Mir ist um Deutschland nicht bange.

Mir ist um Deutschland nicht bange, weil die letzten Tage eindrucksvoll bewiesen wurde, was für vorzügliche Eltern dieses Land bevölkern. Unermüdlich haben Autoren dieser Zeitung all die Ängste und Sorgen von Frauen, was den Nachwuchs angeht, mal durch ein liebevolles “Halt die Fresse und mach hin, Jammerfrau” mit Tröstung umhegt. Oder mal ausgepackt, wie sie als Väter das so richtig geil abliefern, das Vatersein, da hat die Frau gar keinen Anlass mehr, und schon gar kein Recht, sich noch Sorgen zu machen, bei solchen tollen, kraftvollen und überaus selbstüberzeugten Vätern. Es gab kluge Wirtschaftler, die genau zu berechnen wussten, wie sinnvoll das doch ist und dass dieses Gewinsel von Frauen, wenn man es durchrechnet und die Fakten beschönigt, keine Grundlage hat. Angesichts solcher phantastischer Männer, die sicher alle bald bei der Nido als Vorbilder auf der Titelseite und heute schon bei Dr. Mutti im Blog stehen, so wunderbar packen sie es an, stört es sicher nicht, wenn es eine gibt, die einfach keine Lust hat. Und eine fiese Ratte wie mich.

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Denn auch ich halte gar nichts von Kindern. Ich habe während des Studiums erlebt, wie Kinderkriegen an der Uni zu Lebenskatastrophen führen kann, und ich sehe die abnormen Scheidungsraten in dieser Gesellschaft, was vermutlich damit zu tun hat, dass andere Männer nicht so liebevolle, tolle, bewunderswerteste Könner in guter Stellung sind wie jene, die wir hier lesen durften. Ja, es ist wirklich bitter, aber all die schönen, aufmunternden Texte von Leuten, die alles voll im Griff haben – die erscheinen manchen Undankbaren und Unfähigen so, als müssten sie im Golf 2 von Berlin an den Tegernsee fahren, und ich würde sie dort anfiesen, warum das nicht schneller geht, schliesslich schaffe ich das mit meinem Sportwagen und Fahrkünsten auch mit einem 180er Schnitt. Aber nein, das missverstehen die natürlich bösartig, wir meinen das nur gut und so ein aufmunternder Klaps auf den Hintern beim Windelnausräumen hat noch keiner Frau geschadet, denken die tollen Väter, und was die anderen denken, findet man im Internet im Form einer asymmetrischen Debatte, die es – Frechheit! – an Respekt fehlen lässt.

Ich will mich, fiese Ratte, die ich bin, da gar nicht einmischen, sondern den Blick auf ein anderes Phänomen lenken, über das noch weniger gesprochen wurde, als über die echten Bedürfnisse der Frauen (und Sie dürfen mir glauben, mir gegenüber haben sich so einige über die Art dieser Debatte und deren Führung durch tadellose Männer, sagen wir mal, uneinsichtig gezeigt). Ich möchte gern über die Kinder reden, Kinder, die vermutlich mit ähnlichen “Stell Dich nicht so an”- und “uns geht es doch eigentlich prima”-Methoden freudvoller, selbstüberzeugter Väter erzogen werden. Das ist nämlich unvermeidbar in Zeiten, da man Kinder so nett behandeln muss: Nachdem das, was vor 50 Jahren noch als gute Erziehung gegolten hätte, heute ein Fall für das Jugendamt wäre, bleibt den neuen Vätern auch gar nichts anderes übrig, als auf jedes Problem mit diesen gütigen Ermahnungen zu reagieren, die dem Kinde wie schon der Frau den Blick für das vom Mann ermöglichte Gute öffnen soll. Wie gesagt, ich will da jetzt auch nicht über Gattinnen reden, so ein Mann will mich fachfremden Junggesellen nämlich abknallen, weil seine Frau bei mir ein wenig Erholung von seiner Güte suchte, sondern über die Kinder. Von denen beobachte ich nämlich ein halbes Dutzend bei Twitter. Warum? Weil ich keinen Fernseher habe, weil ich manchmal Entspannung brauche, weil ich Katastrophentourist bin und weil das echte Stars mit riesigem Publikum sind, gerade weil sie ihre Familie so vorführen.

