Wenn mir mal langweilig ist, schreibe ich in Erziehungsforen, dass meine Tochter mit der Hauptschule zufrieden ist muss ich mich nicht streiten.

Zum Glück ist es mir selten langweilig. Ich habe eine gute Bibliothek, wohne in Regionen mit gutem Kulturangebot und hohem Freizeitwert, ich habe Freunde und Hobbies. Eines davon ist das Restaurieren alter Räder, und ein solches habe ich vorgestern in München abgeholt. Die Bahn war langsam. Mein Mobiltelefon ist von 2006 und mobiles Internet ist mir zu teuer, und so bekam ich gar nicht mit, wie mich am Rande ein Shitstorm traf: Ein gewisser Herr Mierau, der öfters mal was an der FAZ kritisiert, hatte sich über einen Cartoon aufgeregt, und mehrere hundert Twitternutzer hatten es empört weiter verbreitet. Darunter Piraten, Internet-Feministinnen, sozial Twitterinteressierte und ausnahmsweise mal keine Honks von AfD und Politically Incorrect, die sich über anderes beschweren. Wie gesagt, ich war im Zug und hatte damit nichts zu tun, denn weder hatte ich den fraglichen Cartoon gezeichnet, noch bin ich im Wirtschaftsressort. Aber ich schreibe bei der FAZ, und so kam es halt, dass ich im Laufe der Debatte unlobend von einem Trollaccount der Berliner Piraten erwähnt wurde. Wenn man schon mit dem Empören in Fahrt ist, dann darf es halt auch ein wenig mehr sein.

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Nun ist es nicht so leicht, mich da aus der Fassung zu bringen, denn lange Jahre habe ich für jüdische Medien über Deutschland, Israel, die USA und die Welt geschrieben, 9/11, Intifada, Konflikte in der Gemeinde und Neonazis. Kurz, zu Themen, bei denen sich jeder berufen fühlt, seine Meinung streitbar zu vertreten. Immer lustig war es nicht, aber

1. habe ich alles schon erlebt und

2. habe ich so eine Art Messlatte, an der ich andere Erscheinungen meines Berufslebens anlegen kann. Ich mein, ich war im Keller eines Kulturzentrums, als Etgar Keret älteren evangelischen Religionslehrerinnen Sexszenen zwischen Toten vorgelesen hat; auch das kann man überleben. Wenn wir hier im tristen Münchner Bahnhofswetter einmal den ganzen Grosskomplex Israel, Rassismus, Naher Osten, Russen, Amis, Fremde und Ausländer von Kasachstan bis Hessen beiseite lassen, dann bleiben noch sieben weitere Bereiche, in denen sich nach meiner Beobachtung Menschen besonders schnell in rachsüchtige Orks verwandeln, und sich in Kommentaren, bei Facebook und in Netzwerken austoben.

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Platz 7: AfD-Honks

Ich weiss nicht, wie sich die Gründer der Partei ihr Volk so vorgestellt haben. Aber ich weiss, wie ich sie mir vorstelle: Unzufrieden. Früher hat der Schweinsbraten doch nur 4,50 DM gekostet. Aus diesem paradiesischen Urzustand sieht sich der AfD-Freund nun entfernt und schiesst gnadenlos auf alles, was ihm als Niedergang erscheint. Immer fühlt er sich betrogen, hintergangen und abgezockt und das muss man doch noch sagen dürfen. Und wer ihm da nicht recht gibt, hat nicht gedient und muss bekehrt werden. Das fängt bei der Verwendung des ss anstelle des ß an und zieht sich durch alle Lebensbereiche, denn in allen fühlt sich der AfD-Honk betrogen, ausgegrenzt und ausgebeutet. Ich würde es mir dreimal überlegen, hier einen Beitrag zu schreiben, in dem ich die Leistung eines italienischen Rahmenbauers lobe. Ich will keine Kommentare über betrügerisch-italienisch eingeschenkten Raststellenespresso für 2,75 Euro, also den Preis, für den man früher einen Schweinsbraten bekam, bevor die Italiener uns alle mit ihrer Mafia und der EZB bestohlen haben, und überhaupt, wir Medienmafia gehören ja auch dazu.

Platz 6: Gamer

Man kann von jemandem, der seine Tage mit Ballern zubringt, keine ausgewogene Meinung dazu erwarten. Man kann von jemandem, der seine Tage mit Ballern zubringt, keine ausgewogene Meinung dazu erwarten. Man kann von jemandem, der seine Tage mit Ballern zubringt, keine ausgewogene Meinung dazu erwarten. Man kann von jemandem, der seine Tage mit Ballern zubringt, keine ausgewogene Meinung dazu erwarten. Man kann von jemandem, der seine Tage mit Ballern zubringt, keine ausgewogene Meinung dazu erwarten. Man kann von jemandem, der seine Tage mit Ballern zubringt, keine ausgewogene Meinung dazu erwarten.

