Di fongd scho no oane ei
Meine Grossmutter zu mir

Es gibt so Wörter, von deren Verwendung man Frauen wirklich nur abraten kann. Es mag sein, dass diese Begriffe hochgestochen sind und von echter oder auch nur vorgetäuschter Halbbildung durch ein Studium der Soziologie oder Germanistik erzählen; sie mögen sich gut einfinden in gründigen Schachtelsätzen der Bedeutsamkeitsentität, weil sie ein gewisses Potenzial der Analysefähigkeit gesellschaftlicher Kontexte, gerne auch mit der Erwähnung von einer gewissen Frau Illouz, verheissen und weil Sie, liebe Leser, inzwischen wie jeder normale Mensch von dem Gerede auch schon angeödet sind, sage ich es frei heraus: “Bindungsangst” mag es als Wort geben und als Aberglaube, so wie es früher auch Amulette für Unfruchtbare gab. Aber die Sache ist nicht so, wie sie dargestellt wird. Bindungsangst ist lediglich etwas, an das Frauen glauben möchten. Und, wenn darüber gesprochen wird, Männern als Alarmsignal gilt.

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Man liest ja viel darüber. Männliche Feministen geben an, wie sie – im Gegensatz zu anderen, die ihre Überforderung durch dreiste Muttertiere offen zugeben – ganz lässig als moderne Männer mit drei Kindern und einer vierten Patchworkergänzung durch das Leben und die Beziehungen kommen. Und in der Zeit schreibt noch so ein Schwarzer-Apologet, dass der moderne Mann nachgerade vor der modernen Frau ins Bordell fliehe, statt zu erkennen, wie kriminell das sei, und besser seiner Pflicht an der modernen, emanzipierten Frau nachkommen sollte. Eine moderne Frau vielleicht, die sich dann im vollen Bewusstsein ihrer zwei Studiengänge und langer Debatten mit ihrer Künstlerfreundin zur Aussage hinreissen lässt, die Bindungsangst des Mannes läge in den ökonomischen Zuständen begründet. Das kennt man ja, Krise, Globalisierung, Stress im Beruf, Flexibilität, man muss das grösser sehen und analytisch an die Wurzeln des Problem gehen. So wie dieser Professor, der Zeitautor und die Künstlerinnenfreundin das in ihren Bleiwüsten nachhaltig durchdringen. Moment bitte:

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Das hier ist der Giardino Giusti in Verona, ein Lustgarten, in den Männer gern fliehen. Also, genauer, es ist eine Statue einer nackten Frau im Giardino Giusti, und da war ich letzte Woche mit einem Freund, wir kümmerten uns um das Ansehen der Frau in der Öffentlichkeit, und wir sprachen über Frauen, bei denen es passt. Solche Gespräche kann man nur selten mit Frauen führen, denn der normale Mann ist, auch in meinen Kreisen, kein Gedankenleser und ahnt nicht, was er alles an Wunden aufreissen könnte, selbst wenn er nur eine wohlwollende Abwägung der positiven und negativen Seiten – hier nicht nach Illouz – vorträgt. Männer bekommen Wahrheiten und Frauen Komplimente, denn wer rudimentäre Ahnung von Frauen hat, weiss natürlich, dass Ehrlichkeit oft genug als Unhöflichkeit ausgelegt wird. Der Abend ist ruiniert, egal ob man bei der Berlinerin das neue Piercing als zu gewöhnlich oder bei der Münchnerin das Hermestuch als etwas zu bunt beurteilt. Frauen sind ganz schlechte Gesprächspartner, wenn es um ihre eigenen Defizite geht, und deshalb lobe ich im Giardino Giusti sogar die weihevolle Patina der nackten Statuen, selbst wenn sie dringend einen Restaurator bräuchten. Man nimmt bei Frauen auch Schwächen hin und arrangiert sich irgendwie. Man versucht halt, Gräben zu überwinden und Einigendes zu betonen und am Ende kein Berliner zu sein, der in seinem Blog mit drei eigenen und einem Fremdkind prahlen muss, was nicht gerade für ein ordentliches Verhältnis bayerischer Natur spricht.

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Sie ahnen es, liebe Leser: Ich bin ein strammer Verteidiger der Einehe, bei uns in Bayern hält man zusammen, die Ehe bringt das Geld zusammen, schafft den Reichtum der Familie, endet mit dem Tod und wer das anders sieht, sollte vielleicht nicht versuchen, unsereins über das Wesen von Beziehungen aufzuklären, denn unser ist der Drittwohnsitz und die Villa und der Stadtpalast, da brauchen wir kein Patchworkkind zum Sozialprestige. Wir sassen also zusammen oben beim Teehaus – sowas brauche ich auch noch – , sahen hinunter auf steinernes Fleisch in schönsten Rundungen und sprachen darüber, wie man in einer Beziehung wächst, und sich verknotet wie die Äste der Laubengänge: Das wird schon. das kommt von ganz allein, irgendwann kommt die Richtige und dann passt man sich eben an. Und wir sprachen darüber, was man tut, wenn es definitiv nicht die Richtige ist. Man möchte ja niemandem weh tun und sagen: “Tut mir leid, da gehen bei mir alle Alarmanlagen an, ich bin vom Blaulicht so blau wie ein Oktoberfestzelt, war nett Dich zu sehen aber ganz ehrlich, mit diesem verkopften Plunder, mit dem Du mich langweilst, da ahne ich, dass der Sex auf dem liegenden Kaktus da unten neben dem Gewächshaus erfeulicher ist und nein, consensual Bikram Yoga und Deine Form des Aktivismus mag ich auch nicht, aber vielleicht findest Du ja in Berlin einen Restpiraten, der Polyamorie ganz super findet und sich im Protest vor die Luxuskita stellt.”

