Wenn wir schon zugrunde gehen müssen, dann wenigstens anständig!
Franz Josef I.

Warum, warum, fragt sie sich, habe ich nicht meine schwarze Laufkleidung angezogen, dieses graue Schlabberzeug ist doch furchtbar! Andererseits sähe man in Schwarz auch die auseinander gehenden Proportionen, weil es so eng ist. Und warum habe ich mir vor der Kurve nicht den Schweiss aus dem Gesicht gewischt? Und warum bin ich nicht etwas schneller gelaufen? Warum watschle ich hier wie eine fette, lahme Gans? Warum mache ich das nicht in einem finsteren Wald, wo mich keiner japsen sieht? Und warum zum Teufel kommt er gerade in dem Moment um die Ecke, da ich eigentlich gern anhalten würde, um mangels Kraft durchzuatmen und Dehnübungen vorzutäuschen? Und wieso trage ich diese grünen Laufschuhe?

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Das alles lese ich in ihrem Gesicht, während ich mir, positiver zum Leben eingestellt, denke: Zum Glück steht heute ganz gross ein ehrliches “Vintage” auf meinem Trikot, und nicht ein eher weniger zutreffendes “Squadra Corse”. So wie ich um die Kurve gefegt bin – es ging nicht anders, aus der Gegenrichtung kam der Bus – sah das sicher nicht schlecht aus. Den Wanst habe ich natürlich reflexhaft eingezogen, nicht wegen der I., sondern weil ich das aus Prinzip immer mache, wenn ich hier Jogger sehe, denn es könnten ja die I. oder die S. sein. Gut, meine neonroten Schuhe sind etwas gewagt, aber es ist Herbst und das kann ich vertreten. Gottseidank bin ich letzten Monat drei Pässe mit mehr als 2000 Höhenmetern gefahren, ich bin also für meine Verhältnisse kein fetter Ochs mehr, sondern eher ein kräftiger Stier. Am kurzen Hals kann man nichts machen, aber ich sitze auf meinem brandneuen, von den körperlichen Mängeln ablenkenden Scott Addict CX RC in abgewählten gelbschwarzen Regierungsfarben, und nach 3,7 Kilometer Bummelei zur Stadtgrenze bin ich auch noch kein japsendes, tropfendes Wrack, das wie Rainer Brüderle am Wahlabend aussieht.

Hallo, japst die I..

Hallo, sage ich. Sportlich! Gut siehst Du aus.

Man muss eben immer das Positive sehen, in dieser unserer besten aller möglichen Welten; die I. sieht, das kann ich glaubhaft versichern und mit Eiden beschwören, im Kleid fraglos besser, noch viel besser aus als als im langen Schlabberoberteil, aus dem unten die dünnen Lycrabeine herausschauen, aber immerhin treffen wir uns bei einer sozial anerkannten Tätigkeit und nicht im Bordell, auf dem Buchmesseempfang von Bastei-Lübbe oder bei einer Einladung zum Gedenken an Franz Josef Strauss. Wir treffen uns bei der Erhaltung von Körpern, die wir für akzeptabel halten, und das ist auch so halbwegs akzeptabel.

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Wir treiben Sport. Denn diese Gesellschaft hat an uns allein durch unsere Herkunft und Stellung eine gewisse Erwartungshaltung; man wünscht sich nicht, dass wir ungewaschen nach der Arbeit mit einer Flasche Bier, auf ein Grillhendl wartend, in Erna’s Imbiss am Baumarkt Zigaretten rauchen (sozusagen die Urform des Oktoberfestes) und Gewicht ansetzen. Die Gesellschaft erlaubt es nicht nur dem Maurer und dem Lastwagenfahrer, sondern auch dem Werbelügner aus dem Berliner Internet und dem FDP-Generalsekretär in ihren teilweise nicht eben restlos gelungenen Lebensentwürfen, ein gewisses Mass an Korpulenz aufzuweisen, denen redet da keiner rein, da ist eh schon alles egal – uns dagegen macht man schon Vorschriften. Eigentlich immer. Ich kenne niemanden, der sich von der gesellschaftlichen Norm getrieben nicht irgendwie zu dick fühlt, inclusive der schon Magersüchtigen. Die Klappergestelle treibt die Gesellschaft dann nicht mehr, aber da ist es auch nicht nötig. “Ich muss abnehmen” sage ich mindestens so reflexhaft wie ich der I. sage, dass sie gut aussieht. Und angesichts ihrer Erscheinung ist sie auch wirklich froh um dieses Kompliment.