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Echte Dramaqueens ohne Filter und Hemmungen. Sie sin jung. Sie wissen vermutlich gar nicht, was sie da tun. Sie sehen nur die Bühne und das Publikum bei Twitter. Twitter ist ein Medium, das die Schärfe in 140 Zeichen belohnt, und Anerkennung auch bei schlimmeren Selbstverletzungen bietet. Diese Mädchen, zwischen 14 und 24 Jahre alt, haben natürlich auch Eltern und was man so lesen kann, sind das eigentlich ganz normale und fürsorgende Angehörige der stabilen Mittelschicht. Alle Mädchen haben oder machen sie Abitur, oder sie studieren. Eigentlich könnte alles bestens sein. Aber sie haben ein Problem, weil sie sich zu dick empfinden, oder zu dünn, oder zu pickelig oder ähnliches. Gleich mal ein Selfie machen und 6000 Follower fragen, ob sie mit sowas ins Bett gehen würden. Wenn es ihnen etwas besser geht, machen sie Macro-Detailaufnahmen von Lippen und Zungen der Wollust mit dem Hinweis, dass das bei Älteren nicht so lecker aussieht. Wenn aber jemand wie der CDU-Abgeordnete Jens Spahn mit der Behauptung verhaltensauffällig wird, die “Pillen danach” seien “keine Smarties”, ist es vorbei mit den Freundlichkeiten: Der Umstand, dass meine sechs Referenzbürgerkinder gerade unisono unter dem Hashtag #wiesmarties nicht nur die Pille danach fordern, sondern auch stets detailreich und nachvollziehbar erklären, warum sie die jetzt brauchen – Filmriss, Alkohol, Party, Hamburg, der Typ, den sie gestern noch doof fanden, Urlaub, wasauchimmer – lässt Rückschlüsse auf die Ausgestaltung des Singledaseins durch schnell genutzte Optionen zu. Da wird auch nicht länger gefackelt als bei einem “Hör auf zu jammern”-Kommentar.

Oh, und da war noch diese Sache mit den genderösen Lehrplänen in Baden- Württtemberg – also, nach meiner Beobachtung aus dem Netz haben weder reaktionäre Gegner noch leitbildfreundliche Befürworter begriffen, wie das mit dem Sex und seinen Spielarten hier draussen so läuft. Da gibt es nämlich so Videoseiten im Internet, die durch ihr internationales Publikum dafür sorgen, dass Fachtermini auf Englisch Einzug halten. Nie also steht dort etwas von Gruppensex, sondern immer nur von Gangbang, und meine Befürchtung ist nun, dass so mancher Lehrer in seinem geordneten Leben vielleicht gar nicht so richtig erfasst, welche neuen Möglichkeiten das Internet zugänglich macht. Was dann bei Twitter wiederum die Erkenntnis reifen lässt, dass es nach dem Abbruch der Schule auch eine Karriere als Pornoaktrice geben könnte. In derjenigen Perversion, die am besten zu den weithin ausgebreiteten körperlichen Nachteilen der Autorin passt. Natürlich liest so etwas kein Pfarrer aus Tübingen und keine Feministin in Berlin und Eltern lesen das auch nicht, sonst hätte das Kind nämlich kein Mobilgerät mehr – aber so ist das. Mit den Kindern. Wenn sie mit dem Erwartungsdruck der Umwelt nicht klarkommen, und zwischen G8 und Lerndruck zwangsweise auf die Halböffentlichkeit des Netzes ausweichen. Dafür bekommen sie Favs und Retweets und Bestätigung, gerade weil jene Eigenheiten belohnt werden, mit dem ihre Eltern nicht umgehen können.

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Jungs sind anders, zugegeben. Jungs bringen nicht ganz so viele Bilder von ihren Ernährungsangewohnheiten. Vermutlich, weil das bei Jungs nicht so heraushebt und aussergewöhnlich macht. Mädchen haben dagegen eine nachgerade perfide Freude daran, durchaus sozialverträgliches Aussehen mit Flaschen zu kombinieren. Ich weiss, wie Eltern heutzutage entsetzt sind, wenn ihre Kinder mit dem Wegbier, als der Flasche in der Hand wie ein Asozialer herumlaufen und ich würde die ja auch gern ohrfeig, und deshalb leben sie es dort aus, wo sie jeder sieht und sie für cool hält: Auf ihren Accounts. Weitab der Familie. Jungs, zu ihrer Unehrenrettung muss ich das sagen, mischen bei uns vor dem Münster am Freitag den Billigwodka in den Orangensaft, ohne das abzulichten und zu verbreiten. Die müssen sich ja nicht ihrer Krassheit versichern, um ihr Publikum mit Minderwertigkeitsgefühlen zu begeistern, sondern versuchen, Frauen für die Nacht zu finden.

