Ich kenne nur noch Deutsche!
Wilhelm II. Anno 1914

“Peinlich berührt” umschreibt das Gefühl der inneren Ablehnung vielleicht am besten. Vermutlich ist das anerzogen, aber es überkommt mich, wenn ich manchmal die Klagen in der Presse lese, wir lebten in einer Gesellschaft des Neids und der Missgunst, die ihre Leistungsträger mit Füssen träte und sich daran ergötzte, wenn sie fallen. Zum Glück, aber mag es manchen scheinen, hat die Elite ja noch weitere heldenhafte Handlanger wie die auch in dieser Zeitung aufschlagenden Kommentar-Orks der AfD und die flinken Wiesel der FDP – naja, die ja wohl inzwischen eher gar nicht mehr – die nicht müde werden, für die Leistungsträger, Besserverdienenden und Bessergestellten zu kämpfen.

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Mein privater Eindruck ist, dass es bei diesen Hilfstruppen drei Stadien der Entwicklung gibt. Zuerst die Neureichen-FDP-Larven, die sich etwas von dieser Welt erwarten und sich für eine Elite in den Kampf werfen, der sie gern bald angehören würden, so wie der junge Ritter, der den Drachen Sozialneid den Kopf abschlägt, oder das wenigstens behauptet, und so die Tochter des Königs erwirbt, von der er glaubt, er fände die im Umfeld der Jungen Liberalen. Dann ist da der Medienvertreter, der denkt, er müsste seine publizistische Macht für die Leute einbringen, deren Firmen ihm manchmal ein wenig Fingerfood und exklusiven Zugang zu Informationen am Kaminfeuer eines überteuerten Hotels zukommen lassen, ein Hotelmonstrum, das Investoren nur in die Landschaft klotzen, damit Ärzte- und Wirtschaftsverbände ihre Mitgliedsbeiträge darin verjubeln. Da sind sie auf dem Gipfel der Macht. Der ist, offen gesagt, aber eher niedrig, und dann geht es bergab in den Sumpf der Wütenden und Enttäuschten: Die JuLi-Gattin sorgte für eine teure Scheidung und mit der Karriere als Pressesprecher wurde es nichts, und jetzt machen sie eine Wutpartei und haben den – es ist ja nicht so, dass sie nicht auch mal richtig liegen – durchaus zutreffenden Eindruck, dass sie zu kurz gekommen sind.

Pardon, ich pauschalisiere. Das ist nicht nett, selbst wenn ich wirklich jemanden entfernt, sehr entfernt kenne, der es erst als New Economy Gründer und in der FDP versuchte, es dann als Business-Experte auftrat und inzwischen bei der AfD auffällig wird. Mir persönlich geht es eigentlich recht gut, ich kann nicht klagen und habe auch nicht den Eindruck, übermässig in der öffentlichen Kritik zu stehen. Mir sind an keinem meiner Wohnorte bislang brandschatzende Mobs aufgefallen, Berlin ist weit weg und bei uns herrscht Vollbeschäftigung. Niemand diskriminiert mich hier, wenn ich die Petersburger Hängung als mein Ideal bezeichne, und darüber klage, dass mir langsam die Wand ausgeht. Das alles kann ich tun, ohne mich bedroht zu fühlen. Und dann kommt doch wieder so eine Person daher, schreit Zeter und Mordio und meint, mal wieder etwas für die vom Neid der Mehrheit verfolgten Elite schreiben zu müssen. Man sieht es ja an – und dann kommen Namen, die man allgemein kennt und die gerade vor irgendwelchen Gerichten um irgendwas streiten und sich die Schädel einschlagen.

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Peinlich berührt ist da der richtige Begriff und “In die Zange genommen” passt da auch, denn natürlich gibt es nicht “Die Elite”, die da von Unwohlgeborenen verteidigt wird. Diese Personengruppe, die über Herkunft und Besitz verfügt und laut diverser Untersuchungen nicht auf da Brennsuppn daheagschwumma ist und an Diridari hod, ist in sich gross, von Unterschieden gespalten und ganz sicher keine Einheit. Da gibt es welche, die sagen “Mir langt’s” und andere, die sagen, unter dem Aston machen sie es nicht. Da gibt es welche, die zu Privatbanken gehen und andere, die bei der Bauernbank Genossenschaftler sind. Es gibt welche, die sich totackern und andere, die einfach nur gern den Sonnenuntergang am Tegernsee anschauen. Es gibt Entwicklungen und Reifeprozesse, Versagen und Lernen, es geht manchmal zu wie in Sodom und öfters wie im katholischen Internat. Der Besitz, nach dem man von aussen, von all den AfDMedienFDP-Krawallschachteln beurteilt wird, ist da gar nicht so bedeutend. Es geht nicht darum, ihn zu haben, sondern darum, was man aus dem Leben macht.

