Die Souveränität der einzelnen Staaten findet ihre Grenze an den Interessen der sozialistischen Gemeinschaft
Leonid Breschnew

Auf der Brücke über dem blaugrünen Sylvensteinsee trägt eine sehr blonde Russin viel Gold, eine rehbraune Steppjacke und Stiefel, deren Absätze für die uns umgebende Bergwelt viel zu hoch sind. Sie wirft sich in Positur, und ihr Begleiter macht ein Bild. Dann umarmen sie sich und versuchen mit weit ausgestreckten Armen ein Selfie. Das wird nur so mittelmässig, und als ich vorbeigehe, frage ich sie, ob ich vielleicht ein Bild von ihnen aufnehmen soll. Gerne lassen sie sich darauf ein, und ich beachte Sonnenstand, Belichtung, Bildausschnitt und einen besonders schönen Blick auf die weissglänzenden Hänge des Karwendelmassivs. Es ist doch schön, wenn im fernen Russland Mobiltelefone klingeln und dann ein wirklich gelungenes Bild Bayerns zu sehen ist, selbst wenn, wie gesagt, die Stiefel selbstmörderisch sind. Auch, weil es hier richtig angenehm ist. Altes Europa halt.

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Meine Freundlichkeiten könnten noch weiter gehen. Ich könnte diesem offensichtlich nicht armen und durchaus geschmackvoll gekleideten Paar auch sagen, dass sie von hier aus einfach über die Brücke weiterfahren könnten, etwa Richtung Garmisch, und dann über den Seefelder Sattel nach Innsbruck. Von dort aus geht es über den Brenner nach Italien, und brächen sie jetzt auf, könnten sie zu Abend in Parma essen. Da wüsste ich gute Restaurants und vor allem einen Gemälderestaurator, dem ich einiges zu verdanken habe. Nennen wir ihn – ich will ja nicht, dass ihn jeder kennt – einfach Francesco. Francesco profitiert von der Krise in Italien und bietet jenen, die viel Arbeit, aber wenig Geld für ihn haben, Geschäfte an: Sie lassen ein paar Gemälde restaurieren und ein paar andere, die sie nicht mehr brauchen, geben sie ihm. Diesem Umstand verdanke ich eine lesende Sybille mit verrutschtem Kleid in der Bibliothek und eine Adlige vom neapolitanischen Hof. Unter anderem auch, weil Francesco nur Kunden aus Westeuropa akzeptiert und damit die Konkurrenz klein bleibt.

Will dagegen jemand aus Osteuropa etwas haben, sagt Francesco nooooNoNonononononoNoooo, übersetzt, nein, auf keinen Fall. Denn in Osteuropa hat man auch Tricks: Man kauft, man lässt es sich schicken, man regt sich auf und findet das Bild nicht gut, verlangt drohend das Geld zurück, und beim versicherten Zurückschicken verschwindet dann das Bild wie von Geisterhand. Francesco hat mehr als einmal versucht, diese Versicherungssumme bei einem osteuropäischen Postkonzern einzufordern, und er ist es leid. No Ukraine, No Belarus, No Russia, so lauten seine ehernen Grundsätze inzwischen. Ausser, sie kommen in Persona vorbei, zahlen in bar und nehmen das Bild mit, was natürlich nicht in meinem Sinne ist, denn ich habe neben der Adligen noch Wand übrig und Francesco kennt viele Leute.

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Natürlich ist Francescos Eindruck vom Osten immer noch ein wenig besser als der, den man früher vom waffenstarrenden und erstschlagbereiten Ostblock hatte, als die Systeme um die Weltherrschaft rangen. Aber fairerweise muss man auch sagen, dass die Perestroika vor 28 Jahren begann und die, wie es so schön hiess, “demokratische Neugestaltung Osteuropas” nun auch schon bald ein Viertel Jahrhundert auf dem Buckel hat und aussieht, als wäre sie eher 110 und es wären 110 unschöne Jahre gewesen – weshalb der Begriff in der gleichen Tonne verschwand, in der auch schon die blühenden Landschaften lagern. Die demokratische Neugestaltung Osteuropas passt nicht zu den Kriegen in Jugoslawien und nicht zum aktuellen ungarischen Regime mit seinen rechtsnationalistischen Autokratiebestrebungen, es passt nicht zu den radikalen Auswüchsen des polnischen Katholizismus und diversen Machthabern in der Ukraine, der Slowakei, Rumänien und Bulgarien. In Weissrussland gilt Präsident Lukaschenko als letzter Diktator Europas, aber irgendwie wird man den Eindruck nicht los, dass viele Potentaten gerne seine Kollegen wären.

