Das Leben ist erfreulich. Der Tod ist friedlich. Problematisch ist nur der Übergang.
Isaac Asimov.

So richtig kerngesund schaut der Chef der Gothaer Versicherung auf dem Titel der Zeitung nicht aus. Eher etwas leidend und nicht mehr ganz jung, und er hat einen stressigen Job. Wie schnell kann es bei leitenden Managern gehen, zu viel Aufregung, Ärger und Stress, dann ein Infarkt, und da ist es bislang gut, wenn die solidarische Krankenkasse für die Kosten aufkommt. Allerdings hat der Chef der Gothaer gerade eine Idee, die in diesem Fall deutlich negativ vermögenswirksam wäre, will er doch, dass zukünftige Erben die Pflegekosten des letzten Lebensjahres selbst tragen müssen. Mit dem Vorschlag nämlich kam er auf das Titelblatt. Angesichts der Reichtumsverteilung in diesem bisher durchaus geliebten Lande wäre das bei Pflegefällen neben all dem menschlichen Elend auch noch eine zusätzliche Steuer für Vermögende durch einen staatlich unterstützten Erbschleicher.

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Denn dadurch – und die diversen weiteren Massnahmen für Schwerstkranke und die immer steigenden Kosten – kommt mittelfristig schnell ein mittlerer, fünfstelliger Betrag heraus, und je schlimmer das Gebrechen, desto übler nachher auch noch die Rechnung. Ganz offensichtlich wird hier die Solidargemeinschaft aufgekündigt, wie das auch sonst bei Pflege und Hartz IV nicht unüblich ist: Denn dort wird nur dem voll gegeben, der nichts hat; wer dagegen besitzt, muss erst mal teilweise sein Vermögen abbauen, um den Staat zu entlasten. Eigentlich sind Versicherungen ja dazu da, dass die Lasten und Unwägbarkeiten des Schicksals auf alle Schultern verteilt werden – jetzt jedoch scheint es so, als würde man in einer Art russischen Pflegeroulette die Besitzenden sich selbst überlassen.

Nun komme ich aus einer Familie, deren alte Mitglieder stets das Verlangen hatten, wenigstens noch einen 1. Tag des Monats und in dessen Folge noch einen vollen Monat Rente zu erleben, und die auf diese Art und Weise steinalt werden. Gerüchteweise wartete man in einem Fall sogar mal zwei Tage, bis man den Arzt rief, aber das ist nur eine Legende und interessanter finde ich ja die Frage, wie wohl die kommenden Erben des Gothaer-Chefs einmal rechnen werden. Es könnte ja auch sein, dass man angesichts drastisch steigender Pflegekosten die Älteren dazu bewegt, in die Schweiz zu fahren, wo es zwar kein richtiges Steuergeheimnis mehr gibt, aber lebensverkürzende Pillen. Früher war das eine ethische Frage, aber so bekommt sie durchaus eine ökonomische Komponente. Gar nicht auszurechnen, was es bedeutete, wenn die Ärzte hier noch eine Herz-OP und da noch eine Reha verschrieben, und dann käme der Tod… wegen 50.000 Euro haben sich schon ganze Clans über das Erben zerstritten, da ist die Frage des passenden Todeszeitpunkts und seine kostenmindernde Herbeiführung eine lässliche, wenngleich nicht ganz schöne Sünde. Schuld daran jedoch wäre der Chef der Gothaer und seine erbschleicherische Vorstellung vom Bezahlen des toten Fleisches.

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Regelmässige Leser dieses Blogs wissen natürlich, dass wir es von Staat und Organisationen gar nicht anders kennen, und nicht umsonst lauteten zwei Prämissen meines gewitzten, mal jagenden und mal wildern zufälligerweise Hirsche anfahrenden Grossvaters:

1. Die nehmen uns alles. Und daraus leitet sich ab
2. Man muss den Staat bescheissen, wo man nur kann.

Der erste Punkt droht gerade einzutreten. und ich habe keinen Zweifel, dass dessen Zielrichtung gegen die vermögenden Kreise einer materiell und geistig armen Mehrheit gefallen könnte, die dann vermutlich im zweiten Schritt ebenfalls zur Kasse gebeten wird, zwecks Gerechtigkeit, aber das ahnen sie noch nicht. Der zweite Punkt kam mir in den Sinn, als ich die Schlagzeile sah, denn da war ich gerade auf dem Weg zum Francesco und hatte mit Freuden gesehen, dass sie Trüffelravioli hatten, und das heisst, dass eine besonders gute, vegetarische Auwahl möglich gewesen ist.

Vegetarisch → Kein Tier wird geschlachtet → Kein Fleisch muss zwischengelagert werden → freie Kapazitäten in Kühlhäusern. Der Trend zum fleischlosen Leben hat nun einmal zur Folge, dass Metzgereien sterben, Menschen bewusster leben und Infrastruktur für den überzogenen Verzehr tierischer Produkte nicht mehr benötigt wird. Lagerkapazitäten jedenfalls sind günstig zu bekommen und wie wir von den Gammelfleischskandalen wissen, fragt da auch keiner vor Ort besonders nach, was man da einlagert.

