Es gibt nur einen Weg, das herauszufinden.
Dumme letzte Radfahrerworte

Angeblich markiert die Pestsäule im Tiroler Ort Ampass die Stelle, bis zu der im 16. Jahrhundert die Pest auf dem Weg von Hall nach Matrei vorgedrungen ist.

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Ich gehe davon aus, dass die Pest den – auf bayerisch gesagt hundsvareggdn – Anstieg im Ort gesehen und dann entschieden hat, dass sich die Mühe für die paar Tiroler Bauern dahinter nicht lohnt. Jedenfalls ist es mir auch so gegangen, als ich dann dieses Asphaltband hochgekrochen bin, auf dem man in die Gegenrichtung auch eine mordsgefährliche Skipiste anlegen könnte. Damit keine Langeweile aufkommt, hat man mir und der Pest auch noch die Rampen nach Lans und Aldans in den Weg geräumt, und weil das alles noch nicht reicht, kommen dann auch noch die Ellbögenstrecke und fiese Steigungen au der alten Brennerstrasse. Hin und wieder halte ich an, schaue liebevoll Abfahrtszeiten von Bussen nach Matrei an und sage mir, die Pest hatte recht, diesen Weg zu meiden. Gut, dass ich am Abend davor schon mein Mütchen an Ikeakunden gekühlt hatte.

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Entsprechend abgekämpft, aber dennoch aufgrund all des kamelartigen Trinkens nicht schlanker, erreiche ich dann in meiner Lycrapelle Sterzing. Weil wir auf den letzten 10 Kilometern von Gossensass auch noch mal links, mal rechts am Stau der urlaubenden Ruheständlern in grossen Wägen vorbei Gedanken über die Gerechtigkeit des Rentensystems nachhängen konnten, war es ein körperlich und geistig alles fordernder Tag. Ich möchte mir in meiner pestilenzartigen Erscheinung dann eher nicht begegnen. Deshalb entschuldigte ich mich gleich im ersten Satz an der Rezeption, man möchte mir bitte meine derangierte Erscheinung nachsehen. Und innerlich dankte ich meiner weisen Voraussicht, dass ich gleich mit einem Kaschmirpulli, einem seriösen Hemd und leichten, zweifarbigen Wildlederschuhen aus Verona wieder so aussehen würde, wie ich normalerweise wirke: Nicht gerade wie jemand, der in seiner üppig bemessenen Freizeit Lycra mit aufgedruckten Hamburgern und Pizzaschnitten tragen würde.

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Die Rezeptionistin war ein lustiger Vogel und so zwitscherten wir dann eine Weile herum, als ich geduscht und frisch gekleidet wieder wie ein Mensch aussah, und nicht wie etwas, für dessen Abwesenheit man Pestsäulen errichten und Wallfahrten veranstalten würde. Ich gab bereitwillig Auskunft über unseren weiteren Weg und schwor mir innerlich, dass ich am nächsten Tag ein nicht ganz so anstössiges Trikot, am besten schwarz und schlank machend, tragen würde, ich zeigte mich beeindruckt von den traumhaften Kurven des Jaufenpasses und lobte die überwältigende Schönheit des Ziels meiner Reise: Meran. Das Mädchen dagegen fand den wolkenfernen Bergübergang gar nicht anragend, sondern, wie vermutlich viele, die hier leben, als grobes und gefährliches Hindernis von Meran auf dem Weg nach Sterzing, und überhaupt wäre ihr Sterzing lieber, auch wenn sie selbst eigentlich in Meran lebte.

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Haben Sie vielleicht eine noch unverheiratete Schwester oder Cousine in meinem Alter, nach Möglichkeit mit Villenbesitz oder zu erwartendem Erbe in Obermais, Schenna, Algund oder an den Promenaden von Meran, fragte ich nicht, sondern erklärte, was mich an Meran so fasziniert. Aber ich gebe offen zu, dass mein Betragen immer von äusserstem Zuvorkommen ist, wenn ich jemanden aus Meran kennenlerne. Weil ich ja nicht heiraten will, aber wie es nun mal so ist: Würde hinter mir der Vater der Braut mit einem Gewehr stehen, würde ich nicht Nein sagen, sondern mich vorher umtun, ob die Knarre wirklich geladen ist, und mich erst dann in mein Schicksal fügen. Auf der anderen Seite ist es nun mal so, dass ich zwar ohnehin der höflichste Mensch von der Welt bin, aber es wäre gelogen, würde ich nicht zugeben, dass auf mich der zu erwartende Besitz einer dreistöckigen Zuckerbäckerliegenschaft in Meran ansprechender als, sagen wir mal, ein prekäres Mietverhältnis in Berlin-Hellersdorf oder Pöselsdorf am dreckigen Ausfluss Hamburgs wirken würde.

