Es gibt kein Besser oder Schlechter, es gibt nur ein Verhältnis
Berni Mayer, Der grosse Mandel

Wikipedia lässt zum Internationalen Frauentag wissen:

Heute ist der 8. März in Angola, Armenien, Aserbaidschan, Burkina Faso, Eritrea, Georgien, Guinea-Bissau, Kasachstan, Kambodscha, Kirgisistan, Laos, Madagaskar, Moldawien, in der Mongolei, in Nepal, Russland, Sambia, Serbien, Tadschikistan, Turkmenistan, Uganda, in der Ukraine, in Usbekistan, Vietnam und Weißrussland ein gesetzlicher Feiertag. In der VR China ist der Nachmittag für Frauen arbeitsfrei.

Am 8. März ist es wieder so weit und am Gesundbrunnen in Berlin wird auch dafür demonstriert, vielleicht sogar von mehr Frauen als im Einkaufszentrum daneben gerade Kosmetik kaufen, damit dieser Feiertag in Deutschland gewürdigt wird. Zumal er im Osten immer noch eine Tradition ist und Männer es wagen, Frauen Rosen zu schenken. Was, wie wir wissen, ist das aus Sicht der Genderwissenschaften heute auch schon übergriffiges Verhalten sein kann, und der Versuch, Frauen in eine Rolle zu drücken. Weshalb andere Frauen fordern, den Weltfrauentag als Überrest des gönnerhaften Sozialismus abzuschaffen.

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Ich werde mich am Samstag sicher nicht am Tegernsee ans Ufer stellen und die Frauen fragen, warum sie nicht mit Farbbeuteln die Klosterkirche bewerfen, keine Megaphone anstelle ihrer sorgsam gewählten Handtaschen tragen, und ob sie sich nicht diskriminiert fühlen, weil doch in Sambia und Angola heute Feiertag speziell für Frauen ist. Andersrum wäre es interessanter: In Burkina Faso das Leben einer Deutschen am Tegernsee vorstellen und fragen, ob sie dafür nicht die Rechte an diesem Tag und seiner Bedeutung aufgeben würden. Mir ist natürlich klar, wie billig diese Argumentation ist, und dass ich sie zudem missbrauchen könnte, einen Keil in die Linke zu treiben: Denn einerseits fordert sie eine grenzenlose Welt mit Niederlassungsfreiheit und andererseits die Abschaffung der Unterschiede zwischen den Geschlechtern – es könnte aber sein, dass die Betroffenen nur eine Option schätzen und auf den Rest verzichten. Will eigentlich nur sagen: Leider kommt man mit solchen Maximalforderungen in der Praxis nicht sonderlich weit.

Das Wort “Leider” steht hier, weil meine private, auch an sinnlosen Idealen orientierte Ansicht von der inzwischen aus dem Amt geschiedenen Familienministerin Kristina Schröder und ihrem sehr mittig-ideologischen Weltbild ausgesprochen ungünstig ist. So ungünstig, dass ich gerade in Parma ein Gemälde einer üppigen Rokokodame gekauft habe, um ein anderes Gemälde testweise zu ersetzen: Lange fragte ich mich, was genau mich an dieser Abbildung einer jungen Kanonissin eigentlich stört, bis mir klar wurde: Sie ähnelt der Ministerin, der gleiche, leicht unbedarfte Blick, in dem sicher viel Wollen liegt, aber wenig Umsetzung. Die schwächste Ministerin des Kabinetts sei sie gewesen, habe den Seehofer bereitwillig sein Betreuungsgeld für Familien machen lassen, und ein Buch geschrieben, gegen das viel protestiert wurde, hiess es allgemein.

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Das ist fraglos eine legitime Sichtweise. Sie ist legitim in Redaktionen, in denen mehr Frauen auf Führungspositionen gefordert werden, sie ist legitim angesichts von Zielen, die Rollenbilder als Urgrund des Übels und Sprache ohne generisches Femininum als Gewalt betrachten. Es ist legitim für die jungen Aktivistinnen, die Blocklisten anfertigen und jene, die dauernd Triggerwarnungen veröffentlichen. Vermutlich auch für die hier – TRIGGERROFLWARNUNG! Aus Sicht der meisten Positionen, die man im Netz so findet – oder die sich im Netz laut aufdrängen – ist Schröder nur Millimeter entfernt von Opus Dei, Hexenverbrennung und Männern, die Frauen mit dem Aufhalten von Türen Gewalt antun. Ist man nur weit genug weg vom Konsens, ist der nah dran an jeder Form von Unterdrückung und Abscheulichkeiten. Und wäre Frau Schröder wirklich eine unerträgliche Bedrohung der Frauen gewesen, hätten Parteien mit progressivem Frauenbild die letzte Wahl haushoch gewinnen müssen – es kam, übrigens trotz verheerender Presse für die Ministerin selbst im bürgerlichen Lager – ganz anders, nur die FDP hat es mit der Dirndlfreundschaft klar übertrieben.

