Sieh an, sieh an: Amerikanische Internetfirmen, die sonst so gern über die Schattenseiten ihres Treibens schweigen, sehen sich gerade genötigt, Auskunft über ihre Kooperation mit Geheimdiensten zu geben. Natürlich wissen wir nicht, ob das wirklich die ganze Wahrheit über ihre Zusammenarbeit mit den Geheimdiensten ist. Wir wissen nicht, ob sie ihre Daten absichtlich unverschlüsselt über das Netz schicken, um NSA und GCHQ das massenhafte Ausspionieren rechtlos gemachter Subjekte zu erleichtern, und natürlich äussern sie sich auch nicht dazu, was sie zu tun bereit wären, wenn sich die US-Regierung bei den Verhandlungen für ein Freihandelsabkommen stärker für ihre Wünsche nach noch mehr Datenmissbrauch einsetzt. Auch sagen sie nichts darüber, wer von den Überwachten sein Leben wegen einer Mörderdrohne und dem System dahinter lassen musste. Aber immerhin, sie lüften etwas den Schleier.

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Und sie hoffen, dass der geneigte Nutzer denken mag: Naja, die 10000 Abfragen bei meinem Emailanbieter weltweit, das ist ja gar nichts. Das kann man in etwa abschätzen, das ist nur eine kleine Minderheit, das wird mich direkt schon nicht treffen. Das sind vermutlich dann wirklich nur Terroristen und Schwerverbrecher. Und sie sind ja offen, sie berichten! Da bin ich weiterhin in guten Händen. Kein Grund, Silicon Valley zu hassen und in Altötting eine Kerze anzuzuünden, damit der St. Andreas Graben zeigt, wie tief er darunter die Hölle aufmachen kann. Ausserdem sind die Programme doch so praktisch, und mein neuen Androidhandy ist wirklich schick. Oh und Preissenkungen bei der Glotze, super! Das können doch gar keine bösen Firmen sein. Das bisschen Überwachung da

Und solange läuft andernorts das, was man vielleicht als Backlash bezeichnen kann. Da ist zum Beispiel die deutsche Justiz, die aus ihres Erachtens bedeutenden Gründen von Ermittlungen gegen die NSA und ihrer hierzulande begangenen mutmasslich gesetzeswidrigen Handlungen absehen will. Da ist Google, das gerade wegen der Nutzungsbedingungen zur Datensammlung eine Schlappe vor Gericht erleidet und weiter klagen möchte – besonders, weil man der Ansicht ist, Verbraucherschützer dürften gar nicht verklagen. Ihre Genanalyse-Beteiligung 23andme setzt sich grosszügig über gesetzliche Bestimmungen hinweg. Auch in den USA führen sich Technikfirmen wie Besatzungsmächte auf, und verhindern Gesetze, die ihnen nicht passen. US-Aussenminister Kerry spricht in Deutschland freundlich vor, und die Kanzlerin hat noch immer nicht Auskunft gegeben, wie die Amerikaner nun ihr Handy geknackt haben. Die gleiche Frau Merkel, die schon die Überwachungserfahrung der DDR zum Anlass nahm, den Widerstand über den Umweg des Postens einer FDJ-Sekretärin zu erreichen, lässt auch bei der Verhandlung zur grossen SPD-Kapitulation darauf drängen, dass der Juniorpartner für die Vorratsdatenspeicherung ist, von der sie allerdings, so sie von Amerikanern kommt, ausgenommen werden möchte.

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Das Abkommen für eine eigene Europadrohne wird Deutschland auch unterschreiben – ob das erste Luftfahrzeug den Ehrennamen “De Maiziere” erhält, sagt der Bericht nicht. Vermutlich aber werden die Tötungstechnikfirmen irgendwelche kryptischen Bezeichnungen verwenden, die die Zielgruppe nicht kennen muss, denn sie sollen die Überwachung gar nicht bemerken. Und wenn die Rakete einschlägt, haben sie vermutlich andere Probleme als die Identifizierung der Drohnenmarke – sowas kann ja ganz schnell gehen in einer Zeit, da auch Hacker und Beihelfer des Journalismus als Bedrohung definiert werden. Moment, ich muss mal schnell die Vorhänge zu machen und in den Keller gehen. Wir leben und sterben in spannenden Zeiten, in denen die Systeme unbeirrt und rasend schnell ihre Wege gehen. Kaum ist die Mail geschickt, kann man die Hellfire oder die Werbebotschaft empfangen, alles nur eine Frage der Datenanalyse und Zuweisung. Wenn Amazon noch am gleichen Tag liefern kann, kann es die US-Army sicher auch bald.

Trotz dieser nicht gerade angenehmen Entwicklungen, gegen die viele Beteiligte in der Politik machtlos sein wollen, weil die Amerikaner ja unsere Freunde und Partner sind, gab es vorletzte Woche im Internet ein wenig Aufruhr, weil diese Zeitung einen Text veröffentlichte, der dem Hass auf das Silicon Valley das Wort redete. Nun kann man solche Gefühlsregungen natürlich verurteilen. Aber wenn man sich einmal die ganze Datenverwertungs- und Gegnerausschaltungskette einmal anschaut, wird man erkennen, dass diese Firmen dort tatsächlich so etwas wie der weiche, zum kraftvollen Treten einladende Unterleib des Systems sind. Und das ist etwas, das jeder, jederzeit tun kann. Alle andern Beteiligten an dieser Politik der Ausforschung sind zwar verhasst, aber ausser der Reichweite der normalen Nutzer. Die Politik? Kann man nur alle Jahre mal abwählen und einen Bush durch einen Obama und eine gelbgesützte Merkel durch eine zartrosagestützte Merkel ersetzen. Die NSA, das GCHQ, der CIA dem BND und andere behaupten und vor und nach Snowden, ihr Treiben wäre wegen der Terroristen wichtig, und keine Regierung will sich wirklich aufrappeln, und diese ausser Kontrolle geratenen Staaten im Staate dicht machen.