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Solche Eingeständnisse fallen übrigens angesichts des erwartenden Erschöpfungstodes am Jaufenpass sehr viel einfacher, und auf den Rampen zwischen Tornate 2 und 3 hatte ich auch viel Zeit zur Gewissenserforschung, wie weit diese innere, materialistische Haltung gegenüber Menschen gerechtfertigt ist. Schön wäre es, wenn ich sagen könnte: Nur bei gleicher charakterlicher Eignung werden Villenerbinnen in Meran bevorzugt. Weniger schön ist es unter moralischen Gesichtspunkten, dass ich vermutlich so einiges an sonstigen Nachteilen schlucken würde, wenn sich da 400 Quadratmeter Jugendstil in einem parkartigen Gelände auf der Habenseite entlang der Sonnenhänge über dem Eisacktal ausbreiteten. Als Ausrede könnte herhalten, dass ich nach dem Jaufenpass ohnehin so kaputt bin, dass etwas anderes als ein umsorgter Kuraufenthalt in Meran auch gar nicht möglich wäre. Zumindest bis ich dann, besser als erwartet, oben auf 2094 Meter bin. Ab diesem Punkt gibt es keine Ausreden mehr, nur noch Wahrheiten.

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Liebe zur Bausubstanz färbt auf Menschen ab und umgekehrt.Es müsste noch nicht mal eine schlechte Beziehung werden. Vermutlich ist es einfach so, dass ein angenehmes Umfeld mit Palmen und 14 Grad plus im Januar hilft, andere Probleme zu übersehen. Aus langjähriger Erfahrung im Freundeskreis weiss ich, dass Beziehungen oft in der kalten Jahreszeit zerbrechen, beginnend an Weihnachten bis zum frusterfüllten, eiskalten Februar, wenn man zu viel aufeinander sitzt und sich der Beziehungsprobleme voll bewusst wird. Draussen ist nichts, was man sich anschauen möchte und drinnen ist vieles, was einem drastisch vor Augen geführt wird. Das ist in Meran eindeutig anders, man kann immer noch auf die Winterpromenade gehen und über Leute lästern, oder auf botanischen Wegen spazieren oder den parkartigen Garten besorgen. Natürlich wird es auch in Meran sein wie überall, wer Probleme sehen will, wird sie auch finden, aber im sonnigen Turmzimmer über dem Tal ist Ablenkung nun mal leichter, als in der ratenbezahlten Wohnlandschaft, wenn gerade kein Fussballspiel läuft und der Pizzadienst schon da war.

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Umgekehrt verstehe ich natürlich auch das Mädchen: Der Altersdurchschnitt in Meran ist hoch, das Geschäft mit den Seniorenheimen läuft blendend, und es gibt einfach ein Alter, in dem all die friedliche Harmonie von Geld und Sonne etwas zu viel werden kann. Aber da wächst man auch wieder heraus, der Sportchirurg, der einen wie den kurz hinter dem Jaufenpass verunglückten Motorradfahrer zusammenflickt, wird einem fremd und neue Freunde findet man in Fettabsaugern und Faltenstraffern, so man nicht den Weg meines drastisch schrumpfenden Fleisches über Pässe gehen will. Es ist gut, die Welt zu sehen, bevor man sich dann – bei manchen not-, bei anderen überflussgedrungen – für einen, zwei oder drei Lebensmittelpunkte entscheidet. Dass man dabei auf Sicherheit setzt, nicht von den Seitenwinden des Lebens auf die Gegenfahrbahn gedrückt werden möchte, und wie beim Radfahren einen verlässlichen Partner gut brauchen kann, ist da nur natürlich. Auch wenn es vielleicht auf manchen wirkt, als würde man mehr nach Zweck und Vermögen gehen.Wenigstens, mag man sich trösten, ist so eine k.u.k. Villa kulturgeschichtlich sehr viel ansprechender als ein Acker, eine Kuhherde, Johanna die Wahnsinnige als 7-fache Vorfahrin oder was sonst immer in der menschlichen Geschichte für die Partnerwahl als wesentlich galt.

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Es täte keinem weh und nimmt keinem Berliner seinen ohnehin unbezahlbaren Wohnraum weg. Ich ziehe den Bauch ein und lasse die Muskeln rund tretend schwellen, als ich von Schenna kommend nach Meran hineinjage. Es geht bergab, ich bin schnell, es sieht schnittiger aus, als es ist, und winsle später am Abend mannhaft fast gar nicht, als ich einen Blick auf die Preise für Villen werfe. Die sind mindestens so hoch, wie ich meine eigene Ungebundenheit bewerten würde.

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