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Georg Kreisler, Der General.

Es ist heute der 3. Januar, und selbst ohne die extensive Vorberichtserstattung hängt mir die Erinnerung an das Jahr 1914 jetzt. schon. zum. Halse. heraus. Ich habe gar keine Lust mehr, etwas über die Erfindung von Giftgas zu lesen und dass August Macke, der 1910 noch am Tegernsee malte, 1914 in Frankreich sterben musste, ist mir auch hinlänglich bekannt. Den Weg in den 1. Weltkrieg musste ich mitsamt Vorgeschichte in der Schule lernen und Victoriakreuze finde ich ebenso bescheuert wie die ganze wilhelminische Epoche mit ihrem Wagnerpomp und den Damenfrisuren, die eine niedrige Stirn machen sollten, um die angebliche geistige Unterlegenheit der Frau modisch zu akzentuieren. Kein Mensch mit Verstand würde 1914 leben wollen, und deshalb verstehe ich auch nicht, warum man jetzt meint, mich ein Jahr und dann sporadisch bis 1918 weiter damit belästigen zu müssen. Ich kenne Verdun und die Aisne. Es war nach menschlichem Ermessen eine blöde Geschichte und bei mir daheim hängen nur halbnackte Frauen und hübsche Landschaften in Öl und Silberkannen, keinesfalls aber Schlachtenklimbim, Granaten oder Töpfe aus Stahlhelmen. Ich bin leidenschaftlicher Zivilist, dem Barras entgangen und so, wie mich mit 19 die Alkoholprobleme meiner Wehrdienst-Freunde nicht interessierten, möchte ich auch jetzt nicht hören, wer wem in welchem Schützengraben wie die Eingeweide umpflügte. Und warum. Und wo welcher Deppengeneral dabei stand.

Inmitten meiner Gemälde möchte ich deshalb sagen: ES GEHT MIR AM – Was? Das da hinten? Ah, das ein Stück Goldledertapete aus dem Spätbarock, 2. Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts.

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Das muss ich Ihnen erzählen, bitte, nehmen Sie doch Platz. Ist es nicht hübsch? Goldledertapete war etwas Besonderes. Damals hat man in Holland feinstes Ziegenleder genommen, mit floralen Formen und Vögel bedruckt und golden bemalt, und ganze Zimmer damit tapeziert. Ja, richtig, orientalische Einflüsse, Paradiesgarten, das spielt bei dem Motiv mit hinein. Das Material ist sehr widerstandsfähig und wirkt auch nach dreihundert Jahren noch grandios. Das war sehr, sehr teuer, entsprechend selten sind diese Stücke heute auch. Und daran sieht man, dass man in Holland weitaus Schöneres als Sichelschnittvormärsche machen kann. Natürlich muss man fairerweise sagen, dass man das kurz vor der Entstehung dieses Fragments anders sah: Bis 1714 tobte auch hier der Spanische Erbfolgekrieg, aber der war in den letzten Zügen. Weil alle Beteiligten in Europa an einem toten Punkt angekommen waren, machten sie Frieden, und der hielt dann auch vergleichsweise lang. Weshalb sich Wirtschaft und Gesellschaft dann auch schnell erholten, und man das Geld nicht mehr in marodierende Truppen versenkte, und sich so in den Staatsbankrott misswirtschaftete – das machte man wieder klassisch mit Banken und Währungskrisen. Und dann kümmerte man sich wieder mehr um die Mätressen und ihre Vorlieben, und kaufte Goldledertapete, solange Geld da war. So war das, 1714.

Nach den Friedensschlüssen war 1714 ein ruhiges Jahr. Die Österreicher beendeten die Besatzung Bayerns, man machte sich an den Wiederaufbau, und kümmerte sich mehr um die schönen Dinge des Lebens. Was macht man nach der Bedrängnis? Man dankt dem lieben Gott, dass man noch am Leben ist, baut eine hübsche Kirche mit nackerten Putten, man isst, was man kriegen kann und holt nach, was man versäumte, so stelle ich mir das vor. In Paris schrieb ein gewisser Voltaire seine ersten bösen Spottgedichte, und Alain Rene Lesage hatte die Idee, in Spanien einen parodistischen Roman über die Zustände in Frankreich anzusiedeln, mit dem Namen “Gil Blas”. Seicht mag es sein und trivial, und es enthält auch keine magersüchtigen freien Autorinnen in Berlin, wie sie gerade in der Literatur a la mode sind., aber es sind viel schönere Geschichten als die Berichte über Literaten des Jugendstils, die sich plötzlich als Militärzensoren beim Abfassen von Lügen über Massenmord wiederfinden, nicht wahr?

