Largo morendo – Andantino con brio – Prrrresto a bene piacito

Vielleicht bin ich der einzige, der es hört, dieses leise Geräusch eines auf den Boden fallenden Blatt Papiers, auf dem zu lesen ist, dass demnächst das Kammerorchester sein Jubiläum feiert, und zu diesem Anlass Ravel und Bizet zur Aufführung bringen wird. Die Ankündigung ist aus der Hand meines Nachbarn gefallen, und aus dem Augenwinkel erkenne ich, dass er tief in sich zusammengesunken ist. Noch tiefer als zu Beginn des Konzerts, und vielleicht, hätte ich denken können, ist es einfach die Ergriffenheit. Manche schätzen ja das Streichquintett g-moll KV516, das Mozart 1787 schrieb, und das so gar nichts von der kraftstrotzenden Leichtigkeit all der Arien hat, die er zu dieser Zeit für Don Giovanni komponierte. Jemand hat etwas bösartig gesagt, das Quintett sei Mozart für Leute, die Mozart nicht mögen. Jedenfalls, es ist nicht gerade eingängig, man muss sich konzentrieren, und während ich mich nach vorne beuge – eine ziemlich sinnlose Geste, denn ich habe mein Gehör wegen meiner Jugend im Parkcafe verloren – schliessen andere die Augen und sinken in sich zusammen.

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Aber wenn ihnen dann die Waschzettel und Programme aus den Händen fallen, wenn sie gar kein Lebenszeichen mehr von sich geben und die Muskeln, oder was davon noch da ist, erschlaffen, dann kann das auch andere Ursachen haben. Ich zum Beispiel möchte, wenn ich mich nicht in Valeggio überfresse, wenigstens in der Pause von Mozarts Don Giovanni beim Betrachten schöner Menschen in Abendgarderobe in der Münchner Staatsoper sterben – seien wir ehrlich, den ganzen moralinsauren zweiten Teil mit dem Gewinsel Don Ottavios (Tenor und Kastrat in einer Rolle) und der neofeministischen, sexuell frustrierten Giftnatter Donna Elvira kann man sich sparen, wenn man gerade selbst zur Hölle fährt. Und wenn Sie einem dann Sterbenden diese letzte Offenheit erlauben, will ich auch nicht mehr meine Zeit mit dem Trottel Masetto und seiner absehbaren Krisenbeziehung Zerlina bei der Absprache ihrer kaputten Zweckehe verschwenden.

KV516 dagegen ist in meiner Heimatstadt im Konzertverein nicht gerade eine übermässig amüsante Angelegenheit, als dass man zu der Gelegenheit an Lebensfreude sterben möchte. Und in solchen Momenten schwindet auch meine Konzentration zugunsten einer unaussprechlichen Panik, denn was würden die Leute sagen, stürbe ein Konzertvereinsmitglied neben mir, und ich würde das gar nicht merken, und keinerlei Massnahme zu seiner Rettung unternehmen. Bei KV516 würde mir auch keiner glauben, dass ich nichts bemerkt hätte, also gebe ich meine vorgeschobene Position auf und lehne mich genau so zurück, dass ich den alten Herrn nicht zu sacht und nicht zu heftig berühre. Daraufhin entsackt er sich ein wenig. Richtet sich leicht auf und ich meine auch zu erkennen, dass seine Augen wieder geöffnet sind. Dieses Anstupsen ohne echtes Anstupsen, das jede Peinlichkeit vermeidet, das lernt man bei uns wie das Hustenunterdrücken früh und verlernt es nimmermehr.

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Ungeachtet dessen, man muss es leider sagen: Der Konzertverein ist fast 100 Jahre alt, und der Altersdurchschnitt der Besucher ist gefühlt nur unwesentlich jünger. In meinem fortgeschrittenen, über den Tod sinnierenden Alter bin ich hier noch einer der Jüngeren, und es ist kein Wunder, dass sich der Gebrauchtheiratsmarkt dieser Stadt aus dem Verein hin zur sonntäglichen Matinee in der Asamkirche verlagert hat. Dabei macht der Verein phantastische Arbeit, aber es ist wie überall: Die Jugend verliert wohl leider das Interesse. Und in meinem Alter gibt es auch viele, die klassische Musik lieber konzentriert daheim auf einer besonders guten Anlage hören. So kommen heute vor allem jene, die schon immer da waren, und in 20 Jahren mag diese Herrlichkeit vielleicht keine Besucher mehr finden. Vorne spielt ein Ensemble Alte Musik und im Saal verstreut sitzen ich und vielleicht noch 20 andere – das ist eine unschöne Vision, die mich manchmal überkommt, wenn ich den Blick schweifen lasse, oder neben mir ein Blatt verräterisch zu Boden fällt.

