The Little amuses the Simple.

Generell ist es halt ein Klassenproblem. Mein Leben wird durch die glücklichen Kühe auf der grandios in den Voralpen gelegenen Alm gegenüber meiner Terrasse aufgewertet. Ich kann mir schon irgendwie vorstellen, dass es Menschen gibt, deren Leben schöner wird, wenn schmutzige Leute Bälle auf dem Gras herumtreten. Aber das sagt dann auch einiges über die Qualität des Lebens aus, das davon aufgewertet wird.

Na, wie auch immer:

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Das Schild steht jetzt am Eingang des Tegernseer Tales an genau der Stelle, wo im Winter auch die Skicracks, die erfolgreichen Rodler und die unbezwingbaren Langläufer der Region gefeiert werden. Die sind wirklich von hier, die sind unsere Natalie und unser Markus, und wenn man weiter nach Tirol fährt, kommen die Schilder für ihre ebenfalls siegreichen österreichischen Gegner. Jetzt also grüssen die „Dägansäa“, bayerisch für Tegernseer, ihre Weltmeister, denn anderthalb von diesen Söldnern des Sportkapitals leben hier – der eine ist schon da und der andere will bauen, so hat er es beantragt, wenn er denn bei seinem Verein bleibt.

Lustigerweise steht das Schild an so einer Art Himmelspforte, die den typischen Fan den Eintritt untersagt: Nördlich davon ist das Fegefeuer, beginnend mit Dürnbach und Moosrain und dann immer tiefer bis zur Küste für die Normalsterblichen, und erst ab dem Ortsschild von Gmund beginnt der liebreizende Tegernsee, die Immobilienpreise steigen stark an und die Beschäftigungsquote dürfte ähnlich schlecht wie in Berlin sein, mit dem kleinen Unterschied, dass man hier nicht auf HartzIV ist, sondern so vermögend, dass einem andere Freizeitaktivitäten als irgendwelche Fanmeilen zur Verfügung stehen. Die Weltmeister und andere Fussballer, die es hierher verschlägt, suchen nicht den Kontakt mit Fans, sondern üppige Immobilien, Ruhe, nähe zum Wasser und zum Golfplatz und besonders gute ärztliche Infrastruktur. Ganz normale, gebrechliche Tegernseer also mit dem kleinen Unterschied, dass sie ihre nationalistischen Hänseleien, wenn es verlangt wird, vor den TV-Kameras der Welt austragen. Das wollen die Fans, weil, siehe oben, man sich besser fühlt, wenn man davon ausgeht, dass es anderen schlechter geht.

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Da steht also dieses Schild vor dem Tal, in dem die einen leben und die anderen nur zu Besuch sind, und feiert die neuen Weltmeister. In gewisser Weise ist das eine neue Notwendigkeit, denn der alte Weltmeister in der gleichen Sportart ist hier nicht mehr anwesend: Beim Titelgewinn 1974 war ein gewisser Herr Hoeness mit dabei, der mit seiner Steuergeschichte in letzter Zeit ähnlich simplen Leuten ebenfalls zum selbstzufriedenen Wohlbefinden verhalf. Damals delektierte man sich am Fall, damals höhnte es auch schon böse, Gerechtigkeit wurde gefordert und zwar am besten auch sauber gebeugt, nämlich lebenslänglich, wie jeder, der darüber schrieb, von ausrastenden Lesern erfahren durfte. Das gesunde Volksempfinden nämlich möchte nicht nur gebückte Gauchos, sondern unter dem zivilisatorischen Lack auch gebückte deutsche Weltmeister, wenn sie die Sache mit dem Devisenhandel weder der Kanzlerin noch dem Gericht erklären können. So gehen die weniger bemittelten Deutschen, wenn sie sich überlegen fühlen, mit ihren alten Idolen um.