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Platz 5: Sportfans

Nicht alle natürlich. Freunde des Radsports haben schon so viele Idole über Doping fallen sehen, dass sie sich lieber mit Radtechnik denn mit den tourdefranzenden Ergebnissen der Körpermodifikation beschäftigen. Ich mache aber hin und wieder den Fehler darauf hinzuweisen, dass Fussball ein Milliardenunternehmen ist und ich mir – wie beim Radsport – nur schlecht vorstellen kann, dass man sich da nicht ab und zu mit den paar Kröten, die Doping kostet, die Tür zu noch höheren Einnahmen öffnet. Offensichtlich jedoch haben Fussballfans eine emotional hohe Bindung an ihre Stars und deren Vereine und Nationen. Was wenig überrascht bei Leuten, die ihre Freizeit mit Liedgut wie „Schiri, wir wissen wo dein Auto steht“, „Fussball ist unser Lebääähn“ und „Wir sind keine Fussballfans, wir sind deutsche Hooligans“ gestalten. So schwappt es dann auch in die Kommentare, und da löscht man besser kommentarlos, sonst schreibt man noch über den Wert von 5 Hundertschaften Bayerischer SEK mit 10 Wasserwerfern beim Communitymanagement. Damit rechnen sie nicht: Sportjournalismus ist nun mal in oft PR, Kumpanei und angenehmes publististisches Umfeld, und kritische Stimmen werden kategorisch als Feind betrachtet.

Platz 4: Bitcoiner

Es wurde noch nie ein sauber recherchierter Beitrag über Bitcoins in der Systempresse geschrieben. Die Systempresse wird schliesslich bezahlt, das unsichere Realgeld zu bewerben und die Cryptowährung schlecht zu machen. Aber irgendwann werden die Bitcoiner in ihren abnormen Werten schwimmen und dann werden sie Leute wie mich haufenweise anstellen, um ihre Spucknäpfe auszulecken. Haha! So wird das sein und dann werde ich ja sehen, wohin mich meine Kritik an der Crypto – CRYPTO!!!111!elf! – Währung bringt. Alles nur eine Frage der Zeit, bis der Messias kommt. Aber dann kaufen sie diese Zeitung und ich werde jahrelang Toiletten schrubben.

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Platz 3: Eltern

Nicht alle natürlich. Es gibt Eltern mit einem abgebrühten Verhältnis zu dem, was sie der Welt aufbürden. Aber es gibt auch genug, die in die Kommentarspalten zum Niedermachen einmarschieren, als gäbe es hier das Mutterkreuz mit Eichenlaub und gekreuzten Windeln für harten Kampf am Feind. Möglicherweise ist es biologisch bedingt, vielleicht brechen da die Beschützerinstinkte durch, oder auch nur das Gefühl, als Eltern immerdar von dreckigen, nichts für den Fortbestand der Art tuenden Zynikern wie mir benachteiligt zu sein: Aber als Mensch ohne Nachwuchs tue ich keinem weh und wenn ich diese Haltung verteidige, merke ich schnell, wie das Luxusgut Kind die Haltung der Eltern intolerant macht. Es gibt für sie nur einen richtigen Weg, den eigenen nämlich, und die anderen sind generell falsch, egal ob es um Ernährung, Chinesisch im 4. Lebensjahr oder .rosa Malbücher für Mädchen geht, Ich habe in der Altstadt eine Feuerwehreinfahrt vor einem historisch wichtigen Gebäude. Die wird immer von Müttern zugeparkt, die ihre Kinder in der Schule abholen, weil es dort schattig ist, und dort tippen sie dann was in ihre Iphones. Solche schattigen Leute reizen mich in Realität und Kommentaren und ich schreibe darüber, dass das Tragen eines rosa Dirndls noch keinem Mädchen in ihrem Rollenmodell geschadet hat oder nein halt weil es gibt ja auch noch

