Man lasse den Affen 4 Stunden im Rohr und lösche ihn dann mit Weisswein ab.

Es ist so gut wie unmöglich, im Internet 15 Jahre freidenkend in gesicherter Position über Minderbemittelte und Niedrigunwohlgeborene zu schreiben, ohne dass einem von verschiedenen Seiten mit Todeswünschen geantwortet wird. Besonders unhöflich empfinde ich es bei dieser seltsamen Koalition aus Internetunternehmern, PRlern, Antifas, Rechtspopulisten, Feministinnen, Piratenpolitikern und anderen Gerechtigkeitsfreunden, dass sich ihre Vorstellung meines nur vorbehaltlich akzeptierten Ablebens überhaupt nicht mit meiner Hoffnung desselben deckt: Ich würde mich gern in Valeggio sul Mincio zu Tode essen, dann im Minciotal begraben werden, und jeden Tag müsste man einen Kessel mit heissem Wasser, in dem Tortelli di Zucca gekocht wurden, auf meiner Ruhestätte ausgiessen. Das wäre hübsch. Vermutlich, und das ist mir letzten Mittwoch wieder vor Augen geführt worden, werde ich aber in meiner Küche sterben, wenn ich vom Biedermeierstuhl falle, weil ich beim Putzen des Kronleuchters zu unvorsichtig bin.

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Ja, ich habe einen Kronleuchter in der Küche. Einen ganz kleinen, nur mit fünf Flammen, weil der mit 12, den ich dafür eigentlich vorgesehen hatte, für meine winzige 12m²-Singleküche doch zu gross ist. Und ich gebe auch gern zu, dass es in einer Küche, in der wirklich gekocht wird, kaum eine unpraktischere Beleuchtung als einen massiven Glassteinleuchter gibt. Mindestens vier mal im Jahr kann ich nicht umhin, ihn zu putzen. Zu Erklärung, Verteidigung und Begründung darf ich sagen, dass es keinesfalls dekadent ist: Ich hatte zu meiner Berliner Zeit eine Wohnung mehr als heute, und als ich Berlin auflöste, blieben so viele Kronleuchter übrig, dass sie aus Sparsamkeitsgründen auch im Bad, im Gang (über vier Stockwerke), auf dem Balkon und im Speicher hängen. Und fünf liegen wohl auch noch irgendwo in Kisten herum. Ich habe halt ein paar Kronleuchter zu viel und da ist es nur natürlich, wenn man sie nimmt, wie einem die Räume so zufallen. Leider muss ich aber sagen: Die Realität meiner Kreise hat mich eingeholt. Küche ohne Kronleuchter geht heute nämlich nicht mehr.

Man muss nur mal am Tegernsee entlang fahren und in die üblichen Küchengeschäfte schauen: Da hängen überall Kronleuchter. Nicht diese absurden Lichtleisten mit ein paar herabhängenden Zufallskristallen, sondern die alten, schweren Exemplare aus Messing oder Geblasene aus Murano, oder gefertigt aus Geweihen, wenn es etwas ländlicher sein soll und man eh nicht weiss, wohin mit den Trophäen vom Opa. Und das kommt hier nicht aus dem Elend heraus, dass man sich irgendwann auf drei Wohnsitze beschränkt und so etwas übrig bleibt, nein, das wird bewusst so als Ensemble zusammen mit der Küche gekauft. Neue Küche, alter Kronleuchter, dazu eventuell noch ein alt wirkender AGA-Herd. Über AGA sagt Wikipedia Erfreuliches: “Im 21. Jahrhundert gilt der AGA-Herd als Energieverschwender. Der Hersteller gibt eine permanente Leistung von 0,86 kW an. Damit kommt sein Energieverbrauch auf 7.500 kWh pro Jahr und bei Strompreisen vom April 2009 auf gut 1.200 €/a Betriebskosten.” Damit ist der AGA die ideale Ergänzung für einen 12-flammigen Kronleuchter mit matten 40-Watt-Kerzen – ein Must-Have.

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Besonders, wenn die Küche heute, wie so oft, im Wohnbereich integriert ist und als Schaustück gilt. Obwohl ich persönlich den rücksichtslosen Einsatz von Kronleuchtern absolut befürworte, geht mir das nicht nur einen essensdunstverseuchten Schritt zu weit: Es ist auch ein Verstoss gegen die Tradition, und schlimmer noch, es lackiert den Niedergang der besseren Gesellschaft gefällig um. Denn zu keiner Zeit, seitdem manche in Richtung Stadtpalast jenes Wohnstallhaus verlassen haben, in dem andere noch Jahrtausende blieben, war es je so, dass man Küche und Wohnen vereint hätte. Das hat man stets zu trennen gewusst, sei es wegen der Feuergefahr, sei es, weil das schwitzende Personal kein schöner Anblick war, sei es, weil Kochen nun mal mit Dreck und Geruch verbunden war, oder einfach nur, weil man eben die Klassengrenzen wahren wollte. Der eine kocht und der andere isst und damit sie nicht direkt in Kontakt kommen, ist in meiner Bibliothek die Tür zum Gang mit einem Fenster versehen: Früher war nämlich dieser Raum die Küche und das, was heute meine Küche ist, war nur die Speis für die Vorräte. Und das Essen wurde von der Köchin durch die Tür dem Personal gereicht, das das Essen auftrug.