Ein paar der Reichen, über die man hierzulande wegen einiger Prozesse gerade spricht, wohnen oder wohnten am Tegernsee. In Haftung genommen fühle ich mich aber nicht von der Masse der Menschen – die ziehen friedlich an meiner Terrasse auf dem Heilklimawanderweg vorbei und erfreuen sich an den blumenreichen Bergwiesen – sondern von denen, die mich bei einer Gruppe einsortieren wollen, deren juristisch bekannt gewordene Vertreter unfreiwillig TV und Boulevardpresse beliefern. Und die vermutlich erwarten, dass wir uns nun zusammenrotten und ihre Zeitungen kaufen, ihre Parteien wählen oder sie wenigstens auf einen Tee einladen, wenn sie uns schon ungefragt so in die Öffentlichkeit zerren und mit Leuten verknüpfen, die uns gar nicht vorgestellt wurden.

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Mein persönlicher Eindruck ist, dass diese Zwangssolidarität immer dann erschaffen wird, wenn etwas nur so mittelgut gelaufen ist. Es wird Die Bankenfeindlichkeit beklagt, auch wenn ich Banken kenne, die sich in der Finanzkrise anders als Deutsche Bank und Hypo Real Estate verhalten haben. Es wird Die Fortschritts- und Technologiefeindlichkeit bejammert, nur wenn manche eine dritte Startbahn, einen Transrapid zum Flughafen, einen unterirdischen Bahnhof oder eine Stromtrasse verhindern. Es wird die Ablehnung Des Feminismus beklagt, auch wenn die Kritik erst aufkommt, wenn Aktivistinnen anderen “in die Fresse fisten” wollen. Es wird die Abwendung von Den Piraten kritisiert, ohne zu erwähnen, dass deren unerfreuliche Extremisten Bürgerrechte als Vorwand für ihre eigene Agenda benutzen. Es wird pauschal über Kapitalismusfeinde hergezogen, nur wenn manche das Unfreiversklavenhandlungsabkommen (so heisst, das, glaube ich) mit den USA ablehnen.

Dabei bieten die letzten hundert Jahre genug Anschauungsmaterial, wie ungemütlich und unschön das kollektive Zusammenrotten hinter Fehlentscheidungen ausgehen kann. Erster Weltkrieg, serbischer Nationalismus, linke und rechte Kaderparteien, Nibelungentreue, kapitalgedeckte Rente in den USA, Vertuschung von Kindsmissbrauch in der Kirche – das alles ging nicht wirklich gut aus, und die Lasten trugen viele Gutgläubige, die damit eigentlich gar nichts zu tun hatten. Es wird vieles über die besseren Kreise in diesem Land erzählt, und über ihre Privilegien: Die gibt es. Und eines der angenehmsten Privilegien ist es, dass man aus seiner Lebenssituation heraus keinen Grund hat, sich einem Kollektiv anzuschliessen, das einem nicht mehr bieten kann, als man ohnehin schon hat. Im Gegenzug will man nicht von anderen Kollektiven als Teil eines feindlichen Kollektivs erachtet werden.

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Das heisst natürlich nicht, dass man für manche, ich sage mal, von Gerichten bisweilen missverstandene Formen der Traditionspflege wie Hausschwarzaufstocken oder steuerlich günstige Mietverträge mit Kindern kein besonderes Verständnis und Nachsicht hätte. Natürlich gibt es milieutypische Verhaltensweisen wie das nicht zu genaue Nachfragen über die Herkunft beim Kunst- oder Fondserwerb, die bei uns im milderen Lichte gesehen werden, selbst wenn die Mehrheit bei passender Gelegenheit deshalb Empörung zeigt. Und trotzdem kommt es immer auf den Einzelfall an und vor allem darauf, dass es am besten überhaupt keine Möglichkeit für irgendwelche Wichtigtuer wird, sich auf unsere Kosten zu profilieren. Vulgärsoziologie betreiben wir schon genug selbst, wenn es um die Frage der Schwiegertöchter geht, weitere Handreichungen und Gruppendynamiken möchte ich höflich dankend, aber bestimmt zurückweisen und der Chef des FC Bayern, bittschön, wohnt auch auf der anderen Seite vom See.