Nehmt Ihr uns die Flora ab, machen wir die City platt.
Aus dem Videoaufruf der “Antifaschistischen Aktion” zur Demonstration in Hamburg

Hier sollte eigentlich ein vergnüglicher Beitrag zum Klassenkampf von Oben stehen, nämlich: Wie man sich zu Weihnachten selbst bereichert. Es stand deutlich in den Nachrichten: Der neue Armutsbericht der Bundesregierung ist da! Punktgenau in die Vorweihnachtszeit gespielt, wenn die Menschen andere Interessen als Elend und Jammer haben, zeigt der Armutsbericht mal wieder auf, dass die Ungleichheit in Deutschland auch dieses Jahr grösser geworden ist. Und da ist es doch gefällig, dass wir, die Bevorzugten dieses Systems, durch Wälder streifen, um die Wipfel gefällter Bäume abzuzwacken und als kostenlose Christbäume zu verwenden. Das setzt dem Ganzen natürlich noch die Christbaumkrone auf. Zynischerweise hätte ich das oligarchengrün begründet: Kein Baum musste extra sterben, kein zusätzlicher Baummüll wurde produziert, das geht nachher alles in den Kachelofen und macht Wärme für die Katzen, unsere Beschmückung ist steinalt und nicht aus China, und energiefressende Elektrobeleuchtung haben wir auch nicht. Wir machen es als einzige richtig, und der Rest sollte sich was schämen.

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Das wäre einerseits halb ernst, denn tatsächlich ist die Tradition des Christbaumdiebstahls so in unseren Genen, wie das Vermieterblut in unseren Adern. Wir machen das wirklich so, und zwar mit einer Mischung aus diebischem Vergnügen, der Überzeugung, dass wir richtig nach der Tradition handeln, und dem Bewusstsein, dass es das Beste ist, was man in der Besten aller möglichen Welten tun kann. Sicher, der Baum ist nicht wirklich ein Schmuckstück wie das, was andere für viel Geld kaufen, aber einem geschenkten Christbaum schaut man nicht in die Äste und die besseren Exemplare hatten schon andere Mitbewohner aus dem Westviertel gestohlen. Andererseits hätte es mir natürlich auch Spass gemacht, aus dieser Tat eine allumfassende Gerechtigkeit der Art zu konstruieren, dass daneben jede Aufnahme eines heimatlosen Paares kurz vor der Niederkunft wie das Überlassen einer Pfandflasche erschienen wäre. Ich überziehe da gerne. Weil ich darüber indirekt erklären möchte, wie meine Schicht, mein Umfeld so tickt, und so ganz oben an der globalen Spitze zur Überzeugung gelangt, dass ihnen auch noch ein kostenloser Christbaum zusteht, und die Steuer ihnen alles nimmt, aber ansonsten hat es schon seine Richtigkeit so, wie es ist.

Wir sind am Sonntag also in die Wälder gegangen und haben einen Christbaum organisiert, und weil man am Vorabend gut gegessen haben sollte, habe ich die Randale in Hamburg nur so am Rande mitbekommen. Das ist fast unverzeihlich, denn unfairerweise ist der dort brutal ausgetragene Klassenkampf von Unten ja ein Thema, das ich hier eher ignoriere. Mir geht es allein um den Klassenkampf von Oben, den ich vielleicht auch nicht immer richtig finde, aber zu dessen Profiteuren ich fraglos gehöre. 364 Tage im Jahr beschränke ich mich darauf, die Vorteile dieser – für mich allein gesehen fraglos sozialen – Trennung der Gesellschaft hervorzuheben. 364 Tage lang ignoriere ich die anderen. In meinem Blog existiert das genauso wenig wie in meiner Welt. Nun aber werfen sie Steine, randalieren, und deshalb würde ich gern empfehlen, diesen Beitrag vom St.-Pauli-Anwohner Matt Wagner zu lesen, der fragt, warum man dann auch nicht Veganer und die Jungen Liberalen randalieren lässt.

