Wer etwas “Persönliches” lesen will, kann das ja bei gewissen Bloggern und Twitterern tun, die jetzt private Kommunikation online stellen, von Versöhnung faseln oder anderweitig mit Bekanntschaften angeben, die, sofern sie nicht ohnehin auf Erfindung und Aufbauschung beruhen, keinesfalls an einem akzeptablen Ende überlebt wurden, wenn ich das so frei sagen darf. (Er würde von dieser Formulierung abraten und sie wahrscheinlich trotzdem durchgehen lassen.)

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Der an sich stets quicklebendige und hellwache Frank Schirrmacher hatte das Pech, in eine Epoche des Pessimismuns und des generellen Unbehagens mit einer von scharfen Umbrüchen gekennteichneten Gesellschaft hineingeboren zu sein, und er arbeitete vom Ende der in Gemürlichkeit erstickenden, alten Bonner Republik bis zum Anbruch der Herrschaft der Maschinen und Modelle. Solche komplexen Veränderungen schieben, wenn das Gespräch auf sie kommt, oft das Heitere, das Taugenichtshafte und Flatternde eines Wesen beiseite. Was unserer Epoche vermutlich zurecht fehlt, ist das Gefühl, dass der Fortschritt etwas sein könnte, das man begeistert in Empfang nehmen könnte – dazu ist in der Moderne einfach zu viel passiert, als dass man sich einer Begeisterung hingeben könnte, wie Jules Verne sie – gebrochen, aber auch von Optimismus durchdrungen – beschrieb, weiterdachte und erfand. Flugmaschinen, Kontinente und Ideologien sind ausgereizt bis zum Erbrechen über die Schmach unseres Versagens, und da brauchte es eben einen, der hinter all die schönen Kulissen und netten Worte blickte, und sich seinen Reim darauf machte, für die nahe und ferne Zukunft, phantastisch und leider auch zu schnell Realität.

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Auch eine negative Utopie, geboren aus dem Bewusstsein, die Freiheit des Individuums könnte nur eine kurze Phase gewesen sein, und bei nächster Gelegenheit wieder abgeschafft werden, auch diese kritische Verweigerung der netten Versprechungen kann nie vollkommen richtig sein. Ich muss da neben Jules Verne an den Vater des Kirchenrechts denken: Gratian hat im 12. Jahrhundert ein aus sich heraus wunderbares Buch geschrieben, Concordia Discordantium Canonum, Die Übereinstimmung entgegenstehender Regeln, indem er versuchte, die im Lauf der Zeit widersprüchliche Kirchengesetzgebung zu vereinheitlichen, selbst wenn das formal überhaupt nicht möglich war, und in jener Zeit an Ketzerei grenzte. Schliesslich wagte es Gratian, Herrschaftswissen der Kirche auf normale Fragestellungen herabzubrechen, und daran angelehnt die diversen, eigentlich unabänderlichen Gesetze frei und bisweilen lustvoll bis an die Grenze ihrer Verleugnung zu interpretieren.

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Dafür bedurfte es einer gewissen Geistes- und Interpretationsfreiheit, und die Fähigkeit, manches Unpassende auch mal passend zu machen. Leser dieses realitätsverweigernden FAZ-Blogs mit einer erfundenen Figur als Autor werden ahnen, dass im Hause des Vaters nicht immer absolut jede streng objektive Regel der Wissenschaftlichkeit eingehalten werden konnte, und man für viele seiner Thesen auch Gegenbeispiele bringen könnte. Aber während Gratian noch das Glück hatte, dass die Autoren seiner Forschungsbereiche längst tot und und ohne Chance auf Gegenwehr verschimmelt waren, und Jules Verne im Wissen lebte, dass er sich mit den Helden seiner Zukunft nicht herumschlagen müsste, scheute Schirrmacher nicht davor zurück, sich mit den Lebenden anzulegen und normalerweise längst 20 Schritte weiter zu sein, bevor die andere Seite anfangen konnte, sich über die lässige Nichtberücksichtigunjg ihrer Sichtweise aufzuregen. Und da kommt es dann her, dass manche Abgehängte und Systemdenkende ihn so lange als Verschwörungstheoretiker abtaten, bis dann Staatstrojaner kamen – oder eben jüngst die Geschichte mit dem Bank Run in Griechenland und drohenden Ende des Euro, die man mit drei Geldflugzeugen gerade noch stoppen konnte, während andere längst wieder die Lüge vom Ende der Krise verbreiteten. Er tat, was er konnte, und wofür Platz und Zeit war. Man hätte Dutzende von seiner Sorte gebraucht.

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In den fünfeinhalb Jahren, da ich unter ihm bloggen durfte, gab es so viel Hass und Missgunst, und als ich schrieb, ich würde da arbeiten, wurde ich mit Mails überhäuft, ich sollte das ja nicht tun und ich wüsste gar nicht, auf wen ich mich da einliesse – nach 6 Wochen wäre ich von dem “Monster” wieder weg. Manche von denen, die sich jetzt mit Respekt verneigen wollen, haben diese Branchengerüchte befeuert, aufgebauscht und zu einem angeblichen Schirrmachersystem verdichtet, in dem Launenhaftigkeit und Unberechenbarkeit stete Risikofaktoren sind. Das stimmt nicht. Die Leser durften sich immer überrascht fühlen, und die Kollegen düpiert, wenn sie erst mal nachlesen mussten, was der da jetzt schon wieder schreibt, fabuliert und an unpassenden Enden so verbindet, dass am Ende dort eine eigene Wahrheit steht, die gekauft, gelesen und mit gutem Recht ernst genommen wird.

Monster, kläffen die Pudel, wenn sie einen Wolf sehen und damit vor dem zittern, was man ihnen ausdomestiziert, herausgeprügelt und weggezüchtet hat.