Die weltpolitische Lage in ihrer Gesamtheit ist vor allem gekennzeichnet durch die historische Krise der Führung des Proletariats.
Leo Trotzki

Ich hatte zwei wirklich schöne Tage in Sterzing, und als ich nun am Tegernsee entlang fahre – hinten klappern ein paar Geschenke, und es riecht nach Apfelstrudel – ist es auch nicht anders als sonst. Ein paar Bentleys stehen herum, vor mir rollen einige Porschefreunde in historischen 911ern Richtung München, beim Francesco ist es voll wie immer, und ansonsten liegt der See still und funkelnd zwischen Bergen und besten Wohnlagen. Es gibt keine Hupkonzerte und tanzende Menschen auf den Strassen, die Gebirgsschützen ballern nicht und niemand schenkt an alle Champagner aus.

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Sie, die vermutlich eher nicht am Tegernsee wohnen, empfinden diese reservierte Zurückhaltung vielleicht als ungerecht, haben Sie uns doch ein Geschenk, ach was, viele Geschenke gemacht. Wenn ich daheim bin, werde ich freudige Einlassungen einer jungen Frau vom RCDS lesen, die das Resultat schätzt, obwohl ihre Berufsaussichten miserabel sind, und sie jüngst Probleme mit dem Vermieter hatte. Ich dagegen, ein typisches Produkt der Wohlstandsgesellschaft, wäre bei der Nachricht “absolute Mehrheit für die CDU”, die ich bei Kreuth im Radio hörte, beinahe wieder umgekehrt mit dem Gefühl, dass ich Berlusconi lange Jahre Unrecht getan habe. Aber es ist, wie es ist, die anderen in dieser Region nehmen das Ergebnis einfach so zur Kenntnis, wie sie auch die EU-Fördermittel für ihre Firmenverlagerung in den Osten zur Kenntnis nehmen, und den Umstand, dass die Kosten für die Energiewende an ihren Beteiligungen vorbeilaufen, und so bleibt es unter all den Bewohnern dieser reizenden Landschaft doch an mir hängen, mich ein wenig widerstrebend zu bedanken für die Bereicherung, die man uns zukommen liässt.

Zuerst einmal Danke für die eindrucksvolle Bestätigung, wie richtig es ist, in Untersuchungen zur sozialen Schieflage des Landes seitens der Regierung die Lage vertuschende Formulierungen durchzusetzen. Der Umstand, dass ich nun schon seit Jahr und Tag darüber schreibe, wie unüberwindbar die Klassengrenzen sind und was für eine Schande die Deportation der Jugend in den Reichshauptslum Berlin ist, wo sie Döner aus dem Papier essen und kein Goldrandteller kennen, ändert nichts daran, dass es weiten Teilen der Bevölkerung vollkommen egal ist. Sie kommen ab und zu hierher und sind froh, das sehen zu dürfen, sie träumen vom Urlaub für immer, zurecht, denn es ist angenehm, das gebe ich gern zu, sie bestaunen die Anwesen, sehen die himmelweiten Unterschiede zu ihren Reihenhäusern und fahren zufrieden in ihren Stau, in dem sie dann zwei Stunden reden, wie schön es doch ist. Und überhaupt nicht darüber, dass sie für immer Tagestouristen sein werden. Es macht ihnen nichts aus. Sie kommen gerne wieder, und so in der Art stelle ich mir auch die generelle Zufriedenheit mit den Umständen vor. Die soziale Schieflage ist in diesem Land unvermeidlich, solange es auf der einen Seite Menschen wie mich und auf der anderen Seite die Oberpfalz gibt, aber ich mache mir darüber scheinbar viel mehr Gedanken als der Rest des Landes. Na, wenn es so ist, dann passt es.

25sep1

Dann möchte ich Danke sagen, dass man sich mit dem reinen Wahlversprechen einer Mietpreisbremse begnügt. Man könnte ja so einiges wirklich gegen die Misere in den Ballungszentren tun, wo die Union auch bei jungen Leuten so viel dazugewonnen hat: Manches, das gebe ich gerne zu, täte unsereins sogar richtig weh. Vielleicht ist diese Sache mit dem Mieten ja auch nur so ein Medienhoax, herbeigeschrieben von den Verdammten dieses Standes, denen es wirklich dreckig geht und die ernsthaft ausserhalb des Mittleren Rings oder gar in Berlin oder auf weniger als 50m² Altbau wohnen müssen; man hört da ja die tollsten Geschichten. Geschichten, bei denen man sich fragt, wieso stürmen die eigentlich auf mich ein, wenn ich eine Wohnung anbiete, und wedeln mit Geld und nicht mit Mistgabeln? Vermutlich, weil sie denken, es geht ihnen gut und sie können sich das leisten. Wohnen soll wieder Luxus werden! Luxus ist gut! Nespresso, Mietwohnung, Ikea, das Leben ist schön! Nun, wer wäre ich, da Nein zu sagen, wenn dann noch jene so eindrucksvoll bestätigt werden, deren Politik die eigentliche Ursache für den Irrsinn die ganzen Immobilienmarktfreuden ist?

