Am jüngsten Tag da putzt ein jeder/ Ja sein Gewissen und sein Gewehr.
Und dann marschiern viel Förster und auch Jäger/ Aufs hohe Gamsgebirg, zum Luzifer!
Das Jennerweinlied

Jahrelang habe ich erzählt, wie schön und beschaulich das Leben am Tegernsee im Landkreis Miesbach ist. Gut, die G’schichd mit dem Beisheim, wie das hinten in Rottach zu Ende gegangen ist, die war nicht so schön und auch die G’schichd von der Frau Schickedanz, die ihre Villa hat aufgeben müssen, war auch etwas blöd. Aber ansonsten war es hier immer schön und wer von der Presse kam, hat nur geschrieben, wie gut unser Essen und unsere Luft und unsere Immobilienpreise dafür sind, dass andere nicht hierher kommen, und so hält man den Journalismus auch aus, im zwiefachen Wortsinn. Owa ebba hat es sich nun zugetragen, dass es da diese G’schichdn mit unserem Landrat gegeben hat, den wir heute zwar wählen können, der dann aber gleich zurücktreten will wegen dene G’schichdn, und wenn es den Herrn von der Presse drüben in Fischbachau beim Landrat fad wurde, dann konnten sie nach Bad Wiessee fahren und den Hoeness Uli besuchen, wegen dera anderen G’schichd von der Sie, liebe Leser, sicher auch gehört haben.

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Kurz, wir bekommen es gerade aggurad eig’schenkt vom Schicksal und vom Lauf der Welt, grad so, als ob die letzten Jahre sündhaft und ein Babel gewesen wären. Und vermutlich denken Sie, liebe Leser, dass wir nun, um Idole beraubt, gesenkten Hauptes unter dichten Wolken zum Wahllokal schleichen und dortselbst uns fragen, ob wir es nicht auch a wengal übertrieben haben mit dem Hochmut und dem Mangel an Decorum, woran es dem Christenmenschen ja nie nicht fehlen sollte. Und ja, die Stimmung ist hier ein wenig anders, weil die ganze Republik herschaut und tuschelt und zischt. Wie man hier früher denjenigen die Aufwartung gemacht hat, die heute diese G’schichdn da haben, das alles gereicht dem Tegernsee nicht wirklich zur Ehre. Und wenn wir im Schulhaus das Kreuzerl bei einem anderen machen, fragen wir uns natürlich, ob das nicht auch wieder so ein Bazi ist, und hoffen auf Besserung. Und als Sofortmassnahme das Abrücken der Presse hinter die Isar.

Gegenüber von unserer Schule ist die Halbruine des Gasthofs Maximilian, ein Ärgernis seit Jahrzehnten inmitten des Dorfes, ein Schandfleck, finden manche, und alle hoffen, dass sich der Maximilian dereinst wieder in Form eines schönen Supermarktes erheben wird – bald soll es so weit sein. So lange kann man sich noch die Lüftlmalerei anschauen, die über dem Türstück aus dem 16. Jahrhundert prangt und an jenen Herzog erinnert, der hier das Privileg für den Gasthof an der wichtigen Silberstrasse nach Österreich verlieh. Flankiert ist die imposante Inschrift der 30er Jahre von zwei Figuren, die hier ein jeder kennt, und deshalb steht auch kein Name nicht dabei. Sie aber, liebe Leser, sind nicht von hier und ihnen erkläre ich das jetzt.

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Das hier, dieser kräftige Bursch mit dem zerknautschten Gesicht, ist der Hasler Thomas. Als der Thomas noch ein Bub war, hat ihm ein Pferd das Hufeisen ins Gesicht getreten, und von da an ist der Thomas gewachsen. Als er 11 war, war er schon so gross wie ein Erwachsener, und immer weiter ist er gewachsen. Er wurde stark und kräftig und überflügelte bald alle Männer im Tal, er konnte Bäume ausreissen und essen für vier Mannsbilder und wuchs immer weiter. Er war ein Gigant unter Zwergen, und weil er anders war, begann man, ihn zu meiden. Er zog sich in den Stall seiner Eltern zurück und starb mit nur 25 Jahren, um als bayerischer Riese in die Geschichtsbücher einzugehen. Und ein paar Jahrzehnte später hat man ihn hier verewigt, als Stärkster er Starken, der seinen Zeitgenossen ein Wunder und ein Rätsel war, aber dessen Fähigkeiten heute noch bewundert werden – selbst wenn er krank war.

