente“ zieht auch nicht, weil später sowieso keiner Rente bekommt. „So bekommst Du nie eine anständige Familie und musst selber kochen, waschen und abspülen“ gab es früher auch noch – ich habe es selbst oft genug gehört. Heute gibt es Patchwork und Datingportale, und ich habe eine Schürze, auf der steht „Keine Frau und eig’ner Herd, und kein Problem – ist Goldes wert!“.

Und dann war da noch „Wer keine Kinder hat, wird im Alter einsam und verlassen verrotten“ – das war vor der Mobilität der Kinder, der Euthanasiedebatte und dem Pflegenotstand. Es sollte also nicht verwundern, wenn Autoren und andere kindische Gemüter die Warnung, sie würden bald vom hohen Ross fallen, in den Wind schlagen. Wir sind bereits alle vom hohen Ross gefallen, oder besser, wir sind da in einen Wohlstandsumpf hinein geplumpst worden. Von der umfassenden Ideologie des Anstands und der Mässigung ist nicht wirklich viel übrig. Es lohnt sich auch nicht, wie uns Tag für Tag mit den Begehrlichkeiten des Transatlantischen Freihandelsabkommens vor Augen geführt wird – wozu sollte man da ein Kind zu Ausgleich und Gerechtigkeit erziehen. „Spare beizeiten, dann hast Du etwas, das Dir in der Not mit Niedrigzinspolitik und Gelddrucken entwertet werden kann.“

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„Drum prüfe, wer sich ewig bindet, ob das Herz zum Herzen findet.“

Geprüft wird heute jede Menge, mit Pille, Kondom und Scheidung ist das kein Problem mehr. Entschuldigung. Ich höre schon auf.

Das gute Sofa vom Möbelhaus Link steht noch da, und das dänische Teakholz, das damals eine gute Familie mit langfristiger Planung kaufte, wird gerade wieder modern. Die Biedermeier-Liseuse hat über 200 Jahre Bücher mit Sitte und Anstand enthalten, und wenn ich da liege und lese, falle ich höchstens auf den Perserteppich. Was man letztlich tut, wie man sich entscheidet, ist nur noch optional und ohne echte Konsequenzen. Manche sagen, man müsste mit den Freiheiten und dem Wohlstand auch umgehen können, aber andere kaufen jedes Jahr eine neue Polstergarnitur und ein neues Iphone, und noch keinen hat der Blitz der göttlichen Gerechtigkeit getroffen. „Da müsste ich mich ja Sünden fürchten“, hätte man in meiner Familie da früher gesagt, in der Erwartung, dass es eine höhere Gerechtigkeit gibt.

Heute gibt es grinsende Buddhastatuen im Baumarkt für 9,99, und kein fallender Reiter wird sich je daran den Schädel einschlagen.