Das liegt schlicht und ergreifend daran, dass das in diesem Blog nicht eben wohlgelittene Ideal der SUV-Mutter, die daheim eine Putzhilfe und in der Schule die Garantie auf eine neue Kletterwand alle 5 Jahre und das schuleigene Segelboot hat, vielleicht nicht für alle erreichbar, aber dennoch für viele ein erwünschter Status ist. So, wie viele Frauen gefälschte Guccitaschen, an Hermes erinnernde Tücher und Visitenkarten tragen, deren Titel leichtfüssig über die Bedeutungslosigkeit ihrer Tätigkeit hinwegtäuschen, so sind die Originale des Erfolgs dennoch weiter stilbildend. Dazu passt auch, dass in der Ebene dieses Landes kreative Projektmacher ohne Aussicht auf geregeltes Einkommen in Beziehungen prinzipiell möglich, aber bei längerfristigen Partnerschaften nicht übermässig begehrt und schon gar kein beliebtes Rollenmodell für fortpflanzungsfreudige Männer sind. Ab einer gewissen Einkommensstufe ist das Betreuungsgeld schlichtweg eine erfreuliche Zusatzleistung des Staates, und dass Frau Schröder keinen Sonderfonds für bundesweite Gesprächskreise zur Revolution des Menschenbildes aufgelegt hat, wird hier von keiner Seite als gravierender Nachteil verstanden. Man könnte auch sagen, sie erschien wie eine vom Desaster der Überalterung durchschnittlich überforderte Frau in einem durchschnittlich überforderten Ministerium und hat Politik für durchschnittlich überforderte Frauen gemacht, mit Blick auf kurzfristige Linderung für den Durchschnitt, den sie kannte. Das war eigentlich keine Politik, das war Doris Day für das 21. Jahrhundert, nur ohne Gesang und humorfrei.

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Aber eben auch keine Alice Schwarzer und kein Mitglied einer radikalfeministischen Sekte, kein Sarrazin, keine Birgit Kelle und keine Sybille Lewitscharoff: Irgendwo dazwischen dümpelte sie mal so und mal so herum und sah aus, als wäre ein guter Tag schon einer, an dem sie nicht durch die Spalten der Zeitungen gehetzt wird. Am Ton des Auseinandersetzung zwischen den Extremen hat sich seit ihrem Abgang etwas geändert: Es läuft etwas fehl in der öffentlichen Debatte und Auseinandersetzung, vielleicht liegt es an der einschläfernd grossen Koalition oder einfach nur am Zwang, Bücher zu verkaufen, jedenfalls ist der publizistische Raum zwischen Mutterkreuz-Apologetik und Genderzwang enger geworden. Mit dem Ergebnis, dass die einen Farbbeutel und Petitionen füllen und die anderen eigentlich ganz froh sind, wenn an der Spitze eines Ministeriums eine Person sitzt, die für dergleichen Umtriebe viel zu unflexibel und in ihrer Rolle und Klasse verhaftet ist. Und sogar irgendwann keine Lust mehr hat und nur noch nebenbei ein wenig Abgeordnetenrolle füllt. Das ist ehrlich.

Vielleicht habe ich also Kristina Schröder doch etwas Unrecht getan und sie als Ausrede genutzt, um für eine völlig überfüllte Wand statt einer sittsamen Kanonissin noch einen wahren Berg von quellendem Inkarnat zu kaufen. Das ist nicht nett. Vielleicht verschont auch ihre Nachfolgerin diese neue Republik der Empörung und des Geplärres vor Einmischungen in private Lebensbereiche, und tut vielleicht etwas mehr für die Probleme der Moderne, die nicht aus der Tradition des Türaufhaltens bestehen, sondern in der extrem hohen Scheidungsquote, den damit verbundenen Risiken für die betroffenen Frauen und Männer und dem Wandel dessen, was heute jenseits des Tegernsees die Realität der Familien ist. Ob ein Rentner vier Wochen als Kadaver vor dem Fernseher liegt, ob Mütter von den Belastungen des Turboabiturs überfordert sind, ob Firmen die Möglichkeiten der Heimarbeit verbessern, das alles zeigt sich nicht in moralischen Frage der künstlicher Befruchtung oder ob das Spielzeug aus Holz und genderneutral sein muss, sondern am Lebensglück der Menschen.

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Und da würde ich, der ich wegen der Schulen gegenüber und den Berg runter massiv SUV-Helikoptereltern-geschädigt bin, ausnahmsweise auch einmal sagen: Mehrheit entscheidet. Es gibt für radikale Ideologien nichts Schädlicheres als die Zufriedenheit, und wer selbst frei entscheiden kann, wie das Leben wird, wird wenig Anlass finden, anderen Vorschriften zu machen. Und deshalb muss ich morgen am Tegernsee auch gar nicht fragen, was vom Weltfrauentag gehalten wird: Die wenigsten werden es wissen wollen, solange es ein guter, schöner Tag ist.

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