Der Krieg ernährt sich selbst.
Cato d. Ä.

So wie Goethe seinem Schuster Meidling und Seume seinem Heerdegen Elogen verfassten, weil ihre Lederwaren vortreffliche Dienste bei den italienischen Reisen leisteten, so sollte ich auch meinen Schuhmacher aus Verona loben – selbst wenn ich nicht mehr nach Syrakus wandere, sondern lediglich auf den äussert unbequemen Sesseln eines Airbus sitze, für die ich besser den bürokratischen Wahnsinn eines teuren, europäischen Luftfahrtkonsortiums geisseln sollte. Vier Stunden sitze ich im Flugzeug, trotz angeblicher “Alliance” von “Sky Chefs” vor einem Essen, das sicher auch Seume besonders, aber nicht lobend erwähnt hätte, und da wäre einer der weichen, geflochtenen Ochsenledergürtel meines Schusters angenehm, die sich im Sitzen weiten. Aber leider sind sie nicht leicht durch die Schlaufen der Hose zu würgen, und bevor ich mich ankleide, denke ich an die Sicherheitsschleuse und wie ich danach gezwungen bin, mich neu zu sortieren und anzukleiden.

In der Öffentlichkeit.

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Man stelle sich einmal vor, man wäre gezwungen, sich in einem Park, auf einer Promenade oder an einem anderen Ort, einfach nur, um Zugang zu erlangen, komplett metallisch entleeren müsste, ohne Frage, ohne Klage, ohne einen Anwalt, einfach so, auf Zuruf oder gar nur ein Winken mit der Hand. Das Winken ist ja auch so eine Meisterarbeit aus Deutschland, wie, das spüre ich im Rücken, das peinlich betretene Gaffen der anderen in einer Mischung aus Übelkeit und dem Wunsch, das alles gar nicht ansehen zu müssen. Da will ich natürlich nicht minutenlang mit einem dicken Ochsenledergürtel kämpfen, also nehme ich einen anderen, weniger bequemen Lederriemen, und frage mich, in was für einer Welt wir eigentlich leben, wenn ich mich nicht mehr so anziehe, wie ich will, sondern so, wie es sicherheitstauglich ist und mir möglichst wenig Scherereien macht.

Und wieso man sich so etwas gemeinhin überhaupt gefallen lässt: Diese Normierung durch das Verlangen der Sicherheit. Letzthin etwa flog ich von Berlin nach Frankfurt, und weil ich dank Taxiversagen spät dran war, musste mein gesamtes Gepäck als Handgepäck in das Flugzeug. Ich hatte für eine Freundin bayerische Marillenmarmelade dabei, und musste in diesen wenigen verbleibenden Minuten vor dem Start viel Beredsamkeit aufbringen, dass diese auf den heimischen Jurahängen handgefertigte Kostbarkeit nicht in einer Mülltonne verschwindet. Die Sicherheit und mein Charme entscheiden, ob ich Gastgeschenke dabei habe oder nicht, ob ich ein Mensch bin oder normierte Transportkapazität. Und es bedeutet, dass ich zu Bütteln, die ich bezahle, auch noch überaus freundlich bin, damit ich menschenwürdig reisen kann. So ist das im Flugzeug. Es ist die verkehrte Welt.

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Und es geht weiter. Vor ein paar Jahren bin ich mit El Al nach Israel geflogen, da wurden meine Schuhe auch genauestens durchleuchtet und ich fand es absurd – das ist inzwischen Stand der allgemeinen Paranoia. Ich warte nur darauf, dass man sich das Recht herausnimmt, die Absätze abzusägen oder Richtlinien zu veröffentlichen, dass der, der da ein unpassendes Schuhwerk trägt, keinen Anspruch auf Schadensersatz hat, wenn das Sicherheitspersonal die Schuhe zerstört. Vielleicht sollten wir alle in Badebekleidung an Bord gehen und dabei Badeschlappen tragen, dann wäre das alles einfacher, und all die Beschäftigten der Sicherheitsbranche könnten sich allein mit dem Zerlegen des Gepäcks beschäftigen – ich muss hier nicht gesondert erwähnen, dass mein 90 Jahre alter Koffer von Brachers in Teneriffa geöffnet und dann mit Tape verklebt ankam, weil diese Leute nicht in der Lage waren, ihn nach dem Durchwühlen wieder zu verschliessen. Vermutlich macht man sich ohnehin verdächtig, wenn man nicht die üblichen, lauten, scheusslichen Rollkoffer verwendet.