Und wenn Sie genau hinschauen… und nachdenken… dem ist halt auch so eine G’schichd passiert, ned woahr, ein Fehler in der Jugend, den er mitgeschleppt hat, und der zu seinen Lebzeiten sein Ansehen, vorsichtig gesagt, mit Licht und Schatten erfüllte. Aber er war halt einer, der Kraft wie sonst keiner hatte, es gibt hunderte von Anekdoten über seine Fähigkeiten, von Tölz bis Berchtesgaden singt man G’stanzln von ihm, dem Riesen von Gmund – was in Erinnerung bleibt, ist die Grösse und nicht das Elend, dass er sich später hat verkriechen müssen.

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Das ist der auf der Linken vom Herzog Maximilian. Auf der Rechten ist dieser junge Bursch mit Gewehr und Gams im Sack: Das ist der Georg Jennerwein aus Hausham, der hier entlang wanderte, wenn er unten in Rottach den Jägern die Sennerinnen ausspannte. Ein schneidiger Bursch, so sagt man, und übersieht das eigentlich schlimme Schicksal des Jungen, dessen Vater schon beim Wildern erschossen wurde, der als lediges Kind aufwachsen musste, und aus Sicht der Obrigkeit auf die schiefe Bahn kam. Aber im Volk sieht man das anders, der Jennerwein hat sich die Sennerinnen und Gamsböcke geholt, wie er sie bekommen hat, er fühlte sich in den Bergen frei und fragte nicht, ob er das dürfte, oder irgendein Gesetz im fernen München etwas anderes sagte. Der Jennerwein, der war kein Wilderer, der war Wildschütz und auch mein Opa und seine Kumpane pflegten zu sagen, dass man nie genau weiss, auf welcher Seite vom Revier jetzt dieser Hirsch da steht. In der ganz schlechten Zeit hat man übrigens geschossenes Wild zur Sicherheit noch einmal angefahren und dann im Auto transportiert und die Gewehre im Wald – aber ich schweife ab.

Jedenfalls, der Jennerwein, der feierte gerne und nahm, was das Land ihm gab – und dafür hat man ihn bewundert. Hintrücks erschossen haben sie ihn dafür, einen Selbstmord haben sie vorgetäuscht, und der Landrat hier musste auf Befehl vom Seehofer erklären, er trete wegen der G’schichdn zurück, ganz so, als ob man hier jemals auf den Zentimeter genau gebaut hätte, in einem Büro hausen wollte, als sei man auf der Brennsupp’n doheagschwumma, und beim Festl beim Wasi im Musäum einem Freund sagen könnte: Na, fia di is koa Blods ned. Das geht natürlich nicht. Und das ging auch schon beim Jennerwein nicht. Und überhaupt, diese G’schichdn da, ja wer hat denn vorher wissen können, dass das nachher so gesehen wird?

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Ja, Sie natürlich haben das gewusst, aber wir, die wir hier im Tal leben, zwischen See und Bergen, wir werden erzogen mit den Geschichten vom Riesen aus Gmund und lernen früh das Jennerweinlied. Die malt man bei uns an die Häuser, das sind unsere Vorbilder, von denen singt man später und lässt das Unwichtige weg. Und pfeigrohd, keine zwei Generationen, und aus denen, über die jetzt schlecht geredet wird, sind die Riesen der Sagen geworden, die von hier aus die europäische Champions League besiegten und unter denen das Freibier und die Rossbratwürste nie enden wollten. Jetzt behält halt die Sparkasse das Geld selbst, jetzt kommt ein anderer als Landrat, der mit den Ausländern Wirtschaftsprojekte schliesst, und dass der Hoeness Uli seinen Verfolgern von der Presse Wurstsemmeln hat bringen lassen, erscheint manchem vielleicht heute ein wenig seltsam, und noch nicht legendär.

Aber es is wias ist und es kummt wias kummt und in 60 Jahren wird vielleicht in Erinnerung an Herzog Horst ein Lokal mit dem Namen “Zum Seehofer” eröffnet. Und dann wäre ich nicht überrascht, wenn zur Linken ein Riese mit dem Baumstamm andere Fussballvereine zertrümmern täte, und zur Rechten ein listiger Kerl über alle lachte, die an Doktortitel, Transparenz und deutsches Baurecht glauben. Heute schleichen wir an die Urnen und sind still, aber in 60 Jahren erzählen wir in den Zirbelstuben und Luxusrestaurants die Geschichten von Titanen und Listigen, selbst wenn dann jeder Gamsbock einen Chip und jede Überweisung einen Anfangsverdacht in sich tragen wird. Man kann die Gesetze des Menschen ändern, aber nicht seine Natur, und seine Legenden.