Kennen Sie schon die neuestem wichtigste Entscheidungsschlacht der Zukunft des Netzes, wo Gut gegen Böse antritt?

Ich möchte zur Einstimmung ein paar Bilder zeigen. Die Kirche hier ist mitten aus einem Gebäude heraus aufgenommen. Welches Gebäude, werden Sie fragen – na das, von dem der Gasanschluss noch in die Luft ragt. Der ist noch da.

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Das hier war mal ein Bad. Es ist etwas unordentlich, was peinlich ist, denn man kann es von der Strasse aus betreten – es hat nur noch eine Rückwand.

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Dieses Grundstück ist zu verkaufen, und wie Sie sehen, muss man da gar nicht mehr fundamentieren. Ein paar Steinreihen sind noch da.

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Wie unschwer zu erkennen ist, war das hier einmal ein Balkon.

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Und das hier war bis vor zwei Jahren eine Bar.

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Das ist hier bei uns, in Mitteleuropa, und wer vielleicht jetzt erst in Urlaub fährt, sollte in Italien ruhig einmal die Autobahn in Mantua verlassen und auf beliebigen Strassen Richtung Modena oder Ferrara fahren. Am besten über die ganz kleinen Landstrassen. Nehmen Sie auf jeden Fall aber Concordia sulla Secchia mit, und besuchen Sie dort im vom Erdbeben zerstörten Stadtzentrum die gerade neu eröffnete Bar Tiffany. Das ist im Moment einer der surrealsten Plätze des Planeten in einer Geisterstadt, die bis vor ziemlich genau zwei Jahren eine entzückende kleine Landstadt war. Vielleicht kennen Sie sie aus der FAZ, ich war seitdem ein paar Mal unten und habe darüber geschrieben, dass es kaum etwas über die Rekonstruktion zu schreiben gibt, denn Italien ist pleite und vieles sieht bis auf die inzwischen meterhohen Unkrautstauden so aus, wie ich es vor zwei Jahren nach einigen wirklich harten Tagen verlassen habe. Bei einer Flut kann man davonlaufen und ein Feuer kann man löschen, aber ein Erdbeben? Passiert und ist schnell wieder vergessen. Ausser bei denen, die hier seit zwei Jahren ausharren und sicher auch nächstes Jahr um diese Zeit Probleme haben, von denen man sich hier keine Vorstellung macht, und gemeinsam darum kämpfen, dass es besser wird.

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Momentan werde ich hier im Internet von allen Seiten bestürmt, doch an das Gemeinsame zu denken. Das Verbindende. Das absolut Bedeutende und Wichtige, was wir als Netzgemeinde an den Tastaturen erreichen müssen. Man berichtet ja über uns, also müssen wir wichtig sein, denn nichts kommt heute ohne die Meinung der Netzgemeinde aus. Ich soll also mit der Masse gehen und mich einreihen, oder wenigstens den Mund halten, wenn ich Kritik vorzubringen habe, um anderen die Chancen nicht zu verbauen. Es geht ja um die gute Sache. Ich fahre 200 Kilometer durch die Zona Rossa, wo immer noch die Wohnwägen in den Gärten stehen, und die Fabriken nach Rumänien gingen. und die Häuser mit Drahtseilen vor dem Zerplatzen gesichert sind, ich komme aus einer Region mit absoluten Erfahrungen, in der auch ich ein paar mal so schnell aus wackelnden Häusern und Ruinen gerannt bin, als wären drei Teufel hinter mir her. Ich komme aus einem Gebiet, wo die Menschen in allen Vereinen versuchen, Geld zuammenzukratzen, Ich komme aus einem Gebiet, in dem bei allen Abhebungen darum gebeten wird, etwas für diese in seinen Grundfesten erschütterte Kulturlandschaft zu tun, und in dem jetzt brutal entschieden wird, was man vielleicht an Heimat noch retten kann, und was weggeschoben werden muss, weil kein Geld da ist.

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Und dann sagt mir ein Typ, der gerade eine Hasstirade gegen einen Internetkritiker bei SPON schrieb, wie sehr er unbedingt zu einem Kongress nach Amerika will, um dort von Postprivacy zu erzählen. Für den Flug ist aber kein Geld da, das sollen wir ihm finanzieren. Einfach mal eben so. Die Krautreporterfreunde lassen mich wissen, dass es an mir hängt, ob das gute Projekt lebt oder stirbt und ich dann mit schuld bin, wenn man die Internetszene auslacht. Es gibt bei Twitter einen Hashtag namens „Yesallwomen“, der mir möglichst laut davon berichten soll, was DIE und ALLE Frauen von uns Männern zu befürchten haben, auch wenn der Anlass ein einziger, geistig kranker Amokläufer in den USA war. Andere Meinungen sind da erst gar nicht gefragt, es sind ja Alle, die es so sehen. Ich komme aus einer Region, in der die Menschen ihre Heimat verloren haben und in ständiger Furcht vor dem nächsten Knirschen der Erde leben, ich habe das Theater meiner Freunde in Trümmern gesehen und die Balken, die die Bühne durchschlagen haben und keiner, niemand, mit dem ich sprach, wollte etwas von mir. Aber hier muss ich ganz vorsichtig sein, wenn ich einmal darauf hinweise, dass einem Crowdfunding für ein Buch dasselbe auch zeitnah zu folgen habe. Ich könnte ja einen Autoren, der es mit Hilfe der Netzgemeinde gegen das System der bösen Verlagswelt mit unseren Themen geschafft hat, unter Druck setzen. Hier soll ich mal besser für die Webseite eines Politikberaters und Agenturbesitzers zur Netzpolitik spenden, sonst bin ich ein Verräter der gemeinsamen Sache, auch wenn der Berater mit einem anderen eher so dahin gestümperten Vereinsversuch viel Schaden angerichtet hat. Darf ich überhaupt noch erwähnen, dass auch das Open Data Network aus dem gleichen Umfeld eher tot aussieht?

