Ea is hoid a Hund
Der Volksmund über Seehofer

Ich habe noch nie von der S. erzählt. Früher, ganz früher, vor meiner Geburt war es so, dass in Bayern die Klassengrenzen noch recht undurchlässig waren, viel restriktiver als heute, und sich ein gewisses Klientel nachgerade zwangsläufig kennenlernte. Und als ich die S. kennenlernte und ihren Nachnamen erwähnte, da konnte meine Mutter jede Menge Geschichten über ihre Familie erzählen, die der S. aus gutem Grunde so gar nicht bekannt waren. Denn ihr Vater hatte sich seit seiner Jugend etwas, sagen wir mal, verwandelt, war zur Partei gegangen, Veterinär geworden und obendrein wäre er vielleicht auch Dorfkönig geworden, wäre “sein” Dorf damals nicht in den Händen der Familie M. gewesen, die rot war und mit dem Recyclingunternehmen die grösste Firma und den roten Bürgermeister stellte. Der Vater der S. hatte sich das falsche Kaff für seine politischen Ambitionen herausgesucht.

18sep1

Aber wenn schon das Dorf nicht so will, dann sollte wenigstens die Tochter so wollen, und folgerichtig fand sie sich in der Jungen Union, bei der Freiwilligen Feuerwehr, im Spielmannszug und der katholischen Landjugend wieder – alles im Übrigen Organisationen, die ihr Vater als junger Mann nicht von innen kennengelernt hatte, im Gegensatz zum OP-Raum des Städtischen Krankenhauses, wenn er mal wieder mit seiner Sachs

Also was ich eigentlich sagen will ist, dass der Vater der S. in seiner Jugend mitnichten so reaktionär lebte, wie er das seinem Kinde nahelegte. Das kam erst mit der Partei und dem Zwang, seine Verbundenheit mit den lokalen Einflussbereichen zu demonstrieren. Ein Sohn wäre da noch besser gewesen, der hätte dann noch bei der Bundeswehr studieren können und andere Dorfburschen mit der Blutgrätsche beim Fusskopfnierenschienbeinball niedertreten, er hätte männlicher Ministrant werden können und vielleicht auch noch zu einer Laienverbindung gehen, wie es sie ja auch noch gibt, und wenn er dann zum lokalen Revanchistentreffen gegangen wäre, hätte er vielleicht auch noch die SS-Uniform bewundern können, die ein Gründer hin und wieder seinem eigenen Sohn zur Verfügung stellte. Aber es war halt nur eine Tochter, die S. nämlich, und irgendwann ist sie aus dem Zwangsdirndl und dem Spielmannszug herausgewachsen und hat sich ganz gut entwickelt, weit weg von Fragen nach dem Hormoneinsatz beim Rind, der Vertuschung von BSE und welches Grundstück man welchem Bauern abdrückt, bevor es Bauland wird.

SAMSUNG CSC

Diese Zwangsdirndlzeiten waren die goldenen Zeiten der CSU, das mussten manche halt manchmal tragen und wenn dann die reichlich gezwungenen Trachtenumzüge vor den Volksbesäufnissen vorbei waren, zogen sie sich wieder normal an. Heute ist das, wie man allgemein weiss, anders. Leute rennen in Pseudotracht zur Massenabfertigung und finden das sexy, obwohl ein Stadtbewohner von Format früher nie auf die Idee gekommen wäre, das zu tun. Ältere Politikherren mögen in Sachen Dirndl eine Art, ich vermute mal, perversen Fetisch haben, denn ich als amtlicher Vollbayer kann da nun wirklich nichts Aufreizendes finden. Mir fällt da nur immer die gequälte S. ein, und der Umstand, dass diese sog. Tracht eigentlich eine zwischenzeitlich fast völlig verschwundene Arbeitsbekleidung in einigen Regionen des bayerischen Oberlandes war, und im Rest des Landes in der Form nie existierte. Das Heutige ist mehr so etwas wie BDSMavarian Lack und Gummi, oder etwas wie die Selbststilisierung mancher Ebersberger als Starnberger, wenn sie auf der Maxilimianstrasse einen Hugo bestellen.

