Unter normalen Umständen gibt es – um das Wort Omerta nicht zu verwenden – eine Art Burgfrieden unter Internetautoren, die es ernst meinen mit dem Geldverdienen im Netz. Die meisten kennen sich untereinander, und wenn sie sich auch nicht immer mögen, so schweisst sie doch die gemeinsame Überzeugung zusammen, beim digitalen Wandel ganz vorne mit dabei zu sein. Und ein Recht auf einem Platz an der Sonne zu haben. Das ist einer der Gründe, warum gewisse Namen und Personen immer wieder auftauchen, wenn neue Projekte angeschoben werden, denn manche garantieren auch dafür, dass andere mit etwaiger Kritik zurückstehen. Das erinnert ein wenig an den Umgang der echten Medien miteinander, die auch gerne mal für gemeinsame Ziele kleinere Differenzen übersehen, und es ist angesichts der Schwäche tragfähiger Erlösmodelle im Internet auch nicht sonderlich erstaunlich. Allein der Autor dieser Zeilen gilt diesen Kreisen gemeinhin als notorischer und zynischer Störenfried, der sich nicht an ungeschriebene Gesetze hält.

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Insofern passiert gerade etwas Erstaunliches: Das Projekt Krautreporter, das seit über zwei Wochen versucht, 900.000 Euro für ein Jahr Journalismus von 25 Autoren einzusammeln, zieht inzwischen doch erhebliche Kritik auf sich. Und zwar von Personen, die nicht gerade dafür bekannt sind, sich vorschnell illoyal zu äussern. Das ist angesichts der Grösse und Grundausrichtung des Projekts erstaunlich: Krautreporter hätte angesichts des Umfangs durchaus eine zukunftsfähige Lösung für viele Probleme sein könnte. Denn die jungen, internetnahen Autoren haben ihre Probleme bei der Umsetzung der Idee, eine „Marke“ zu werden. Mit dem Selbstbewusstsein geht es schon recht gut, aber das Eintreiben von Geld ist seit inzwischen 15 Jahren immer noch ein ungelöstes Problem für die breite Masse der Insnetzschreiber. Krautreporter dagegen stellt die technische Infrastruktur zur Vorfinanzierung und Betrieb und hält – theoretisch und wenn alles gut geht – den Autoren den Rücken von unangenehmem Kram frei, der bei der Entwicklung allererstklassigster Leistungen des Wortes nur stört.

Es hätte also eine gute Sache werden können – aber zuerst brach die Seite zusammen, was nicht sehr für Internetkompetenz steht, dann konnte man nur mit Kreditkarte zahlen, dann konnte man sich mal mit Twitter anmelden und mal nicht, dann konnte man nicht beurteilen, ob die Transaktion geklappt hatte, dann stellte sich heraus, dass zwischen Krautreporter und Kunden noch eine weitere Firma ist, eine sog. 1-Euro-GmbH namens Sparker, die ein Nebenprojekt der Krautreporter-Gründer ist, und die AGB hätte man sich vorher auch noch einmal anschauen können. Grob gesagt hatte man für das Versprechen einer Ware – ein Jahr feinster Onlinejournalismus ab Herbst – keine richtig funktionierende Kasse. Und irgendwie schlich sich bei den Betrachtern das Gefühl ein, dass Krautreporter selbst noch nicht wussten, was sie da machen sollten. Erst nach dem Start wurde ein Blog online gestellt, das etwas konkreter wurde, aber auch mit Umfragen zeigte, wie wenig Substanz der versprochenen Umsetzung vorhanden war.

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Jetzt, nach zwei Wochen, hat das Interesse an Krautreporter spürbar nachgelassen, Es gab eine Aktion zum Erreichen von 6000 Unterstützern, die erst gestern schleppend zu Ende ging. Auch die Medienberichte, die einen grossen Teil der potenziellen Kunden gleich zu Beginn erreicht haben dürfen, lassen deutlich nach. Zur Halbzeit liegt das Projekt klar unter den Erwartungen und weit hinter dem Vorbild aus den Niederlanden zurück, das in dem erheblich kleineren Land mit Geld überschüttet wurde. Allenfalls ein famoser Endspurt könnte Krautreporter noch helfen, aber für manche Kunden stellt sich inzwischen die Sinnfrage. Das Projekt selbst behauptet, die Autoren kämen aus den besten Redaktionen Deutschlands, und verweist mit Links auf deren Beiträge bei diesen Redaktionen – und behauptet gleichzeitig, der Onlinejournalismus sei kaputt, die Medien könnten es nicht wegen der Klickgeilheit nicht, und sie würden es jetzt besser machen. Da knirscht die Logik schon recht deutlich.