Und dann gibt es noch so Erlebnisse wie den Gasstreit zwischen Russland und der Ukraine, es gab 2008 einen Kaukasuskrieg mit russischer Beteiligung, es gibt da auch noch Regionen wie Tschetschenien und Dagestan, die Konflikte zwischen Armenien und Aserbaidschan um Berg-Karabach, und weiter östlich kommen weitere Staaten, bei denen man in aller Regel erst mal bei Wikipedia nachlesen muss, welcher Präsident da alle 5 Jahre mit 90% wiedergewählt wird, in diesen Rechtsstaaten und lupenreinen Demokratien. Dass Russland den Import von moldawischem Wein im Jahr 2013 mit einem Einfuhrstopp belegte, lag laut Russland an Weichmachern und nicht am Versuch, die dortige Regierung über das wichtigste Exportprodukt weich zu machen, sich mehr an Russland zu orientieren.

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Man will das bei uns eigentlich gar nicht so genau wissen. Es gibt in der EU ja schon genug Probleme mit der Rettung des Alten Europa vor Euro, Kommission, Banken und Freihandelsabkommen, und dass in Kiew die Nazi Nationalisten für Europa gewalttätig demonstrierten, war auch nicht gerade ein schöner Anblick, wie man das bei uns daheim so kennt. Alles, was hinter dem ehemaligen Eisernen Vorhang liegt, ist irgendwie seltsam und mag sich auch nicht so verhalten, wie man das in Europa gerne hätte. Da sind sehr viele Nationalfahnenschwinger und NachbarnbisaufsBlutHasser, da gibt es Minderheiten, die unterdrückt und gejagt werden, und diejenigen, die im Moment unsere Partner sind, sind vielleicht schon bald empfänglich für einen Scheck aus Russland, oder wollen mehr Geld für Terrorbekämpfung, oder einfach auch nur die ortsübliche Bestechung für die ortsüblichen Oligarchen, die je nach Bedarf mal Kommunisten, Demokraten, Umstürzler oder Nationalisten sind. Stellt man sich neben all den Janukowitschen das gütige Gesicht des späten Breschnew vor, oder den immer leicht verwirrten Blick von Andropow, dann muss man wenigstens zugeben: Der Kommunismus war für den Westen billiger und weniger komplex.

Man wusste in etwa, mit wem man es zu tun hatte und was die taten: Eine Ideologie predigen, an die sich alle realsozialistisch zu halten hatten. Sie bauten Atomwaffen und Mauern und Plattenbauten und rannten dauernd zum toten Lenin, aber so komisch das schien, sie machten es gestern, heute, morgen und bis zur Weltrevolution, die, da war man sich sicher, noch etwas Zeit bräuchte. Alles in allem war der Ostblock also ein verlässlicher Nichtpartner und Qualitätsfeind, der allenfalls ein paar Spione schickte und keine Unterhändler, die ein paar Milliarden mehr verlangten, als Putin zahlen würde. Man musste nicht dauernd neue Politiker fragwürdiger Natur kennenlernen und sich auch nicht mit der Frage herumschlagen, was zum Teufel die dort an die Macht bringen – das war damals deren Problem und was daran schlecht war, versteht man heute kaum, wenn jetzt in der Ukraine die Verteilung der Beute losgeht. Unter Breschnew war der Ostblock zwar nicht demokratisch, aber eben doch so stabil und verlässlich wie das alte Europa. Das passte gut zusammen, vermutlich, weil es in Konkurrenz zueinander entstanden ist.

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Und wenn die im Osten immer noch das Neue Deutschland verkaufen, von der Arbeitsplatzsicherheit in der DDR schwärmen, und die Kinderbetreuung loben, könnten wir uns im alten, langsam sterbenden Europa doch auch ein paar Momente der Milde und nostalgischen Erinnerung leisten. Die Raketen blieben in den Silos, während heute die Nazis auf den Strassen sind, es war eine andere Welt und nicht die Fortsetzung wenig erbaulicher Aspekte des Kapitalismus mit anderen, unreglementierten Mitteln. Man konnte das – im Gegensatz zu den neuen Oligarchen – alles einfach ignorieren, im schönen Alten Europa.

Und dass unser eigener Landrat von der Staatspartei hier auch gerade so ein Oligarchenproblem hat, das ein wenig an die Ukraine erinnert, das ignorieren wir natürlich auch, dann brauchen wir uns keine Gedanken machen. Es reicht ja, wenn wir endlich unseren Frieden mit Breschnew schliessen.