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Natürlich war 1714 immer noch von grossen wirtschaftlichen Belastungen geprägt. Aber es war vermutlich immer noch das beste Jahr des gesamten 18, Jahrhunderts bis zu diesem Zeitpunkt, und es sollte noch besser werden. 1715 starb der Störenfried Ludwig XIV, und all die schönen Hoffnungen, die man 1714 haben konnte, wurden Realität, zumindest für ein paar Jahre bis zum nächsten Bankencrash. In Rom herrschte damals Klemens XI., der dem Nepotismus den Garaus machte und sich ansonsten gezwungen sah, die weltlichen Interessen der Kirche zu reduzieren. Er kümmerte sich mehr um die Wissenschaft als um die Ketzerverfolgung, und als er den Jansenismus verurteilte, akzeptierte man das in Frankreich einfach nicht. So waren die Zeiten. Vielleicht nicht gut, aber es wurde besser. Und Marivaux schrieb amüsante Persiflagen auf den strengen Telemach, alldieweil und sintemalen man auch mir wegen dieser Vorliebe vielleicht unterstellen könnte, ich machte mich mitunter über todernste Themen und Vettelnbelange lustig.

Wenn man es genau betrachtet, dann passt 1714 mit seiner selbstgefälligen Stagnation und dem Luftholen nach der Europakrise rund um Spanien gar nicht so schlecht zu diesem Jahr 2014. Es wäre ganz einfach, weitere Bezüge herzustellen, etwa die neue Dreistigkeit der Banken, und man könnte sich auch an Mandevilles amüsant-bösartiger Bienenfabel erfreuen, die dem Konsum und der Verschwendung so das Wort redete, wie es heute die Prospekte sogar für die Nachfahren der Sauhirten tun. 300 Jahre alt ist dieser Klassiker der Volkswirtschaft, Sarajewo war damals dagegen türkisch und das 20. Jahrhundert wurde ja erst richtig unerquicklich, als man diesen Balkan meinte befreien zu müssen, wie heute die Iraker und die Afghanen… darüber wollen wir doch jetzt wirklich nicht reden, oder? Also, Sarajewo war türkisch und Europa hatte kein Problem damit, oder mit der Ausweitung der Eurozone oder der dort investierenden Hypo Alpe Adria. Beim Türken wusste man, woran man war. Stabile Heiden, kunstsinnig und vermögend, das sind nicht die schlechtesten Nachbarn. Noch einen türkischen Tee?

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Ja, das ist hübsch, das Porzellan, das greift Formen auf, die auch um 1714 herum modern waren. Man hatte gerade das Porzellan in Sachsen nacherfunden, und der Aufschwung von Meissen lag auch darin begründet, dass man das Geld nicht mehr in Konflikten vergeudete. Sind die Soldaten weg, wird das Leben schon wieder prunkvoll. Wir wissen doch alle, dass Krieg nicht wirklich erfreulich ist und nichts bringt, wäre es also nicht viel besser, wir feierten 300 Jahre 1714, 300 Jahre Kriegsende und 300 Jahre Beginn des Rokoko? Mit dem Tod von Ludwig XIV verschwindet der schwere, symmetrische Stil des Barock, alles wird leicht, die Gemälde werden frivoler, die Opern zu erotisch getränkten Lustbarkeiten, die Schlösser werden bunter und man träumt sich nach China. Es ist wieder Geld da für Stuck und Zierrat und man muss keine Angst haben, dass morgen wieder Franzosen, Briten, Sachsen, Berliner und Hamburger marodierend durch die Räume ziehen.

Ansonsten ist 1714 übrigens ein sterbenslangweiliges politisches Jahr, mit den üblichen Hofschranzen, Steigbügelhaltern, Bastarden und illegitimen Hassardeuren, Panegyrikern, dreisten Rompompeln, die nach Parks auf Kosten der bayerischen Abgabenzahler kreischten, und hysterischen Giftnattern an den Höfen: Das übliche halt. Nichts Besonderes. Nachgerade ein Vorspiel zu Grossen Koalitionen in Städten und Ländern und den Intrigen, die sie untereinander ohne Ergebnis führen werden, was zur Belustigung des Publikums wäre, wenn Lesage dazu eine hinterhältige Komödie dichtete. Das sollte man den Blut-Theorie-Hegemann-und-Eiter-Freunden der aktuellen Theater mal erzählen: 1714 war Theater amüsant, die Besucher bezahlten freiwillig und das hat vielleicht auch etwas damit zu tun, dass die Kultur damals mehr an den Besucher dachte, als an das Netzwerk im Berliner Senat oder daran, wie man Forderungsgeplärre in die Medien bringt.

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Insgesamt also ist 1714 ein ganz prächtiges Jahr und weil ich nicht will, dass Sie, liebe Leser, dem Buntschiessen mit Infochlor zum Opfer fallen, werden wir hier in diesem Jahr noch öfters dieser Epoche gedenken. Das hat übrigens gar nichts damit zu tun, dass ich mit der Suche nach Bildmaterial einen Vorwand brauche, um Schlösser zu besuchen und Gemälde zu kaufen, oder noch etwas Imari. Mir liegt einfach Ihr Wohlergehen am Herzen, dafür tue ich vieles und nehme alle Strapazen klaglos auf mich. Zum Beispiel reise ich bald nach Teneriffa, nur um Barockpaläste abzulichten. Ich werde auch mit extra viel Fett kochen und immer mit Rokokosilber servieren. Denn es ist 2014, und wir haben etwas zu feiern. Und sei es nur, dass, um es mit Brecht zu sagen, der Moder den Verwesten bleibt.

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