Es gibt da ein Institut bzw. einen Verein zum Thema Justiz – Kriminologisches Forschungsinstitut Niedersachsen e.V. – dessen Leiter in der Vergangenheit schon mehrfach mit sehr umstrittenen Erklärungen aufgefallen ist. So war er in einen Fall verwickelt, in dem aus dem Unfalltod eines Kindes in der öffentlichen Darstellung der “Fall Sebnitz“, eine angebliche Ermordung durch Rechtsextreme wurde – eine Fehleinschätzung, die sich danach zum Medienskandal entwickelte. Dieser Leiter nun beabsichtigt eine Studie über die Strafverfolgung von Vergewaltigung zu machen, und veröffentlicht dazu eine, sagen wir mal, reisserisch aufgemachte Pressemitteilung, in der folgender Satz steht:

Vor 20 Jahren erlebten 21,6 Prozent der eine Anzeige erstattenden Frauen die Verurteilung des Täters. 2012 waren es nur noch 8,4 Prozent.

Der Satz – wie die Tendenz der gesamten Pressemitteilung – lässt den Verdacht keimen, dass hier eine Gerechtigkeitslücke sei, und die Angezeigten möglicherweise oft, sehr oft trotz einer Tat straflos davon kommen. Es liegt demzufolge also nicht etwa an der möglichen Unschuld der Angezeigten – das wird nicht erwähnt – sondern an der Arbeitsweise der Verfolgungsbehörden, der Art der Anzeigenaufnahme, der Überlastung der Gerichte, und deshalb möchte dieses Institut jetzt dazu eine grössere Untersuchung machen. Es ist erstaunlich, wie viel da in der Pressemitteilung an Ergebnissen und Scheinfakten präsentiert wird, die eigentlich in einer unabhängigen und unvoreingenommenen Untersuchung zu hinterfragen wären. Aber der Leiter ist halt so ein spezieller Fall, gerade wenn es darum geht, in die Medien zu kommen.

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Man kann das natürlich auch noch eine spezielle Runde weiter drehen und die ohnehin schon vorhandene Tendenz überspitzen, und fertig ist die Empörungswelle im Netz. Folgender Tweet kommt von einer Blogautorin des “Stern” (und ehemaligen Gastautorin dieses Blogs), die aus dem Vagen, mit dem die Pressemitteilung spielt, die Gewissheit macht:

In manchen Bundesländern führen nur 4% der Anzeigen zu einem Urteil. 4%. Anders: 96% der angezeigten Vergewaltiger werden nicht verurteilt.

Das wird massenhaft verbreitet, ist aber falsch: Wenn nur 4% verurteilt werden, dann gibt es in den anderen Fällen gibt es kein Urteil nach §177 StGB. Möglicherweise, weil die Täter nicht ermittelt werden konnten, weil die Angezeigten unschuldig waren, weil andere Paragraphen zur Anwendung kamen – die Ursachen könnte eine Untersuchung schon darlegen, und möglichweise gibt es tatsächlich grosse Defizite. Aber 100% der Angezeigten kann man nicht als 100% Vergewaltiger bezeichnen, solange wir nicht Justiz im Sinne stalinistischer Schauprozesse haben. Vom Prinzip der Unschuldsvermutung haben sich aber einige Twitteraktivisten längst verabschiedet: Da geht es nicht um Wahrheit oder juristische Begriffe. Dass spektakuläre Fälle wie der von Strauss-Kahn und Jörg Kachelmann nicht mit der Verurteilung der Beschuldigten endeten, wurde von vielen Aktivistinnen nicht akzeptiert, und ein Auftritt von Julian Assange, gegen den in Schweden bislang nur ermittelt wird, sorgte beim Kongress des Chaos Computer Club für den erwartbaren Aufschrei der üblichen Verdächtigen. Die schnelle Vorverurteilung aufgrund von Indizien, die auch im Fall Edathy zu besichtigen war, ist längst Standard bei der Empörung im Netz.

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Andere aktuelle Beispiele gibt es mehr als genug; in den letzten Tagen ging es um die Anzeige einer jungen Mutter aus Ghana, die behauptet, sie sei mit ihrem schwer kranken Kind in einer Kinderklinik in Hannover mangels Krankenschein abgewiesen worden. Dass die Klinik die Darstellung entschieden zurückweist, spielt auf Twitter keine Rolle. Wenn es der Erregung dient, werden Details und unpassende Fakten gern ignoriert. Vor ein paar Wochen etwa machte ein Fall einer im Internet gemobbten Autorin die Runde, die nach den Übergriffen angeblich aus dem öffentlichen Leben verschwunden war. Dass die Autorin lediglich ein Blog eingestellt und ansonsten einen immens vollen Terminkalender mit öffentlichen Auftritten hat, die man sich auch bei Youtube anschauen kann, wurde in der Darstellung geflissentlich ignoriert – es passte nicht zur Story, an deren Ende – natürlich – die Forderung nach mehr juristischen Möglichkeiten zur Gegenwehr stand.

