Dieser Blogbeitrag basiert zwar auf der Erzählung eines blonden Prachtstücks, ist aber selbst geschrieben und nicht von einem Kulturbetriebsauswuchs aus dem Internet zusammengeklaut, womit man heute ja leider öfters mal rechnen muss.

Das ist der Strand von Puerto de la Cruz auf Teneriffa:

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Er ist knallschwarz, denn Teneriffa ist eine junge Vulkaninsel im Atlantik, weit vor der afrikanischen Küste. Der Vulkan spuckte vor allem zähes Magma aus, der Steinbrei erstarrte schwarz wie eine Homophobiedebatte, und wurde von Wind und Wasser langsam zu Sand zerrieben. Der Sand sieht schick aus, ist – da freut sich die deutsche Hausfrau! – weniger schmutzanfällig, und wird zudem im Frühsommer des Februars schnell angenehm warm. Ich habe es erst heute morgen wieder ausprobiert. Man kann hier prima sitzen, den Sand zwischen den Zehen fühlen, und im Beisein älterer Briten Eis essen.

Das hier ist der Strand von Santa Cruz, ebenfalls auf Teneriffa, aber auf der anderen Seite der Insel:

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Er ist gelb. So wie in den meisten Tourismusbroschüren und bestochenen Reiseblogs der Strand sein sollte. Er wird im Sommer nicht so schnell heiß, und hat den Vorteil, dass der bräunende Mensch darauf auch wirklich bräunend aussieht. Auf dem schwarzen Sand wirkt nämlich fast jeder wie ein Brite nach 3 Monaten Sturmflut in Nordschottland: Ziemlich bleich, und das ist nicht mehr ganz das Schönheitsideal. Der gelbe Sand ist natürlich auf dieser schwarzen Insel eine Ausnahme, und er ist nicht von hier: Er kam aus der fernen Sahara, weil er nicht von den anderen kanarischen Inseln mit ihrem gelben Sand kommt.

Das klingt irre, hat aber wie jeder gute Irrsinn ein in sich geschlossenes, logisches Konzept: Früher war der Strand hier auch schwarz, aber in Santa Cruz – früher die unfruchtbare und arme Südseite der Insel – wollte man sich von der regnerischen und früher reicheren Nordseite absetzen. Das Verhältnis zwischen Nord- und Südseite ist in etwa so gut wie zwischen Rottach und Tegernsee oder dem Landkreis Miesbach und Berlin, auf der einen Seite schaut man auf die andere herab und wähnt sich überlegen. Und um das zu dokumentieren, hat Santa Cruz also in den 70er Jahren den alten, schwarzen Strand mit feinstem Sand aus der Sahara, damals noch eine spanische Kolonie, überdecken lassen, und zudem auch mit zigtausenden übersehener und miteingeführter Sahara-Skorpione, denen es auf Teneriffa heute gut gefällt. Der gelbe Sand dagegen wurde bald verblasen, und das alte Schwarz der Vulkaninsel dunkelte wieder durch.

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Also verstopfte man die Ohren für Hohn der Nordküstenbewohner, holte man noch einmal Sand, diesmal ohne Skorpione, und sicherte das Areal mit Palmen und Vorbauten im Wasser. Nach einer Weile aber verschwand der Sand wieder, und als man erneut in der Sahara Sand holen wollte, stellte sich dort die inzwischen zuständige marokkanische Regierung quer und verlangte Geld. Für Sand. Nun gut, dachten sich die Südküstenpolitiker, es ist doch nur Sand, den gibt es überall, wir lassen uns doch nicht vorführen von diesen Halsabschneidern der wertlosen Wüste – und holen den gelben Sand eben in Gran Canaria, gleich nebenan.

Gran Canaria sieht man von den Flanken des Teide, des Vulkans von Teneriffa, so nah liegt es. Es ist zusammen mit Teneriffa 1 Land, 1 Region, 1 Volk, 1 Religion, 1 grosse genetische Ähnlichkeit und jeder weiss hier, dass man inmitten des Atlantiks oft auf sich allein gestellt ist. Und Gran Canaria hat gelben Sand in Hülle und Fülle. Der Sand liegt da einfach so rum. Kein Mensch macht sich etwas aus diesem wertlosen, gelben Dreck, man kann darauf nichts anbauen oder etwas daraus gewinnen, damit spielen die Kinder und am Abend spült ihn das Meer weg. Ob jetzt eine Welle Sand holt oder die Brüder auf Teneriffa, ist doch egal, sollte man meinen – aber es war der Anlass für die Bewohner Gran Canarias, klar und eindeutig NEIN zu sagen. Teneriffa bekam keine Schippe Sand von der Nachbarinsel und die Bewohner von Santa Cruz wieder den ganzen Hohn von der Nordküste. Letztlich musste man den gelben Sand dann doch in der Sahara für teures Geld kaufen, und weil das alles so teuer war, steht heute, so sagt man auf der Nordseite, neben dem gelben Strand von Santa Cruz ein nie fertig gewordenes, dazu gehörendes Parkhaus, dessen Architekt gerade die Verantwortlichen verklagen soll, was die Bewohner der Nordseite sehr amüsiert – und könnten sie Deutsch und würden sie lesen, was dort der sog. Reisejournalismus zum “Playa de las Teresitas” zu sagen hat, dann würden sie auch noch auf den freudlos vor sich hin zerfallenden Friedhof direkt am Zugang hinweisen. Spanier wissen, warum sie Friedhöfe von aussen verriegeln.