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Dass ich überhaupt in solche Verlegenheiten komme, hat etwas damit zu tun, dass viele Frauen die Behebung der gesellschaftlichen Ungerechtigkeiten gerne bei sich selbst ankommen sehen möchten. Für langfristige Beziehungen mit ernsten Absichten ist weniger der vermögensfreie Polyamorist von Interesse, den man kaum bei einer Vernissage herzeigen kann, sondern mehr so der Tegernseeanwohner, selbst wenn der erst noch auf Linie gebracht werden muss. Und natürlich haben wir hier, im Gegensatz von Leuten mit Patchworks, einen Ruf der Courtoisie zu verteidigen, und lehnen das schonend und formschlüssig mit weiblicher Ideologie ab: Mit dem Erwecken des Eindrucks, es könnte an den Umständen liegen. Es liegt an der Ökonomie, an der erzwungenen Flexibilität, das Frühjahr in Italien zu verbringen. Es sind generell unsichere Verhältnisse, die uns dann umtreiben, Zukunftsangst wegen immenser Restaurierungskosten der alten Häuser, daran kann man zugrunde gehen, und aufgrund der ganzen Begleitumstände könnte die Dame schon den Eindruck bekommen, dass da in der Summe Bindungsangst vorliegt. Es liegt nicht an ihr und nicht an ihm, sondern an den in Bindungsangst mündenden Umständen. Solche Ausweichstrategien wende ich im Zweifelsfall auch gewissenlos an, denn man will ja fast niemandem mehr weh tun, als es nötig ist.

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So eine irrationale, psychische Verkrüppelung durch die geamtgesellschaftlichen Umstände ist auch unsere letzte Rückzugsoption, so wie ein Mörder sich auch gern auf eine Geisteskrankheit beruft. Denn natürlich wäre so eine kostenintensive Dauerbeziehung kein Problem, selbst wenn man bedenkt, dass gerade die Hochgeistigen und Angestrengten mit Erfahrungen aus dem Kultursubventionsraubbetrieb im Unterhalt schnell abnorm teuer werden können, wenn sie mal ihre alte Lyikerinnenfreundin bei ihrem Vortrag im Literaturwerk 23 in Deutsch Kinshasa a.d. Oder begleiten möchten; nicht nur die FDP führt hehre Ideale bei freudigem Überweisungsdank auf den Lippen. Aber dafür braucht keine Frau einen unsicheren Kantonisten, der sie vielleicht drei, vier Jahre hängen lässt, und man sollte auch bedenken: Diese Gespräche finden unter Menschen jenseits der 30 statt, die durchaus ahnen, dass es jetzt schnell gehen muss. Da bleibt keine Zeit für die Wurzelbehandlung des gesamtgesellschaftlichen Problems, das sie natürlich sehr genau kennen, verdanken sie ihm doch damals auch die Phase, als sie sich von geraspelter und gefrorener Schokolade ernährten. Heute dagegen schätzen sie schon wieder Reagenzglasessen.

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Und so kommt es, dass ich auch von den grössten Hallodris meiner männlichen Bekanntschaft hin und wieder höre, sie wären schüchterne, arme Hascherl und hätten Bindungsangst, und bei mir ist das nicht anders. Die Frauen, die das kopfschüttelnd vortragen, sind so knochig wie die Diätfrauenbilder, die sie wegen ihrer normativen Wirkung verachten, und frustriert vom wochenlangen Hinterherannähern auf Sofas und Sesseln, ohne dass etwas passiert wäre, und machen sich jetzt mal Gedanken über die Probleme von Frauen, die keinen Partner finden. Man steht daneben, hört sich das an und wundert sich, wie diese Töne ans Ohr dringen können, so wie im Kopf die Sirenen schallen und tuten. Sicher, sagt man, könnte man das mit anderen in die Kulturarbeit einbringen, das Problem ist ja evident, die moderne Frau sollte sich da nicht historisieren, sondern das Wort ergreifen und den Dingen auf den Grund gehen. An der Stelle jedoch sage man besser nichts darüber, dass man im Bayern meiner Grossmutter in solchen Fällen noch wenig schamhaft gesagt hätte, die Theres sei halt eine rechte Wurznbürschtn und sollte deshalb besser zu den englischen Fräulein. Man sage auch nichts über die Menschenzucht der gesellschaftliche Geistesumstände, bei der halt öfters mal die soziale Intelligenz auf der Strecke bleibt.

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Nach meiner bescheidenen Meinung ist das nämlich im Gegensatz zur Bindungsangst wirklich ein Problem, das existiert, und über das man eigentlich reden sollte, aber darüber spricht man natürlich nicht.

Und nimmt dann Abschied von Kakteen,
dem grossen Leiden und den Illouzwehen,
und ist wissend lieb zur Garderobiere:
Küss die Hand, Madam, habe die Ehre.

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