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Und da habe ich eine Geschäftsidee, die zwar ethisch ein wenig fragwürdig, ja vielleicht sogar etwas pietätlos ist, aber strafrechtlich auch nicht schlimmer als Cum Ex Geschäfte ist und zudem juristisches Neuland betritt, wo, solange es keiner merkt, kein Kläger und kein Richter sein wird. Sie erinnern sich ja, dass in meiner Familie angeblich eine Leiche zwei Tage aufbewahrt wurde, um an die Rente für den nächsten Monat zu gelangen… das konnte man früher eventuell im Winter mal machen, wenn der Arzt ein Auge zudrückte. Aber wenn die Neuregelung mit dem staatlich legitimierten Raub der Erbschaft kommt, dann bietet es sich an, das im grossen Stil aufzuziehen. Im Prinzip ist die Sache ganz einfach: Vor dem Tod nimmt man den Angehörigen nach Hause. Ist es dann so weit, ruft man nicht den Arzt, sondern die Humanes Sterben, Einlagern und Kassieren HSEK Ltd. mit Sitz auf einer Kanalinsel. Wir mieten irgendwo im Osten Deutschlands zu günstigen Konditionen ein Kühlhaus an, bestücken es mit ortsüblichen, staatlich geförderten Arbeitnehmern – vom früheren Grand Hotel Heiligendamm lernen heisst siegen lernen, und im Prinzip bieten wir auch so eine Art Hotel für ruhige Gäste – und lagern dort die Verblichenen für ein Jahr schockgefrostet ein. Danach werden sie aufgetaut und ganz frisch in Begleitung eines Arztes, der einen ebenso frischen Totenschein ausstellt, zur Bestattung angeliefert.

In diesem Jahr fallen natürlich weiter Rentenansprüche an, und zugleich Null Pflegekosten – das heisst, das Erbe kommt ungeschmälert an. Es gibt hierzulande gut 8 Millionen zumeist ältere Reiche, die davon betroffen sein könnten, die meisten haben gute Renten, mehr als die Hälfte wird am Lebensende pflegebedürftig… sagen wir mal, in den nächsten 20 Jahren betrifft es konservativ geschätzt 4 Millionen Menschen mal (50.0000 Erbschaftsersparnis + 30.000 Pension/Rente) = 320 Milliarden Euro. Selbst wenn nur eine Million bei meiner Geschäftsidee mitmacht, bleiben immer noch 80 Milliarden Mehreinnahmen für die unterdrückten Vermögenden. Und wenn wir für unsere Dienstleistung 10% der Profite nehmen, bleiben über 20 Jahre 8 Milliarden Einnahmen für die kleine, steuerlich fit gemachte Ltd. auf der Kanalinsel übrig. Gestorben wird bekanntlich immer, und wie Politiker selbst über Sonderabgaben denken, sah man bei der Zweitwohnungssteuer. Auch die können profitieren! Wir werden die Übergabe des Angehörigen so gestalten, dass es immer eine gute Ausrede gibt, man habe da etwas übersehen oder nicht verstanden. Was kostet wohl so ein Kühlhaus mit Jahreskapazität für 50.000 Leichen? Ein Körper nimmt verpackt und aufgehängt 0,3m³ Raum ein, mal 50.000 ist das ein bescheidener Bedarf von 15.000m³. Peanuts!

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Es war äusserst nett mit Ihnen, hier bei der FAZ, es hat mir sehr viel Spass gemacht, ich bedanke mich sehr für die Aufmerksamkeit. Ein paar rechtliche Fragen und verschachtelte GmbHs (etwa „Ost-Gothaer Einlagerungs uG“, „Eine Allianz fürs Sterben Ltd.“) werde ich noch klären und gründen müssen, aber wenn demnächst bei Startnext eine unscheinbare HSEK Ltd. um Ihre Hilfe beim Kauf eines Kühlhauses in Mecklenburg-Vorpommern bittet, dann wissen Sie: Es lohnt sich. Und ich gehe einer anderen Beschäftigung zu Ihren Gunsten nach. Vielleicht wollen Sie ja ein paar Aktien bei Versicherungskonzernen jetzt loswerden und in die Zukunft der Pflege investieren, die an der Kostenschraube dreht und den Gewinnhahn eifrig sprudeln lässt. Denn die Gothaer möchte den Staat dazu bringen, ihre Gewinne steigen zu lassen, und ich helfe Ihnen, das gleiche zu tun. Ich sehe da kein Unrecht, und ich werde dafür auch nur 100% Biostrom verwenden. Alles für die Umwelt, und die Erhaltung Ihres Clanvermögens.