Nach einigen – vergleichsweise – spektakulären Erfolgen bei der Finanzierung von Buch- und Medienprojekten ist das Crowdfunding wieder in aller Munde. Der Musiker Peter Licht lässt sich von Fans ein Livealbum vorfinanzieren, das seine Plattenfirma nicht machen wollte, und einige selbsternannte Buchautoren treten gerade an, den Verlagen zu beweisen, dass Bücher über das Internet doch gehen – daran gab es in den letzten Jahren wegen einiger spektakulär geplatzter Projekte schwere Zweifel. Aber beileibe nicht alle Projekte haben einen leichten Stand: So sucht das in den Medien sehr gelobte Block-Magazin, das erst ab 1000 Käufern gedruckt wird, noch nach Subskriptienten. Und den Erfolgsmeldungen folgen wie immer die Glücksritter, aber ob deren Idee von Schreiburlaub auf Kosten der Leser mehr als ein Kindertraum wird, muss sich erst noch zeigen.

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Schon heute zeigt der Hype um das Crowdfunding seine Schattenseiten. Die Fans, die sich von der Firma Oculus eine 3D-Brille für Videospiele wünschten und sich deshalb an der ersten Finanzierungsrunde im Netz beteiligten, mussten erleben, dass die Firma jetzt von Facebook geschluckt wurde, und schlimmer noch: Facebook plant, die Brille seinen Geschäftszielen anzupassen. Die Leute, die für die ökologischen Ziele des Fairphone bezahlt haben, warten noch immer auf ihr Gerät. Ein paar Stufen kleiner zeigt sich bei einigen deutschen Buchprojekten, dass es wohl doch etwas länger als geplant dauern könnte, weil die Autoren von den Anforderungen des nicht ganz so leichten Geschäfts erheblich überfordert sind. Oder zu viele TV-Serien nebenbei schauen. Oder schnell krank werden, um einen guten Anlass zu haben, die Veröffentlichung nach hinten zu verschieben. Dann werden gemeinhin Blognachrichten, die beim Anheizen des Fundings noch so wichtig waren, spärlicher und gepresst kommt heraus, dass das Tool, auf dem die Käufer den Fortschritt verfolgen sollten, gerade leider nicht mehr geht.

Mögen solche Projekte also gehen oder nicht – meistens geht es allein um das Geld. Die Risiken tragen meistens die Käufer, und ob ihr Vertrauen in die Macher gerechtfertigt ist, muss sich erst am Ende zeigen. Die Idee der Finanzierung durch Kunden an Banken und Mittelmännern vorbei ist höchst charmant, die Umsetzung dagegen hat oft genug alle Anzeichen von riskanten Investments, mit allen negativen Folgen für das menschliche Miteinander im Netz: Schlechtes Crowdfunding ruiniert das Vertrauen. Einen ganz anderen Weg sind Michael Martinek, Daniela Horvath und Wolfgang Weihs gegangen: Sie haben ein Blog für Bilder aus dem Alpenurlaub der 60er und 70er Jahre eröffnet und Leser eingeladen, die Bilder ihrer Familien zu schicken. Vintage Alpen heisst das Projekt, und es ist frei zugänglich und nicht kommerziell im Netz.

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Es lebt allein von Bildern, die ohne dieses Blog vermutlich nie der Öffentlichkeit zugänglich gemacht worden wären: Bunte Käfer krabbeln steile, geschotterte Pässe hinauf, Frauen mit sehr spitzen Brillen und ausladenden Körpern tragen Blumenkleider, es blüht das Edelweiss und der Fahrer der Limousine trinkt bei der Jause natürlich Bier, ohne Rücksicht auf Promille. Eine Isetta rauscht über Geröll, das kein Tempolimit kennt. Gewandert wird in Knickerbockern und Karohemd, oder gar in Anzug und Krawatte, und ewig schweigen die Wälder über das hochhackige Schuhwerk mancher Damen, die damit der Bergrettung Arbeit und Auskommen geben. Es wird in Kuhtränken gebadet und Almdudler getrunken, die Autos haben noch keinen Katalysator, aber sie sind selten und überall gibt es Parkplätze. In den Gipfelkreuzen sind Gipfelbücher, in die man sich einträgt. Das Leben ist schön, sehr schön, entspannt und niemand macht einen Mountain Run. In Funktionskleidung aus Plastik.