Social Justice Warrior” nennt man diese Gruppe von Aktivisten, die dank der verkürzten Darstellung von Twitter diesen harschen, argumentfreien Ton in die Debatten bringen, und damit leben manche gar nicht schlecht: Sei es, weil sie öffentliche Aufmerksamkeit bekommen, so wie manche Protagonistin des Aufschrei. Sei es, weil sie aus der Gefährdung ein Geschäftsmodell machen, und Firmen präventive Strategien und Schulungen anbieten. Manche Agenturen werben damit, dass sie die wichtigsten Leute kennen und mit ihnen reden, was ein wenig an Geschäftsleute im sizilianischen Hinterland erinnert (man sehe mir nach, wenn ich solche ehrenwerten Gesellschaften nicht verlinke). Es gibt genug Fälle, die Firmen vor Augen führen, was da mit ein paar unbedachten Bemerkungen ausgelöst werden kann: Eine Petition gegen den Moderator Markus Lanz etwa bekam nach viel Erregung wegen seines Umgangs mit Sarah Wagenknecht über 200.000 Unterschriften. So etwas möchte keine Firma gern erleben, und da ist es praktisch, die zu beauftragen, die angeblich die wichtigen Leute kennen.

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Aber mit etwas Glück ist die Epoche des Shitstorms ohnehin vorbei, wenn man nur die nackten Tatsachen betrachtet: So bringt eine empörte Verlinkung einer netzbekannten Ex-Piratenpolitikerin mit rund 10.000 Followern – ein scheinbar riesige Zahl, und allesamt selbst angeblich “Influencer” – Klicks im äusserst niedrigen dreistelligen Bereich. Die Zeiten, da Twitter, das Lieblingsmedium der Empörten, noch für rauchende Server sorgte, sind schon etwas länger vorbei. Der Nachrichtendienst hat viel von seiner früheren Attraktivität verloren. Dazu kommt, dass viele Folgeverlinkungen innerhalb einer sozialen Gruppe der Empörungsfreudigen zwar für mehr Verlinkungen, aber nicht für mehr Leser sorgen.

Und noch etwas ändert sich: Solche Erregungen sind nur dann wirksam, wenn sie an die Medien gelangen, sei es, weil Journalisten sie aufgreifen, oder es eine unheilige Allianz oder Personengleichheit zwischen Aktivisten und Journalisten gibt. Doch inzwischen wird zumindest in den USA genauer hingeschaut, wer da eigentlich welche Ziele verfolgt: Ein wütender Proteststurm gegen den Komiker Stephen Colbert verpuffte schnell, als die Vorgeschichte der einschlägig bekannten Verursacherin die Runde machten. Die Kampagne gegen den Chef der Mozilla Foundation, der für eine homosexuellenkritische Volksabstimmung gespendet hatte, führte zwar zu seinem Abgang – aber die Verursacher, das Datingportal OK Cupid, sieht sich seitdem selbst Vorwürfen ausgesetzt. Auch deren Gründer hatte für einen rechtskonservativen, schwulenfeindlichen Politiker gespendet.

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Scheinheilige, Krawallschachteln, Berufsquerulanten: Der Verdacht, dass die Absichten solcher Aktionen mitunter alles andere als lauter sind, Partikularinteressen verfolgt werden, oder unter dem Deckmantel der sozialen Gerechtigkeit durchaus schnöde, egoistische Motive verdekt werden, liegt nah. Und nachdem auch grössere Empörungswellen kaum mehr als ein paar tausend Klicks einbringen, werden sich die Medien entscheiden müssen, was ihnen wichtiger ist: Die kreischende Laufkundschaft oder das Stammpublikum, das mehr als unkritisches Nachplappern der Wut aus dem Netz fordert. Mit etwas Glück ist die Wut nicht schlechter als das kritiklose Abschreiben von Pressemitteilungen, mit etwas Pech aber landet man dort, wo man mit dem Fall Sebnitz schon einmal war. Nur dass diesmal kein Gutachten der Auslöser ist, sondern die Lautstärke und die überdrehte Darstellung im Netz.

Natürlich sind, wenn 4% Social Justice Warrior durchgeknallte Psychopathen sind, die 100% der Engagierten nicht ebenfalls verrückt. Aber die Existenz dieser 4% sollte man immer bedenken.

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