Kalt, arrogant, unfreundlich, aufgeblasen, weltfremd, unkommunikativ – das ist inzwischen der Eindruck, den das Projekt bei denen verbreitet, die von sich denken, sie könnten es nicht nur besser als die Medien, sondern auch besser als Krautreporter. Tatsächlich jedoch droht Krautreporter jetzt zu einem grandiosen Rohrkrepierer zu werden – und wie schon der ähnlich laut angekündigte Blogvermarkter Adical/später Adnation im Jahre 2007 verbrannte Erde zu hinterlassen. Das Ziel der maximalen Aufmerksamkeit wurde damals auch erreicht, die Umsetzung war eher schwierig, die Werbepartner ernteten teilweise wütende Proteste, und von den hochfliegenden Plänen, „alle reich“ zu machen, blieb nichts übrig. Das wirkt bis heute nach: Krautreporter wird nicht müde darauf hinzuweisen, wie gefährlich Anzeigen sind, und wichtig werbefreier Journalismus wäre. Dass ein führender Krautreporter früher schon bei Adical war, wird dabei nicht besonders erwähnt.

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Das nächste Projekt wird es nach einem möglichen Scheitern sicher sehr viel schwerer haben: Die Mediensensation einer Gründung durch Vorauszahlung ist durch, die Kunden sind oft nur mittelbegeistert, und generell zeigt sich gerade bei manchen versprochenen, aber noch ausbleibenden Büchern, dass einige Crowdfundingprojekte eher schlecht laufen. Es bleibt der Eindruck kleben, da werde nur Geld eingesammelt, und zwar in einem sehr schwierigen Prozess. Ähnlich ergeht es einem anderen, mit Vorschusslorbeeren ausgezeichneten Projekt: Das Block Magazin brauchte Monate, um die ersten 1000 Käufer zu einem Zahlungsversprechen zu bringen, was auf etwaige Journalisten eher wie die Drohung einer prekären Existenz denn wie die Chance auf ein regelmässiges Einkommen wirkt. Dazu kommt dann auch der betont zurückhaltende Nichterklärstil dessen, was geplant ist: „Tobias Amslinger schreibt einen Versuch über den ironisierten Umgang mit der Natur. “ Äh. Also. Ja. Schön.

Mir, der ich mich nicht an die Omerta an den Burgfrieden gebunden fühle, kommt es ein wenig so vor, als versuchte man sich gerade ein wenig in Sicherheit vor dem Fallout zu bringen, den Krautreporter beim Implodieren hinterlassen wird. Denn als besonders schädlich könnte sich der leicht erpresserische Eindruck erweisen, der die Projekte durchwabert: Sie könnten so tollen Journalismus machen, da kämen so tolle Leute zu Wort, das wäre so wichtig – und wer nicht zahlt, ist nicht nur gegen guten Journalismus, er verkennt auch die Mission. Bevor das Geld nicht da ist, zeigt man auch nicht, was man kann. Der Punkt, ab dem bei mir die Schmerzgrenze überschritten ist, ist das Anpflaumen der Fans bei Facebook, derer Krautreporter 10000 hat: „Alles oder nichts. 10.000 Facebook-Fans. 5.276 Krautreporter-Mitglieder. Toll. Aber ein paar von uns haben da was total falsch verstanden! Jetzt Mitglied werden.“ Bei Krautreporter ist der Fokus längst von der Rettung des Onlinejournalismus zur Rettung des Projekts und der eigenen Einnahmen gewandert.

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Es ist nur zu verständlich, dass man mit solchen „Wir Helden gegen die bösen Medien“ und „Wer nicht für uns ist ist gegen uns“-Methoden und einer Stimmung wie beim Heizdeckenverkauf nicht in Verbindung gebracht werden will. Zumal absehbar ist, wie sich die Macher beleidigt im Falle des Scheiterns äussern könnten: Die Kunden hätten das Produkt nicht verstanden und wenn sie keine Qualität wollen, dann gibt es eben keine. Folgerichtig jedoch wäre es, würden sie danach die Profession wechseln und etwa an der Supermarktkasse (mit funktionierender Kasse) oder als für den Kunden unvermeidliche Immobilienmakler in München arbeiten. Statt dessen wird man sie danach wieder bei genau den Medien sehen, die angeblich online nichts auf die Reihe bekommen und dort, so vermute ich, werden sie dann die Omerta beachten und beim Themenvorschlag nicht mehr ganz so laut betonen, dass nur sie es können und die anderen gefälligst die Kohle rausrücken sollen, wenn sie diese besondere Qualität von journalistischen „Querschlägern“ etc. haben wollen.

Andere betonen bei ihrer Kritik gerne, dass sie danach dennoch bereit sind, ihren Teil zu tun und zu bezahlen. Ich fürchte, so viel Ehrlichkeit muss sein, ich war nur in Kaltern und habe das Geld in Torte für meinen ausgehungerten Magen gesteckt. Denn ich tue nichts, was ich nicht kann und was ich kann, ist wenig, und das weiss ich.