Mei is des schee.

Eigentlich ist alles wie immer. Nichts deutet darauf hin, dass hier gerade, zumindest für manche, die Welt untergegangen ist, und sich für den Rest der Planet zumindest ein paar Grad aus ihrer Achse verschoben hat. Der Himmel ist so italienisch blau, wie er nur sein kann, die Fernsicht auf die smogverseuchten Niederungen von München ist phänomenal, es fahren Schifferl über den glasklaren See, die Menschen trinken Spritz, Hugo und Espresso, und die Schlange beim Konditor, der gleichzeitig der Spitzenvertreter der CSU ist, reicht bis auf die Strasse. Zurecht, natürlich. Es ist alles wie immer. Mit dem kleinen Unterschied, dass dieser Landkreis, dessen Bewohner zu den Reichen, und, wenn sie am Tegernsee leben, sogar zu denen gehören, denen der unverschämte Staat alles nimmt – dass dieser Landkreis, der Bayerischste aller Bayerischen, diese Postkartenidylle mit Vollbeschäftigung und Trachtengeschäften, nunmehr von einem Grünen – früher hätte man summarisch gesagt, Longhoorada, Gommunisd, Keandlfressa – regiert wird.

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Dafür gibt es handfeste politische Gründe. Der Kandidat der CSU war affärenerschüttert und der Kandidat der Freien Wähler musste plakatieren, dass er “unbelastet” sei – einfach, weil es bei seiner Gruppierung auch welche gab, die mit der CSU paktierten und ebenfalls den Verlockungen von Macht und Einfluss nicht widerstehen konnten.Und der grüne Landrat Herr Rzehak, der hier längst nur noch den Ehrentitel “da Scheehak” trägt, ist äusserlich und vom Lebensstil her einer von hier, und hat es den Leuten leicht gemacht, das Kreuzerl bei ihm zu setzen. Hier hat man keine Angst, er könnte Drogenausgabestellen einrichten oder verständnisvoll nicken, wenn ein paar Autonome Autos anzünden und Banken beschädigen. Da Scheehak ist halt so, wie man sich vielleicht einen Grünen in dieser Region vorstellen würde, bayerisch, heimatverbunden, volksnah, mit dem richtigen Dialekt gesegnet und einer, von dem man hofft, dass er jetzt den Affärensumpf austrocknet. Und wenn er das macht, dann wird das sicher so ein Gewohnheitslandrat, den man die nächsten 24 Jahre immer wieder wählt, weil man den ja kennt und der macht das schon und lieber grün als eine Veränderung und Leute, die man nicht kennt.

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Aber auch sonst ist es für jene, die hier leben, keine Überraschung. Denn hier im Tegernseeer Tal, dem Elysium der Bayern, wo da Scheehak eine statte Mehrheit der Stimmen bekam, hat sich viel verändert. Zum Beispiel rechts von diesem Bild. Da liegt Gut Kaltenbrunn. Das war früher ein Mustergut der Bayerischen Herzöge, auf dem neue Methoden der Landwirtschaft ausprobiert wurden. Später wurde es an einen CSU-nahen Unternehmer veräussert, der das historische Ensemble mit seiner weithin gerühmten Gaststätte zu einem Luxushotel umbauen wollte. Da kam es zum Aufstand von Teilen der Bevölkerung, es ging vor Gericht, wo die CSU und der Unternehmer verloren. Die Antwort des Unterlegenen war, dass der beliebte Biergarten geschlossen und das Gut zu einem verödenden Schandfleck wurde. Und letztes Jahr haben sie dann auch die Hecke wegrasiert, die den Weg hoch zum Gut begleitete. So etwas merkt man sich: Wer einem da den Biergarten mit der schönsten Aussicht geraubt hat.

Noch weiter oben kommt dann ein brauner, kastenartiger Neubau. Privatkliniken hat es hier am See immer gegeben, aber die hier ist anders: Die will internationale Superreiche und Prominente von den kleinen Kulturkrankheiten heilen, die das Leben an der Spitze so mit sich bringt. “Fett absaugen” klingt scheusslich, aber das ist gar nicht das Problem. Das Problem ist, dass der Kasten so gross wurde, und bei den Menschen angesichts der Investorenmonstrosität das Gefühl bleibt, sie wären nur noch Verschiebemasse beim Einzug der internationalen Oligarchie ins Tal. Da ist die Angst vor einer Gentrifizierung – dass die Leute von hier, die nicht arm sind, von denen verdrängt werden, die sich noch eine Immobilie am Tegernsee leisten, zusätzlich zu denen, die sie schon haben.

