Bis hierher und nicht weiter kamen die schwedischen Reiten
Motto der Sachsenklemme

Da sitzen sie also in ihren kleinen Kammern, arbeiten hart für Kost und Logis, ohne Aussicht, jemals ihr Los abschütteln zu können, Die Lebenserwartung ist signifikant niedriger als bei den wirklich Reichen, es gibt eine Zweiklassenmedizin, und sollten sie einmal den Plänen der Reichen im Weg sein, werden sie verdrängt und müssen schauen, wo sie bleiben. In ihrer Freizeit jedoch schauen sie sich an, wie schön es sein könnte, wenn sie von der Armut des Lebens erlöst wären, welchen Luxus, welche Pracht man ihnen geben würde, und würden sie nur ein wenig nachdenken, dann käne ihnen vielleicht, dass man ihnen ein Trugbild vorgaukelt, um sie bei der Stange zu halten. Kurz, in Ihren Briefkästen, liebe Leser, ist schon wieder ein Ikeakatalog und ich bin auf der Reise nach Meran wohlbehalten und nur leicht ausser Atem in Sterzing angekommen.

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Unterwegs haben wir zweimal gehalten, um nicht vom Rad zu fallen und regungslos auf den Sanka zu warten uns barocke Innenräume anzuschauen, und ich nuss zugeben: Selbst mit den Raumerfahrungen des 20. Jahrhunderts sind die Kirche in Mühlbachl und das Gotteshaus der Deutschherren in Sterzing immer noch eindrucksvoll. Beide liegen an neuralgischen Stellen der Brennerroute, und schon früher bedeutete Fernhandel hohe Preisaufschläge, satte Gewinne und natürlich auch Zuwendungen für die Orte, die auf dem Weg lagen. Und hier nun ist das Erfreuliche, dass es nicht wie am Hamburger Hafen aussieht, sondern nach Kunst am Bau. Oben an den Decken nämlich ist das pralle Leben, man lächelt sich vor Palästen und schmucken Parkanlagen zu, alle sind gut gekleidet und ganz offensichtlich zufrieden – was man sicher auch wäre, würde man von einer kleinen Kammer mit 1,80 Meter hohe Decken dann in so eine Landschaft kommen. Und vielleicht auch noch etwas anderes als Hirsebrei und Kottbullar essen können.

Denn noterfüllt war diese Epoche und gar nicht schön, wenn man nicht zu den 1% Reichen gehörte. Aber dass diese Ziele unerreichbar war, hat die Menschen nicht angefochten; sie malten einfach den Prunk und die Intarsien, die sie nicht hatten, an ihre Möbel. Für Stuck war kein Geld da, also malten sie ihn an ihre Wände. Für behauene Quader hatten sie keine Mittel, aber schön wäre so etwas schon – also wurde deren Illusion an die Hausecken gemalt. Das sah gar nicht einmal schlecht aus, man holte für sich halt heraus, was man von den Träumen an der Decke haben konnte.

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Primitiv und naiv mag das Gepinsel heute erscheinen, und so ein bemaltes Möbel ist, das muss man ehrlich zugeben, nicht immer formschön in eine moderne Einrichtung zu integrieren. Das Schicksal teilt es sich mit Eiche Rustikal und Gelsenkirchner Barock und der Neorenaissance der frühen Fabrikmöbel, denn nichts ist so klar und weiss wie beschichtete Holzverarbeitungsmüllbretter, die frisch aus der Verpackung kommen. Und selbst, wenn da Kirschfurnierimitat sein sollte, oder gar echtes billigstes Nadelholz seine Oberfläche zeigt: Es passt einfach nicht. Wer will sich schon mit Wohlstandsillusionen belasten, deren unerfreulichen Kontext man von Oma kennt, wer möchte nicht lieber neue, glatte und pflegeleichte Ableitungen des modernen Wohngeschmacks haben, und die Hoffnung, dereinst auch so einen Küchenblock im Wohnzimmer stehen zu haben, um dann dort mit Meike, Max und Viola zu kochen und dann über die Karriere zu reden.