Die Blogmacher arbeiten dabei mit allen modernen Mitteln, mit Twitter und Facebook, um dem Betrachter einen Eindruck der Vergangenheit und möglicherweise der eigenen Jugend zu geben. Schliesslich war der Bergurlaub im 20. Jahrhundert lange die bestimmende Form der Sommerfrische, und mir zumindest geht es so, dass ich dauernd die Bilder anschaue und sage: Da, auf der Seiser Alm, da war ich auch und hatte einen blauen Helm mit goldenen Sternen und habe einmal mit Blick auf den Schlern die halbe Liftschlange umgenietet! Und so sah es doch auch bei uns in Südtirol aus! So gingen wir auch mit Onkel Hans und Tante Sophie und Pudel Speedy wandern!

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Das gleiche Projekt gab es schon einmal, mit Amateurbildern aus Wien. Daraus haben die Sammler ein Buch gemacht, das es bereits in die 5. Auflage geschafft hat, und so ist es nur folgerichtig, dass es das Blog Vintage Alpen mit seinen – im Internet kostenlos zu betrachtenden Bildern – jetzt auch als käuflichen Bildband gibt. Und ganz ehrlich: Als Buch auf gutem Papier, für das die Bilder gemacht wurden, ist es viel schöner. Man sieht das ganz anders. Man klickt und browsed nicht, man blättert und bleibt hängen. Zumal man die Berge auch als erfahrener Bergsteiger selten so sieht: Es sind Bilder von Amateuren mit unausgereiften Kameras und Filmen, die vermutlich beim Porst im 10er-Pack gekauft wurden. Sie sind körnig und haben die gefürchteten Farbschwankungen (“Nimm nur Fuji für extralila Dächer”) und sehen wirklich so aus wie die Erinnerung an all die Sommertage in den Bergen. Manchmal krabbelt ein Insekt über die Linse, und dem Opel Rekord, vor dem posiert wird, fehlt ein Teil des Kühlers.

Vielleicht ist dieses Vorgehen, den Nutzer Teil des Projekts werden zu lassen, das bessere Crowdfunding: Es kann gelingen, sich Leser und Interessenten über das Internet suchen, indem man es unaufgeregt als reines Werkzeug verwendet und seine Chancen nutzt, ohne sich ihm auszuliefern. Nichts im Buch beschäftigt sich mit unserer modernen Technik, es schliesst sie aus und konzentriert sich ganz auf die Vergangenheit, die ohne kommerzielle Absicht der Bildlieferanten neu entsteht. Es ist ein Geschenk. Das Risiko trägt der Verlag, die Kunden wissen, was sie bekommen, und das Ergebnis ist kein Versprechen, sondern ein schön gemachtes Werk, das es sonst nie gegeben hätte. Das Buch ist natürlich nicht abgeschlossen, denn im Internet geht die Suche weiter. Aber ein Teil ist gedruckt und kommt – ich habe es in meiner Familie schon getestet – famos an. Viel besser als “lass uns mal im Netz nachschauen” und “ich schick Dir den Link”.

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Und vielleicht ist das auch die Zukunft, mehr jedenfalls die Zukunft als die Selbstbespiegelung. Diese Bücher aus dem Netz über das Netz interessieren nur eine kleine Zielgruppe, die nicht versteht, dass man das Netz auch nur als Werkzeug verstehen kann. Kein Drucker hätte überlebt, wenn er immer nur Bücher über den Buchdruck und seine – unzweifelhaft bedeutenden – Folgen gedruckt hätte. Mit diesem Buch tritt unsere gedankenschnelle Moderne zurück und es bleibt die Frage, ob es nicht doch auch ganz gut ist, wenn die Uhren gefühlt langsamer gehen, und das Marschtempo am Berg den Bäuchen angemessen wird. Dass es damals Grossrechenanlagen, deren Kapazität wir heute in der Digitalkamera mit uns herumtragen, nur in den Städten gab, tut der Freude am Leben in den Bildern keinen Abbruch. Das sollte uns zu denken geben.

Daniela Horvath, Michael Martinek, Vintage Alpen
Die Bilder unserer Kindheit / When we where young
160 Seiten, 16,5 x 24 cm
Gebunden mit Schutzumschlag
Durchgehend vierfarbig
€ 19,90 im Buchhandel zu kaufen und vielleicht nicht bei Ahem – azon