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Genauso unzugänglich sind für den normalen Protest die Rüstungsfirmen, die Betreiber von Breitbandnetzen, die Netzwerkausrüster oder gar die geheimen Sondergerichte, die Überwachung erlauben. Die einzige echte Schnittstelle zu dem System, das die Überwachung erlaubt, sind eben jene Firmen in Amerika, die mit der NSA zusammenarbeiten. Und es sind für normale Nutzer Firmen, die grössten Wert darauf legen, gemocht zu werden. Yahoo hasste seine Rolle bei der Beihilfe für das chinesische Regime. Google hasste die Kampagne gegen Streetview, Amazon hasste die Beiträge über die Arbeitsbedingungen in Deutschland, Microsoft hasste die Kartellverfahren, Apple hasst Leute, die Sperren in den Geräten umgehen, und alle hassen sie es, wenn man sie, wie gerade in Italien, zwingen möchte, die üblichen Steuern zu zahlen. Es sind ganz normale, gierige, hassende Firmen, die ihren Aktionären verpflichtet sind, Geld einnehmen und so wenig wie möglich hergeben wollen. Datenschutz legen sie so aus, wie es ihnen am besten passt. Und es machen viele Kunden freiwillig für sie Werbung, so wie früher viele Aufkleber von Benzinfirmen auf den Autos kleben hatten. Oder wie sich Landwirte über dick gespritzte Schweine freuten, oder der Boom der Immobilien und Fondsprodukte der Investmentbanken in den USA gefeiert wurde, weil sich viele davon eine gute Rente versprachen.

Das hat sich radikal geändert. Ganz gleich ob Exxon, Monsanto oder Goldman Sachs, die Firmen haben durch ihre Skandale und die folgenden Proteste ihre Glaubwürdigkeit eingebüsst. Was sie nicht verloren haben, sind ihre Zugänge zur Politik und die Möglichkeit, ihr Personal in jene Behörden rotieren zu lassen, die darüber entscheiden, ob Fracking, Genfood oder riskante Anlageformen erlaubt werden. Aber sie alle haben es heute in Europa sehr viel schwerer. Weil sie in der öffentlichen Meinung nicht mehr die dynamischen Heilsbringer eines Neulandes sind, sondern fragwürdige Vertreter eines gegen die Menschen gerichteten Systems der Profitmaximierung. Die Firmen, die mit der NSA und anderen “Sicherheits”behörden kooperieren, halten es auch nicht anders, und die USA bezahlen auch dafür, wenn es nötig ist. Dann sollte man eben von der anderen Kundschaft auch nicht damit antworten, weiterhin diese Produkte uneingeschränkt zu lieben. Ein wenig Hass hilft denen sicher nicht nur in der PR-Abteilung beim Nachdenken, sondern auch bei ihren Freunden und Förderern in Europa. Und im Gegensatz zu den anderen Branchen, die für die USA wichtig sind, stehen die Nutzer bei den Internetfirmen direkt in einer Kundenbeziehung. Die Kunden und ihre Meinung von der Firma sind die Achillesferse dieses Wirtschaftszweigs.

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Anders werden diese Firmen genauso weiter machen, wie es die Banken nach ihrem Raubzug auf Kosten der Staaten – man denke an die Libormanipulation und “Deutschland über alles” in Irland – nun auch wieder tun wollen. Dabei helfen ihnen sog. Hier erwähnte sog. Netzvordenker, in deren Biographie Dinge stehen wie “war in den Nachrichten von RTLII” oder “schreibt unregelmässig für” im Sinne von “hat ausser seinem Onlinedasein wenig Vorzeigbares und wenn man ihm sein Spielzeug nimmt, müsste er über sein verkorkstes Leben und billige Nudeln nachdenken”. Das sind jene, die sich im Moment ereifern, wenn man die Rolle dieser schicken Firmen und ihres schummrigen Techtelmechtels mit Geheimdiensten, Politik und Behörden hinterfragen will. Solange aber Google und Co. nicht zur Erkenntnis kommen, dass eine gute, offene und faire Beziehung zum Kunden nötig ist, könnte es sein, dass die Kunden nicht nur hassen, sondern darüber nachdenken, was ihnen besser gefallen könnte. Vielleicht sollten sich diese Firmen alle nochmal Google Streetview in Deutschland anschauen, das ist ein schönes Beispiel, was passiert, wenn sich ein Weltkonzern auf Mietmäuler, wenig kompetente Politik und die Trägheit der Menschen meint verlassen zu können. Es ist von dahin noch ein weiter Weg zu einem Ruf wie Monsanto, aber generell kann man, wenn das Risiko zu hoch ist, auch Produkte aus Silicon Valley hierzulande wie einen räudigen Genmais verhindern.

Für die Verhinderung einer Mörderdrohne jedoch, und das ist der Unterschied, braucht man schon einen Bundesverteidigungsminister, das müssen wir auch weiterhin ihm überlassen.