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Oh pardon, und ich darf natürlich auch nicht meinungsfreiheitlich Unschönes über die Piraten schreiben, denn wer sonst schützt mich vor dem Freihandelsabkommen und meine Daten, wenn er denn bei Wahlen mehr als lumpige 1,4% nach linksradikalen Querelen bekäme. Ich muss ja an das Verbindende denken – oder ich habe eine Agenda, die Partei zu zerstören. Ich sollte auch dringend für deren Steckenpferde wie von der Antifa veranstaltete Flüchtlingscamps spenden, um unser Asylsystem in die Knie zu zwingen. Immer schön den Mund halten und die Geldbörse für Macher öffnen, sonst wird man ganz schnell ein Rassist, ein Querulant, ein Fremdenfeind, ein Masku, oder wie das unter der blauschwarzen, internetdorfdumpfen Regierung in Österreich hiess, ein Vernaderer. Und wenn ich statt der nächsten Ruine hier einen Screenshot aus einem geschlossenen Forum anhängen würde, in dem eine bekannte deutsche Netzaktivistin nach einem vergeigten Wahlkampf, den sie für Buchwerbung benutzt hat, ihre Unlust für eine weitere Amtszeit verkündet, wäre das auch ganz gemein. Man müsste doch sehen, was sie für Open Data und Open Gouverment geleistet hat.

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Das hier war mal eine kleine Fabrik und sie wird nie mehr wiederkommen. Wie viele andere. Ich muss in Mantua nur das Haus verlassen und 100 Meter gehen, dann kommt ein Schild, das ein Jahr Protest gegen die Verlagerung des grössten Arbeitgebers des Ortes feiert. Ich komme zurück und lese Forderungen nach mehr Förderung für netzbasierte Kunstaktionen, nach Awareness-Teams, die sich um jede Form möglicher seelenverletzender Diskriminierung kümmern sollen, und Kampagnen für genderneutrale Schreibweisen, die mir klarmachen sollen, wie viel noch zu tun ist, und dass ich besser den Mund halte und den Aktivisten mit ihren rabiaten und für die gute Sache menschenverachtenden Twitteraccounts nicht im Weg stehe, wenn sie Politik und Gesellschaft anmaulen. Man soll das Leid der einen nicht gegen die Probleme der anderen aufrechnen, aber auch mein Spendenkonto, meine Bereitschaft, mich finanziell für dieses Netz der Selbstbereichernden und moralischen Klingelbeutelhinhalter zu engagieren, und im Zweifelsfall bei Fehlentwicklungen den Mund zu halten, ist begrenzt. Es gibt mehr als Terremoto, es gibt Obdachlosenhilfe, Frauenhäuser, Kinderhospize, die Bergwacht, den Vogelschutzbund und von mir aus auch den Verein der historischen Rosenzüchter, die mehr tun als eine Website hochschalten und winseln, wenn das nicht das gewünschte Ergebnis gibt, und mit dem Finger auf jene zu zeigen, die sich dem aktuellen Mainstream des alleinigen Netzgutundrichtigseins verschliessen.

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Ich habe diesmal nur rund 500 Bilder gemacht, und hinter jedem einzelnen steht ein Leid von indiviuellen, namenlosen Menschen ohne Stimme im Netz, so viel grösser und schwerer als das, was hier im Internet als wichtige Aufgaben der Netzgemeinde von anderen Individuen so rumgetrötet wird. Individuen, die mir sagen, was die Netzgemeinde ist und was ich dafür tun soll. Es gehört in dieser Gemeinde schon einiges an Mut dazu zu sagen, dass ich das anders sehe. Und dass die inzwischen offensichtliche Schwäche dieser Gemeinde vielleicht genau darin begründet ist, dass sie nicht wirklich anpackt, sondern nur metafaselt von dem, was getan werden muss, moralischen Druck aufbaut, sich einen Flug bezahlen lassen möchte. Die Gemeinde versteht nicht, dass man diesem Druck durchaus elegant ausweichen kann, indem man diese Leute ignoriert und die Netzgemeinde zu dem hysterischen Sumpf der moralisch Überlegenen eindampfen lässt, die sie in weiten Teilen schon ist.

Concordia sulla Secchia wird noch Jahre brauchen, um wieder eine hübsche Landstadt zu werden, aber es gibt dort wieder eine Bar als ersten Ort der Kommunikation. Weil Individuen dort etwas tun, statt nur zu reden.

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