Der Mensch strebt nun einmal nach Erlösung, und da, wo früher die Kirche stilbildend war, ist es jetzt die jährlich wechselnde Mode der Möbelhäuser und ihre Rabatt- und Finanzierungsschlachten, die vermutlich nur Historiker ganz fatal an die Wettbewerbe zwischen barocken Wallfahtskirchen und Prunk und besondere Heilsgaben erinnern mögen. Wichtig waren und sind Grösse und Traumerfüllung, neu dazu kommen Parkplätz und Lieferservice, damit man sich nicht so schinden muss wie etwa der Radfahrer, der sich hier an der Pestsäule von Ampass vorbei zu diesen Sehenswürdigkeiten des Barock kämpft. Und bis dann der nächste Katalog mit den neuesten Moden kommt, fühlt man sich daheim wohl und ist zufrieden mit der Welt. Nur der Vermieter sollte dann keine Mieterhöhung schicken. Das war aber früher beim Pachtzins auch schon so.

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Fairerweise muss man sagen, dass die Vorspiegelung der barocken Lebensfreude kein allzu nachhaltiges Geschäftsmodell war, denn zu den Zeiten der Ausmalung galten solche Bildwerke den Aufklärern schon als abscheulicher Aberglaube, und ein gewisser Voltaire liess seinen Candide damals durch ein Europa ziehen, das für den normalen Menschen weitaus unerfreulicher war. 50 Jahre später wütete hier der Napoleonische Krieg, und damit endete dann auch die Epoche dieser lebensfrohen Decken der Opulenz und Verschwendung. Heute ist man näher am Menschen dran, und weil wir heute technisch weiter sind, können wir auch Ärmeren jeden Designtraum erfüllen. Das Material mag minderwertig sein, aber es ähnelt den besten Produkten. Der Landhausstil wird im Internet bestellt und in China zusammengeleimt, und auch fragwürdige Wohngegenden und sogar in Düsseldorf nennen sich seelenlose Asozialbauten Höfe, Quartier, und der meist weibliche Name davor erinnert an Adel, Herkunft und gehobenes Publikum.

Nur die alten Bauernschränke, die enden dann meist in anderen Ecken des Landes, wo man dergleichen auffälliges Marketingbenehmen gar nicht möchte. Amüsanterweise bekomme ich all die Prospekte auch nur in der kleinen und von Neuzuwanderern geprägten Stadt an der Donau, am Tegernsee dagegen – wo auch mein bemalter Bauernschrank steht – scheint man erkannt zu haben, dass das Publikum andere Interessen hat. Gut, auch die Heilsversprechen der Anteile an Altersruhesitzen und die Werbung für erstklassige Seniorenwohnanlagen mit allem Komfort mögen auch nicht weniger die Vorspiegelung einer Seelenrettung für Menschen sein, die vom Leben nicht mehr allzu viel Heil erwarten dürfen, und niemand würde hier behaupten, dass Vermögende weniger anfällig für Lug und Trug sind. Nur kann man im Zweifelsfall gegen Kapitalbetrüger klagen. Aber gegen die Enttäuschung, dass der ganze Plunder nach ein paar Jahren veraltet ist und für viel Geld ausgetauscht werden muss, hilft kein Protest: Das ist nun mal das System des Kapitalismus, da kommt man genauso wenig raus wie aus dem System, dessen schönste Ausformungen am der Kirchendecke zu finden sind.

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Und so wird man auch dereinst versuchen müssen, uns aus unserer Zeit heraus zu verstehen. Sonderlich schwer wird das nicht sein, denn die Mechanismen, nach denen wir zappeln, liegen in Excelsheets und Bilanzberichten offen, und diese kleine Mäkelei wird nichts sein gegen die Rechnungsstapel, die vom durchschlagenden Erfolg global agierender Firmen berichten. Man muss heute gar kein Jenseits mehr erfinden, um die Menschen ruhig und zufrieden sein zu lassen, und nachdem ich sicher auch zu den Profiteuren gehöre, liegt es mir fern, daran zu rütteln oder gar zu raten, etwas an den Umständen zu ändern. Man freut sich auf den Katalog. Man trägt das Geld gern hin, und ich kann mich über diese abartige Dummheit der Menschen und ihrer lehmaneske Verschwendungssucht aufregen wie ein Jochgeier abwenden und morgen den Jaufenpass bezwingen, wo es Gemsen gibt und Steine, aber kein querfinanziertes Essen für 2,99 und Gutscheine beim Kauf einer neuen Küche.

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