Das war eben die gute alte Zeit, da hatte jeder seinen Platz, die Kinder sassen am Tich gerade, hielten den Mund und hatten keine Sonderwünsche wie Nutellasalamicolabrote. Die Familien waren auch gross genug, dass ein ganzes Stockwerk im Speicher denen vorbehalten blieb, die den Familien das Wasserschleppen, das Waschen, das Holzhacken und Bedienen gegen Lohn, Kost, Logis auf 6m² und die Vermeidung von Unannehmlichkeiten in Kohlegruben und Giessereien abnahmen. Natürlich lebt heute niemand mehr so. Selbst sog. Mehrgenerationenhäuser haben zwar Spülmaschine und Wäschetrockner, aber nicht mehr dieses Gemeinschaftsgefühl einer Sippe, die auf Gedeih und Verderb aufeinander angewiesen ist, und dafür Personal braucht. Im Speisezimmer war der Kronleuchter, in der Küche der Kienspan und das Lodern des Feuers. Das war die grosse Zeit jener grossen Lüster, die man heute in der Küche zeigt.

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Heute ist das, wie gesagt, eine Lebenseinheit mit loftartiger Anmutung. Irgendwo im Raum ist dann die Kochinsel und daran sind Barhocker zu finden, auf denen Menschen halbstehend lümmeln, den Ellenbogen auf dem Tischersatz haben, und quasi vom Kochtopf weg essen, am liebsten natürlich mit dem risikominimierenden Löffel, das geht so einfach. In der Werbung werden solche zwanglosen Gemeinschaftserlebnisse als schick präsentiert – ich gehe sicher nicht falsch in der Annahme, dass man vor 100 Jahren Personal sofort entlassen hätte, wenn es in der Küche so ein Benehmen zeigte. Nicht nur die Küche hat sich in den Wohnraum unter den Kronleuchter geschoben – auch das Verhalten der Pferdeknechte und Waschweiber hat sich in die gute Stube vorgearbeitet. Auf der Vormarschstrecke der Unterschicht bleiben dann natürlich Tafelsilber, Brokattischdecke und Goldrandgeschirr und alles andere, das früher schied den Herrn vom Schimp

Ich muss vorsichtiger bei der Beschreibung von Primaten sein, sonst kriege ich wieder Drohungen von der Antaffa. Abgesehen davon glaube ich nicht, dass in diesen Schauküchen wirklich wie früher gekocht wird, denn nicht nur die Preise und Ausmasse der Küchen nehmen zu – es werden dort auch TV-Geräte verbaut, und es steigt der Umsatz von Fertiggerichten. Der englische Begriff “Convenience Food” ist hier wirklich angemessen. Denn es geht hier nicht um “Gerichte”, die angerichtet werden müssen, sondern nur um Essen und Bequemlichkeit bei TV-Unterhaltung, unter Vermeidung der Kunst, die “Kochen” ursprünglich einmal war. Früher hatte man Dienstboten in der Küche, heute wird die Zubereitung an grosse Nahrungsmittelkonzerne und ihren Marken abgegeben: Das erlaubt tatsächlich, die geruchsarme Küchenattrappe unter einen Kronleuchter im Wohnzimmer zu haben, und eventuell mal Tomaten und Mozarella mit dem Keramikmesser zu säbeln, während darüber die Kochshow läuft.

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Den Kronleuchter haben wir natürlich noch immer über uns, aber die Vergangenheit ist ausgelöscht. Es ist kein Wunder, wenn die Kinder dieser Familien dereinst, wenn sie 22 sind, vor der Bewerbung die “Soft Skills” des Benehmens am Tisch und die richtige Haltung von Messer und Gabel mühsam in einem teuren Kurs erlernen müssen, um den Anforderungen der gewünschten Gehaltsklasse zu entsprechen. Daheim bringt das Essen jedoch der automatische Kühlschrank. In Plastikverpackung. Weil, Abspülen und Dinge erhalten, das ist so 19. Jahrhundert, das kann man heute keinem mehr zumuten, und so eine Küche nimmt in den Metropolen ohnehin nur teuren Platz weg.

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