Formal ist Sport, was das Aussehen angeht, eher so eine Art Fegefeuer. Es gibt gute Gründe, warum es von mir keine Action Shots im Internet zu finden gibt. Das sieht nämlich nie so hübsch und gestählt aus, wie es einem eingeredet wird. Gipfelbilder zeige ich gerne, posierend vor Höhenangaben an Pässen trifft man mich häufig an, aber der normale Mensch sieht bei Anstrengung auch nicht besser als der normale Arbeiter aus, da helfen auch all die teuren Funktionskleidungen, in China geblasenen Plastikschuhe und Rennräder nicht, die nur ohne Fahrer elegant wirken. Manche sagen, die Gesellschaft ist fit und wer vorne dabei sein will, muss etwas tun, aber die Wahrheit ist: Diese Gesellschaft ist bei der Ausübung von Sport hässlich, riecht fragwürdig und ist eigentlich nicht vorzeigbar. Es wird einem etwas anderes eingeredet von jenen Fitnesskolumnisten, die heute das sind, was Kreislers Musikkritiker war: Zynisch, ignorant, lustfeindlich, anderen bei Nichtgenugleistung stets ein mieses Gefühl gebend, vom Beruf eigentlich Pharmazeut oder nach dem ersten Staatsexamen gescheiterter Jurist. Ich sehe das anders; das grösste Glücksgefühl bei einer Alpenüberquerung ist nicht der Gipfel, sondern ein sauberes, weisses Hemd, ein Menu mit weisser Tischdecke und Aussicht auf Meran, und daheim dann wieder eine Kommode mit 40 Paar Schuhen zur Auswahl. Zumindest für einen zivilisierten Menschen wie mich.

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Im Bach neben der Kurve schwant Schwänen nichts von dem Elend der Menschen, denn Schwäne können auch rausg’fressn sein und niemand wirft es ihnen vor, schliesslich haben sie so oder so einen Schwanenhals, und der Bauch liegt unter Wasser, wo man ihn nicht sieht. Die I. berichtet brav von ihrer Leistung, und dann wechseln wir schleunigst das Thema, denn so richtig angenehm ist es nicht, gibt es doch immer auch einen, der vor dem Abendknäckebrot noch einen Marathon läuft und unsereins trotz aller Bemühungen unten einsortiert. Das ist wohl der Trend dieser Zeit, die Zeitungen sind voll von Antarktiscrossern und Alle8000erbezwingern, die dann in Seminaren auch noch andere anstacheln zu Fron und Ausgezehr. Wir sind einfach Menschen, die sich manchmal gern bewegen und dabei nie gesehen werden wollen, auch wenn der Zeitgeist mit all den freeclimbenden, ausgewilderten Outdoorblondinen in der Werbung etwas anderes sagt. Oder genauer, auf uns einplärrt. Bei Billigwarengeschäften gibt es Tutrnschuhe und Räder, aber keine vernünftigen Trüffel und Karten für die Oper. Das sollte uns zu denken geben.

Sonderlich weit ist es also auch mit der Freiheit der Vermögenden nicht her. Früher hätte es keinen Zwang gegeben, so spindeldürr wie ein lungenkranker Fabrikarbeiter zu sein. Dafür hatten wir Zwänge, nach denen die I. immer noch verheiratet gewesen wäre, und ihr Mann wegen weiterer Einlassungen meinerseits an der Reihe gewesen wäre, mich zum Duell zu fordern. Früher gab es Hungersnöte und Missernten. Heute gibt es Diätpläne. Früher sagte einem die Kirche, wann man zu fasten und dem Fleisch zu entsagen hatte. Heute heisst das Veggie Day und ich finde es gut, dass diverse, von Outdoornorddeutschen frequentierte Lokale dergleichen ohne Zwang selbst anbieten. In Kantinen mag das unbeliebt sein, aber bessere Häuser müssen längst Vegetarisches anbieten, wenn sie noch ganze, bessere Familien mitsamt Enkelin bewirten wollen. Immerhin, bis 1773 wohnten in meinem Haus auch noch Jesuiten, die sich in der Öffentlichkeit zur Ehre Gottes geisselten – bei mir wird man dagegen keine Schleichwerbung für Esoterikhandball lesen.

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So weit also sind wir mit der Aufklärung gekommen, 3,7 Kilometer hinter der Stadt und weil es etwas länger gedauert hat, kommen nun noch einmal 3,7 Kilometer zurück bis zum Zwetschgendatschi dazu. Denn die Zwänge mögen sich verkleiden, man quetscht sich nicht mehr in Korsette, sondern in Lycra – aber wenigstens sind die Sünden immer noch so süss wie früher, und ein Blech ist ein Blech und was da ist, wird gegessen.

Das Scott trägt zum Glück auch 100 Kilo, wenn man vorsichtig fährt.

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