In meiner Position muss ich natürlich auch Danke für die Bestätigung dieses unseres Gesundheitssystems sagen. Nach meiner bescheidenen Meinung – tagtäglich sehe ich die tortenessenden Tanten, die in Bad Wiessee auf Kur sind und das wieder ruinieren, was Arztkunst geschaffen hat – liegt da nämlich einiges für die Anderen im Argen, es gibt wirklich eine Zweiklassenmedizin und es ist kein Zufall, dass wir hier erheblich länger leben als in Wanne-Eickel. Die ganze Region profitiert von jenem Geld, das die Krankenkassen an den See für die besonders Begünstigten pumpen. Noch nie habe ich gehört, dass jemand aus meinem Umfeld zu einem Verbleib im niederbayerischen Bäderdreieck verdammt wurde, die kamen immer alle hierher. Irgendwie funktioniert dieses System so, dass es dem Westviertel gefällt, und daran wird sich auch jetzt nichts ändern.

25sep3

Man sagt mir von Expertenseite, das sei halt so, weil die Leute mehrheitlich zufrieden sind, was ich sogar verstehe, wenn man die Lage in Deutschland mit den Krisen und Revolten in Griechenland, Zypern oder Italien vergleicht. Deutschland stünde auf Kosten der europäischen Idee gut da und die Exporte laufen immer noch blendend. Man will das nicht ändern und im Zuge dieser Stagnation hat man auch kein Problem damit, wenn auf lange Sicht alles so bleibt. Ausser bei den Reichen natürlich, denen es noch besser geht. Ich vermute, dass die Stabilität dieses oligarchischen Systems sehr geschätzt wird, und sich deshalb viele als “Gewinner” betrachten, auch wenn sie es effektiv gar nicht sind. Wissenschaft ist nichts, Glaube alles. Ihre Lebensversicherungen stöhnen und ihr Geld auf der Bank wird entwertet, aber es gibt alle zwei Jahre eine neue Wohnlandschaft aus China und alle fünf Jahre ein Auto mit noch mehr PS und damit stehen sie auch dann wieder im gleichen Stau zum Tegernsee – alles wie gehabt.

Dann soll es eben auch so sein. Ich habe wirklich, wirklich nichts dagegen, wenn sich das Erbschaftsrecht nicht ändert, und niemand hier beschwert sich, wenn eine Vermögenssteuer ausbleibt. So gesehen bleibt also auch hier alles so, wie es nun schon seit Jahrzehnten ist, es geht bergauf und selbst die schlimmste Wirtschaftskrise der EU tut auf mittlere Sicht nicht weh. Es sind ja genug andere da, die jene Lasten gerne schultern. Und mehr leisten. Und dann eben nicht an den Tegernsee können, weil sie die Zeit gar nicht haben. Man kann es drehen und wenden, wie man will: Alles ist bestens. Ich wünsche viel Vergnügen in der Leistungsgesellschaft.

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Ach so, ja, die FDP. Die galt ja lange Zeit als Garant für den Datenschutz für Steuerhinterzieher und als Anwalt der Begünstigung der Vermögenden. Die ist jetzt weg. Aber einerseits bin ich da gar nicht traurig, denn dieses elende Neureichenbild, das diese Partei der Besserverdienenden zeichnete – eben nur Verdienende und nicht schon Besitzende – das war auch nicht schön, und nach diesem Ergebnis darf man andererseits auch sagen, dass der gütige Paternalismus mit abfallenden Brosamen besser als das Gerede des Neoliberalismus ankommt, mit dessen Leistungsfetischismus man hier noch nie viel anfangen konnte. Ich habe mich von denen noch nie vertreten gefühlt, das war mehr so die Partei der besitzlosen Uhrenbeilagenleser und Leasingporsches und 60m²-Altbaumieter und Focus-Money-Investoren. Die sind jetzt so weg wie die Schleckerbeschäftigten und ich erwarte, dass keiner von denen jetzt versucht, irgendwo auf Staatskosten in den Behörden unterzukriechen, sondern sich alle mannhaft dem freien Markt zur Verfügung stellen, gerne auch in Wanne-Eickel und Berlin, wo der nächste Winter zum Eishacken sicher bald kommt. Vorsichtig gesagt, Verluste sehen anders aus. Wie sie aussehen, das weiss ich offen gesagt gar nicht und wozu auch, am Ende jeder Wahl ist alles gut und alle tun, was gut für uns ist. Danke. Das ist wirklich sehr freundlich gewesen.

Trotzde fahre ich so bald wie möglich wieder nach Italien, wegen des Klimas, Sie verstehen.

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