Sie sollten jetzt bei Twitter besser nicht nach dem Wort “Knutschen” suchen, wenn Sie Eltern sind. Abgesehen davon sind die Töchter wirklich gerissen im Umgang mit dem Netz, denn die wirklich fragwürdigen Verhaltensweisen werden bevorzugt durch Bilder vermittelt – nicht direkt zu finden und dafür, sagen wir mal, authentisch. Wäre man böse, würde man sagen, die Photos ihrer Wellbutrintabletten sind die Antwort auf die naturpralle Leitbildfunktion der Väter. Und eine Absage an die Vorstellung, dass die Kinder mit 18 aus dem Haus und auch so wundervolle Vollvorbilder sind wie jene, die das mit dem Kinderkriegen so lässig erklären. Was mich bei der Sache wirklich bewegt (und deshalb verlinke ich hier auch nichts) ist der Umstand, dass es durchaus auch Twitteraccounts von Vätern gibt, die erkennbar manchmal von ihren Kindern und deren Marotten überfordert sind, und es dort rauslassen. Das wird dann von Twitterdramaköniginnen gern gelesen und weiterverbreitet. Diese Seelenverwandschaft sollte man sich mal in einer ruhigen Stunde durch den Kopf gehen lassen.

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Auf der einen Seite ist das für einen Kinderablehner wie mich eine feine Sache. Sozialporno für bessere Kreise. Wenn ich mit Familien unterwegs bin, und die Tochter macht etwas unter dem Tisch mit ihrem Handy, nachdem die Eltern eine Weile sich darüber ausgelassen haben, was das hochtalentierte Kind alles macht; wird es angeherrscht, was es jetzt “schon wieder” mit dem Ding macht und sagt es “Nichts” – dann sage ich, ach bitte, lasst sie doch, sie braucht das, und lächle sie nett an. Ich weiss genau, was sie macht. Und auch, wenn es bei rationaler Betrachtung nicht richtig ist, ihre Eltern im Internet als tumbe Idioten darzustellen, weil sie sich wirklich Mühe geben: Sie hat recht. Sie ist ein eigener Mensch. Und die Problemlösungen von alten Säcken Männern sind das letzte, was sie brauchen kann. Was verstehen wir vom sozialen Druck, der sich im Schlitzen, Pro Ana, Tattoos und ungewönhlichen Sexualpraktiken einen Ausweg sucht.

Auf der anderen Seite ist das vielleicht sogar die beste aller möglichen Welten. Was würden sie tun, wenn man ihnen das Ventil nähme? Wenn man ihnen die Bühne, die Follower, die Favs und die Unterstützung für ihre Wutausbrüche untersagte? In gewisser Weise sind diese Accounts lustig, weil sie mich in meiner Ablehnung vom Kinderkriegen bestätigen. Auf der anderen Seite sind sie schlimm, weil sie die enormen Klüfte zwischen dem modernen Elterntum und den Problemen dieser neuen Generation aufzeigen. Die Kinder sind auch nicht schlimmer als früher, sie leben nur in einer durchorganisierten Welt, die keine grossen Rücksichten auf Kreativität und Spielfreude mehr nimmt. Das muss alles öko und gebildet und zielgerichtet und moralisch sein, und sie dürfen nicht jammern und sollen sich nicht so haben und wenn es zu spät ist, hilft ihnen das Verständnis, das sie wieder auf Linie bringen soll, auch nichts mehr. Aber sie haben ihren Rückzugsraum, ihr Mobilgerät und ihre Kanäle, und dort spielen sie das, was sie ansonsten nicht sein können. Das würde ich nicht haben wollen. Ich schäme mich ein klein wenig dafür, dass ich diesen Inszenierungen folge und oft lache, auch wenn es eigentlich nicht lustig ist. Es ist ihre Art zu überleben, Für die Turboväter ist das, wenn es sich in der Realität Bahn bricht, sicher die Hölle.

Ich darf soch auch mal: HABT EUCH NICHT SO UND WINSELT MICH NICHT AN, IHR… Eltern.

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