Darauf stellt sich wohl gerade der Bayerische Rundfunk ein, der für sein neues Jugendradio “Puls” eine UKW-Frequenz haben möchte. Ausgerechnet der Bayerische Rundfunk, dessen ergrautes Jugendformat “Zündfunk” seit Jahrzehnten Jugendradio macht, wie sich das nur Alt-68er Medienpädagogen in Nordrhein-Westfalen mit einer Neigung für genderneutrale Ausdrucksweise ausdenken können, ausgerechnet diese staatsparteinahe Mammutbehörde will also flippiger werden, mindestens so flippig wie die Kindertotenlieder feat. von Webern. Diese UKW-Lizenz soll BR Klassik -. früher Bayern 4 Klassik – liefern, das im Moment frei auf UKW empfangbar ist, und zwar so, dass all die älteren Herrschaften auch wissen, wie sie das in der S-Klasse, in der Villa und im Ferienanwesen empfangen. BR Klassik, so wird gedroht, soll dann “trimedial” auf DAB+ und ins Internet abgeschoben werden. Deshalb liegen hier bei uns Unterschriftenlisten aus, weil man natürlich nicht akzeptiert, dass uns das einzige, seriöse Programm genommen wird. Und wie dieses alte Publikum in der Lage ist, nach Dvorak einen Höllensturm des Beifalls im Konzertsaal zu entfesseln, so probt es jetzt auch den Aufstand. So frei und fair stelle ich mir Unterschriftenaktionen auf der Krim zugunsten von Moskau nicht vor, das hier ist mehr wie Nordkorea, nur ohne Zwang, aber mit viel Überzeugung.

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Noch ist es nur eine Liste der Bitte und keine Proskritpion. Tanzen lass all sie wild durcheinander, hier Menutte, dort Sarabanden, hier Menuette, schliesse die Reih’n, dort Sarabanden, schliesse die Reih’n – es ist der fröhliche Ingrimm der Champagnerarie, mit dem sich das Publikum hinter seinem Sender versammelt, denn es hat ein Recht auf die Übertragung der Opernfestspiele aus München. Stifte senken sich auf das Papier wie die Hämmer in der Zigeunerschmiede, denn was der Berliner an Forderungen an den Staat hat, das kann man hier und jetzt auch ein einziges Mal vortragen, wenn einem das Glück geraubt wird, auf dem Weg in den Urlaub keinen Dudelfunk hören zu müssen. Es ist kein grosser Hörerkreis, aber er weiss, wie man laut wird, richtig laut, und wem man Druck machen muss, damit der Hörfunkkulturschänder im Rundfunkrat gesagt bekommt, dass er hier keine Karriere mehr machen wird. Ja, die Jugend, die klaut ihre Musik doch sowieso im Internet, die schuffelt den Ipod, hat einen USB-Anschluss im Dacia Sandero, und ist sicher ganz scharf auf trimediale Konzepte, die aus Notebooks und Iphone krächzen.

Bescheidene 260.000 Hörer soll BR Klassik täglich haben, aber die sind organisiert und setzen sich für ihren Sender ein. Das sind nicht die hektischen Zapper mit 2 Minuten Aufmerksamkeitsspanne. Das ist das Publikum der Stationstaste, das sind die Dauerklatscher, die Schweiger bis zum letzten Verhallen, die Inderpausenichtheimgeher, diejenigen, die sich all den entwürdigenden Prozeduren der Kartenbeschaffung unterwerfen, um von Bayreuth bis Mailand mit dabei zu sein. Ein Freund meiner Eltern ist in seiner Jugend mit dem Rad über die Alpen nach Mailand gefahren, um dort in die Scala zu gehen – sie mögen alt aussehen, aber sie kommen noch aus einer anderen Zeit. Als vor ein paar Jahren schon mal versucht wurde, BR Klassik in die Neuesten Medien abzuschiessen, hat man sich auch schon auf die Hinterfüsse gestellt. BR Klassik bleibt – dieser Schwarze Block hier kennt keine Kompromisse, und akzeptiert keinen Staat und kein Spardiktat. Schliesslich ist die Haushaltsabgabe für die öffentlich-rechtlichen Programme für unsereins doppelt oder dreifach teuer, wenn weitere Familienmitglieder aus Gründen der Zweitwohnungssteuer in den besten Lagen gemeldet sind.

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Die Unterschriftenliste ist natürlich nur die erste Warnung, damit der Rundfunk weiss, dass er sich hier mit den Falschen trimedial anlegt. Denn er verstösst gegen das Heiligste aller bürgerlichen Gesetze: Was wir einmal haben, geben wir nicht mehr her. Mit dem Gefühl, es denen gezeigt zu haben, geht man hinunter in die Tiefgarage und ist weiblich, über 80 und mit Stock beschwingt der Meinung, dass doch besser einer der Jungen aus diesem Quintett die Zugabe hätte ansagen können. Denn die waren wirklich gut aussehend, also echt, und nicht bärtig wie jener Ältere, der es letztlich tat, und was ich zu den Kleidern sage. Die zweite Geige in Grün fand ich grandios, antworte ich und wäre nicht überrascht, wenn demnächst eine geschiedene Tochter hierher shanghait wird, in Grün natürlich und Schulterfrei. Dann fahren wir alle in den Stau an der Schranke, durchmessen die Nacht über der kleinen, manchmal nicht ganz so dummen Stadt an der Donau, und hören dabei BR Klassik, wir spielen uns auf, ja, wir spielen denen auf.

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Begleitmusik:

Es gibt ganz frisch von alpha eine wirklich schöne Liveaufnahme des Te Deum von Charpentier aus Versailles – und vom Te Deum von Lully, der bekanntlich ein unangenehmer Zeitgenosse war und sich beim Taktschlagen dieses Stücks den Stock so in den Fuss rammte, dass er daran starb. Was für ihn zwar unschön, aber fast so stilsicher wie ein ein Tod in der Pause von Don Giovanni ist.

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