Und das erklärt in der Folge so vieles über unsere Oligarchie. Die extrem prohibitiven Preise im Tal etwa, die man gern zahlt, denn sie garantieren, dass bestimmte Leute eben nicht kommen – selbst wenn hin und wieder so ein umgehauener Fussballtyp hier auf seine Beine gebracht wird, und während der Behandlung mit seinem Lamborghini in Seeglas auf dem Behindertenparkplatz steht. Es erklärt diese gefährliche Mischung aus bitterem Neid und dem Gefühl, selbst mehr zu verdienen, als man hat – sie ist auch der Stoff, der Ehen zwischen Menschen aus unterschiedlichen Klassen spalten kann. Und es erklärt dieses extrem kurzfristige Mangeldenken, das an jener Stelle einen Helden sieht, da es eigentlich nur einen billigen Marketingtrick der Sportkonzerne erkennen solllte, wie die Angebote für billige Würste, Fahnen und Gesichtsbemalung bei den Gossenmedien. Das ist nun mal kein Fundament für jene Beständigkeit, auf die man bei uns durchaus Wert legt. Sonst wohnte man nämlich nicht hier, sondern zusammen mit Neureichen und anderen Skorpionarten in Dubai.

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Auf der anderen Seite vom See und vom Plakat ist der Hirschberg. Da war ich am Montag. Oben steht ein Gipfelkreuz, und darauf ganz schlicht: Gott schütze unsere Heimat. Von dort aus sieht man hinüber zur Neureuth, und wer genau hinschaut, sieht dort auch die kleine Kapelle, die jenen gewidmet ist, die aus den Kriegen nicht zurück kamen. Da steht nirgendwo, dass Gott Deutschland über alles stellen soll, oder die Gauchos gebückt laufen müssen, und die letzten Anstiege sind so steil, dass die meisten ein wenig ausser Atem und mitunter auch gebückt ankommen. Dort oben auf den Bergen wird so demütig um Schutz, um das Überleben und um Gnade für die Toten gebeten, weil der Berg einem diese Demut beibringt. Ich persönlich bin Agnostiker so, wie ich Fussball leidenschaftslos nicht achte, aber ich finde, das hier hat das richtige Mass. Man muss sich nicht Sünden fürchten wie jene, die von sich sagen, sie wüssten den Standort des Autos vom Schiedsrichter, und könnten entscheiden, wessen Eigentum sie abfackeln und wessen Berufliche Existenz sie vernichten möchten, aufgepeitscht von den Hasspredigern des sog. Sportjournalismus.

Letztlich, denke ich, schützen die uns schon vor sich selbst. Wer den Einpeitschern ihre völkischen Parolen abnimmt, der glaubt auch ihren Anlagestrategien und daran, dass deren Werbepartner nur ihr Bestes wollen, mehr als die Kuh dem Gaucho glaubt, dass der Weg zum Schlachthof gut enden wird. Für die Unzufriedenheit gibt es Ventile, da werden Stars, Politiker und Sportler ruiniert, und für den Überschwang gibt es die Kooperierenden des Massengeschmacks. Es reicht ihnen völlig aus, wenn ihre Masse zu den Gewinnern zählt, und während in Berlin gesungen wurde, habe ich mir gerade die Mietpreisentwicklung angeschaut, die im Jubel keiner mehr bremsen will: Mag sein, dass Gott unsere Heimat schützt, aber ganz sicher nicht deren soziales Weiterkommen.

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Bedaure also – pardon, nein, natürlich bedaure ich das nicht, das ist eine reine Höflichkeitsfloskel, das ist nicht so gemeint, das sagt man nur so bei uns, pro forma – ich bedaure also, auch hier kein Teil des Wir-Gefühls zu sein, das andere offensichtlich brauchen. Ich werde ganz ohne diesen #Gauchogate-Mob noch hier sein, wenn diese Fussballer längst weltweit von ihren Sportfirmen verschachert wurden, und es geht mir hier gut, solange die Sonne scheint, ich noch auf die Berge komme und diese Weltmeister da nicht ihre Fans einschleppen. Leute, die sich jetzt selbst für Weltmeister halten.

Samstag, heisst es, wird das Schild bei Gmund wieder entfernt. Gott schütze unsere Heimat.