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Drüben in Tegernsee gibt es einen bekannten Wanderparkplatz, von dem aus Familien mit Kindern die ersten Bergtouren auf die Neureuth machen können. Wenn die Kinder auf halbem Weg hinunter dann ungemütlich werden und zu viele Leute für Dulliwack da sind, sagen die Eltern: Wenn Du artig bist, gehen wir unten in die Bergschwalbe, und Du bekommst einen Germknödel. Die Bergschwalbe ist ein hübsches Cafe, an dem bislang die Zeit vorbei gegangen ist, mit Blick auf den See, auf eine Obstwiese und Kühe und viel Auslauf für Kinder, die nach dem Zuckerschock des Germknödels wieder herumlaufen. Das wird bald vorbei sein, dann dröhnen dort oben die Betonmischer und Baufahrzeuge, denn im Landschaftsschutzgebiet soll ein eigenes Almdorf entstehen. Almdorf ist CSU-Freie Wähler-Bayerisch für “gated Community”, da wird eine abgeschlossene Wohnanlage des Luxussegments errichtet. Einheimische haben es nicht leicht, wenn sie hier etwas baulich verändern wollen, aber wenn so ein Konzern mit Blick auf internationale Investoren baut, darf natürlich auch so eine Alm für eine Dorfsimulation verschwinden.

Und so geht das immer weiter. Da ist ein Neubaugebiet, für das die Mächtigen mal eben ein Charakteristikum der Region, eine alte Baumreihe mit mächtigen Eschen, abholzen wollten. Da ist der historische Gasthof hinten in Rottach-Egern, in dem der Wildschütz Jennerwein feierte, der abgerissen werden sollte, zugunsten von zwei Blocks mit Wohnungen im alpenländischen Stil. Da sind all die internationale Investoren, für die der rote Teppich ausgelegt wird, während ein kleines Hotel nach dem anderen schliessen muss. Vielleicht muss auch einmal das Gymnasium im Tegernseer Schloss schliessen, weil sich Familien das Leben hier nicht mehr leisten können, und all die hier urlaubenden Oligarchen keine Kinder mitbringen. Die Leute merken, dass sich etwas verändert, und es gefällt ihnen nicht. Viel wurde gelacht über die Münchner, die sich angeblich selbst von der Zukunft abschneiden, indem sie eine dritte Startbahn bei ihrem Flughafen verhinderten. So ein Gefühl, dass es jetzt reicht, dass man nicht noch mehr raffen will, weil es sonst ungemütlich wird, hat sicher auch einen Ausschlag gegeben, warum so viele ihr Kreuzerl beim Scheehak gemacht haben. Weil das auch einer von denen ist, die es nicht ganz so gaach angehen wollen.

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Früher war es so in Bayern: Da wählte man daheim die CSU, damit hier alles so bleibt, wie es ist, und andere erst die schlimmen Folgen der Moderne erdulden mussten. Die CSU garantierte, dass die Leute in ihrer Heimat jenseits von Autobahnen und AKWs in Ruhe gelassen wurden, und die Moderne, wenn sie dann kam, bayerisch verbrämt wurde – so wie halt da Scheehak auch Loden trägt, und der Naturschutz im Gewand des Kampfs gegen Gentechnik und in bierbäuchiger Form der traditionellen Almbewirtschaftung daher kommt, mit Hofläden, frei laufenden Enten und Urlaub auf dem Biobauernhof und Todesstrafe für alle Gastronomen, deren Fleisch nicht aus heimischer Produktion kommt. Diesen Pakt hat die CSU hier in Miesbach einseitig aufgekündigt, und so schaut man sich halt pragmatisch um, wer einem hilft, das Idyll zu bewahren.

Das ist gut für das Tal. Das ist vielleicht weniger gut für die Grünen oder das, was manche von denen so denken, denn es zeigt, dass auch diese Partei anfällig ist, der Schönheit so einer Region zu erliegen und Politiker hervorzubringen, die freiwillig Blasmusik anhören und Fleisch vom Fleische des Volkes sind. Nicht nur Miesbach hat sich geändert, auch die Grünen sind bodenständig geworden. “Liebe zur Heimat” geht denen selbstverständlich von den Lippen. Verloren haben hier also nicht nur die speziell-spezlhaften CSUler, sondern, wie schon in Baden-Württemberg, die Grünen als linke, radikal fortschrittliche Bewegung. Vom blauen Wasser des Tegernsees erschallt der Ruf gen Berlin und seiner Opposition: So geht’s mit den grünen Mehrheiten, Freunde der Blasmusik. Das folgende, zwiderne G’sicht von Kreuzberger Aktivist_Innen stellt man sich besser erst nach dem Kaiserschmarrn vor. Jedenfalls, jetzt sind wir grün regiert und keiner kann mehr sagen, wir wären reaktionär, oder bei uns würde sich nie etwas ändern. Das wird jetzt allen um die Ohren gehauen, bis ihnen Feminismushören und Veggiedaysehen vergeht.

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Zyniker werden jetzt sagen, dass unser Heumilch-Naturschutz, unsere Ökodenkmalpflege, die nachhaltige Bewirtschaftung, das von der Sanktjohannserin massgeschneiderte Dirndl für die Tochter und der Kotau jeder Gaststätte, immer nur heimischen Bärlauch zu verkochen, angesichts des Reichtums der Region ja auch nur grün lackiertes Knallschwarz in seiner allerübelsten Form ist, mit Rauchverbot und kollektiver Zwangsnaturbeseufzung, mei is des schee.

Ist es aber auch, und damit sich nichts daran ändert und alles schee bleibt, musste sich halt im Büro des Landrats alles zum Scheehak ändern. Manche haben vielleicht wirklich grün gewählt,aber die meisten den Scheehak und dass jetzt wieder eine Ruhe ist im Tal.

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