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Und deshalb liegt hier also auf der schwarzen Insel vorläufig noch etwas gelber Sand aus Marokko. Teneriffa hat eine enorm hohe Arbeitslosigkeit, überall stehen gescheiterte Bauprojekte, aber selbst in diesen schwarzen Zeiten lachen alle sofort wieder, wenn sie nur an die Pleite von Santa Cruz mit dem gelben Strand denken. Heute, morgen, in drei Generationen, auf der Nordseite, auf Gran Canaria, überall – es sei denn, das Schlimmste würde passieren und der Vulkan beginne wieder sein Unwesen. Also, nicht die Vulkane auf Gran Canaria und Teneriffa, die schlafen fest, sondern der Neue. Der ist im Moment noch unter Wasser, liegt aber zwischen Gran Canaria und Teneriffa, und stiege er empor, dann würde er aus beiden Inseln eine machen. Es gibt auf der Nordseite bei La Orotava ein Heiligtum, bei dem jedes Jahr ein dreistündiges Feuerwerk abgebrannt wird, finanziert durch das, was die frommen Christenmenschen hier gelobt haben. Es ist unbekannt, wie viele Böller und Raketen dem Wunsch zu verdanken sind, dass der Vulkan auf immer unten bleiben soll.

Die Kanaren sind der südlichste Punkt Europas, hier fängt es beim Gelächter über den Strand an und geht dauernd so weiter. Man gönnt sich keine Arbeitsplätze und weist sich gegenseitig Bankenschulden zu, man besetzt EU-Kommissare und erwartet, dass sie für das Land das Richtige tun und sagen, man finanziert marode Landwirtschaft und nicht mehr existente Olivenbäume, und züchtet sich europakritische Rechtsparteien, die von sich behaupten, sie seien ja keine Rassisten aber und das werde man wohl noch sagen dürfen. Stimmen für die Wahlen werden vor allen in den europaeigenen Röschtigräben gefischt, indem man den Fischen erzählt, die Boote seien voll.

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Und deshalb verstehe ich überhaupt nicht, was die Schweizer SVP eigentlich gegen Europa hat. Europa ist doch auch nur eine grosse Schweiz, mit einer unflexiblen, im Konsens erstarrten Regierung in Brüssel, es gibt hier die gleichen dumpfen Vorurteile, nur im Umfange eines Kontinents, und würde die Partei hier erst mal, eingesunken in den politischen Mainstream, ihre Politik machen, würde das viele vorhandene Ansätze ergänzen. Eine Partei wie die SVP müsste sich hier doch pudelwohl fühlen, Freunde und Anhänger finden, nicht mehr so allein wie in der Schweiz sein. Sie könnte sich neben den Deutschen auch noch an riesigen Aussengrenzen abarbeiten, und mit ihren Sprüchen kontinentweite Empörung verursachen. Die Deutschen als Feindbild würden ihnen auch keiner wegnehmen. Sie könnten sich immer noch an den Strand des Bodensees stellen und über die mickrigen Segelboote der Deutschen lästern. Und Zuzugsbeschränkungen fordern, das macht ab dem bayerischen Lindau die CSU ja auch nicht anders.

Und die Schweizer, die sich hinter der SVP eingereiht haben: Sie werden es nicht gern hören, aber für das real existierende Europa haben sie sich damit eindeutig qualifiziert. Die passen hier bestens rein, sie werden viele Freunde finden und Anlässe, um sich aufzuregen, sich zu beklagen und sich selbst zu überhöhen. Solange Europa Ausland ist, sind solche Volksabstimmungen nur politische Warmduschereien; richtig lustig wird das, man schaue sich unsere Europaskeptiker und den Strand von Santa Cruz an, doch erst, wenn man über politische Macht und Teilhabe die Leute der anderen schikanieren und vorführen kann, und immer wieder mal mit der Schliessung von Grenzen droht. Damit leben viele Politiker blendend in Parlamenten. Gremien und PR-Agenturen, das erregt Marktplätze und Stammtische, und sollte der eigene gelbe Pleitenstrand in etwa die Ausmasse der UBS-Skandale haben, kann man immer noch drohen, den ganzen Kontinent zu blockieren, falls der nicht auf die Sonderwünsche der Eidgenossen eingeht.

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