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Aber. Heute ist Weihnachten. Die meisten Randalierer dürften längst wieder aus der Haft entlassen sein, die Revolution hat sicher auch einen Christbaum mit bengalischen Feuern, und vielleicht möchte die Leserschaft auch an dieser Stelle nicht, dass ich mich öffentlich über diese Personen aufrege. Zumal man von Seiten der Linken, der Piraten, der Jugend, der sozial Engagierten ja auch oft genug hört, wie parteiisch die Medien gewesen sind. Und wie unfair wir berichten. In meinem Fall stimmt das sogar, das ganze Blog ist eine einzige Propagandaveranstaltung für Trüffel, Tegernsee und den Charme der Gentrifizierung. Ist es da gerecht, wenn ich auch noch zum Fest der Liebe amüsiert herabblicke auf Menschen, die auf weniger Quadratmetern als mein Drittbad der Gästewohnung leben, und dort auch keinen Kronleuchter haben? Und zu Weihnachten nicht den süssen Schmerz empfinden, sich zwischen dem Tafelaufsatz aus Capodimonte und dem aus Nymphenburg entscheiden zu müssen? (Das bestimmt nämlich auch das Porzellan und das Silber)

Ich bin barmherzig. Dieses Mal, weil heute das Fest der Liebe ist, lasse ich die andere Seite zu Wort kommen. Weil nicht nur wir der Meinung sind, dass wir stets genau richtig handeln, wenn wir Erbschaftssteuern durch frühzeitiges Gemäldesammlungsumhängen reduzieren, sondern auch andere, wenn sie, wie die Piraten das so schön umschreiben, kämpfen:

Die Demonstranten kämpfen nicht nur um ein Gebäude, sondern um ihre Lebensräume und selbstbestimmten Lebensentwürfe. Sie dabei zu unterstützen und ihr Wohl nicht dem Profitstreben einiger weniger unterzuordnen, muss die Aufgabe der Politik sein.

Bravo! Lebensräume! Das hatten wir schon etwas länger nicht mehr, und damals war es ja auch der Osten, aber es gibt auch noch andere Meinungen und ich schweife ab – ich finde, Sie, liebe Leser, die Sie wissen, wie wir um unseren Status kämpfen, sollten auch wissen, wie die Demonstranten das Indymedia zufolge tun (Beleidigungen habe ich editiert, die Links als Quellennachweise finden Sie unten).

Den B**** wurde von Anfang an entschlossener Widerstand entgegen gesetzt. Obwohl es schwierig war, in dieser Situation genug Material zu organisieren, mussten sich die Eliteeinheiten mehrmals zurückziehen, weil der Bewurf so massiv war. Einzelnen B**** war die aufkommende Panik deutlich anzumerken, einige wurden so schwer verletzt, das sie nicht weiter Menschen zusammenschlagen konnten.

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Die Revolution, lässt uns Genosse Mao wissen, ist kein Teekränzchen, und mit Komplimenten und Kusshändchen, wie man das bei uns macht, wurde da nicht geworfen. Indymedia dürfen wir desweiteren entnehmen:

Dabei geschah weitaus mehr, als in den Medien und über die Ticker berichtet. Etliche Scheiben von Banken, grossen Geschäftsketten, Ämtern und  Nobelhotels wurden eingeworfen, zahlreiche Seitenstrassen mit  Baumaterial versperrt. Teilweise waren grössere Mobs unterwegs, die systematisch in Ruhe stabile Barrikaden errichteten, teilweise wurde spontan in loser Zusammensetzungen schnell etwas auf die Strasse gezogen.  Kleinere B*****einheiten zu Fuss wurden durch die Strassen gejagt, später dann auch eine grössere Anzahl von Wannen mit minutenlangen Steinbewurf vor sich hergetrieben.

Man sehe mir das bitte nach, gemeinhin neige ich ja auch zur Ansicht, dass es keinen Kausalzusammenhang zwischen Benehmen und Vermögen gibt, aber so etwas wäre am Tegernsee wirklich nicht üblich. Auch dort gibt es Demonstrationen gegen Bauvorhaben und internationale Investoren, aber das äussert sich friedlich. Dafür hatten die Hamburgtouristen aber auch kein Verständnis:

Das Empire strauchelt, genaugenommen liegt es am Boden. Aber es lebt mein Freund, es ist lebendiger denn je. Doch wenn es schon am Boden liegt, so lasst uns darauf eintreten. Soviel es eben geht. Und ohne die falsche Sklavenmoral, ohne Gnade für das Biest, ohne die bürgerliche Wehleidigkeit, ohne das schlechte Gewissen des bürokratischen Wendehalses. Ohne Mitleid für den Golem, der sich vor unseren Augen in eine Diktatur verwandelt hat.