Es sind goldene Zeiten der Trachtengeschäfte, weil halt alles irgendwie geht. Hauptsache schnell, billig, populär muss es sein, es gibt Trachtentrends zur sog. Wiesn und Dinge in Rottach Elend Egern, die kann man sich gar nicht ausdenken so krank wie die sind. Es gibt in Kreuth ein Hotel, die extra starke Lenkstangen an ihren Leihrädern haben, damit der Mann in Lederhose darauf die Frau in Tracht, deren Rock vom Fahrtwind bewegt wird, herumradeln kann. Das Wort “beliebig” ist da vielleicht eines, das dem höflichen Zeitgenossen in den Kopf kommen könnte. A Krampf, sagt man dagegen hier in Bayern. Aber einer, der vielen Leuten zusagt. Am Narrischtsten sind da übrigens gar nicht die Hiesigen, sondern die Zugewanderten. Es geht in Bayern eigentlich nichts, was im Dirndl nicht geht, vom Hüten alter Ziegenöcke über die Hochzeit bis um Besuch bierberauschter Massenveranstaltungen.

18sep3

Die goldenen Zeiten der CSU dagegen sind vorbei, auch nach dem vergangenen Sonntag. Seehofer hat die Partei wie die Costa Concordia wieder etwas von ihren Jammerfelsen Beckstein und Huber aufgerichtet, aber es ist trotz absoluter Mehrheit noch immer das zweitschlechteste Landtagswahlergebnis der Partei seit 1966. Das ist überhaupt kein Vergleich mehr zu früheren Zeiten, als 50%+X noch als verpflichtend galten, wollte man sich im Intrigenstadel der CSU an der Spitze halten. Und dafür ist auch die CSU den weiten Weg der Popularisierung gegangen: Atomkraft weg und Ökoenergie her, Wehrpflicht weg und das fällt vielleicht nicht so auf, aber die Töne zugunsten der Sudetendeutschen, die sich auch “Vertriebene” nennen, sind sehr viel leiser geworden, Es gibt Frauen im Kabinett wie Frau Merk, an denen eisern festgehalten wird, und eine mögliche NachfolgerIN für Seehofer. Der Landrat in meiner Bergheimat wurde trotz Abschreibens in seiner Doktorarbeit zwar nicht rasiert, weil er wohl zu gut vernetzt war, aber der nächste hiesige Bundestagsabgeordnete hat einen ägyptischen Vater. Hardliner und allzu Gierige, früher das Kennzeichen der CSU, wurden gestutzt, und es hält sich das Gerücht, dass mancher Lokalfürst, wenn er dem Ansehen der CSU nicht so entsprach, wie Seehofer das gern sieht, auch ohne Sondersendung zum Nichtwiederantreten gebracht wurde. Generell wird hier geunkt, dass die Bayern lediglich die Koalition von Seehofer und Süddeutscher Zeitung wiedergewählt haben. Gewonnen hat Seehofer, verloren hat die alte CSU.

Für die wird das Lederhosenspektakel mit populären, aber wenig aussichtsreichen Betonungen der Eigenfreistaatlichkeit angereichert, wie etwa der rechtswidrigen Autobahnmaut für den gelben Tod den Holländer Nichtdeutsche, und Einkassieren des Länderfinanzausgleichs, den die alte CSU unter Stoiber sich selbst eingebrockt hat. Zivilisatorisch Aussenstehenden mag der Dirndlfetisch genauso beliebig, falsch und populistisch vorkommen wie diese an Volksgefälligkeiten orientierte Politik, die die CSU unter Seehofer freudig abnicken darf. Aber man muss festhalten: es funktioniert bei 47,7% der zur Wahl Gehenden. Und die, die sich anders entscheiden, würden vermutlich auch kaum wieder zurück in die Epoche unter Franz Josef Strauss wollen.

18sep2

Der Rest des Landes, der teilweise vor ein paar Tagen noch überlegte, ob man die Bayern nicht besser vor die nationale Tür setzt, wird bald genauso zynisch wieder das aus diesem Land herauspicken, was ihm in den Kram passt: Vorabendserien mit Tegernseekulisse, echte Schlägereien bei urigen Festen wie Gillamoos oder dem Barthelmarkt in Oberstimm, der heute schon unter manchen Berlinern als Attraktion gilt. Privatschulen mit bayerischem Niveau. Zeitschriften, die das Landleben und die richtige, ironische Verwendung von Geweihen aufzeigen. Ab und zu wird der Seehofer wieder jemanden sondersendend abschmutzeln, und dafür so respektiert werden wie der Sultan, wenn er ein paar unbeliebte Wesire erdrosseln liess. Demokratie ist an einem Tag alle paar Jahre, aber die Wiesn dauert länger, und in Dirndl und in der Lederhose steckt niemand gegen seinen eigenen Willen. Und das Landlustland Deutschland bekommt das Bayern, das es verdient.

Annunci