Der Mensch hatte angeblich schon immer den Traum vom Fliegen, aber vermutlich nicht den Alptraum, der mich erwartet, als mich der Airbus dann in München ausspuckt. Die Halle ist voll mit Russen, deren Flieger wohl ein Problem hatte, und die nun desorientiert hier herumstehen. Ab und zu blafft eine Frau, die ihre Ausbildung vermutlich in einem Gefangenenlager in Tschetschenien gemacht hat, die Horde auf russisch an, was zusammen mit der Architektur und Beleuchtung fast so angenehm wie der Virus ist, der auf Teneriffa die Runde machte. Dann rattert das Transportband los, mit einem Rumps krachen Gepäckstücke auf Gummi und ganz ehrlich: Ich wurde nicht dafür geboren, um mich unter russischen Anordnungen um einen schönen, alten Lederkoffer zu sorgen.

Das alles ist, man muss es so deutlich sagen, nicht standesgemäss.

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Und es hat sicher keine Konsequenzen. Schriebe ich das hier über ein Hotel, ein Restaurant oder einen Park, wäre dort die Hölle los, man würde den Verantwortlichen zusammenstauchen und die Pressedame losschicken, um mit mir darüber noch einmal zu reden. Dort weiss man um die Probleme, die drohen, wenn man an Akzeptanz bei der erhofften Zielgruppe verliert. Dort sind Menschen, die aus Eigeninteresse überlegen, wie es erst gar nicht so weit kommt, und wie man solche Probleme schon verhindert, bevor sie auch nur entstehen oder gar ein leicht unwilliges Zucken der Mundwinkel verursachen. Aber die sogenannte Sicherheit interessiert sich dafür überhaupt nicht, die macht das wie die NSA: Sie tun das für die nationale, hören Sie die NATIONALE Sicherheit, wer Fragen oder Klagen hat oder sich beschweren will, kann das gerne machen, auf diesem einschüchternden Territorium mit Sonderrechten für die Behörden, die hier den Ton angeben.

Ich werde meinem Brachers vorerst so etwas nicht mehr zumuten und mich wieder wie auf dem Weg in die Schweiz auf der Erde bewegen, aber irgendwann werden die Sicherheitsbehörden und ihre privaten Subunternehmer den Flughafen durchgespielt haben, und neue Orte für ihr Treiben suchen. Wir haben das vor ein paar Wochen erlebt, im besseren Viertel der dummen, kleinen Stadt an der Donau: Dort fuhr ein privates Unternehmen unaufgefordert Streife, fuchtelte mit Ausweisen herum und machte sich anheischig, für mehr Sicherheit zu sorgen. Man hört ja so viel über Einbrecher, mindestens so viel wie über Schuhabsatzbomber, und da möchten sie helfen. Man könnte ja so einiges tun, würde man ihnen nur das Recht geben, durch Gärten und Vorplätze zu gehen, sie hätten detaillierte Sicherheitspläne und ich habe keinen Zweifel, dass die Blaupausen der Überwachung von den Flughäfen kommen.

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Allein – es ist vielleicht keine so gute Idee, ausgerechnet im Januar und Februar mit solchen Ideen vorstellig zu werden, da haben hier die meisten gerade bei den Fluchten in südliche Länder wieder ihre unschönen Erfahrungen mit Kontrolle und Überwachung zwischen Metalldetektoren und “Bitte umdrehen” gemacht. Da erinnert man sich nur zu gut an den überzogenen Preis der Sicherheit, und ausserdem ist das hier Bayern: Da schaut man noch aufeinander und passt selbst auf. Aber unzweifelhaft werden sie sich dann neue Möglichkeiten suchen, Schulen etwa und Universitäten voller labiler Personen, für die Sicherheit der Kinder, hören Sie, NATIONALE Kinder. Das ist einfach zu machen und irgendwo müssen auch die Leute hin, die man in der Produktion und im wirtschaftlichen Debakel Resteuropas nicht mehr braucht: Die einen machen den Besitzenden Angst und die anderen bieten an, etwas dagegen zu tun. Sicherheit geht immer und auf einen, der dann lieber mit seinem klapprigen Cabrio nach Italien fährt, kommen zehn, die sich so lange misshandeln lassen, bis sie dann über ihre Senatorcard jubeln dürfen.

Senatoren, das waren übrigens diejenigen, die im alten Rom von der Sicherheitsgarde der Prätorianer abgeschlachtet wurden, wenn sie einem Cäsar nicht mehr passten.

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