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Und vermutlich machen sie das auch, ohne sich vorgestellt worden zu sein. Ich finde das, offen gesagt, bedenklich. Das schickt sich nicht. Und wo dieser Mangel an Feingefühl endet, das merken sie selbst auch, wenn sie sich selbst verletzen:

Wir haben uns dann an der militanten Gegenwehr beteiligt. Es war zwar schnell klar, dass wir das riesige B****aufgebot nicht zurückschlagen können, aber so ganz kampflos wollten wir uns die Demo nicht nehmen lassen. Viel war an dieser Stelle aber leider schlicht aus Mangel an Werfbarem nicht möglich. Schön war, wie viel trotzdem ging. Gar nicht schön waren die vielen Verletzten und vom Wasserwerfer durchnässten Menschen. Wütend hat uns gemacht, dass trotz des Mangels an Wurfgeschossen Leute aus der xten Reihe ohne was zu sehen, werfen mussten – leider hat das in einigen Fällen auch eigene Leute getroffen. Lasst gefälligst den Scheiß!

Wo käme man da auch hin, wenn einfach jeder so ungezielt werfen würde? Immerhin, die Anarchie, das sehen sie selbst, braucht auch Planung und Ordnung – meint eine “Bezugsgruppe aus Berlin”. Ausgerechnet…

Die Militanz, die wir mitbekommen haben, wirkte immer wieder sehr zielgerichtet und wohlüberlegt. Es wurden nicht wahllos Sachen angegriffen, sondern vor allem Geschäfte und auch hier keine kleinen Läden, Cafes und Resturants rund um die Flora.

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Und dann sind da – als wären es Neureiche, die bei einem Immobilienfonds arbeiten – auch noch die Fragen nach Abgrenzung von den normalen Menschen, dem breiteren Interesse der Öffentlichkeit, das man ignorieren kann, dem Standesbewusstsein, aus dem sich ein lässiger Umgang mit den Gesetzen ergibt, und dem Return on Investment, den es zu verbessern gilt:

Jenseits aller Polemik muss vielleicht auch thematisert werden, inwieweit die “üblichen Netzwerke” in Hamburg rund um die Flora und Recht auf Stadt mit der Organisierung eines solchen Tages auch einfach deshalb überfordert sind, weil sie jenseits aller solidarischen Haltung gegenüber militanten Aktionen einfach nicht Teil einer aufständischen Praxis sind. Die Kritik muss aber auch uns selber gelten. Zuviele sind mit einer Konsumhaltung nach Hamburg gefahren. Jenseits von Vermummung und Pyro gab es wenig konkrete Vorbereitungen, so braucht es z.B. aufgrund des kaum vorhandenen Kleinpflasters entsprechendes Werkzeug, um Material zur Verfügung zu haben. Auch haben sich angesichts der hohen Anzahl von Angereisten nur erschreckend wenig Leuten am Abend militant engagiert, hier wäre viel mehr möglich gewesen.

Ja, es wäre mehr möglich gewesen, das wird dereinst auch auf meinem Grabstein stehen, denn all mein Talent und meine Begabung werde ich von nun an wieder in die Begründung stecken, warum alles schon so passt, wie es ist. Ich finde ja auch, dass wir in einer Oligarchie leben. Aber immerhin, heute ist Weihnachten, und die andere Seite durfte jetzt in den Stützen der Gesellschaft auch einmal zu Wort kommen. “Danke” werden sie nicht sagen, aber das ist mir nicht so wichtig.

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Ob Sie, liebe Leser und/oder Genoss_Innen, weiter bei mir über Silberkannen und den Christbaumdiebstahl lesen wollen, oder bei Indymedia vom Treiben junger, sozial bewegter Menschen, die das nächste Mal, wenn sie bei Ihnen vorbeikommen, an mehr Pyro und Werkzeug zum Steine- und Knochenbrechen denken, das bleibt ganz Ihnen überlassen. Ich fürchte, derartig soziales Treiben kann ich Ihnen hier nicht versprechen, aber vielleicht wollen Sie ja auch noch einen Tee bei mir nehmen. Der Klassenkampf von Oben hat zumindest das bessere Porzellan.

Ein frohes Fest wünsche ich Ihnen und Ihren Familien.

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