Platz 2: Feministinnen

Mit den Waffen der Frau: WordPress, auf dem unsere Blogs laufen, spuckt bei Kommentaren die IPs aus. Wenn ich also mal wieder schreibe, dass ich nicht an die Rape Culture des rosa Dirndls glaube und auch meine Weigerung, das Binnen-I zu verwenden, nicht als strukturelle Gewalt gegen Frauen betrachte, oder mich mit den Vorteilen der Frauenquote beschäftige – dann schaue ich immer auf die IPs. Zu Twitter schaue ich überhaupt nicht, die zwangsläufigen Beschwerden unter Internet-Feministinnen könnte ich hier selbst schon vorformulieren. Aber in den Kommentaren melden sich dann ganze, sich gegenseitig bestätigende Gruppen. Und alle unter einer einzigen IP. Generell neigen sie dazu, die Überwindung von solchen Strukturen zu fordern, indem Leute wie ich überwunden werden, indem man etwa meine Blogs dicht macht und durch gendergerechte Inhalte ersetzt. Natürlich sagen diese speziellen Frauen nicht, dass sie so eine Art Todesliste führen. Aber darauf läuft es letztendlich hinaus. Dass die meisten Frauen mit solchen Methoden und Zielen nichts anfangen können und selbst keine Lust haben, ihre Sprache zu gendern und alle Formen der Rape Culture auswendig zu lernen, nachdem sie sich gegenüber POCs für ihre Privilegien geschämt und Schutzräume eingerichtet haben, spielt dabei keine Rolle. Allerdings passiert es schon mal, dass Frauen, die mit Leuten wie mir zu tun haben, als Helferinnen bei Twitter angegangen werden. Mit dem Waffen der Stut Frauen.

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Platz 1: Berliner Piraten

Schlimmer als schlecht gelaunte Kontrollettis der El-Al bei der Ausreise aus Israel. Letzthin, auf dem ausserordentlichen Bundesparteitag der Piraten; erzählte der Chef des Berliner Landesvorstandes von seinem Verhältnis zu einem bekannten Medienanwalt, und dass er dazu neigt, hin und wieder dessen Dienste in Anspruch nehmen zu wollen. Er ist damit nicht allein, die Berliner Partei dürfte, gemessen an ihrer Geistesgrösse und minimalen politischen Bedeutung, die Partei des rabiatesten Umgangs mit nicht genehmer Berichterstattung auf allen Ebenen sein. Wenn man es wagte, beim letzten Vorstand der Bundespartei nachzufragen, wenn ein Abgeordneter der Partei mal wieder einen Journalisten auf Twitter mit Schimpfworten belegt hatte, gab es die Anweisung an die Pressestelle, die Frage einfach nicht zu beantworten. Man möchte vielleicht glauben, dass so etwas eher bei der CSU zu erwarten wäre, aber das stimmt nicht: Ich habe einige Zeit die Bayerische Landespolitik unter Stoiber begleitet, und obwohl man wusste, wer ich bin, und dass meine Beiträge stets kritisch waren, hat man mich nicht schlecht behandelt. Ich war während der Koalition von Haider und Schüssel, als die EU Sanktionen prüfte, für eine jüdische Zeitung aus Amerika in Österreich unterwegs: Das war nicht immer einfach, aber nur selten so konsequent unerfreulich wie diese komische Berliner Mischung aus Piraten und ihren linksbizarren Helfern ausserhalb der Partei. Schreibt man etwas Unerwünschtes, gibt normalerweise ein Mitglied des AGH den Ton vor, und dann fallen mehr oder weniger anonyme Vertreter extremer, mit ihnen befreundeter Gruppen über einen her. Oder es wird mit dem Anwalt gedroht. Oder einer tönt damit herum, wie gut er hier einen Herausgeber kennen würde und der würde mich auf Zuruf schon zum Schweigen bringen. Mitunter wird verbreitet, ein Kritiker sei ein Rassist – oh, da hat sich das Mitglied des AGH vertippt, sorry., er meinte natürlich, man sei ein Sexist, kann ja mal passieren, bei all diesen bösartigen Medienvertretern, die man so gerne beschimpft und leider nicht schlagen kann. Na, wenigstens schicken die Freunde von der Antifa Drohmails – man muss sich also gar nicht an die Kommentarmasken halten, Twitter und die Verbindungen zur linksextremen Szene reichen auch für eine gelungene Medienarbeit.

Alles ist unerfreulich, aber wie jede milde Darmgrippe überlebbar. Alles wird sich immer wieder empören, sei es, weil ich über Negerküsse und Mohrenlampen schreibe, weil ich Ikea nicht mag, Berlin als Slum bezeichne, mich nicht für meine Privilegien schäme und meine Awareness nicht ausreicht, anderer Leute Befindlichkeit zu erahnen und – das ist das Schlimmste – weil sich entgegen all der Aufrufe noch immer niemand bemüssigt fühlte, mich oder andere mit all dem Hass überzogene Personen endlich zu entlassen. Aber stets auf’s Neue werden sie mich alle wissen lassen, dass sie nun das Abo kündigen und vorher nochmal mit meinem Chef reden, weil so geht es nicht und ausserdem liest das doch sowieso keiner.

Eigentlich sollte ich nur noch über das Wetter schreiben und Konflikte besser meiden, aber jedenfalls, kommen also Netanjahu, eine Feministin, Bernd Lucke, Christopher Lauer und Jogi Löw in die Bar „Zum Mohren“, wo schon 72 alleinerziehende Mütter auf Hartz IV den Gauchotanz machen und

Nein, im Ernst, die meisten Kommentare sind eine echte Bereicherung, und es ist schön, dass es sie gibt.